Heimliche Elevationen

Alex­an­der Nitz­berg über Wil­helm Klemms Gesam­mel­te Ver­se.
Wilhelm Klemm

Wil­helm Klemm

Eines der größ­ten Rät­sel der Kunst: die Kanon­bil­dung. Die Fra­ge, war­um jemand zu den „Expo­nen­ten“ einer Epo­che zählt oder eben nicht. Was ist das Kri­te­ri­um? Die leich­te Wie­der­erkenn­bar­keit? Die ein­deu­ti­ge Ein­glie­de­rung in ein Ras­ter? Die popu­lä­re Gefäl­lig­keit? Die unpo­pu­lä­re Wider­bors­tig­keit? Das tra­gi­sche Schick­sal? Die Über­lie­fe­rungs­la­ge? – Ver­mut­lich eine Mischung aus alle­dem. Ver­bun­den mit einer gro­ßen Por­ti­on Unge­rech­tig­keit. Der Spruch vom „Urteil der Geschich­te“ ist ver­lo­gen, unter­stellt er doch eine Art kol­lek­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung und Anstren­gung, um aus dem Gros des Geschaf­fe­nen für alle nur das Bes­te her­aus­zu­fil­tern. Doch davon kann ja kei­ne Rede sein, eher vom genau­en Gegen­teil: Einer Dank­bar­keit des Kul­tur­kon­su­men­ten, wie­der ein­mal nicht selbst wäh­len zu müs­sen, son­dern sich auf ver­trau­te Namen ver­las­sen zu dür­fen. Von den meis­ten der Ver­ges­se­nen haben nur die Wenigs­ten gehört, geschwei­ge denn ihre Wer­ke gele­sen oder sie mit Ande­ren, Bekann­ten ver­gli­chen. Und so bleibt es dabei, dass der mono­li­thi­sche Rein­mar von Zwe­ter vom for­men­rei­che­ren Walt­her von der Vogel­wei­de über­deckt wird, der exzen­tri­sche­re und extre­me­re Dani­el Cas­per von Lohen­stein vom gemä­ßig­te­ren Andre­as Gry­phi­us, der durch­kom­po­nier­te glas­kla­re Leo Perutz vom frag­men­ta­ri­schen mäan­dern­den Franz Kaf­ka.

Zu den „Über­deck­ten“ gehört auch der Dich­ter Wil­helm Klemm (1881–1968). Und das, obwohl er in Kurt Pin­thus’ Mensch­heits­däm­me­rung, die­ser Grals­burg der deutsch­spra­chi­gen Moder­ne, einen durch­aus pro­mi­nen­ten Platz ein­nimmt. Anders als zum Bei­spiel Max Herr­mann-Nei­ße, Wal­ter Rhei­ner, Oskar Loer­ke oder Alfred Henschke, ali­as Kla­bund, die, trotz ihrer gewal­ti­gen und bedeut­sa­men Gesamt­wer­ke, dort über­haupt nicht vor­kom­men. Mit gan­zen 19 Gedich­ten ist Klemm ver­tre­ten. Georg Heym dage­gen mit 13, Georg Tra­kl mit 10, Gott­fried Benn und Alfred Lich­ten­stein jeweils mit 8 und Jakob van Hod­dis mit 5. Da sich die Mensch­heits­däm­me­rung als „ein Doku­ment des Expres­sio­nis­mus“ ver­steht, dürf­te mit die­ser Aus­wahl ange­deu­tet