An diesem Tag

Von Andrea Wink­ler. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 65
Andrea Winkler © Reinhard Winkler

Andrea Wink­ler. Foto: Rein­hard Wink­ler

An die­sem einen Tag woll­te ich mich auf den Weg bege­ben wie jemand, der wei­ter nichts als das zu tun hat. Ja, auch einen Zet­tel mit mei­nen gehei­men Vor­bil­dern woll­te ich mir in die Hosen­ta­sche ste­cken, um die Namen all derer von Zeit zu Zeit aus­zu­ru­fen, die es ver­stan­den, sich mit­ten in Bedräng­nis und Ver­wir­rung jeman­dem anzu­ver­trau­en, der sich zwar als schweig­sam, nicht aber als gleich­gül­tig erwei­sen kann. Braucht es nicht Mut und die Bereit­schaft, Erfah­run­gen im Unbe­kann­ten zu sam­meln, um sinn­voll zwi­schen Schweig­sam­keit und Gleich­gül­tig­keit zu unter­schei­den?

Immer­hin hat­te mich über vie­le Jah­re hin­weg häu­fig das Gefühl inten­si­ven Ver­lusts von Ori­en­tie­rung heim­ge­sucht, ver­gleich­bar dem über­aus mühe­vol­len Schwim­men in einem vom Wind auf­ge­peitsch­ten Gewäs­ser, bei dem das Ufer ganz aus dem Blick­feld gerät. Mir war dann, als rie­fe etwas nach mir, zuerst sehr drän­gend, laut, eine Durch­mi­schung von Geräu­schen, die dann aber, je ent­schie­de­ner ich ihm nach­gab und mich den Wel­len über­ließ, ohne mich über Gebühr anzu­stren­gen, in Wim­mern, schließ­lich aber in lei­ses Säu­seln über­ging. Ich hat­te mich gefragt, wel­cher Art die Sache war, die sich hier zeig­te, und ob die Geschich­ten unbe­kann­ter Ahnen sich dar­in Gehör ver­schaff­ten. Ein­mal war ich nach sol­cher Nacht an mei­nem Schreib­tisch geses­sen, hat­te zum geschlos­se­nen Fens­ter hin­aus­ge­blickt und beob­ach­tet, wie die Kat­ze ein Eich­hörn­chen jag­te, das Eich­hörn­chen aber geschwind den kah­len Nuss­baum hin­auf klet­ter­te, um von dort oben die Kat­ze ihr Inter­es­se ver­lie­ren zu sehen. In die­sem Augen­blick war ein Buch aus dem Regal gefal­len, das ein­mal mei­nen Groß­el­tern gehört und das ich schon ganz ver­ges­sen hat­te; als ich mich dar­über beug­te, um es auf­zu­he­ben, fie­len ihre Erin­ne­rungs­bil­der her­aus und ein sehr altes getrock­ne­tes, vier­blätt­ri­ges Klee­blatt. Ich zwei­fel­te kei­ne Sekun­de dar­an, dass dies hier ein Gruß mei­ner Groß­mutter war – und stell­te die Bil­der auf und betrach­te­te das Klee­blatt ein­ge­hend, ehe ich es wie­der zurück zwi­schen genau jene Sei­ten schob, aus denen es mir in den Schoß gefal­len war.

Jetzt aber beschloss ich, sei­ne Kon­tur vor­sich­tig abzu­zeich­nen und das Bild den Namen jener zuzu­ge­sel­len, die mir an die­sem Tag als leuch­ten­des Bei­spiel vor­an­ge­hen soll­ten.

