„Schirmherr makelloser Schlangenschönheit“

Tex­te und Mate­ria­li­en aus den sie­ben Kör­ben – Alex­an­der Klu­ge im Gespräch mit Niklas Luh­mann
Niklas Luhmann im Gespräch mit Alexander Kluge

Niklas Luh­mann im Gespräch mit Alex­an­der Klu­ge

Im Dezem­ber 2017 wäre Niklas Luh­mann 90 Jah­re alt gewor­den. Kei­ne Wis­sen­schaft kann wider­le­gen, daß ein Geist in den Näch­ten mit uns redet. Nichts an die­sem Geist ist dürr, bloß dis­zi­pli­niert oder spar­sam. Wie zu Leb­zei­ten bewegt sich in sei­nem Gesicht kein Mus­kel, wenn er spricht. Aber bei­de Augen fun­keln. Ich glau­be, es gibt einen win­zi­gen Unter­schied zwi­schen dem Fun­ken im rech­ten und im lin­ken Auge. Nicht farb­lich, unmerk­lich.

Eines Tages besuch­te er mich in Mün­chen. Er hat­te sich ange­sagt für ein Fern­seh­ge­spräch. Ich emp­fing ihn im dama­li­gen Ver­eins­lo­kal der Fil­me­ma­cher – das war das Savoy in der Münch­ner Teng­stra­ße. Niklas Luh­mann war auf Durch­rei­se zu einem Ziel auf dem Bal­kan.

Ankunft am Dreh­ort pünkt­lich um 17:00 Uhr. An der Kame­ra Herr Lüring. Ton: Micha­el Kurz. Das Gespräch dau­er­te bis zum Abend­essen (Kas­set­ten­wech­sel wäh­rend des Redens). Die bei­den Chefs des Savoy kamen an den Tisch und bedien­ten. Die bei­den Kuli­na­ri­ker hat­ten sich kun­dig gemacht, wer Niklas Luh­mann war.

Das Gespräch, von Dr. Tho­mas Com­brink behut­sam redi­giert, wird hier erst­mals voll­stän­dig publi­ziert. Ich füge eini­ge Geschich­ten hin­zu. Sie zei­gen, daß „wir Gespens­ter“ unter­ein­an­der uns auch in Abwe­sen­heit aus­tau­schen.
A. K.

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Eine Beob­ach­tung von Niklas Luh­mann, die auf eine Bemer­kung Richard Sen­netts ant­wor­tet

Nach einer Beob­ach­tung von Niklas Luh­mann gehört es zu den Unter­schie­den zwi­schen dem 17. Jahr­hun­dert (Anfän­gen des homo novus) und dem 21. Jahr­hun­dert (Rat­lo­sig­keit des homo novus), daß „Selbst­ver­wirk­li­chung“ im gesell­schaft­li­chen All­tag heu­te nur unzu­rei­chend erlebt wer­den kann. In der Sys­tem­welt (Beruf, Kar­rie­re, Leis­tung) wer­den nur Tei­le der Per­son abge­fragt, ja es wäre läs­tig, wenn einer wäh­rend der Betriebs- und Leis­tungs­zeit mit sei­ner gan­zen Per­son (allen über­flüs­si­gen und über­flie­ßen­den Eigen­schaf­ten) daher­kä­me und die ande­ren mit sei­ner Ganz­heit auf­hiel­te. Die gan­ze Per­son, die nach wie vor Sub­jekt, d. h. Eigen­tum des Lebens­läu­fers, bleibt, sagt Luh­mann, muß sich in den inti­men Bezie­hun­gen, noch dazu in deren enge­rem Aus­schnitt der Sexua­li­tät bewei­sen und bestä­ti­gen. Das liegt wie eine Last auf der zärt­li­chen Kraft, so daß man eine Art Flucht aus der Über­for­de­rung, eine Flucht aus dem Lie­bes­ei­gen­tum beob­ach­ten kann.

