Die Hölle als Schoß der Welt

Lek­tü­re­no­ti­zen von Almut Tina Schmidt zu Sta­nis­law Lem, Wolf­gang Hil­des­hei­mer, Ale­jan­dro Zam­bra, Leo­no­ra Car­ri­ng­ton, Natha­lie Sar­rau­te, Flann O’Brien, Hei­mi­to von Dode­rer, Wal­ter Ser­ner, Fran­zis­ka zu Revent­low, Eugen Egner, Inger-Maria Mahl­ke, Inger Chris­ten­sen.

Sta­nisław Lem: Die voll­kom­me­ne Lee­re

„Aber lohnt es sich wirk­lich, mit der­ar­ti­gen Wit­zen Meis­ter­wer­ke abzu­tun?“ Von Abtun kann kei­ne Rede sein. Unter Sta­nisław Lems Kri­ti­ken ima­gi­nä­rer Bücher fin­det sich nur ein ein­zi­ger Ver­riss. Die über­am­bi­tio­nier­ten Kon­zep­te der vor­ge­stell­ten Wer­ke sind zwar kaum anders als par­odis­tisch zu ver­ste­hen; aber selbst dort, wo die Dar­stel­lung künst­le­ri­scher Kom­pro­miss­lo­sig­keit in Albern­heit abglei­tet – „Joa­chim Fer­sen­geld ist ein Deut­scher, er hat sei­ne ‚Peryca­lyp­sis‘ auf Hol­län­disch geschrie­ben (die­se Spra­che kennt er so gut wie gar nicht, was er in der Ein­lei­tung zugibt), und in Frank­reich her­aus­ge­bracht“ – domi­niert Respekt vor der ver­stö­ren­den Macht des Fik­tio­na­len, auch am Rand sprach­li­cher Ver­ständ­lich­keit und auch im Grenz­be­reich zum Phi­lo­so­phisch-Phy­si­ka­li­schen. Sei es in der Unend­lich­keit belie­bi­ger inter­tex­tu­el­ler Ver­weis­ket­ten, der „Idee des palim­pses­ti­schen Spiels, das der Kos­mos ist“, sei es inner­halb pri­va­ter Wahn­sys­te­me auf der Figu­ren­e­be­ne: „Für die­se Men­schen stimmt ganz ein­fach alles mit allem über­ein, es passt alles zu allem“ – für den Rezen­sen­ten ein beun­ru­hi­gen­der Befund. „Ver­lo­ge­ne Wahr­heit und nicht­au­then­ti­sche Authen­ti­zi­tät“, mal gezielt kon­stru­iert, mal aus per­sön­li­cher Not gebo­ren: dass das bei ihm Abwehr­in­stink­te gegen­über avant­gar­dis­ti­schen Ent­gren­zun­gen und „Hun­ger nach einem nahr­haf­ten Rea­lis­mus“ aus­lö­se, wie die ein­lei­ten­de Pseu­do­re­zen­si­on die­ser Samm­lung von Pseu­do­re­zen­sio­nen unter­stellt, mag ein­leuch­ten und greift den­noch selbst­ver­ständ­lich zu kurz: bei jedem noch so „gut geer­de­ten Rea­lis­mus“ kann es sich bloß um eine wei­te­re Fik­ti­on han­deln. Auch die Posi­ti­on des distan­zier­ten Kri­ti­kers bie­tet nur ver­meint­lich Halt: „Der Ver­fas­ser die­ser Wor­te kann eigent­lich auch nicht Hol­län­disch, ist aber durch den Titel, die eng­li­sche Ein­lei­tung und die weni­gen ver­ständ­li­chen Wör­ter im Text zu der Ansicht gekom­men, er eig­ne sich trotz­dem als Rezen­sent.“ Die Lust die­ses „Rezen­sen­ten“ am Meta- und Para­text spricht aus jedem ein­zel­nen sei­ner iro­ni­schen Ent­wür­fe. Und mögen eini­ge der par­odier­ten lite­ra­ri­schen Expe­ri­men­te inzwi­schen ange­staubt wir­ken; erschre­ckend vie­le Kom­men­ta­re und Pro­gno­sen, über die Digi­ta­li­sie­rung, über das ver­track­te Ver­hält­nis von Text und Welt, über „die Kul­tur als Feh­ler“ sind seit Beginn der Sieb­zi­ger­jah­re aktu­ell geblie­ben. „Unse­re macht­vol­le Zivi­li­sa­ti­on zielt auf die Erzeu­gung mög­lichst unhalt­ba­rer Pro­duk­te in mög­lichst halt­ba­rer Ver­pa­ckung.“ Und man­che nie ver­wirk­lich­ten Buch­pro­jek­te fin­den ihre Voll­endung in der Kri­tik.