Ein bes­se­rer Tag als die­ser wür­de auch gar nicht kom­men kön­nen: Der Him­mel ver­lor sich in hel­lem, wei­tem Blau, und wenn sich eine Wol­ke bil­de­te, dann strahl­te sie die Leich­tig­keit eines durch­läs­si­gen, unbe­küm­mer­ten Lun­gen­flü­gels aus, der eben­so wie ich nichts wei­ter im Sinn hat­te, als sich der Far­ben­pracht und Viel­falt jener Gestal­ten zu erfreu­en, in die hin­ein er sich ver­schwen­de­te. Auf dem Feld­weg vor mir sam­mel­ten sich da und dort klei­ne Pfüt­zen, Res­te des Gewit­ters der letz­ten Nacht, eine Wohl­tat für die Böden, aus denen Mönchs­pfef­fer, wil­der Knob­lauch, Son­nen­hü­te und eine Viel­falt dich­tes­ter Schaf­gar­be sich auf­rich­te­te, wie um mich dar­an zu erin­nern, dass ich mir als sehr jun­ger Mensch bei einer Unzahl schwie­ri­ger Ereig­nis­se, per­sön­li­cher und unper­sön­li­cher, vor Augen geführt hat­te, was alles am nächs­ten Tag an Schö­nem, letzt­lich Unver­sehr­ba­rem noch da sein wür­de, ganz unab­hän­gig von der Ent­wick­lung eben die­ser Ereig­nis­se.

Ich hob, von metal­le­nem Klang in der Luft auf­ge­weckt, den Kopf und sah fünf Schwä­ne über mich hin­zie­hen, ver­mut­lich auf dem Rück­weg zum Fluss, den ich bereits hin­ter mir gelas­sen hat­te. Wür­den sie nicht, dort ange­kom­men, die Flü­gel sprei­zen, ehe sie sich geschmei­dig im Was­ser absetz­ten, um ohne jeg­li­chen Nach­druck auf ein von jeher geschenk­tes Ter­ri­to­ri­um zu ver­wei­sen, das nicht erst durch beson­de­re Vor­zü­ge erwor­ben wer­den muss?

Wie wun­der­bar war mein Weg! Kaum ein Haus säum­te ihn, und wenn doch eines auf­tauch­te, dann klet­ter­te der Efeu in den Figu­ren drei­er Tän­zer die Wand hin­auf, und Kat­zen schli­chen vor­bei, die sich satt davor in den Schat­ten leg­ten. Ein­mal stand mit­ten in einer Wie­se ein ver­ges­se­ner Lie­ge­stuhl aus Holz, bespannt mit gestreif­tem Tuch, durch das der Wind strich; ein Eichel­hä­her setz­te zum Sink­flug an, es schien, als wol­le er aus­ge­rech­net an einem Ort ras­ten, der ihm gewiss strei­tig gemacht wer­den wür­de.

Ich war sicher, dass es die Stil­le, durch die ich mich beweg­te, nicht bedrü­cken wür­de, wenn ich ihr einen Traum über­gab, der sich mir seit län­ge­rer Zeit immer wie­der ins Gedächt­nis schlich, ohne mir einen all­zu deut­li­chen Wink zu geben:

