An Sonntagen

Anna Wei­den­hol­zer blät­tert in der Bou­le­vard­pres­se.

Es ist nichts Außer­ge­wöhn­li­ches, sag­te die Groß­tan­te, als sie aus dem Fens­ter zeig­te. Wir saßen auf der Kücheneck­bank und dreh­ten uns um. Auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te sahen wir die Gen­dar­me­rie, rechts davon den gro­ßen Park­platz. Jetzt ist sie schon weg, sag­te die Groß­tan­te und zeig­te zu dem Stra­ßen­schild, wo wir an Sonn­ta­gen die Zei­tung hol­ten. Ihr seid zu lang­sam gewe­sen. Die Groß­tan­te nick­te und ließ Süß­stoff in ihren Kaf­fee fal­len, bevor sie wei­ter­sprach: Sie holt sie vor dem Früh­stück und bringt sie nach­her gleich zurück, als ob sie unge­le­sen wäre, wisst ihr, sie gibt gut acht. Sie, das war eine Nach­ba­rin mit krum­mem Rücken und geblüm­tem Kit­tel, das war die Zei­tung, in der stand, was sie schrie­ben. Wer sie waren, das war nicht immer klar, aber was sie schrie­ben, hat­te irgend­wo Gewicht. Ich erin­ne­re mich nicht dar­an, die Nach­ba­rin je beim Zei­tungs­ho­len gese­hen zu haben, aber dar­an, dass die Groß­tan­te damit ein­ver­stan­den war, nicht zu bezah­len, solan­ge die Zei­tung nach dem Lesen wie­der zurück­ge­bracht wur­de. Wir tru­gen sie nicht zurück, wir leg­ten sie zum Alt­pa­pier oder ver­heiz­ten sie im Ofen, wir zahl­ten dafür.

Man­che Geschich­ten samm­le ich der Titel wegen: „Odys­see einer her­ren­lo­sen Sau“, „Kärnt­ner erstickt an Schwei­nes­tel­ze“, „Afri­ka­ne­rin zer­sägt Ehe­mann“.

Als täg­lich Alles auf den Markt kam, lob­te die Groß­tan­te die Kreuz­wort­rät­sel und schimpf­te über die Brand­qua­li­tät des Papiers. Ich moch­te die bun­ten Bil­der, die Giraf­fe auf den Zei­tungs­stän­dern und das Geräusch von drei Schil­lin­gen, die nach­ein­an­der in die Box auf den Selbst­be­die­nungs­ta­schen fie­len. Dass man täg­lich Alles nicht wegen der Arti­kel, son­dern wegen der Kreuz­wort­rät­sel lesen soll­te, war schnell klar. Als Acht­jäh­ri­ge mit einer Vor­lie­be für Robin Hood moch­te ich aller­dings das Mot­to am Titel­blatt: „Kri­tisch gegen­über den Mäch­ti­gen, hilf­reich den Schwa­chen, den Tat­sa­chen ver­pflich­tet“. Ich erin­ne­re mich an zwei Schlag­zei­len, die spä­ter unter die­sem Satz abge­druckt waren: Dass Tho­mas Kle­stil AIDS habe, und dass Schwein­chen Babe zu einem Wie­ner­schnit­zel ver­ar­bei­tet wur­de.

Die Groß­tan­te starb vor acht­zehn Jah­ren, täg­lich Alles wur­de fünf Jah­re spä­ter ein­ge­stellt, das sonn­täg­li­che Lesen von Zei­tun­gen, die alles ande­re als Qua­li­täts­me­di­en sind, ist mir geblie­ben. Ich lache, ich ärge­re und schä­me mich, ich trin­ke jede Men­ge Kaf­fee, wäh­rend ich sie durch­blät­te­re, am liebs­ten den Chro­nik­teil. Man­che Geschich­ten samm­le ich, allein schon der Titel wegen: „Odys­see einer her­ren­lo­sen Sau“, „Kärnt­ner erstickt an Schwei­nes­tel­ze“, „Afri­ka­ne­rin zer­sägt Ehe­mann“, „Klo­pa­pier ver­ur­sach­te töd­li­chen Rad­sturz“, „Schwar­zer Kater schal­tet Herd ein – Woh­nung in Brand“.