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Wolf­gang Hil­des­hei­mer: Tyn­set

Einen fik­ti­ven Kunst­ver­hin­de­rer (Gott­lieb Theo­dor Pilz, 1789–1856, unter ande­rem ver­ant­wort­lich für das Ende der Dra­ma­ti­ker­kar­rie­re des spä­te­ren Turn­va­ters Fried­rich Lud­wig Jahn, betei­ligt am Ver­stum­men Gioa­chi­no Ros­si­nis) und einen tra­gisch ver­hin­der­ten, von sei­nen Eltern in eine Kon­zert­pia­nis­ten­lauf­bahn gezwun­ge­nen genia­len Ver­si­che­rungs­agen­ten fei­ert Wolf­gang Hil­des­hei­mer in den Lieb­lo­sen Legen­den. Im Ver­gleich zu die­sen frü­hen Gro­tes­ken sind sei­ne Roma­ne weni­ger gut geal­tert, was erklä­ren mag, wes­halb der Roman Tyn­set, in dem ein Ich-Erzäh­ler sich nachts quer durch die abend­län­di­sche Geschich­te und Kul­tur in Rich­tung Tod asso­zi­iert, es nicht unter die gän­gi­gen Pan­de­mie­lek­tü­ren geschafft hat. Dabei ent­wi­ckelt die als Fuge ange­leg­te kon­zen­trier­te Bin­nen­er­zäh­lung über einen Sol­da­ten, der 1522 die Pest in das gro­ße Gemein­schafts­bett eines eng­li­schen Wirts­hau­ses ein­schleppt, von wo aus die Infek­ti­on sich unsicht­bar („schien der Mond?“) wei­ter und wei­ter aus­brei­tet, durch ihre rhyth­mi­sche Gestal­tung einen uner­bitt­li­chen Sog.

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Inger Chris­ten­sen: Das gemal­te Zim­mer

