Andreas Maier: Neulich

Das Leben an der Stan­ge.

Neu­lich herrsch­te hier ein eigen­ar­ti­ger Zustand. Ich gehe ja gern in Knei­pen und auf Märk­te. In Frank­furt (ich woh­ne nicht mehr in Ham­burg) kann man das gut, und Leu­te wie ich haben da einen Wochen­rhyth­mus. Mon­tags etwa ist unser Mon­tags­stamm­tisch. Diens­tag bin ich meist min­des­tens in der Apfel­wein­hand­lung Jens Becker, mitt­wochs auch. Don­ners­tag ist Markt auf der Konsta­bler­wa­che. Frei­tags ist Schil­ler­markt. Sams­tags ist wie­der Markt auf der Konsta­bler­wa­che. Es kom­men eigent­lich immer die glei­chen Leu­te hin. Stets dazwi­schen ein­ge­streut: Buch­scheer, Mom­ber­ger, Wag­ner, Gemal­tes Haus, Kla­a­ne Sach­se­häu­ser etc. In letz­ter Zeit gehe ich auch gern zum Schorsch auf der Tex­t­or­stra­ße, eine Bier­wirt­schaft. Der besag­te Zustand ent­wi­ckel­te sich über etwa zwei Wochen. Als ich mich an einem Don­ners­tag auf der Konsta­bler­wa­che befand, war es knall­voll wie immer, nur stand dies­mal ein stadt­be­kann­tes Gesicht, das eben noch für zwei Wochen im Aus­land zum Après-Ski gewe­sen war, mit selt­sa­men rosa Plas­tik­hand­schu­hen deut­lich abseits von den ande­ren in einem toten Win­kel her­um. Es wur­de gere­det, gemun­kelt. Kei­ner woll­te an die­sem Abend nach Hau­se gehen, also tra­fen wir uns spä­ter noch am Kiosk am Mat­thi­as-Beltz-Platz. Dort war es auch knall­voll.

Idyl­len gesche­hen flan­kiert von Kata­stro­phen. Das wuss­te schon Kleist. In ande­ren Län­dern wären wir viel­leicht hin­ge­rich­tet wor­den.

Am nächs­ten Tag spür­te man nahe­zu greif­bar etwas in der Stadt. Eine Art Tor­schluss­pa­nik. Wir ver­sam­mel­ten uns am Markt auf dem Fried­ber­ger Platz. Voll war es nicht, aber es war ein schö­ner Abend, nur schau­ten wir uns alle per­ma­nent rat­los an und wur­den von den Pas­san­ten eben­falls selt­sam ange­starrt. Am nächs­ten Tag las ich etwas über Ver­rück­te in Frank­furt, die sich noch immer auf dem Fried­ber­ger Platz ver­sam­mel­ten. Mei­ne Frau sag­te zu mir: Zu die­sen Ver­rück­ten gehörst du.

Ich ging zur Apfel­wein­hand­lung Jens Becker, ich ging in die Buch­scheer, ich ging auf die Konsta­bler­wa­che, dort konn­test du plötz­lich nur noch Apfel­wein zum Mit­neh­men kau­fen. Leu­te, mit denen ich sprach, sag­ten: Die zie­hen das am Ende wirk­lich durch!

Dann kamen die ers­ten Ver­ord­nun­gen. Alle mei­ne Gast­stät­ten durf­ten nur noch bis 18 Uhr geöff­net haben. Die Buch­scheer, die in die­sen Tagen ein wich­ti­ger Ort wur­de, mach­te nun ganz fol­ge­rich­tig schon ab 12 auf, nicht erst wie üblich wochen­tags um 16 Uhr. Kaum jemand setz­te sich noch zu ande­ren an den Tisch. Ich nahm einen Kanis­ter mit und stell­te mich test­wei­se nach 18 Uhr damit an eine Stan­ge in der Nähe der Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le. Dort gibt es eine klei­ne, net­te Wie­se mit Blüm­chen dar­auf, und es steht dort eine Rei­he von Metall­stan­gen, etwas höher als hüft­hoch, in eini­gem Abstand. (Damals war das Wort Abstand noch ganz jung­fräu­lich, qua­si noch ein unspe­zi­fi­sches All­tags­wort, bei dem nie­mand sich etwas dach­te.)

Ich stell­te mein Apfel­wein­glas auf eine der Stan­gen und mich dane­ben. So stand ich dort, allein mit mir, trank noch ein biss­chen und fuhr dann nach Hau­se, um mit mei­ner Frau einen Küchen­plan für die nächs­ten Tage zu machen. Jeden Tag erschien ich am frü­hen Nach­mit­tag in der Buch­scheer und blieb bis zum Schluss. In der zwei­ten Wochen­hälf­te mach­te sich das­sel­be Gefühl wie eine Woche vor­her breit, nur dies­mal poten­ziert. Es wur­de gere­det, gemun­kelt, und am Don­ners­tag, Frei­tag kam plötz­lich ziem­lich gro­ßer Zulauf, das erneu­te Gefühl von Tor­schluss­pa­nik.

Mona­te leb­ten wir an der Stan­ge. Die Ver­bo­te wur­den dras­ti­scher, wir blie­ben an der Stan­ge. Die Zei­chen kamen ins Gesicht der Men­schen, wir waren an der Stan­ge.

Gerüch­te mach­ten die Run­de. Din­ge konn­ten gesche­hen. Wel­che? Über­all nun Mund-zu-Mund-Pro­pa­gan­da. Angeb­lich hät­ten „sie“ ange­ord­net, dass