Ich befand mich dar­in in einer Hüt­te, die ein­sam auf einem ver­schnei­ten Berg lag; hin und wie­der kam ein Wan­de­rer vor­bei und frag­te mich, ob ich etwas zu essen hät­te, wenigs­tens einen Tel­ler Sup­pe. Erfreu­li­cher­wei­se leer­te sich der Sup­pen­topf kaum jemals, sodass ich nie­man­den abwei­sen muss­te, nur stör­te es mich, nicht zu wis­sen, wie lan­ge ich hier noch aus­har­ren und wor­auf mein Sein hier hin­aus­lau­fen soll­te: Ob ich von nun an kei­ne ande­re Auf­ga­be mehr zu erfül­len hät­te, als Wan­de­rern Sup­pe zu geben? Nie frag­te mich einer nach dem Weg oder wie es kam, dass ich hier oben, mit­ten im Schnee, Woh­nung genom­men hät­te, auch Rat ver­lang­te kei­ner, ein­zig Sup­pe wur­de gewünscht. Ein­mal, als ich dar­über in tie­fe Ver­wun­de­rung geriet, fand ich mich plötz­lich in einem wun­der­ba­ren Gar­ten wie­der, in dem wil­de Rosen, Glo­cken­blu­men, Mar­ge­ri­ten und Dost in rei­cher Fül­le sich hin und her wieg­ten; auch gab es da hohe, mäch­ti­ge Buchen, Bir­ken und Kas­ta­ni­en. Wenn ein Luft­zug sie beweg­te, klang es wie das Rie­seln von Was­ser. Mit­ten dar­in aber stand eine The­ke und eine Klei­der­stan­ge, auf der ver­schie­de­ne Stü­cke zur Aus­wahl hin­gen. Wäh­rend ich einen Man­tel pro­bie­ren woll­te, klin­gel­te mein Tele­fon, und wäh­rend ich in mei­ner Tasche nach ihm such­te, kam eine Frau auf mich zu, offen­bar die Eigen­tü­me­rin, die mich mit sanf­ten, aber bestimm­ten Augen ansah, und mir sag­te, sie glau­be, ich hät­te noch einen wei­ten Weg vor mir; hier, im Gar­ten, kön­ne ich nun nicht mehr län­ger blei­ben. Sie glau­be, ich müs­se durch etwas Gro­ßes hin­durch, und dies wür­de eini­ge Zeit in Anspruch neh­men, denn der­ar­ti­ge Schnee­men­gen schmöl­zen nicht an einem Tag. Wäh­rend sie mich zum Tor beglei­te­te, wickel­te sie mir noch einen Schal um den Hals und setz­te mir eine Pelz­müt­ze auf den Kopf; aber bedan­ken konn­te ich mich nicht, denn nun stand ich wie­der im Schnee­ge­stö­ber und muss­te dar­in den Weg zu mei­ner Hüt­te fin­den.

Kein Wun­der, dass ich ins Sin­nie­ren kam!

So muss­ten sich in der alten Geschich­te Adam und Eva gefühlt haben, als Gott sie aus dem Gar­ten Eden weg­schick­te, weil sie dem Rat der Schlan­ge gefolgt waren. Noch im Traum frag­te ich mich, welch fal­scher Annah­me ich auf­ge­ses­sen war, ohne es zu bemer­ken, und ob es ver­nünf­tig war, im Gar­ten nach dem Tele­fon zu grei­fen? Ich begriff, dass ich mit sol­chen Fra­gen auf gar kei­nen Fall zu einer frucht­ba­ren Erkennt­nis gelan­gen wür­de, und hielt es für rich­ti­ger, nicht zu vor­schnell eine Ant­wort zu erwar­ten. Mei­ne Ach­tung vor den bei­den Figu­ren aus der Geschich­te aber wuchs blitz­ar­tig: Hat­ten sie sich nicht ein Ja für eine über­aus schwie­ri­ge Aus­gangs­si­tua­ti­on abge­run­gen, waren sie ihren Weg nicht tat­säch­lich gegan­gen? Mein kur­zer Auf­ent­halt im Gar­ten muss­te jeden­falls trotz allem eine Art Nah­rung für mich gewe­sen sein, denn als ich im Traum zu mei­ner Hüt­te zurück­kehr­te, war die Sup­pe aus, und ich mach­te mir nicht das gerings­te dar­aus…

Zurück in die­sem Som­mer­tag hör­te ich zar­te Wind­bö­en in den Kro­nen der Eichen rau­schen; der Duft von fri­schem Heu lag in der Luft. Eine klei­ne Pen­si­on, die aus­sah, als hät­te sie hier jemand ver­ges­sen, stand am Ufer eines Sees, an dem kein Baden­der zu Gast war; aller­dings sah ich in dem leicht ver­wil­der­ten Gar­ten eine Frau Hor­ten­si­en zurecht­schnei­den.