In den Fres­ken der Came­ra degli Spo­si in Man­tua hat Andrea Man­te­gna die Her­zogs­fa­mi­lie und ihren Hof­staat ver­ewigt – ein gro­ßes Wort, doch die Art und Wei­se, wie Inger Chris­ten­sen in ihrer Erzäh­lung die por­trä­tier­ten Figu­ren zum Leben bringt, lässt kei­ne ande­re For­mu­lie­rung zu. Ganz im Sinn von Man­te­gnas per­spek­ti­vi­schen Expe­ri­men­ten kon­zen­triert sie sich auf Rand­ge­stal­ten: den Sekre­tär Mar­si­lio Andre­asi, die klein­wüch­si­ge Nana, bei Chris­ten­sen eine außer­ehe­li­che Toch­ter der Her­zo­gin. Über die­se Figur drän­gen irri­tie­ren­de Groß­fa­mi­li­en­grün­dungs­my­then in die Erzäh­lung – Inkar­na­tio­nen der lite­ra­ri­schen Obses­sio­nen von Nanas leib­li­chem Vater Enea Pic­co­lo­mi­ni, Erfolgs­au­tor ero­ti­scher Lyrik und Roma­ne, spä­ter Papst (Pius II.), und ent­wi­ckeln eine ver­häng­nis­vol­le Kraft. Doch auch die bleibt nicht unre­la­ti­viert. Am Ende dreht sich die Per­spek­ti­ve radi­kal: Nach­dem zunächst die Por­trä­tier­ten ins Leben getre­ten sind, steigt nun in einer umge­kehr­ten Bewe­gung der zehn­jäh­ri­ge Ber­nar­di­no, Sohn des Malers und selbst bereits Nach­wuchs­künst­ler, in die Fres­ken hin­ein – ent­zü­cken­der­wei­se in Form eines Auf­sat­zes über sei­ne Som­mer­fe­ri­en. In der Tie­fe der gemal­ten Land­schaf­ten begeg­nen dem Kind mytho­lo­gi­sche Figu­ren aus den Decken­fres­ken. Schließ­lich ist es nicht der Held Her­ku­les, son­dern der Musi­ker Orpheus, dem es gelingt, mit sei­ner Kunst den Tod zu über­win­den: Ber­nar­di­nos Schwes­ter erkennt in der Frau des Musi­kers ihre ver­stor­be­ne Mut­ter. „,Es ist Vater‘, sagt sie. ‚Er hat unse­re Mut­ter wie­der nach Hau­se gebracht.‘ ‚Ja‘, sag­te ich, ‚ich wuss­te, dass es sich machen lie­ße.‘“ Doch die­se Macht der Kunst ver­spricht nicht nur – als ein­zi­ge – Ret­tung, sie stellt die Wirk­lich­keit in Fra­ge: „,Ich lie­be Geschich­ten‘, sagt Gen­ti­lia. ‚Komm, wir wol­len zu unse­rer Mut­ter gehen und sie dazu brin­gen, dass sie uns alles dar­über erzählt, wie unser Vater sie mit sich zur Welt zurück­be­kom­men hat.‘ Wel­che Welt, den­ke ich. Aber ich sage es nicht.“

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Inger-Maria Mahl­ke: Wie ihr wollt

Klein­wüch­sig ist auch Mary Grey, Cou­si­ne von Eli­sa­beth I. und Bloo­dy Mary I. und somit ziem­lich weit oben in der Thron­fol­ge und doch ganz außen vor. Sie sagt sel­ten „ich“ und ist umso prä­sen­ter, mit ihren Gel­tungs­an­sprü­chen, ihrem Kampf um Teil­ha­be. Als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur bie­dert sie sich nicht an. Inger-Maria Mahl­kes sprach­li­cher Zugriff auf die Figur, auf die Zeit, lässt die Distanz nie ver­ges­sen. Fern jeder ahis­to­ri­schen Pseu­do­au­then­ti­zi­tät erzählt der Roman von den Mecha­nis­men der Macht in unüber­sicht­li­chen Kri­sen­zei­ten, ent­wirrt die Grund­zü­ge eines kom­ple­xen Herr­scher­groß­fa­mi­li­en­kon­flikts samt kon­fes­sio­nel­ler Wir­ren. Bei­läu­fig erhel­len prä­zi­se Details schwer fass­ba­re Lebens­be­din­gun­gen: die regel­mä­ßi­gen Gewalt­ex­zes­se, die extre­me Armut der Bevöl­ke­rung, der unbe­que­me All­tag auch der extrem Pri­vi­le­gier­ten, Pestalarm und Schwitz­fie­ber­ge­fahr – „,Die Umstän­de sind unglück­lich‘“, lau­tet der beschwich­ti­gen­de Euphe­mis­mus. Und alles fres­sen die Mot­ten, bevor sie besin­nungs­los zum Licht stür­zen, in ihr Ver­der­ben.

