Ein Walbus und ein Experte für Unterwasserschutz

Von Anna Wei­den­hol­zer.
„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil VII
Anna Weidenholzer © Otto Reiter

Anna Wei­den­hol­zer. Foto: Otto Rei­ter

Mit den Noti­zen wächst der Tag, und jeden Tag ver­su­che ich, ein Stück der Welt fest­zu­hal­ten, die mich umgibt. Man­che die­ser Gesprächs­fet­zen, Beob­ach­tun­gen, Wort­fun­de fügen sich spä­ter in Erzäh­lun­gen oder Roma­ne ein, man­che blei­ben für immer unter sich. Das fol­gen­de Notiz­se­di­ment han­delt vom Hier und Heu­te im Dezem­ber 2020, vom Ges­tern und Mor­gen und der Aus­sicht von mei­nem Berg aus Mate­ri­al.

Aus dem Radio spricht der Exper­te für Unter­was­ser­schutz, über mei­nem Schreib­tisch hängt das Bild aus Mee­res­tie­fen: Ein Wal trans­por­tiert eine fide­le Gesell­schaft, wohin ist unbe­kannt. Über sei­nen Rücken sind zwei Gur­te gespannt, an denen ein Unter­was­ser­boot befes­tigt ist, das einem Zug­ab­teil ähnelt. Schein­bar mühe­los schwimmt das Tier gegen die Strö­mung an, als trü­ge es kei­ne ton­nen­schwe­re Last. Die Fahr­gäs­te unter­hal­ten sich. Eine Frau blickt aus dem Fens­ter, ruhig wirkt das Drau­ßen, das an ihr vor­über­zieht.

Der Exper­te für Unter­was­ser­schutz berich­tet von aty­pi­schen Stran­dun­gen bei Schna­bel­wa­len und ande­ren Tie­ren, her­vor­ge­ru­fen durch mili­tä­ri­sche Manö­ver und Schall­im­pul­se bei der Suche nach Öl. Bei die­sen Schall­im­pul­sen reden wir von Laut­stär­ken, die für den Men­schen abso­lut unvor­stell­bar sind – ver­gli­chen mit dem Signal, das bei uns aus einem Meter Distanz zu Gehör­schmerz füh­ren wür­de, sind die­se Impul­se das Mil­li­ar­den­fa­che.

Die Frau blickt aus dem Fens­ter des Unter­was­ser­boo­tes, bei­de Hän­de erho­ben, als wäre sie neben­bei in ein Gespräch mit ihrem Gegen­über ver­tieft. En L’An 2000 schrieb der Zukunfts­zeich­ner über sein Bild die­ses Wal­bus­ses. Es ist Teil einer Serie an Post­kar­ten, die zwi­schen 1900 und 1910 ent­stan­den und sich alle mit der Welt in hun­dert Jah­ren beschäf­tig­ten. Zur Welt­aus­stel­lung in Paris erschien das ers­te Motiv, 86 wei­te­re Kar­ten soll­ten fol­gen. Die Figu­ren tra­gen die Klei­dung der Jahr­hun­dert­wen­de, sie leh­nen sich ent­spannt zur Video­te­le­fo­nie zurück, lau­schen einem Robo­ter­or­ches­ter oder sau­sen im Wal­bus von einem Ort zum nächs­ten. Leicht und schwe­re­los wirkt die Zukunft.

Ein Hörer ruft an, er erkun­digt sich beim Exper­ten für Unter­was­ser­schutz, ob es mög­lich wäre, dass es sich bei den Wal­stran­dun­gen um eine see­li­sche Panik hand­le, sie flüch­ten und möch­ten eigent­lich gar nicht mehr ins Was­ser hin­ein, ein ande­rer ver­mu­tet bewuss­ten Mas­sen­selbst­mord. Ich glau­be nicht an kol­lek­ti­ven Selbst­mord, sagt der Mee­res­for­scher.