Inter­view mit Kuh Her­mi­ne

Mei­ne neu­es­te Ent­de­ckung ist das Gut Aider­bichl Maga­zin, es liegt kos­ten­los in eini­gen Auto­bahn­rast­sta­tio­nen auf. In der Herbst­aus­ga­be wird die Kuh Her­mi­ne inter­viewt, die dem Schlacht­hof ent­flo­hen ist: Möch­test Du mit Dei­ner Ohren­mar­ken­num­mer oder mit Dei­nem Namen ange­spro­chen wer­den? Ich hei­ße Her­mi­ne und war die ein­zi­ge Zwei­jäh­ri­ge im Stall, die vom Bau­ern einen Namen bekom­men hat. Mei­ne Mut­ter heißt Hom­mel. (…) Du bist erst zwei Jah­re alt, war­um soll­test Du schon geschlach­tet wer­den? In mei­nem Alter fal­len die Wür­fel. Einen Stier habe ich nie gese­hen. Der Tier­arzt hat meh­re­re Male ver­sucht, mich künst­lich zu besa­men. Aber mein Kör­per hat nicht wunsch­ge­mäß reagiert. (…) Also war es dort nicht schön, wo Du gelebt hast? Der Hof war mei­ne Hei­mat, ich kann­te den Bau­ern und ich woll­te von dort nicht weg. (…) Woher hast Du die Kraft genom­men? Es ist die Angst gewe­sen. Alle haben mich ja nur wegen mei­nes Lebens gejagt. Eigent­lich woll­te nie­mand wis­sen, dass ich immer brav war in mei­nem gan­zen Leben und auch nie­mals aus­ge­schla­gen habe. Ich soll­te ster­ben und das woll­ten die Ver­fol­ger. Und jetzt, bist Du die zwei­te Yvonne? Die ken­ne ich lei­der nicht. Aber Isa­bel­la, mit der ich oft gemein­sam auf der Wei­de bin, die ist genau­so wie ich.

Drei Fotos sind auf der Sei­te abge­druckt. Auf dem größ­ten Bild, dem ein­zi­gen in Far­be, schaut Her­mi­ne mit schief geneig­tem Kopf in die Kame­ra. Links unten ist sie mit einem Schwein und zwei Käl­bern auf Gut Aider­bichl zu sehen, die drei gehen an einem Schild mit der Auf­schrift „Guts­füh­run­gen“ vor­bei. In der Mit­te der Sei­te blickt Her­mi­ne mit offe­nem Maul nach links. Wäre es an den Selbst­be­die­nungs­ta­schen in Wien erhält­lich, wür­de das Gut Aider­bichl Maga­zin mög­li­cher­wei­se öfter am Wochen­en­de in mei­ner Woh­nung lie­gen, viel­leicht auch, weil es mich an die täg­lich Alles-Lek­tü­re mei­ner Kind­heit erin­nert. So bleibt es bei Öster­reich und der Kro­nen Zei­tung. An Sonn­ta­gen lese ich Bou­le­vard­me­di­en und ver­su­che zu ver­ste­hen, war­um man­che Din­ge sind, wie sie sind.

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UNWÜRDIGE LEKTÜREN

Auf die Fra­ge nach den wich­tigs­ten Büchern wer­den immer wie­der die­sel­ben Titel genannt:

Der Mann ohne Eigen­schaf­ten, Auf der Suche nach der ver­lo­re­nen Zeit, Madame Bova­ry, die Ody­see, die Bibel … Im rea­len Lese­le­ben spie­len aber oft ganz ande­re Tex­te die Haupt- oder zumin­dest eine gewich­ti­ge Neben­rol­le, unwür­di­ge Lek­tü­ren, auf die man nicht gera­de stolz ist, derer man sich aber nicht ent­hal­ten kann. Vom Über­äs­the­ten Lud­wig Witt­gen­stein ist bekannt, dass er ame­ri­ka­ni­schen Schund­ro­ma­nen, der pulp fic­tion, ver­fal­len war, Franz Kaf­ka zähl­te zu den dis­kre­ten Abon­nen­ten einer ero­ti­schen Zeit­schrift.

VOLLTEXT hat Schrift­stel­ler und Bücher­ma­cher nach ihren „Unwür­di­gen Lek­tü­ren“ gefragt.

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Anna Wei­den­hol­zer, gebo­ren 1984 in Linz, lebt in Wien. Ihr Roman Der Win­ter tut den Fischen gut (Resi­denz, 2012) wur­de in der Kate­go­rie Bel­le­tris­tik für den Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2013 nomi­niert.

Quel­le: VOLLTEXT 1/2013

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Online seit: 11.8.2021

Zuletzt geän­dert: 11. Aug. 2021