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Eugen Egner: Die wah­ren Zusam­men­hän­ge

„,Wahr­schein­lich wis­sen Sie von sei­ner Mot­ten­ob­ses­si­on‘, begann die jun­ge Frau.“ Mot­ten durch­flat­tern das Werk von Eugen Egner, im Erzähl­band Die wah­ren Zusam­men­hän­ge die­nen sie unter ande­rem als Roh­stoff für „Sakral­ob­jek­te“, es gibt eine „Mot­ten­zucht­sta­ti­on“. Und eine „Schalt­stel­le der Wirk­lich­keit“. Ein Stau­nen über die Wör­ter, eine Begeis­te­rung für die Unbe­hol­fen­heit von Phra­sen prägt Egners gro­tes­ke Erzäh­lun­gen, ein Stau­nen, das in Kom­po­si­ta wie „Mund­har­mo­ni­ka­vir­tuo­sen­ent­schä­di­gungs­stel­le“ mün­det und in Bekennt­nis­se wie: „Mit der Bewe­gung im Raum ste­he ich auf Kriegs­fuß […] und seit vori­gem Jahr habe ich gro­ße Schwie­rig­kei­ten mit Rei­hen­fol­gen.“ Und schon ist alles mög­lich, „infol­ge einer Defor­ma­ti­on der Natur­ge­set­ze“ – Egner ver­steht sich auf die anmu­tigs­ten Pseu­do­er­klä­run­gen. In phan­tas­tisch ver­grö­ßer­ten Woh­nun­gen ver­liert sich das Raum-Zeit-Kon­ti­nu­um, selt­sa­me Arbeits­auf­trä­ge und noch selt­sa­me­re For­schungs­un­ter­neh­mun­gen füh­ren ins Ver­der­ben, aller­dings droht Gefahr, sich auf dem Weg dort­hin zu ver­lau­fen. Fami­li­en­kon­stel­la­tio­nen erwei­tern sich durch Ver­stor­be­ne über das üblich Ver­stö­ren­de hin­aus. Gän­gi­ge Lebens­form ist die „Tarn­e­xis­tenz“. Poli­zis­ten ermit­teln, kom­bi­nie­ren und kapi­tu­lie­ren: „,Ja, völ­lig aus­ge­schlos­sen, ich weiß‘, gab Straub zu, „trotz­dem war es so.‘“ Und so steht da „ein manns­ho­her luft­dich­ter Glas­sturz, unter dem ich als toter Zwan­zig­jäh­ri­ger auf­be­wahrt wur­de (ich war in jun­gen Jah­ren bei einer unge­schickt durch­ge­führ­ten Musik­auf­nah­me ums Leben gekom­men). Obgleich dem erst­klas­sig kon­ser­vier­ten Leich­nam nichts Unheim­li­ches oder Absto­ßen­des eig­ne­te, wirk­te die Kon­fron­ta­ti­on mit ihm immer etwas irri­tie­rend auf mich, der ich inzwi­schen fast sieb­zig war“. In den Wor­ten liegt die gan­ze Unbe­re­chen­bar­keit der Welt. „Wie lan­ge mag es denn dau­ern, bis die Land­schaft von allein wie­der drei­di­men­sio­nal wird?“

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Fran­zis­ka zu Revent­low: Der Geld­kom­plex

Alle Pro­ble­me sind Geld­pro­ble­me – die nicht immer zuver­läs­si­ge Ich-Erzäh­le­rin von Fran­zis­ka zu Revent­lows kur­zem Roman steht zu die­ser Welt­an­schau­ung, auch wenn sie sie zuneh­mend als Belas­tung emp­fin­det: „[E]s gab einen Moment, wo ich anfing zu rech­nen, blind und inbrüns­tig zu rech­nen. Ich rech­ne­te beim Auf­wa­chen und beim Ein­schla­fen, rech­ne­te, wo ich ging und stand, rech­ne­te all die Sum­men, die ich brauch­te, in mei­nem frü­he­ren Leben gebraucht hät­te und spä­ter­hin brau­chen wür­de, zusam­men und wie­der aus­ein­an­der, kal­ku­lier­te alle vor­han­de­nen und nicht vor­han­de­nen Mög­lich­kei­ten und Unmög­lich­kei­ten in der Gegen­wart, Zukunft und Ver­gan­gen­heit. Mein gan­zes Leben zog wie­der an mir vor­über bis in die kleins­te peku­niä­re Ein­zel­heit, ich sah ein, dass ich nie­mals genug Geld gehabt hat­te und vor­aus­sicht­lich nie genug haben wür­de – […] und so ging es fort bis ins End­lo­se.“ Die Patho­lo­gi­sie­rung die­ses „Kom­ple­xes“ akzep­tiert sie schein­bar unbe­darft, auch weil ihr – man­gels Geld – Optio­nen jen­seits der Ner­ven­heil­an­stalt feh­len. Sämt­li­che Behand­lungs­ver­su­che schei­tern aller­dings und wer­den ver­drängt durch immer neue Anstren­gun­gen, doch noch irgend­wie an Geld zu kom­men. Auf ihre Umge­bung – im Wesent­li­chen ohne­hin glück­lo­se kolo­nia­le Aben­teu­rer und Erb­schlei­cher – wirkt das weni­ger abschre­ckend als anste­ckend. Die­ser Weg kann nur ins Casi­no füh­ren. Und zu einem Ban­ken­crash: Am Ende ist auch die Erzäh­le­rin end­lich Gläu­bi­ge­rin – sämt­li­che Sum­men haben den letz­ten Rest an Rea­li­tät ver­lo­ren.

