Gebrochenes Schweigen

Zum Werk von Anna Baar. Von Ste­fan Gmün­der
Anna Baar © Johannes Puch

Auf der Suche nach dem „ewi­gen Dort“: Anna Baar. Foto: Johan­nes Puch

„Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mut­ter, die Men­schen, die Wüs­te, die Ehre, das Elend, der Som­mer, das Meer.“ Die­se zehn Begrif­fe notier­te Albert Camus 1951 unter der Über­schrift „Ant­wort auf die Fra­ge nach mei­nen zehn bevor­zug­ten Wor­ten“ in sein Tage­buch. Ich weiß nicht, ob Anna Baar mit Camus, der die Kind­heit ein­mal als Leim bezeich­ne­te, der an der See­le haf­ten bleibt, etwas anfan­gen kann, ich weiß nicht, ob sie ihn als Autor schätzt, ich glau­be aber in ihrem Werk ein paar die­ser Wör­ter gehäuft zu fin­den – und eini­ges des­sen zu erken­nen, was ihr alge­ri­scher Kol­le­ge „das mit­tel­mee­ri­sche Den­ken“ nennt. Es ist ein Den­ken über die geo­gra­fi­schen und reli­giö­sen Bruch­li­ni­en hin­weg, ein Den­ken, das die Fül­le des Lebens fei­ert und zugleich um das Maß­hal­ten weiß, ein Den­ken, das den häss­li­chen Zweck­bau eines rei­nen Ratio­nalismus eben­so ablehnt wie die grell beleuch­te­ten Potem­kin­schen Dör­fer des Tota­li­ta­ris­mus und jeg­li­cher Ideo­lo­gie. „Ich glau­be an den Süden als ein­zi­ge Him­mels­rich­tung“, schreibt Anna Baar in einem Text mit dem Titel „Schwei­gen in Ver­gan­gen­heits­form“ in ihrem Pro­sa- und Essay­band Divân mit Schon­be­zug (Wall­stein, 2022). Sie spricht dar­in auch von jenen, die in ihrer Hei­mat­stadt Kla­gen­furt – und die­ses Phä­no­men gibt es in unter­schied­li­chen Aus­prä­gun­gen über­all – bei jeder Gele­gen­heit ein ewi­ges Ges­tern auf­le­ben las­sen mit viel Bier, Pomp, Fah­nen und Tra­ra.

Krei­sen um die Uto­pie

Die­sem ewi­gen Ges­tern stellt die 1973 in Zagreb gebo­re­ne Toch­ter einer aus Dal­ma­ti­en stam­men­den Mut­ter und eines öster­rei­chi­schen Vaters, die in Wien und Kla­gen­furt auf­wuchs, zur Schu­le ging und stu­dier­te, in einem ande­ren Text den Süden als „ewi­ges Dort“ ent­ge­gen. Das „ewi­ge Dort“, von dem Anna Baar spricht, ist kei­ne roman­ti­sche Meta­pher für das länd­lich Schö­ne und gleich­zei­tig Befrem­den­de der Kind­heits- und Jugend­som­mer, die sie bei ihren vom Zwei­ten Welt­krieg gezeich­ne­ten Groß­el­tern auf der Insel Brač ver­brach­te, oder jeden­falls nicht nur, es ist ein nach Halt suchen­des Krei­sen um die Uto­pie eines Ankom­mens, das es im Leben nicht gibt, das sich aber in der Kunst fin­den oder beschwö­ren lässt.

Anna Baar wird nicht auf­hö­ren, dem pri­va­ten und kol­lek­ti­ven Schre­cken Schön­heit ent­ge­gen­zu­stel­len, den Duft von Fei­gen, das Gefühl von Wind in den Haa­ren.