Sie erzähl­te mir, dass hier in frü­he­ren Jah­ren reger Betrieb geherrscht habe; wie aber jeder wis­se, hät­ten sich die Ansprü­che der Men­schen dras­tisch ver­än­dert, und heu­te übe weder der See noch die Gegend irgend­wel­che beson­de­ren Rei­ze auf Rei­sen­de aus. Es gebe hier auch kaum noch Gas­tro­no­mie; sie sel­ber bewoh­ne das Haus auch längst nicht mehr, sie brin­ge es aber nicht übers Herz, es zu ver­kau­fen; hier her fah­ren kön­ne sie nur, wenn der Gesund­heits­zu­stand ihres Man­nes, den sie in ihrer Woh­nung in der Stadt pfle­ge, ihre Abwe­sen­heit erlau­be. Sie kos­te dann die Stil­le des Hau­ses sehr aus, und wun­de­re sich dar­über, dass sie gar nicht trau­rig wür­de, wenn sie von Gast­zim­mer zu Gast­zim­mer ging, um die Fens­ter zu öff­nen und Luft durch die Räu­me zie­hen zu las­sen. Ja, sol­che Tage wären ihr klei­nes Fest, es genü­ge ihr dann voll­kom­men, nichts wei­ter zu hören, als hin und wie­der das Nagen der Eich­hörn­chen oder den Flü­gel­schlag der Schwä­ne oder das Kna­cken einer Lei­tung im Haus. Frü­her sei sie sel­ber in den Win­ter­mo­na­ten in der Welt her­um gereist, habe sich gesät­tigt an der unge­heu­ren Leben­dig­keit der Groß­städ­te, jetzt bli­cke sie auf den einen und andern mit­ge­brach­ten Gegen­stand ganz ohne Weh­mut. Zwar sei sie sehr beun­ru­higt über den Lauf der Din­ge, über all die besorg­nis­er­re­gen­den Ent­wick­lun­gen, aber jetzt, wo sie sich der Begrenzt­heit ihrer Lebens­ta­ge bewuss­ter als frü­her wäre, las­se sie sich von der Fül­le nicht mehr über­wäl­ti­gen, son­dern fra­ge sich eher, wor­auf es noch ankom­me. Der gehäuf­te Besuch von Ver­ab­schie­dun­gen und Beer­di­gun­gen tra­ge sei­nen Teil zu sol­cher Fokus­sie­rung bei; und manch­mal den­ke sie, wenn sie jün­ge­ren Men­schen etwas zu sagen hät­te, dann das, dass man nicht früh genug damit anfan­gen kön­ne, das Augen­merk dar­auf zu rich­ten, Wesent­li­ches von Unwe­sent­li­chem zu unter­schei­den. Plötz­lich ent­schul­dig­te sie sich dafür, mir dies alles ein­fach so gesagt zu haben, und ver­ab­schie­de­te sich, als wür­de sie ein­zig rasches Davon­ge­hen vor dem Wei­ter­spre­chen bewah­ren. Ich wink­te ihr nach, erstaunt dar­über, wofür wir Men­schen uns ent­schul­di­gen.

Sogleich lag der See wie­der ganz still vor mir und lud mich ein, ein Bad zu neh­men. Das Was­ser war kalt, rein und dun­kel, denn ein gro­ßer Teil wur­de von einem bewal­de­ten Hügel beschat­tet, und beim Schwim­men durch­ström­te mich jenes sel­te­ne Glück, das einen sogar jubeln lässt. Und war es nicht wun­der­bar, sich für die Dau­er einer lei­sen Stun­de von nichts ande­rem umge­ben zu füh­len, als von einer Welt, in der ein Haus übrig bleibt für eine noch aus­ste­hen­de Gene­ra­ti­on an Gäs­ten…? Bei­na­he wäre ich nach mei­nem Bad im Schat­ten einer Eiche ein­ge­schla­fen, ich dös­te und sah im hal­ben Traum einen Weg vor mir, auf dem mir unbe­kann­te Men­schen in Grup­pen Lei­ter­wä­gen zogen, auf denen aller­hand Haus­rat ver­sam­melt war, und Klei­der und Spiel­zeug.

