Andreas Maier: Neulich

Neu­lich dach­te ich an Klaus Schöff­ling.

Neu­lich dach­te ich an Klaus Schöff­ling. Ich den­ke immer an Klaus Schöff­ling, wenn ich alte Pres­se­fo­tos von mir sehe. Fotos, auf denen ich einen Bart hat­te. Der­zeit habe ich kei­nen, denn der­zeit haben alle um uns her­um Bär­te, gut geschnit­te­ne, hübsch gepfleg­te Bär­te. Was mich an die­sen gepfleg­ten Kurz­bär­ten beson­ders stört, ist die stets scharf gezo­ge­ne unte­re Schnitt­kan­te am Hals, ich kann gar nicht sagen, wie­so ich so all­er­gisch auf sie reagie­re. Urplötz­lich wuch­sen all die­se Bär­te um uns her­um aus dem Boden wie in Aste­rix Band 1, Aste­rix der Gal­li­er. Aber ver­glei­chen wir ein­mal den typi­schen Hip-Bart etwa mit dem Bart eines Wend­län­ders, wo sie seit Jahr­zehn­ten Bär­te tra­gen (und über­dies jon­glie­ren kön­nen). Der Wend­land­bart sieht aus wie eine alte Eiche. Da steckt Lebens­er­fah­rung drin, Wider­stand. Der stand jah­re­lang im rau­hen Wind, der kennt Feld­ar­beit, Schweiß und Hit­ze. Der hat sich nie im Spie­gel ange­blickt. Der weiß qua­si gar nicht um sich, der ist ein­fach nur da und war es, so scheint es, schon immer. Sein Ursprung ver­liert sich im Dun­kel der Geschich­te. Er ist so etwas wie das bart­ge­wor­de­ne Sub­strat eines gan­zen Men­schen­schlags und inso­fern in erhöh­tem Maße sym­bol­fä­hig. Wenn der Satz stimmt, dass man im Wend­land der Wahr­heit näher ist, dann hat die­se Wahr­heit vor­nehm­lich die Form eines Bar­tes. Eine bär­tig-jon­glie­ren­de Wahr­heit. Des­halb sagt man über all­ge­mein bekann­te Wahr­hei­ten ja auch, sie hät­ten einen Bart.Andreas Maier ZitatDer Hip-Bart dage­gen taucht urplötz­lich auf, pilz­ar­tig schlägt er sich in einem eben noch bübisch glat­ten Gesicht nie­der und wird auch sofort gestutzt und gehegt und gepflegt und beob­ach­tet und foto­tech­nisch doku­men­tiert wie das eige­ne Kind, zu dem man in etwa dem­sel­ben Ver­hält­nis wie zu die­sem Ver­suchs­bart steht. Der Bart als vor­über­ge­hen­de Wunsch­er­fül­lung, man hat ein klei­nes Spa­ti­um im Lebens­plan zwi­schen Aro­men­koch­kurs auf La Gome­ra und Gip­felski­sur­fen in Nepal und füllt es mit einem Bart. Der Bart wird umhät­schelt, ihm gilt die gan­ze Auf­merk­sam­keit, die Bril­le wird pas­send zu ihm aus­ge­sucht, die Klei­dung, man gewöhnt sich sogar eine bestimm­te Gang­art und Kör­per­hal­tung des Bar­tes wegen an, man stellt das gan­ze Leben auf die­sen Bart ab, aber natür­lich nur inte­rims­mä­ßig, denn er wird kei­nen Bestand haben, die nächs­te Mode kommt um die Ecke geschos­sen, und schon ist der Bart ab, so wie das Kind jetzt Rital­in bekommt, damit es end­lich Ruhe gibt.