In einer Welt, in der für unse­re Augen und Ohren alles gleich­zei­tig geschieht, der Krieg im Osten, die Wah­len im Wes­ten, die Angst im Nor­den, das Elend im Süden und der Vil­la­cher Fasching, in einer Zeit, die zuneh­mend auf Aus­ein­an­der­set­zung fokus­siert und in der das Gesche­hen wie ein rei­ßen­der Fluss an uns vor­bei­jagt, kann man als Lese­rin, als Leser und auch als Kunst­se­nat gar nicht dank­bar genug für eine Schrift­stel­le­rin wie Anna Baar sein. War­um? Weil sie an ihrem unver­brüch­li­chen, radi­ka­len und zuwei­len wüten­den Glau­ben an die Macht der Wor­te fest­hal­ten wird. Weil sie nicht weg­schau­en oder weg­hö­ren wird und weil sie nicht damit auf­hö­ren wird, dem pri­va­ten, aber auch kol­lek­ti­ven Schre­cken eine unglaub­li­che Fül­le von Schön­heit ent­ge­gen­zu­stel­len, den Duft von Fei­gen, Man­deln, Gra­nat­ap­fel­blü­ten, das Gefühl von Wind in den Haa­ren und den Geschmack tür­ki­schen Honigs im Mund. Weil sie mutig ist – und eine Zweif­le­rin zugleich. Weil sie nicht ruhen wird, von unse­rer Zeit zu spre­chen und von jenem unsicht­ba­ren Seil der Spra­che, das die Ver­bin­dung zu den Toten und unse­rer Geschich­te hält und somit ein Band des Lebens ist. Weil sie nicht schwei­gen oder aus­wei­chen wird. Weil sie an Träu­me glaubt.

„Wie hab ich mich durch die Näch­te getra­gen mit dei­nem Krieg! Ich hab dein Leben nach­ge­stellt, es am eige­nen Leib erfah­ren.“

In Anna Baars zwei­tem Roman Als ob sie träu­mend gin­gen (Wall­stein Ver­lag, 2017) gibt es einen Jun­gen mit Hum­meln im Hin­tern, oder wie sie im Dorf sagen, mit einem Vogel im Kopf. Ort der Hand­lung ist Dal­ma­ti­en. Aus die­sem Jun­gen wird spä­ter ein Kriegs­held wer­den, ein Par­ti­san, der sich jenen mit dem „Toten­kopf auf Helm und Man­tel­kra­gen“ ent­ge­gen­stellt, spä­ter zur See fährt und am Ende, als die Kraft aus­geht, stumm ein von Krieg und Ver­lust gepräg­tes Leben lebt, ein Leben, in dem selbst die Träu­me aus Kriegs-​sze­nen bestehen. Jetzt liegt er auf einer Pfle­ge­sta­ti­on.

Das klingt ver­hee­rend und das wäre es auch, wür­de nicht Anna Baar die Geschich­te die­ses Man­nes erzäh­len, der sei­ne Erleb­nis­se auf Kas­set­ten sprach, die er kurz vor sei­nem Tod der Erzäh­le­rin des Buches in die Hand drückt: Mit einem Auf­trag: „Erzähl du mei­ne Geschich­te.“ Die­ser Mann heißt übri­gens Klee, es ist der Name, den ihm sei­ne Kriegs­ka­me­ra­den gaben, und es ist der Name jenes rea­len Malers Klee, des­sen berühm­te Zeich­nung Ange­lus Novus einen Engel zeigt, der sich mit erho­be­nen Hän­den und auf­ge­ris­se­nen Augen von etwas weg­zu­be­we­gen scheint, einer Kata­stro­phe wahr­schein­lich, die Trüm­mer auf Trüm­mer häuft, wie Wal­ter Ben­ja­min schrieb.

Atmo­sphä­ren

Der Engel möch­te blei­ben, die Toten wecken, das Zer­schla­ge­ne zusam­men­fü­gen, doch vom Para­dies her weht ein Wind, der den Engel mit den geöff­ne­ten Flü­geln unauf­halt­sam in eine Zukunft treibt, der er den Rücken kehrt, wäh­rend der Trüm­mer­hau­fen vor ihm in den Him­mel wächst. Er kann sei­nen Blick nicht abwen­den. Anna Baar schafft es, in die­sem gro­ßen Roman, in dem die Gren­zen zwi­schen Traum und Wirk­lich­keit ver­flie­ßen, den Blick die­ses Engels und auch den Fokus der Geschich­te Klees, der im Krieg alles, auch den Bru­der und die gro­ße Lie­be ver­lor, in eine ande­re Rich­tung zu len­ken. Näm­lich ins Offe­ne hin­aus, weg vom bro­deln­den Cha­os. „Nicht wer im Augen­schein die Wahr­heit sucht, ver­mag gerecht auf ein Leben zu schau­en, nur der Lie­ben­de und offe­nen Her­zens Stau­nen­de. Er wird auch die im Dun­keln sehen“ heißt es an einer Stel­le – und an einer ande­ren, an Klee gerich­tet: „Geh in die grö­ße­re Geschich­te! Die Fra­ge ist nicht ‚Wie hast du gekämpft‘. Sie lau­tet ‚Wie hast du geliebt‘.“ Das sind gewal­ti­ge, gro­ße Sät­ze.