Ich hat­te noch zwei klei­ne, eben­falls halb ver­las­se­ne Orte zu durch­que­ren, und der Weg, der mich bis dahin erwar­te­te, führ­te durch den Wald, ent­lang eines Flus­ses, des­sen Lauf von gro­ßen, bemoos­ten Stei­nen durch­bro­chen und umge­lenkt wur­de. Vor mir her flat­ter­ten zwei Zitro­nen­fal­ter, so fröh­lich, dass mir mei­ne Bei­ne von ihrem Anblick leicht wur­den. Ein fei­er­li­ches Gefühl ergriff mich, wie es häu­fig geschah, wenn ich allein an einem Som­mer­tag durch einen kaum bekann­ten Wald spa­zier­te, beglei­tet nur von zeit­wei­li­gem Rascheln im Gebüsch, von Vögeln, deren Stim­men ich nicht aus­rei­chend dif­fe­ren­zie­ren konn­te, und dem Wind, des­sen Schwung sich damit begnüg­te, Äste und Zwei­ge über­aus zart zu bewe­gen. Ich wuss­te, dass ich an der Weg­ga­be­lung den lin­ken Pfad, der den Hügel hin­auf­führ­te, ein­zu­schla­gen hat­te; er war bei­na­he zuge­wach­sen, sodass ich mei­nen Schritt ver­lang­sam­te, um die Rin­gel­nat­tern nicht zu irri­tie­ren, die sich hier gern sonn­ten.

Auf dem schma­len, anstei­gen­den Pfad hol­ten mich Erin­ne­run­gen an längst ver­gan­ge­ne Ereig­nis­se ein, die in vie­len Schich­ten über­aus dun­kel leuch­te­ten; wie sehr sehn­te ich mich danach, sie ganz aus mei­ner Hand in eine ande­re zu geben, die bes­ser als ich wuss­te, wie sie zu ord­nen sei­en.
Vor eini­gen Jah­ren hat­te ich in einem Muse­um ein klei­nes Gemäl­de betrach­tet, auf dem zwei Gestal­ten eine anstei­gen­de Stra­ße hin­auf­gin­gen, und es schien dabei, als wäre der Him­mel über ihnen zugleich der Grund unter ihren Füßen, nur flie­ßen­der und sich in allen Far­ben spie­gelnd und bre­chend. Jetzt und hier und über mir war er immer noch unge­trübt, und bald wür­den sich die Zin­nen der alten Burg­rui­ne, die da hoch oben über Wald und Fluss blick­te, scharf gegen ihn abhe­ben.