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Wal­ter Ser­ner: Die Tige­rin

Tref­fen sich die Pro­sti­tu­ier­te Bichet­te und der Hoch­stap­ler Fec, Spe­zia­lis­ten für das Fal­sche im Fal­schen, und beschlie­ßen, es mit der wah­ren Lie­be zu ver­su­chen. Wie ernst sie das mei­nen, wis­sen sie selbst nicht – und sind bereit, das jeder­zeit gegen­ein­an­der zu ver­wen­den. Aus Lei­den­schaft wird ein lust­vol­ler Kampf um die Deu­tungs­ho­heit, der all­mäh­lich ent­gleist, bis der Hoch­stap­ler dran glau­ben muss. „Aber man einig­te sich auch dies­mal nicht. Nur in einem Punk­te herrsch­te Ein­mü­tig­keit: näm­lich dar­in, dass Fec eben doch nur ein Trot­tel gewe­sen wäre.“

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Hei­mi­to von Dode­rer: Die Strudl­hof­stie­ge

Hei­mi­to von Dode­rers Figu­ren haben Eigen­schaf­ten, aber genau so vie­le zu viel, dass es schon wie­der passt. Je kom­ple­xer die Figu­ren, des­to apo­dik­ti­scher der ers­te Ein­druck: „recht dumm“ sei der Leut­nant Mel­zer, „lächer­lich, unso­lid, wenig Ver­trau­en erwe­ckend“ der zwei­te Prot­ago­nist René Stan­ge­ler – das ist doch eine Aus­gangs­la­ge; meist folgt die ers­te Rela­ti­vie­rung bereits im Nach­satz. Wer wen wann wie wahr­nimmt, das ist inner­halb von Dode­rers dyna­misch ver­wi­ckel­tem Bezie­hungs­ge­flecht die gro­ße gehei­me Fra­ge; und was, aller Wahr­neh­mungs­in­ten­si­tät zum Trotz, über­se­hen wird. Der gesell­schaft­li­che Skan­dal beginnt in dem Moment, in dem öffent­lich wird, was ver­bor­gen blei­ben soll­te, egal, wie lächer­lich die Ange­le­gen­heit, ganz egal, wie unver­hält­nis­mä­ßig im Ver­gleich zu dem, was die übri­gen Betei­lig­ten selbst so alles trei­ben. Bei aller Prä­zi­si­on der Beschrei­bung: das Wesent­li­che bleibt unfass­bar. Die Namen sit­zen (Etel­ka Grau­er­mann, Ritt­meis­ter Eulen­feld e tut­ti quan­ti), aber es sind doch alles nur Abkür­zun­gen, nicht nur im Fall von Mary K. und dem klei­nen E.P. „Wir wis­sen Mel­zers Vor­na­men nicht. Nein, der Autor weiß den Vor­na­men sei­ner Figur nicht, er weiß ihn wirk­lich nicht“. „(Im Grun­de sind das lau­ter Gemein­hei­ten.)“

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Flann O’Brien: Der drit­te Poli­zist

Die Höl­le ist ein ande­rer, der viel­leicht halb schon ein Fahr­rad ist, doch kein Fahr­rad­dieb­stahl wird jemals rest­los auf­ge­klärt, auch kein Mord, oder ist man selbst viel­leicht schon ein Poli­zist? Wir blei­ben dran.

