Andreas Maier: Neulich

Digi­tal Detox im Hau­se Mai­er – „Die Brü­der Kara­ma­sow lesen sich erstaun­lich schnell, wenn man mal kein Inter­net hat.“

Neu­lich (Vor­sicht, es folgt die lang­wei­ligs­te Kolum­ne aller Zei­ten) ging mein Com­pu­ter kaputt. Er blieb zwei­ein­halb Wochen kaputt. Nie­mand mach­te mir Hoff­nun­gen, er könn­te noch ein­mal zu sich kom­men. Aber man wird ja nur betro­gen von den Pro­fes­sio­nel­len! Kei­ne Ersatz­tei­le mehr, hieß es, Modell zu alt, irrepa­ra­bel. Das Ein­zi­ge, was kaputt war, war ein klei­nes Kabel.

Zwei­ein­halb Wochen war bei mir also ein klei­nes Kabel kaputt. Es ging nachts um halb zwölf ent­zwei, gera­de hat­te ich noch eine E‑Mail geschrie­ben, da kam ein gro­ßes grau­es Fra­ge­zei­chen auf mei­nen ansons­ten völ­lig lee­ren Bild­schirm. Es blink­te. Ich ging lie­ber sofort schla­fen.

Mei­ne Frau kam irgend­wann zurück, und als ich neben ihr saß und las, frag­te sie: Was machst du denn da? Ich sag­te, ich schnei­de Sei­ten auf.

Am nächs­ten Mor­gen schlug ich den Com­pu­ter auf, es erschien ein grau­es, blin­ken­des Fra­ge­zei­chen.

Es erschien aber, meta­pho­risch gespro­chen, das noch viel grö­ße­re blin­ken­de Fra­ge­zei­chen in mir. Wäh­rend ich Kaf­fee koch­te, dach­te ich über mei­nen Zustand nach. Ich konn­te nun also kei­ne Mails mehr emp­fan­gen. Ich konn­te nicht nach Neu­ig­kei­ten über Ein­tracht Frank­furt schau­en. Ich konn­te mei­nen Ein­tracht-Blog (www.blog‑g.de) nicht mehr lesen. Ich konn­te kei­nen Per­len­tau­cher bekom­men, nicht ein­mal VOLLTEXT war mög­lich. Es gab kei­ne Nach­rich­ten. Es waren kei­ne Vide­os erreich­bar. Gab es schon Welt­krieg? Und wie wür­de das Wet­ter? Wo war über­haupt mei­ne Frau? Ging denn mein altes Nokia-Han­dy wenigs­tens noch? (Ich habe nur ein altes Nokia-Han­dy, das inzwi­schen etwa fünf­mal am Tag aus­fällt – es ist genau­so alt wie mein Com­pu­ter: acht Jah­re – mit acht Jah­ren ist man als Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Rechen­ma­schi­ne heut­zu­ta­ge so alt wie unter den Men­schen die Über-Hun­dert­jäh­ri­gen; man könn­te also Got­tes Lob sin­gen: so schlecht sind unse­re Kör­per nicht.)

Mein altes Nokia-Han­dy ging noch. Mein letz­ter Draht zur Welt.

Ich habe mit Inter­net und den moder­nen Medi­en nicht so viel zu tun. Kein Face­book und so wei­ter. Ich besit­ze ja auch, das habe ich nun schon geschätz­te drei­hun­dert­mal in die­sen Kolum­nen geschrie­ben, kei­nen Fern­se­her. Des­halb hat der Moment des Nach­den­kens beim Kaf­fee­ko­chen auch nicht so lang gedau­ert.

Ein Freund von mir leb­te ein­mal ein paar Jah­re in Russ­land und fuhr eines Tages über den Bai­kal­see. Es han­del­te sich um ein klei­nes Boot mit Außen­bord­mo­tor. Der Freund mit­samt dama­li­ger Frau (Rus­sin, aus Bla­gowest­schen­sk) nahm vorn im Boot Platz, dahin­ter steu­er­te der gemie­te­te Boots­be­sit­zer das Boot. Sie fuh­ren in den See, mei­len­weit, und sahen bald fast nur noch Was­ser. Russ­land ist weit, und sei­ne Seen sind es auch. Dann ging der Motor kaputt. Der Boots­be­sit­zer dreh­te sich eine Ziga­ret­te, öff­ne­te das Moto­ren­ge­häu­se (oder auch nicht, viel­leicht gab es keins), schraub­te am Motor her­um, zog das Start-Seil: Nichts pas­sier­te. Er wer­kel­te viel­leicht eine Vier­tel­stun­de, dann nahm er zwei Ruder und begann zu rudern. Mein Freund war damals schon lang genug in Russ­land, um die Situa­ti­on nicht für beängs­ti­gend, son­dern für ganz nor­mal und eben rus­sisch zu hal­ten: moto­ren­los auf dem rie­si­gen See, aber man hat ja Ruder.