Auch hier­her hat­te sich an die­sem Tag nie­mand ande­rer ver­irrt, sodass ich die alte Mau­er, von der aus die Gegend am bes­ten zu über­schau­en war, ganz für mich allein hat­te. Ich war müde und sah wie­der den tan­zen­den Schat­ten zu, die von den Ästen auf die übrig geblie­be­ne Wand gezeich­net wur­den. So lag ich, unbe­schäf­tigt, ein­ge­bet­tet in eine nur schein­bar abge­le­ge­ne Land­schaft, die ihre Üppig­keit so unge­schützt ver­schenk­te. Bald wür­de mein Weg den Wald ver­las­sen und ins freie Feld über­ge­hen, wo sich Scha­ren von Son­nen­blu­men aus­brei­te­ten, und Grä­ser mit trans­pa­ren­ten Spit­zen, die sich gewiss über jeden Zwei­fel an ihrer Berech­ti­gung, auf so selbst­ver­ständ­li­che Wei­se da zu sein, erho­ben. In der Fer­ne erhasch­te ich hin­ter einer Hecke aus Weiß­dorn ein paar Gestal­ten, die neben ihren Motor­rä­dern lager­ten. Als ich näher­kam, erkann­te ich, dass es Jugend­li­che waren, die Musik hör­ten, rauch­ten, wenig spra­chen und ihren Blick in die Fer­ne schwei­fen lie­ßen. Einen von ihnen hör­te ich sagen, dass er alles unter Kon­trol­le habe und gewiss nicht süch­tig wer­den wür­de, ein ande­rer mein­te, es sei wohl schwer, ein Leben lang von nichts und nie­man­dem abhän­gig zu sein, er sei nicht sicher, ob es nütz­lich wäre, das anzu­stre­ben. Ich grüß­te und frag­te sie, ob sie einen Weg abseits der Stra­ße ken­nen wür­den, der ins nächs­te Dorf füh­re. Sie erklär­ten mir, ich sol­le ein­fach den Feld­weg wei­ter­ge­hen und rechts abzwei­gen, bevor der wie­der in den Wald mün­de. Von hier daue­re es aber noch sehr lan­ge, sicher eine Stun­de; wenn ich hin­ge­gen ein­fach der Stra­ße fol­gen wür­de, wäre ich so gut wie gleich da. Ich bedank­te mich, froh dar­über, nicht all­zu lan­ge unter so wenig Schat­ten wei­ter zu gehen. Ich griff in mei­ne Hosen­ta­sche und erin­ner­te mich der Namen, die ich hier­her mit­ge­nom­men hat­te. Wie dank­bar war ich, dass ich an den Geschich­ten ihrer Trä­ger nicht vor­bei gekom­men war! Oder hat­ten sie mich von sich aus ein­ge­holt, in der Wei­se einer stil­len, aber über­aus wirk­sa­men Begeg­nung, bei der man ahnt, dass hier etwas geschieht, dem man sich nicht ent­zie­hen soll­te? Ich weiß es nicht; und was tut‘s am Ende zur Sache? Ich ging fröh­lich dem Dorf ent­ge­gen. Es bestand aus weni­gen Höfen, die sich links und rechts der Stra­ße anein­an­der grup­pier­ten, mit klei­nen Vor­gär­ten und manch schö­nen Toren, von denen eines rosa­rot gestri­chen war. Noch bevor ich mich der Haus­num­mer ver­si­cher­te, wuss­te ich, dass dies das Haus mei­ner Bekann­ten war, die mich vor lan­ger Zeit ein­ge­la­den hat­te, sie zu besu­chen.

Sie führ­te mich in den Gar­ten; wir saßen vor einer rie­si­gen Schau­kel und einem Meer an aller­lei hell strah­len­den Blu­men und tran­ken Was­ser. Sie erzähl­te mir, dass sie mitt­ler­wei­le sehr gern hier lebe, obwohl die Arbeit an die­sem Haus kein Ende neh­me, und hier weni­ge Men­schen leb­ten, zu denen sie enge­ren Kon­takt pfle­ge. Sie käme gut mit allen Nach­barn aus, schät­ze es auch, dass man ein­an­der auf der Stra­ße wahr­näh­me und eini­ge Wor­te wechs­le, aber dar­über hin­aus lebe sie hier sehr für sich; eine stö­ren­de Emp­fin­dung des Allein­seins stel­le sich aber kei­nes­wegs ein, zumal sie mit ihren in der Welt ver­streu­ten Freun­den über ver­schie­de­ne Kanä­le ver­bun­den sei. Mir, ant­wor­te­te ich, feh­le manch­mal der phy­si­sche Kon­takt zu Men­schen, denen ich mich nahe fühl­te, ich hät­te aller­dings oft fest­ge­stellt, dass die Zei­ten des Man­gels an Aus­tausch und Gespräch dazu führ­ten, dass der Blick nach Innen kla­rer wür­de und so man­cher Nebel, der da auf­zu­spü­ren war, sich auf­hell­te.