Die Leich­tig­keit ihrer Pro­sa täuscht über deren Prä­zi­si­on hin­weg. Wort für Wort, Sekun­de um Sekun­de bekom­men in die­sen Sät­zen ihren Platz.

Gewal­tig? Groß? Ja, ich weiß, das klingt pathe­tisch, ist aber so gemeint, es sind, hof­fe ich, mehr als nur schö­ne Wor­te, lipe riči, wie die unver­wüst­li­che Groß­mutter, eine eben­falls vom Krieg gepräg­te Kom­ple­men­tär­fi­gur zu Klee in Anna Baars ers­tem Roman Die Far­be des Gra­nat­ap­fels (Wall­stein Ver­lag, 2015) immer wie­der sagt. Sie sagt es zu ihrer öster­rei­chisch-kroa­ti­schen Enke­lin und Erzäh­le­rin des Buches, die von ihr beschützt, bemut­tert, aber auch stän­dig belehrt als Kind und Jugend­li­che die Som­mer­fe­ri­en auf der Insel Brač ver­bringt, um spä­ter in Wien, Kla­gen­furt und anders­wo ihren Weg zu suchen und das Wei­ter­fürch­ten zu ler­nen, weil sie mit einer Angst zu kämp­fen hat, die nur bedingt ihre eige­ne ist: „Wie hab ich mich durch die Näch­te getra­gen mit dei­nem Krieg! Ich hab dein Leben nach­ge­stellt, es am eige­nen Leib erfah­ren, als hät­te sich dein Schick­sal in mir fort­ge­pflanzt, als säße mir dei­ne Angst in den Kno­chen, als nag­te dein Hun­ger an mir, als hiel­test du mich im Wür­ge­griff dei­ner Geschich­ten, der uner­zähl­ten auch, denn wo die Wor­te feh­len, türmt sich der Ver­dacht.“ Zu die­sem Ver­dacht kommt noch ein Zwei­fel an der Spra­che. Wäh­rend das Deut­sche, also die Haupt­spra­che der Erzäh­le­rin, für die kroa­ti­sche Groß­mutter die Spra­che der mor­den­den, Befeh­le bel­len­den Fein­de, der „Ibe­r­men­schen“ aus dem Nor­den bleibt, gilt das Kroa­ti­sche umge­kehrt jen­seits der Kara­wan­ken, wo die Erzäh­le­rin lebt, als Spra­che derer „da unten“, als Spra­che der Tschu­schen, Par­ti­sa­nen, Nichts­nut­ze.

Schwei­gen oder Spre­chen? Das ist eine Fra­ge, die Anna Baar in ihren ers­ten bei­den Roma­nen und vie­len ihrer Essays und Reden, ins­be­son­de­re über die Kärnt­ner Hei­mat­ge­schich­te, immer wie­der stellt. Wobei das Schwei­gen, wenn es um das wah­re Gesicht des Krie­ges geht, inter­na­tio­nal ist. Es herrscht auf der Sei­te der ver­meint­li­chen Sie­ger eben­so wie auf der Sei­te der Besieg­ten, und es herrscht auf der Sei­te der Täter, die man­ches nicht an-spre­chen eben­so wie auf­sei­ten der Opfer, die es nicht aus-zuspre­chen ver­mö­gen. Kann man als Schrift­stel­le­rin also spre­chen über das, was nicht gesagt wer­den kann? Kann man – und das gilt für ein wie immer gear­te­tes Ein­zel­schick­sal eben­so wie für kol­lek­ti­ve Erfah­run­gen – erzäh­len von einem Grau­en jen­seits der Spra­che, weil es kei­ne Wor­te gibt für das quä­len­de Ent­set­zen?

Nein, man kann Schwei­gen nicht bre­chen, schreibt Anna Baar in Divân mit Schon­be­zug, jeden­falls das kol­lek­ti­ve nicht, das eige­ne hin­ge­gen schon. Indem man dafür eine adäqua­te Spra­che und mehr noch als einen Inhalt eine Form sucht. Bei­des, Spra­che und Form, hat Anna Baar gefun­den. Und wie! Daher möch­te ich in der gebo­te­nen Kür­ze gern über die Schlag­wor­te Kom­po­si­ti­on, Rhyth­mus, Atmo­sphä­re, Dich­te und Leich­tig­keit spre­chen, die mir für die Bücher die­ser Autorin wich­tig schei­nen und ihre lite­ra­ri­sche Stim­me so unver­wech­sel­bar, kühn und bedeu­tend machen.

