Sechs Präsidentenlieder

Von Anto­nio Fian. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 68
Antonio Fian © Alexandra Pawloff

Anto­nio Fian. Foto: Alex­an­dra Pawl­off

 

1

Die Kin­der sit­zen rings im Krei­se
und sin­gen, lachen unge­niert.
Der Prä­si­dent befiehlt: „Seid lei­se!
Ich will, dass ihr euch kon­zen­triert,

denn wir bespre­chen jetzt die Lage.
Die Lage ist sehr kom­pli­ziert.
Drum passt gut auf, was ich euch sage,
damit ihr alles auch kapiert.

Die Lage näm­lich ist ganz anders,
als vie­le sagen, näm­lich so.
Und wär’ sie nicht so, dann, ja dann wär’s
schlimm für uns. Drum sei’n wir froh,

dass, schon als man uns in sie brach­te,
die Lage so war, wie sie war,
näm­lich anders, als man dach­te.
Ver­stan­den, Kin­der? Alles klar?“

2

Der Prä­si­dent liest gern Gedich­te.
Pro­sa mag er nicht so sehr.
Dann und wann zwar liest er Fich­te,
öfter aber Bau­de­lai­re.

Man sieht ihn blät­tern im Gedicht­band,
lächeln über man­chen Reim.
„Was ich lei­der dar­in nicht fand“,
seufzt er, „ist Der Krieg von Heym.

Grad nach dem wär’ mir gewe­sen
heu­te. Frag mich nicht, war­um.“
Sei­ne Gat­tin, auch beim Lesen,
zuckt nur mit den Ach­seln stumm.

Die Kin­der sind in ihren Zim­mern.
Drau­ßen bläst der Wind. Es schneit.
In der Fer­ne ist ein Wim­mern,
dünn, doch deut­lich: Ein Geläut’.

3

Der Prä­si­dent isst Blun­zen­ra­deln
und singt dabei ein Wie­ner­lied.
Er singt: „Ich hab die schö­nen Madeln
net erfun­den“. Flie­der blüht.

Die Kat­ze schläft und macht Geräu­sche
fast klingt’s, als ob sie Blut­durst hätt’.
Vom Kin­der­zim­mer her Gekrei­sche.
Die Lip­pe glänzt vom Blut­wurst­fett.

Der Prä­si­dent genießt’s, lacht hei­ter,
nimmt noch ein wenig Sau­er­kraut,
wischt sich den Mund und singt dann wei­ter,
(es stört ihn nicht, dass er noch kaut).

„Ich hab’ die ers­te Geig’n net machen las­sen“,
voll Inbrunst intoniert’s der Prä­si­dent,
bemüht, das Lied ganz neu zu fas­sen,
so dass er’s selbst nicht mehr erkennt.

4

Der Prä­si­dent, ein Glas Cham­pa­gner
in der Hand, steht im Foy­er
und spricht zur Gat­tin: „Onkel Wan­ja
find’ ich fürch­ter­lich!“ – „Oje“,

sagt sie, und er: „Bei Schil­ler,
Wil­helm Tell, da tut sich was!
Auch ist die Insze­nie­rung schril­ler.
Oder Shake­speare, Maß für Maß.

Hor­vath, ja, das ist Thea­ter!
Aber Tschechows Stü­cke… Ach,
in denen geht’s so end­los fad her!“
Spricht’s und schenkt Cham­pa­gner nach,

auch der Gat­tin, die kaum zuhört.
Sie hält ihr Glas hin: „Gib mir mehr.
Schwör’, dass man von dir kein Buh hört!
Ich lie­be näm­lich Tschechow sehr.“

5

Der Prä­si­dent war im Muse­um.
Nun spricht er über Male­rei.
Die Kin­der rüh­ren stumm im Tee um.
Die Gat­tin köpft ihr Früh­stücks­ei.

Der Prä­si­dent erzählt von Akten,
also Bil­dern nack­ter Fraun,
gegen­ständ­li­chen, abs­trak­ten,
auch von einem nack­ten Faun.

„Sicher eins der bes­ten Bil­der“,
sagt er, „nein, das bes­te Bild.
Die­ser Aus­druck!“ ruft er, „wil­der,
wirk­lich, wil­der noch als wild!“

Schon hört man knur­ren sei­nen Magen.
Er greift nach einer Schei­be Speck.
„Mehr“, sagt er, „ist nicht zu sagen.
Bacon ja. Der Rest ist Dreck.“

6

„Die Kin­der lesen kein Gedicht mehr“,
klagt der Prä­si­dent, „zu schwer,
behaup­ten sie und lesen nicht mehr
Shel­ley, Höl­der­lin, Bau­de­lai­re.

Was, Gat­tin, soll aus ihnen wer­den?
Die Kna­ben lesen Fan­ta­sy,
die Mäd­chen irgend­was mit Pfer­den
statt Lyrik, dabei könn­te die

im spä­tern Leben ihnen nüt­zen.
Sie ist so gro­ßer Weis­heit Quell!
Mit Pro­sa ist’s ja wie mit Wit­zen,
man ver­gisst selbst gute schnell.“

Die Gat­tin sagt: „Ach, lass sie lesen!
Ihr spät’res Leben ist noch fern.
Bist nicht auch du einst jung gewe­sen
Und lasest sogar Hes­se gern?“

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* * *

Anto­nio Fian, gebo­ren 1956 in Kla­gen­furt, lebt seit 1976 in Wien. Er ist Autor von Roma­nen, Erzäh­lun­gen, Essays, Gedich­ten und den Dra­mo­let­ten. Für sein Werk wur­de ihm 1990 der öster­rei­chi­sche Staats­preis für Kul­tur­pu­bli­zis­tik, außer­dem u. a. der Johann-Beer-Lite­ra­tur­preis (2009), der Hum­bert-Fink-Lite­ra­tur­preis (2014) und der Rein­hard-Priess­nitz-Preis (2018) ver­lie­hen. Mit sei­nem Roman Das Poly­kra­tes-Syn­drom (ver­filmt 2019) stand er auf der Long­list zum Deut­schen Buch­preis, zuletzt erschie­nen die Traum­ge­schich­ten Nach­rich­ten aus einem toten Hoch­haus (2020) und der 7. Dra­mo­let­te-Band Wurst­fra­gen (2022), alle im Dro­schl Ver­lag.

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„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 3. Juni 2022

Zuletzt geän­dert: 7. Juni 2022