Belletristische Judaica

Grenz­gän­ge der Lite­ra­tur V – Aktu­el­le Lese­er­fah­run­gen mit Men­de­le Moi­cher Sfo­rim, Dani­lo Kiš und Olga Tok­ar­c­zuk. Von Felix Phil­ipp Ingold
Olga Tokarczuk © Lukasz Giza

Olga Tok­ar­c­zuk: Geschicht­li­che Tat­sa­chen mutie­ren zu viru­len­ten Meta­phern.
Foto: Łuka­sz Giza

„Den Klu­gen zum Gedächt­nis … den Lai­en zur erbau­li­chen Leh­re“

Olga Tok­ar­c­zuks Jakobs­bü­cher

Für ihr erzäh­le­ri­sches Gesamt­werk, aber doch wohl im Beson­dern für ihr jüngs­tes Opus magnum, Die Jakobs­bü­cher (2014, deutsch: 2019), ist die pol­ni­sche Autorin Olga Tok­ar­c­zuk im ver­gan­ge­nen Jahr – erin­nert man sich?! – mit dem Nobel­preis für Lite­ra­tur aus­ge­zeich­net wor­den. Bin­nen kür­zes­ter Zeit erschie­nen in der Fol­ge zahl­rei­che Bespre­chun­gen der Jakobs­bü­cher, die auf rund 1200 Druck­sei­ten die Per­sön­lich­keit, die pri­va­te und poli­ti­sche Umge­bung, die aus­ge­dehn­ten Rei­sen, die oft skan­da­lö­sen Auf­trit­te und die abson­der­li­chen Leh­ren des mul­ti­kon­fes­sio­nel­len Sek­ten­füh­rers Jakob Frank (Jaa­kow ben Jehu­da Leib, 1726–1791) ver­ge­gen­wär­ti­gen.

Die aus­ufern­de Unter­ti­tel­ei zu den Jakobs­bü­chern expo­niert nicht nur die räum­li­che und geis­ti­ge Reich­wei­te von Tok­ar­c­zuks Erzähl­werk, sie gibt auch Aus­kunft über die Art und Wei­se der Nie­der­schrift sowie über die Publi­kums­wir­kung, auf die der Text ange­legt ist: „Eine gro­ße Rei­se | über sie­ben Gren­zen | durch fünf Spra­chen | und drei gro­ße Reli­gio­nen | die klei­nen nicht mit­ge­rech­net || Eine Rei­se, erzählt von den Toten | und von der Autorin ergänzt | mit der Metho­de der Kon­jekt­ur | aus man­cher­lei Büchern geschöpft | und berei­chert durch die Ima­gi­na­ti­on | die größ­te natür­li­che Gabe des Men­schen || Den Klu­gen zum Gedächt­nis | den Lands­leu­ten zur Besin­nung / den Lai­en zur erbau­li­chen Leh­re | den Melan­cho­li­kern zur Zer­streu­ung.“

Das dama­li­ge Ver­schwin­den Polens von der euro­päi­schen Land­kar­te ist für das Land bis heu­te ein Mene­te­kel geblie­ben und beein­flusst wei­ter­hin sein poli­ti­sches Selbst­ver­ständ­nis zwi­schen West und Ost.

Die­se his­to­risch sti­li­sier­te Vor­re­de macht impli­zit klar, dass Olga Tok­ar­c­zuk Die Jakobs­bü­cher aus dem Geist und im Sinn des 18. Jahr­hun­derts zu ent­fal­ten gedenkt und dass die viel­fach ver­schlun­ge­ne, mit man­chen Exkur­sen und zeit­ge­schicht­li­chen Doku­men­ten ange­rei­cher­te Erzäh­lung eine Innen­an­sicht der Epo­che bie­ten sowie gleich­zei­tig zu kri­ti­schem (wenigs­tens zu besinn­li­chem) Nach­den­ken über sie anre­gen soll: Das dama­li­ge Ver­schwin­den Polens