Anna Baars Pro­sa ist leicht, feder­leicht, doch das Schwe­ben­de ihrer Sät­ze täuscht über deren stu­pen­de Prä­zi­si­on hin­weg. Wort für Wort, Sekun­de um Sekun­de bekom­men in die­sen Sät­zen ihren Platz. Und es ist die­se detail­ver­ses­se­ne Genau­ig­keit, die eine der gro­ßen Stär­ken die­ser Autorin erst ermög­licht: das Schaf­fen von Atmo­sphä­re. Vie­le, auch Rezen­sen­ten, glau­ben, es hand­le sich bei die­ser soge­nann­ten Atmo­sphä­re um Bei­werk, etwas leicht Her­zu­stel­len­des, etwas Gemach­tes. Ich glau­be, das stimmt nicht, Atmo­sphä­re hat wenig mit Beschrei­bung, aber viel mit die­ser Dich­te und Kon­den­sie­rung zu tun, die, wenn sie vari­iert wird, auch das Tem­po des Tex­tes, sei­nen Rhyth­mus bestimmt – und sei­ne Musi­ka­li­tät.

In Inter­views hat Anna Baar dies­be­züg­lich auf eine Kom­po­si­ti­ons­schu­lung im Musik­gym­na­si­um und den Ein­fluss von Musik­poe­ten wie Bob Dylan, Leo­nard Cohen und Pat­ti Smith hin­ge­wie­sen. Und in der Tat glau­be ich, dass die­se Autorin ihre Tex­te kom­po­niert, und ich sage bewusst nicht kon­stru­iert. Kom­po­si­ti­on hat mit Intui­ti­on zu tun und mit Spiel, in Anna Baars Pro­sa ist es ein meis­ter­haf­tes Spiel mit Per­spek­ti­ven-Ver­schie­bun­gen und erzäh­le­ri­schen Kipp­ef­fek­ten, die das Ver­gan­ge­ne und Gegen­wär­ti­ge, das Ver­trau­te und Frem­de, das Fak­ti­sche und das Fik­tio­na­le in einem Wim­pern­schlag ver­schmel­zen las­sen.

Alles ist in ihren Büchern gleich und gleich­zei­tig, nah und fern, ver­traut und fremd, wahr und erfun­den. Das abbren­nen­de Haus vor lan­ger Zeit, vor dem ein Mann steht – und das abbren­nen­de Haus in der Gegen­wart, vor dem ein ande­rer, fik­ti­ver Mann in einem ande­ren Krieg steht, flie­ßen bei ihr in eins. Es gibt kei­ne Zeit in der Lite­ra­tur und kei­ne Wahr­heit in der Kunst, die Picas­so ein­mal als Lüge bezeich­ne­te, der eine tie­fe Wahr­heit inne­wohnt. Als im besetz­ten Paris ein deut­scher Besat­zer bei Picas­so auf­tauch­te und ihm eine Repro­duk­ti­on des Gemäl­des Guer­ni­ca vor die Nase hielt, das die Bom­bar­die­rung des gleich­na­mi­gen Dor­fes durch die Faschis­ten zeigt, und frag­te: „Haben Sie das gemacht?“, ant­wor­te­te Picas­so: „Nein Sie“.

Lebens­ret­ten­der Sprung

Las­sen Sie mich, um viel­leicht doch noch zu einem Ende zu fin­den, auf zwei Wor­te aus dem Werk Anna Baars ein­ge­hen: Asche und Nil. Seit ihrem ers­ten Roman schwebt immer wie­der Asche durch die Bücher und Essays die­ser Autorin, sel­ten stammt sie von Toten oder zer­stör­ten Häu­sern, fast immer aber von Ziga­ret­ten, selbst gerauch­ten, vor allem aber von den unzäh­li­gen von der lite­ra­ri­schen Groß­mutter gepaff­ten.