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Natha­lie Sar­rau­te: Sagen die Dumm­köp­fe

Die Höl­le sind die ande­ren. Ver­un­si­chert, ver­letz­lich und bedürf­tig sind sie alle unter Natha­lie Sar­rau­tes Ver­grö­ße­rungs­glas, so viel ist zu erken­nen im Gewirr der Ein­zel­hei­ten, der Phra­sen und Befind­lich­keits­er­klä­run­gen. Zuge­hö­rig­keit ist alles, Abgren­zung hat Metho­de, als ritua­li­sier­tes Auf- und Abwer­tungs­spiel. „Plötz­lich Wör­ter, eine Stro­phe, eine ein­zi­ge, sie schwebt, sie ent­fal­tet sich“, schon scheint alles ver­scho­ben: Vor­wür­fe gegen einen der pro­fi­lier­tes­ten Wort­füh­rer sind auf­ge­taucht, Hin­wei­se auf Denun­zia­ti­on in einer ver­leug­ne­ten Ver­gan­gen­heit, und wecken Sehn­sucht nach radi­ka­ler Distan­zie­rung: „[I]ch bin hoch­ge­zo­gen, empor­ge­hievt wor­den, wir schwe­ben, wie im Hub­schrau­ber, im Flug­zeug, und dort unten kann auch ich die Form sehen, die sich sehr scharf abzeich­net … Ja, je höher wir empor­stei­gen, umso […] deut­li­cher wer­den sei­ne Umris­se. Es ist jemand, der ganz ange­passt aus­sieht. Ein Schlapp­schwanz“. Ein Wech­sel in ein ande­res intel­lek­tu­el­les Lager wird erwo­gen: „Es sind Kenn­wör­ter, die Zugang erlau­ben … Wör­ter, die mir nur ins Ohr geflüs­tert zu wer­den brau­chen, damit ich glück­se­lig nach dort hin­über­wechs­le, woher sie kom­men, wo sie sind, im ewi­gen Frie­den, im ‚wah­ren Licht‘.“ Doch schon set­zen die Beschwich­ti­gun­gen ein, die Dis­kurs­rei­hen schlie­ßen sich wie­der, und man steckt drin.

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Leo­no­ra Car­ri­ng­ton: Das Hör­rohr