Kann es sein, dass es eine evo­lu­tio­nä­re Fol­ge ist und die Wale wie­der ver­su­chen an Land zu gehen? Naja, der Aus­gang mit Todes­fol­ge ist kein guter Plan, inso­fern kann ich mir das nicht vor­stel­len. Ertau­ben Wale? Ja, dau­er­haft bedeu­tet das ihr Ende.

Wie laut war das Meer zwi­schen den Jah­ren 1900 und 1910? Ich sehe einen Del­fin, der freu­dig den Wal­bus umtanzt. Kon­zen­triert und auf­recht sitzt der Wal­bus­fah­rer am Steu­er. Viel­leicht hofft er, bald an Land zu kom­men, noch recht­zei­tig zum Abend­essen zu Hau­se zu sein, viel­leicht wünscht er, sei­ne Schicht möge heu­te län­ger dau­ern, viel­leicht hat er wie ich Her­man Mel­ville im Ohr: Now small fowls flew screa­ming over the yet yaw­ning gulf; a sul­len white surf beat against its steep sides; then all col­lap­sed, and the gre­at shroud of the sea rol­led on as it rol­led five thousand years ago.

Es spricht wie­der der Exper­te für Unter­was­ser­schutz, er spricht von Weiß­wa­len im Sankt-Lorenz-Strom, die als Gift­müll ent­sorgt wer­den müs­sen, wenn sie stran­den, von Abfäl­len und Che­mi­ka­li­en, die sich in den Tie­ren anrei­chern, von Schad­stof­fen, die sich erst nach hun­der­ten Jah­ren zer­set­zen. Wir dür­fen nicht ver­ges­sen: Das Meer ist kein para­die­si­scher Ort für Wale und Del­fi­ne mehr.

Fra­gen an den Wal­bus­fah­rer: Pfei­fen Sie wie ein Fia­ker? Hören Sie wäh­rend der Fahrt Radio? Ken­nen Sie den Namen des Wales, den Sie steu­ern? Wech­seln Sie Wale? Ver­mei­den Sie Mikro­plas­tik? Wie stel­len Sie sich das Meer im Jahr 2100 vor?

Zum Schluss eine posi­ti­ve Aus­sicht, unter­bricht die Mode­ra­ti­on. Der Exper­te für Unter­was­ser­schutz über­legt kurz, dann spricht er mit einem Fun­ken Begeis­te­rung: Es gibt in Schott­land einen ganz tol­len Punkt, dort kann man Del­fi­ne beob­ach­ten, wie sie Lach­se jagen.

Der Wal­bus­fah­rer lacht dar­über, als er im Hafen ein­trifft, er streckt sich und rich­tet sei­ne Uni­form. Die fide­le Gesell­schaft hat den Wal­bus bereits ver­las­sen, als der Exper­te für Unter­was­ser­schutz plötz­lich aus dem Nichts auf­taucht und die Gur­te kappt, wor­auf­hin der Wal im Meer ver­schwin­det. Die Frau, die zuvor aus dem Fens­ter blick­te, war­tet mit ihrem Schoß­hünd­chen auf ein Taxi und wird Zeu­gin des Wal­bus­fah­rer­zorns.
Mon Dieu, sagt sie und küsst den Hund auf die Stirn.

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Anna Wei­den­hol­zer, gebo­ren 1984 in Linz, lebt in Wien. Stu­di­um der Ver­glei­chen­den Lite­ra­tur­wis­sen­schaft in Wien und Wro­claw, Polen. Die Autorin wur­de viel­fach aus­ge­zeich­net, u.a. mit dem Rein­hard-Priess­nitz-Preis 2013 und dem Out­stan­ding Artist Award 2017. 2013 stand sie mit ihrem ers­ten Roman Der Win­ter tut den Fischen gut auf der Short­list für den Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se, 2016 mit dem Roman Wes­halb die Her­ren See­ster­ne tra­gen auf der Long­list für den Deut­schen Buch­preis. Im August 2019 erschien ihr drit­ter Roman Fin­de einem Schwan ein Boot.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 2. April 2021

Zuletzt geän­dert: 8. Apr. 2021