Die­se eph­eme­ren Gespins­te reden von Fein­stoff­lich­keit und von etwas, das war, ist und auch wenn man es kaum sieht, immer blei­ben wird. Asche ist es auch, die die Anfän­ge von Anna Baars Schrei­ben prägt. Zwan­zig Jah­re lang hat sie alle ihre Tex­te ver­brannt, weil sie ihr nicht gut genug waren und weil sie nichts fest­schrei­ben, das Flüch­ti­ge nicht ban­nen woll­te. Doch manch­mal ist das Flüch­ti­ge stär­ker als das Wol­len, manch­mal jagt das Schick­sal eine oder einen um den hal­ben Erd­ball, bevor die Bestim­mung gefun­den wird, und manch­mal dau­ert es ein hal­bes Leben, ehe man zur ers­ten Zei­le ansetzt, die man auch gedruckt sehen möch­te. Dass Anna Baar die­sen Sprung gewagt hat, ist unser Glück und ich hof­fe auch ihres.

Und Nil? Das ist der Titel von Anna Baars bis­lang letz­tem Roman, mit dem sie, glau­be ich, an der nächs­ten Eta­ge ihres Wer­kes zu bau­en begon­nen hat, einer Eta­ge, die sich einer auto­bio­gra­fi­schen Les­art ver­schließt. Vor­der­grün­dig han­delt der Roman von einer Geschich­ten­er­fin­de­rin, die vom Chef­re­dak­teur eines Frau­en­ma­ga­zins beauf­tragt wird, in der nächs­ten Aus­ga­be end­lich ihre Fort­set­zungs­sto­ry zu einem Ende zu brin­gen. Doch im Hin­ter­grund oder im Unter­grund des Buches rumo­ren weit wich­ti­ge­re Fra­gen als eine Redak­ti­ons-Dead­line. Es sind Fra­gen nach Wahr­heit, Rea­li­tät – und nach Schöp­fung. Kann Schrei­ben das Leben von ande­ren beein­flus­sen, oder das eige­ne gar? Kann das Ende eines Buches töd­lich und ein Sprung von der Klip­pe lebens­ret­tend sein? Liegt Böh­men am Meer und fließt der Nil tat­säch­lich durch Kla­gen­furt? Las­sen wir es offen. Ich möch­te, nach­dem ich in die­ser Rede vie­le Umwe­ge genom­men habe, mit Wor­ten der Autorin aus dem Roman Nil (Wall­stein Ver­lag, 2021) enden: „Der wah­re Dich­ter ver­mag jedes belang­lo­se Schick­sal ins gro­ße Gan­ze zu stel­len, Ort und Zeit zu durch­que­ren, als sei er leib­haf­tig zuge­gen. Du denkst nur dei­nen Teil, aber das Eigent­li­che will dir nicht in den Sinn, der Fluss, die Ber­ge Ruan­das, denen er mun­ter ent­springt, die Wüs­ten, die er durch­fließt, um als gewal­ti­ges Del­ta end­lich ins Meer zu mün­den. Viel­leicht gibt es gar kei­ne Dich­ter. So wie die Din­ge lie­gen, sind sie längst aus­ge­stor­ben, wie die Hader­lum­pen und stol­zen Rohr­post­be­am­ten, Fass­bin­der, Alles­schlu­cker. Oder weißt du noch einen, der dich mit blo­ßen Wor­ten in sein Inners­tes reißt?“ Ja, lie­be Anna Baar, ich ken­ne eine.

Der mit 30.000 Euro dotier­te Gro­ße Öster­rei­chi­sche Staats­preis ist die höchs­te, von der Repu­blik alter­nie­rend in den Spar­ten Archi­tek­tur, Lite­ra­tur, Bil­den­de Kunst und Musik ver­ge­be­ne Aus­zeich­nung. In der Lite­ra­tur ging der Preis u. a. bereits an Inge­borg Bach­mann, Peter Hand­ke, Ilse Aichin­ger und Frie­de­ri­ke May­rö­cker. Die Preis­trä­ge­rin­nen und Preis­trä­ger wer­den vom Kunst­se­nat aus­ge­wählt, der aus den frü­her Aus­ge­zeich­ne­ten besteht, die auf Lebens­zeit in den Senat gewählt sind. Bei die­sem Text han­delt es sich um die leicht adap­tier­te Fas­sung der am 25. Janu­ar gehal­te­nen Lau­da­tio.

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Ste­fan Gmün­der, gebo­ren 1966 in Solo­thurn, ist Redak­teur der Zeit­schrift VOLLTEXT und der Tages­zei­tung Der Stan­dard.

Quel­le: VOLLTEXT 1/2023

Online seit: 26. Janu­ar 2023

Online seit: 26. Janu­ar 2023

Zuletzt geän­dert: 1. Juli 2024