Mei­ne Bekann­te stand auf, um mir in ihrem Ate­lier eine Rei­he von Zeich­nun­gen zu zei­gen, an denen sie die letz­ten Mona­te gear­bei­tet hat­te… Ich sah zar­te Vögel auf Lei­tun­gen sit­zen oder schwe­re Gewich­te heben; ich sah viel wei­ten Raum um sie her­um, und kugel­ar­ti­ge For­men, an deren Rand sie ihre Füße setz­ten, und durch die hin­durch es wie Was­ser zu rie­seln schien.

Sie erzähl­te mir, sie habe Ange­hö­ri­ge ver­lo­ren, zu denen die Bezie­hung immer schwie­rig, aber sehn­suchts­voll gewe­sen wäre, und Freun­de, die es ver­moch­ten, sich in der letz­ten Zeit ihres Lebens in allen Hand­lun­gen auf das Not­wen­digs­te und Wich­tigs­te zu redu­zie­ren – so, als hät­ten sie, auf uner­war­te­te Wei­se, immer schon zwei gut ver­bun­de­ne Gewich­te in sich getra­gen, von denen eines immer hier und das ande­re immer anders­wo gewe­sen wäre, „drü­ben“, wie man so unbe­küm­mert sagt. Die Vögel wären dann wie von selbst in den Raum zwi­schen den Gewich­ten geflo­gen… Manch­mal fie­len ihr so vie­le Din­ge ein, die sie ihrem Vater, an des­sen Sei­te sie nicht auf­ge­wach­sen war, gern gesagt hät­te; ein­mal sei er hier in die­sem Gar­ten geses­sen und habe ihr erzählt, was er wann und wie in sei­nem Leben gemacht hät­te; sie sei beein­druckt gewe­sen, gleich­zei­tig sei ihr dabei ein­ge­fal­len, wie sehr sie ihn dann und wann gebraucht hät­te; einen Augen­blick lang sei sie nahe dar­an gewe­sen, ihn mit die­sem Ver­säum­nis zu kon­fron­tie­ren, im nächs­ten aber habe sie gedacht, „wer bin ich, dir jetzt Vor­wür­fe zu machen?“ Und so habe sie es dabei belas­sen. Ich ant­wor­te­te, dass ich drei Jah­re nach dem Tod mei­nes Vaters auf ein­mal das Bedürf­nis ver­spür­te, einen Weg zu gehen, von dem ich wuss­te, dass er ihn häu­fig gegan­gen war, allein. Ich hät­te mich ins Auto gesetzt und wäre an den Ort gefah­ren; die gan­ze Zeit über wäre ich auf dem Weg nie­man­dem begeg­net, sodass ich mir unge­hin­dert alles zuflüs­tern konn­te, von dem ich dach­te, dass mein Vater es mir jetzt und hier ger­ne sagen wür­de. Ich hat­te tat­säch­lich die gan­ze Zeit über das Gefühl, dass er an mei­ner Sei­te war.

Eine Wei­le war es ganz still; dann hol­ten wir die Sup­pe aus der Küche und setz­ten uns zurück in den Gar­ten. Der Him­mel wür­de an die­sem Tag bis in die Nacht hin­ein unge­trübt blei­ben, kein Grund also, sich ihrer Wär­me zu ent­zie­hen.

* * *

* * *

Andrea Wink­ler, geb. 1972 in Frei­stadt, lebt in Wien. Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik und Thea­ter­wis­sen­schaft. Zuletzt erschie­nen: König, Hof­narr und Volk. Ein­bil­dungs­ro­man (Zsol­nay 2013), „Ich weiß, wo ich bin.“ Betrach­tun­gen zur Lite­ra­tur (Kle­ver 2013), Die Frau auf mei­ner Schul­ter (Zsol­nay 2018). Meh­re­re Prei­se und Aus­zeich­nun­gen.

* * *

„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 13. Mai 2022

Zuletzt geän­dert: 14. Mai 2022