Die­se Neu­bär­te haben auch über­haupt nichts Rus­si­sches, dabei war das Urbild des Bar­tes für mich immer rus­sisch. Ich habe mir damals expli­zit ver­sucht, einen rus­si­schen Bart ste­hen zu las­sen. Ein rus­si­scher Bart wird nicht geschnit­ten, nie­mals und an kei­ner Stel­le. Es gibt kei­ner­lei Schnitt­kan­ten. Mit der Zeit begann mein Bart zu stin­ken. Ich nahm das natür­lich gar nicht wahr, aber mei­ne Frau. Am Anfang fand sie es noch süß, wenn sie durch die Wand des Apfel­wein­gla­ses beob­ach­ten konn­te, wie mei­ne ers­ten, damals noch recht kur­zen Ober­lip­pen­bart­haa­re sich in die gol­de­ne Flüs­sig­keit senk­ten. Der Chef­lek­tor des Suhr­kamp Ver­lags, selbst aus frü­he­ren Zei­ten erfah­re­ner Bart­trä­ger, sag­te damals, bald wür­de ich nur noch mit Stroh­halm trin­ken kön­nen. Und tat­säch­lich hat­te ich nicht geahnt, wel­che Ansprü­che ein rus­si­scher Bart an einen stel­len und wel­che Schwie­rig­kei­ten er einem ent­ge­gen­brin­gen wür­de. Nach fünf Mona­ten konn­te ich mor­gens nur noch mei­nen Milch­kaf­fee trin­ken, indem ich ein gro­ßes Hand­tuch unter mir aus­brei­te­te, auf wel­ches der Milch­kaf­fee, der von mei­nem Ober­lip­pen­bart­teil rann, schad­los her­ab­trop­fen konn­te. Anschlie­ßend muss­te ich den Bart immer mit Sei­fe waschen und war erst dann wie­der halb­wegs gesell­schafts­fä­hig. Mein Mund war schon seit Wochen nicht mehr zu sehen, auch nicht beim Spre­chen. Mein Mund war nur noch eine Ver­mu­tung in mei­nem Gesicht. Mei­ne Frau wühl­te sich auch nur noch sehr sel­ten zu ihm durch. Es waren aller­dings nicht bloß die diver­sen Essens- und Flüs­sig­keits­res­te, die dem Bart Aro­men­viel­falt gaben, son­dern er roch nach ihren Anga­ben vor allem: drü­sig. Es muss eine Art von sub­ku­ta­nem Bart­schmalz geben, das fort­wäh­rend vom Kinn her rück­fet­tet bis weit in den Bart hin­ein.

Aber soweit ich mich auch müh­te mit mei­nem Tol­stoi-Dos­to­jew­skij-Sol­sche­ni­zyn-Bart und ihn wach­sen ließ – alle paar Wochen begeg­ne­te ich Klaus Schöff­ling in der Stadt, immer zufäl­lig, und es reich­te ein Blick aus sei­nen Augen, ein ganz lei­se süf­fi­san­ter him­mel­blau­er Blick, und ich war gede­mü­tigt. Klaus sah mei­nen Bart nicht ein­mal abschät­zig an. Damit hät­te er ihm schon zu viel Ehre erwie­sen. Als der jun­ge Mar­cel in der Recher­che zum ers­ten Mal jener Grup­pe jun­ger Mäd­chen in Bal­bec an der Mole begeg­net, cha­rak­te­ri­siert Proust die Mäd­chen fol­gen­der­ma­ßen: „Sie leg­ten allem gegen­über, was nicht zu ihrer Grup­pe gehör­te, kei­ne posier­te Ver­ach­tung an den Tag, son­dern ihre auf­rich­ti­ge genüg­te ihnen schon.“

Ein­mal sag­te Klaus: „Mich kriegst du nie“.

Das erin­ner­te mich unmit­tel­bar an mei­nen ver­stor­be­nen Che­mie­leh­rer Jung­blut (zeit sei­nes Lebens bart­los, ehe­ma­li­ger U‑Boot-Sol­dat, Holz­bein, dick). Eines Tages fuh­ren wir im Bus – Grund­kurs Che­mie – zur Hen­nin­ger Bräu Akti­en­ge­sell­schaft nach Frank­furt am Main, wo es damals noch einen Turm gab, der Hen­nin­ger-Turm hieß, den es jetzt nicht mehr gibt und für den, da er über ein Jahr manu­ell rück­ge­baut wur­de, jetzt der AFE-Uni­ver­si­täts­turm gleich­sam stell­ver­tre­tend gesprengt wur­de, obgleich das eigent­lich dem Hen­nin­ger-Turm gebührt hät­te. Wir mach­ten eine Braue­rei­füh­rung, unter ande­rem im Hen­nin­ger-Turm. Anschlie­ßend gin­gen wir in die Pro­bier­stu­be. Dort tran­ken wir Bier auf Kos­ten des Hau­ses und aßen Würs­te. Ein Schü­ler­le­ben. Wir tran­ken ziem­lich schnell, denn der Bus war­te­te. Irgend­wann such­te ich die Toi­let­ten auf, stell­te mich an die Piss­rin­ne, und plötz­lich erschien die­ser Jung­blut neben mir, schau­te abschät­zig und sag­te: „Na, Mai­er, selbst hier ziehst du noch den kür­ze­ren“.

Dar­an dach­te ich, als Klaus Schöff­ling zu mir sag­te: „Mich kriegst du nie.“

Mein Leben, mei­ne Demü­ti­gun­gen. Jung­blut ist schon lan­ge tot, Klaus Schöff­ling wird sech­zig, und bei mir ist der Bart ab. Und auch wenn es erst am 14. Mai ist: Klaus, herz­li­chen Glück­wunsch zum Geburts­tag! Was wäre Frank­furt ohne Dich? Du bist und bleibst der Bart unse­res Her­zens.

* * *

Andre­as Mai­er, gebo­ren 1967, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Frank­furt am Main.

Quel­le: VOLLTEXT 1/2014 (28. Febru­ar 2014)

Online seit: 29. Janu­ar 2018

Online seit: 29. Janu­ar 2018

Zuletzt geän­dert: 31. Jan. 2018