„Car­mel­la ist nicht eigent­lich bos­haft, sie hat nur einen etwas aus­ge­fal­le­nen Sinn für Humor.“ Car­mel­la schenkt der 92-jäh­ri­gen Ich-Erzäh­le­rin das Hör­rohr, das ihr zu rea­lis­ti­sche­ren Kennt­nis­sen dar­über ver­hilft, wie ihre Fami­lie über sie denkt. Wei­te­re Wahr­neh­mungs­schocks fol­gen, als sie in ein unge­wöhn­li­ches Alters­heim abge­scho­ben wird: Tei­le ihres Mobi­li­ars sind an die Wän­de gemalt, von der Wirk­lich­keit kaum zu unter­schei­den. Die Erfah­run­gen und Erin­ne­run­gen und höhe­ren Erkennt­nis­se der übri­gen Heim­be­woh­ne­rin­nen wir­ken auf die Erzäh­le­rin zunächst wie Wahn­vor­stel­lun­gen. Aber sie ist bereit sich anzu­pas­sen, fin­det Freund­schaft und Trost: „Glück ist nicht allein für jun­ge Men­schen reser­viert.“ Die Schrif­ten einer sehr selt­sa­men Hei­li­gen erwei­tern ihren spi­ri­tu­el­len Hori­zont in phan­tas­tisch welt­li­che Gefil­de. Als eine der alten Damen das Geheim­nis einer ande­ren Mit­be­woh­ne­rin – oder eher: eines Mit­be­woh­ners – lüf­tet, ist sie so scho­ckiert, dass sie die­sen umbringt. Die Heim­lei­tung ver­sucht den Mord zu ver­tu­schen; als könn­ten die übri­gen alten Damen nicht ihren Augen trau­en. Dabei mer­ken sie doch auch genau, wie die Pole sich ver­la­gern, die Welt ver­eist, die Höl­le sich öff­net – „,aber Höl­le ist nur eine Art der Benen­nung. In Wirk­lich­keit ist dies der Schoß der Welt, aus dem alle Din­ge kom­men‘“, klärt eine unheim­li­che Dop­pel­gän­ge­rin die Erzäh­le­rin auf. Sie zwingt sie, in einen Rie­sen­topf voll Brü­he zu sprin­gen – lan­det aber durch eine rät­sel­haf­te Ver­tau­schung selbst dar­in. Befreit von ihrem Alter Ego, löf­felt die Erzäh­le­rin Fleisch­sup­pe und ergibt sich gemein­sam mit ihren Freun­din­nen einem all­mäh­lich wie­der hei­te­re­ren Wahn, dank dem sie auch den eisigs­ten Ver­schie­bun­gen auf der Welt noch etwas abge­win­nen kann.

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Ale­jan­dro Zam­bra: Mul­ti­ple Choice

„Der Auf­bau die­ses Buches folgt dem der sprach­li­chen Prü­fung [des chi­le­ni­schen aka­de­mi­schen Eig­nungs­tests], wie sie bis 1994 gül­tig war und die neun­zig Mul­ti­ple-Choice-Fra­gen ent­hielt, unter­teilt in fünf Abschnit­te.“ Was Ale­jan­dro Zam­bra hier for­mal macht, hät­te man frü­her Expe­ri­ment genannt; und zwar ein zwin­gen­des. Inhalt­lich krei­sen die je nach Kate­go­rie ein­zu­fü­gen­den oder aus­zu­schlie­ßen­den Begrif­fe und zu sor­tie­ren­den Sät­ze um Über­wa­chung und Gewalt­ver­hält­nis­se, dann wie­der um Bana­li­tä­ten; die Erzähl­tex­te im Abschnitt „Text­ver­ständ­nis“ reflek­tie­ren auf so unter­halt­sa­me wie sub­ti­le Wei­se All­tags­er­fah­run­gen wäh­rend einer Jugend in Chi­le unter Pino­chet, die redu­zier­ten Wahl­mög­lich­kei­ten in der Dik­ta­tur, die Kapi­tu­la­ti­on des Bil­dungs­sys­tems vor der Dreis­tig­keit der Eli­ten. Und die nach der Lek­tü­re anzu­kreu­zen­den vor­ge­ge­be­nen Inter­pre­ta­ti­ons­phra­sen – „83. Der Ver­gleich zwi­schen Kind und Haus­tier zeigt: I. Die Wider­sprü­che einer Gene­ra­ti­on, die unter dem Vor­wand einer pes­si­mis­ti­schen Welt­sicht lie­ber Haus­tie­re hat­te als Kin­der. II. Die Not­wen­dig­keit, die ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te Haus­tier­hal­tung gesetz­lich zu regeln. III. Die Not­wen­dig­keit, die ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te Kin­der­hal­tung gesetz­lich zu regeln.“ – ver­an­schau­li­chen, was eine Dik­ta­tur, aber auch jedes ande­re stu­re Erwar­tungs­ma­nage­ment, der Spra­che antun kann.

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Almut Tina Schmidt, gebo­ren 1971, lebt als freie Schrift­stel­le­rin in Wien.

Quel­le: VOLLTEXT 4/2021

Online seit: 17. Sep­tem­ber 2022

Online seit: 17. Sep­tem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 18. Sep. 2022