(Mein rus­si­scher Mönchs­freund Ale­xej, des­sen Vater Lkw-Fah­rer war, sag­te: Wenn Du unter­wegs bist in Sibi­ri­en und du bleibst lie­gen, hast du etwa 48 Stun­den. Erst lässt du den Motor lau­fen, solan­ge du noch Ben­zin hast und dadurch die Hei­zung läuft. Dann beginnst du, falls mög­lich, die Ladung zu ver­feu­ern. Am Ende zün­dest du die Rei­fen an. Wenn bis dahin noch kei­ner an dir vor­bei­kam, wird es lang­sam eng.) (Natür­lich gab es damals noch kei­ne Han­dys.)

Nach zwei, drei Stun­den Rude­rei, wäh­rend deren das Land kei­nen Zen­ti­me­ter näher zu kom­men schien, kam zufäl­lig ein Boot auf sie zu. Nach kur­zer Dis­kus­si­on einig­te man sich dar­auf, dass mein Freund und sei­ne Frau auf das grö­ße­re Boot umstie­gen und der Boots­be­sit­zer in sei­nem Ding abge­schleppt wür­de. So fuhr das grö­ße­re Boot an, das Seil spann­te sich, und nach kur­zer Wei­le riss es, sodass der Mann im klei­nen Boot, offen­bar an all das völ­lig gewöhnt, zurück­blieb. Das Letz­te, was mein Freund von ihm sah, war, dass er die Ziga­ret­te, die er sich eben gedreht hat­te, ins Was­ser warf und wie­der nach den bei­den Rie­men griff.

Mir wur­de also, wie dem Mann im Boot, mei­ne Situa­ti­on inner­halb von Sekun­den völ­lig klar. Einen neu­en Com­pu­ter wür­de ich mir nicht am sel­ben Tag kau­fen. Den alten zur ver­meint­li­chen Repa­ra­tur zu brin­gen, hat­te ich auch kei­ne Lust. Ich habe nie Lust auf Com­pu­ter­lä­den (ich brach­te die Maschi­ne erst eine Woche spä­ter weg, um die Dia­gno­se irrepa­ra­bel zu bekom­men; ein Freund repa­rier­te sie dann noch ein­mal ein­ein­halb Wochen spä­ter inner­halb von drei Minu­ten).

So stand ich mit mei­ner Kaf­fee­tas­se her­um und hät­te mich für von aller Welt ver­las­sen und jed­we­der Mög­lich­keit beraubt sehen kön­nen, wie der Mann im Boot.

In Wahr­heit war ab da ein­fach alles wie­der so wie frü­her. Ich griff nach den Brü­dern Kara­ma­sow. Die hat­te ich zum letz­ten Mal 2004 gele­sen. Zu der Zeit hat­te ich noch kein Inter­net gehabt. Die Brü­der Kara­ma­sow lesen sich erstaun­lich schnell, wenn man mal kein Inter­net hat. Jetzt lese ich gera­de Fried­rich der Gro­ße in sei­nen Brie­fen und Zeug­nis­sen, ein Buch von 1912, das ich mir vor zwan­zig Jah­ren auf einem Wühl­tisch gekauft, aber nie gele­sen hat­te. Teils sind die Sei­ten noch nicht auf­ge­schnit­ten.

Mei­ne Frau kam irgend­wann zurück, und als ich neben ihr saß und las, frag­te sie: Was machst du denn da?

Ich sag­te, ich schnei­de Sei­ten auf.

Sie goo­gel­te wäh­rend­des­sen irgend­et­was.

Das Erstaun­lichs­te die­ser zwei­ein­halb Wochen: Alle hat­ten zwar effek­ti­ve Pro­ble­me, mit mir in Kom­mu­ni­ka­ti­on zu tre­ten, aber den­noch beglück­wünsch­ten mich alle.

Prak­ti­sche Anwei­sun­gen kann ich für mich aus die­ser lang­wei­ligs­ten aller denk­ba­ren Kolum­nen (Com­pu­ter-Detox, eh bloß ein Hips­ter-The­ma) nicht zie­hen, nur: Beim nächs­ten Mal wer­de ich den Com­pu­ter auch nicht sofort repa­rie­ren las­sen oder neu kau­fen. Das waren näm­lich wirk­lich echt schö­ne Tage. Und wenn ich dann noch das Han­dy ver­gaß, war das Gefühl von Frei­heit, Ent­schul­di­gung, schlicht und ein­fach wie frü­her.

* * *

Andre­as Mai­er, gebo­ren 1967, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Er ver­öf­fent­lich­te im Suhr­kamp Ver­lag unter ande­rem die Roma­ne Die Stra­ße (2013), Der Ort (2015), Der Kreis (2016), Die Uni­ver­si­tät (2018), Die Fami­lie (2019) und den Kolum­nen-Band Was wir waren (2018).

Quel­le: VOLLTEXT 2/2019 – 28. Juni 2019

Online seit: 23. August 2019

Online seit: 23. August 2019

Zuletzt geän­dert: 11. Dez. 2019