Rußland, das Vaterland der Besonderheiten

Materialien & Texte aus den sieben Körben. Von Alexander Kluge

Online seit: 18. Mai 2020

Franz Kafka

Eine Idee Kafkas

Es gab einen Landvermesser (землемер), der Rußland vermessen wollte. Es ist aber ein Land voller Besonderheiten. Die Wege, Büsche und Sümpfe erhoben sich gegen den Kartographen. Die Orte begannen zu wandern. Zuletzt wurden die Vorräte an Skizzen, welche der Landvermesser anfertigte, immer größer. Die Stapel von Meßergebnissen im Verhältnis 1 : 300 000 erforderten die Lagerkapazität einer ganzen Gruppe von Scheunen.

Somit wurde wahr, was der 1818 geborene Marx gefordert hatte: Daß man die Begriffswelt vom Kopf auf die Füße stellen möge, und somit Begriffe überhaupt und ausschließlich aus dem Stoff der Besonderheiten formen müsse. Darüber starb der Kartograph.

Ein Derivat seiner Seele aber (Однако, производная его души), taubennußgroß, setzte die Kartographierung in zäher Arbeit fort. Darin folgte diese Seele einer Idee Franz Kafkas aus dem Jahre 1916. Am Ende hatte der Landvermesser eine Kartierung im Verhältnis 1 : 1 angefertigt. Sie enthielt tatsächlich alle Besonderheiten des Landes.

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Ein Fehlkauf

Ein kleines Stück Rußland – ein langer Weg (длинная дорога), erlenbestückt (окаймленная ольхами), im Frühling schlammig (слякотная весной) – wurde von einem Unternehmer aus Hameln in einer Auktion ersteigert. Was macht man mit einem solchen Stück Weg? Man darf keine Zollschranke errichten. Kaum einer benutzt den Weg. Er verbindet zwei Ortschaften, die es seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gibt. Wegen seines geringen Gebrauchswerts war das in die Länge gestreckte Grundstück so preiswert zu ersteigern.

Auf dem Papier sah das Objekt gut aus. Es war den Quadratmetern nach korrekt bezeichnet, ohne daß im Katalog erwähnt werden mußte, daß sich die Quadratmeter aus 3 Metern in der Breite und 15 Kilometern in der Länge multiplizierten und von Bäumen beschattet waren, die aus Naturschutzgründen nicht beseitigt werden durften. Kam es als Grundstücksparzelle zum Siedeln für Kinder in Betracht? Auch deren Interessen lassen sich wohl nicht auf diese Art in die Länge staffeln. Eine Wandergelegenheit? Wer aber zahlt für einen mühsamen Marsch von nirgendwo nach nirgendwo? Wie hätte man die Kinder oder die Wanderer vom Bahnhof, der 30 km entfernt lag (von den europäischen Hauptstrecken nur in einer Mehrtagefahrt zu erreichen), zum Grundstück schaffen sollen?

Lange Zeit blieb die Liegenschaftssäule (столбовидая недвижимость) im Portefeuille des Hamelner Unternehmers bloßer Buchwert. Sie produzierte dort langsam Abschreibungswerte.¹ In zwölf Jahren wird sich der Fehlgriff nicht mehr als Schaden darstellen.

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„Besonderheit und Bewegung“

Ein Archäologe und Landvermesser (nicht zu verwechseln mit dem Landvermesser aus der ersten Geschichte), Liebhaber seiner Heimat („Rodina“ heißt auf Russisch Heimat), der in Akademgorodok bei Nowosibirsk seit Jahrzehnten arbeitete, galt als obsessiv. Ein Genauigkeitsfreak. Er insistierte auf seinen Messungen, die sich auf eine „Wellenbewegung von Wüsten und Gebirgen“ bezogen und mit denen er die geographischen und geologischen Kollegen nervte. Dieser Landvermesser nutzte die Daten eines frühen sowjetischen Satelliten, der ursprünglich die Aufgabe hatte, zu militärischen Zwecken (nämlich für den Abschuß von Interkontinentalraketen) die Höhenunterschiede der Erdoberfläche zu vermessen. Nach diesen Daten bewegen sich die großen Gebirgssockel wie der Himalaya, der Pamir und die Anden ähnlich den Gezeiten von Ebbe und Flut, ausgelöst von den Sogkräften des Mondes, im Spielraum von Dezimetern (die Ebenen und Wüsten weniger merklich), so daß der genannte Landvermesser, in Abweichung von der üblichen Bezeichnungsweise, statt von Gebirgen von einem Gesteinsmeer spricht.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß es bei einer ungewöhnlichen Konstellation von Himmelskörpern, behauptete dieser patriotische Landvermesser, zu einer „Springflut“ der Landmassen kommen könnte (wenn nämlich Jupiter- und Mondeinfluß mit einer ungewöhnlichen Stellung unserer Muttersonne und ihres geheimnisvollen Begleitsterns, einer kühlen Schwestersonne, die nur alle 600.000 Jahre tangential unser System streift, kumulieren). Eine solche Häufung der Zufälle wäre dem russischen Forscher ein „poetisches Ereignis“. Die Natur würde in diesem Fall (in ihrer eigenen Sprache) zum Ausdruck bringen, daß sich alles, was existiert, in Bewegung befindet. Ja, meinte dieser sperrige Wissenschaftler, auch das große und träge Rußland könnte eines Tages in Bewegung geraten, selbst wenn Puschkin dies hinsichtlich der verschlammten Verkehrswege des Landes für die nächsten 300 Jahre nicht für wahrscheinlich hielt.

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Mangel an Dolmetschern und berittener Erkundung – das notierte Franz Kafka als Grund Nr. 19 der Niederlage Napoleons in Rußland.

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„Den Mantel der Geschichte fassen und sich ziehen lassen, solange es geht“

Es ist ein Irrtum, daß ein Prophet von der Zukunft mehr weiß als irgendein uninspirierter Zeitgenosse. Er weiß aber von der Wiederkehr, besitzt eine HALTUNG und kennt das GESETZ. Er liest in den rasch wechselnden Zeichen und blickt auf eine STRUKTUR.

Diese Methode steigert sich bei dem begnadeten Grammatiker. Die Gnade ist das Licht, das die Seelenlampe auf die Zeilen wirft, die sich wie Trippeltritte eines Vogels in Schnüren auf dem Papier entlangziehen. In diese Schnüre hängte sich Kafka mit seinen Worten ein. Schrieb, solange seine Körperkraft es zuließ.

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Franz Kafka war fest entschlossen …

Im Kriegsherbst 1916 war deutscherseits vor Verdun der Rückzugsbefehl beschlossen. Zu diesem Zeitpunkt war Franz Kafka länger als sechs Wochen lang fest entschlossen, ein größeres Manuskript über den Rückzug Napoleons 1812 im russischen Winter zu schreiben: einen Roman, wie er es nannte, ja, wenn möglich, einen ZEITUNGSROMAN.

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