„Die Lie­bes­be­zie­hun­gen wer­den, weil nur in ihnen der Ein­satz der gan­zen Per­son mög­lich erscheint, zu einer Büh­ne, also weni­ger wirk­lich als die Rea­li­tät. Die gesell­schaft­li­chen Bezie­hun­gen ande­rer­seits ver­lie­ren durch sie an Wert und gewin­nen an Rea­lis­mus.“

Die Hei­rats­ver­mitt­le­rin Bär­lamm weist dar­auf hin, daß eine Lösung nur dar­in bestehen kann, die libi­di­nö­sen Bedürf­nis­se (sie hat Sozio­lo­gie in Bie­le­feld stu­diert) in die Par­ti­al­be­zie­hun­gen der Sys­tem­welt ein­zu­brin­gen. Wie glück­lich, sagt sie, macht das Lächeln der ein­ge­ar­bei­te­ten Fach­kraft, mit der Dok­tor Mans­feld zwan­zig Jah­re sei­nes Lebens ver­bracht hat; dage­gen scheint ihm das Lächeln sei­ner Ehe­frau, die er erst zwei Jah­re kennt, beim Weg­ge­hen am Mor­gen eine ande­re Bedeu­tung zu haben als blo­ße Freund­lich­keit. Er mein­te, die­ses Lächeln spieg­le die Erwar­tung, daß der neue Tag mit sei­ner Hil­fe für sie anders wür­de als die ver­gan­ge­nen Tage, was doch außer­halb sei­ner Macht steht. Vie­le hei­ra­ten heu­te, fügt Bär­lamm hin­zu, ihre Sekre­tä­rin­nen. Kaum ist das gesche­hen, las­se sich die alte Ver­traut­heit des Betriebs nicht mehr her­stel­len. Schon sit­ze eine neue Fach­kraft im Büro, die sich um den Chef bemü­he. Unru­he sei die Fol­ge.

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Meta­mor­pho­sen eines bür­ger­li­chen Cha­rak­ters

Zu Niklas Luh­manns Behaup­tun­gen gehört, daß „die Zusam­men­set­zung ein­zel­ner Eigen­schaf­ten zum Kon­text eines Bür­gers“ (also die Kon­sti­tu­ti­on des bür­ger­li­chen Men­schen) ein Milieu vor­aus­setzt. Einer ist Bür­ger, weil es die ande­ren Bür­ger gibt. Ohne ein sol­ches Habi­tat zer­fällt ein gesell­schaft­li­cher Typus in sei­ne ein­zel­nen Eigen­schaf­ten.

Mensch­li­che Eigen­schaf­ten, „Attri­bu­te“, so spitzt es Erhard Oeser zu, Nach­fol­ger auf Ernst Machs Lehr­stuhl in Wien, wer­den weg­ge­sprengt wie Ele­men­tar­teil­chen in einem Plas­ma. Den nack­ten Elek­tro­nen und Neu­tro­nen ent­spre­chen aber nicht die Kör­per (sie sind so viel­fäl­tig wie der zusam­men­ge­setz­te Cha­rak­ter), son­dern die VERDINGLICHUNG, der Spin der ein­zel­nen Par­ti­kel. Zuletzt bin ich nur noch Schrau­be oder Clip.

Mein Onkel Gus­tav Fehn, bür­ger­li­cher Mensch aus Fran­ken, wur­de Mili­tär (vom Ran­ge eines Obers­ten an auf­wärts galt er schon nicht mehr als bour­geois). Die­ser Offi­zier war jetzt, im Jah­re 1943, Besat­zer in einem Land des Bal­kans. Er wur­de von der „neu­en Zeit“ im Wind­stoß fort­ge­ris­sen. Zum Römer gewor­den? Zum Goten? Zum Über­men­schen? Kur­ze Zeit spä­ter, die deut­sche Macht brach zusam­men, hät­te er sich gern in Nord­grie­chen­land ein Ver­steck gesucht. Ein Ver­steck vor den Alli­ier­ten.

Viel­leicht als sach­kun­di­ger Bera­ter einer Par­ti­sa­nen­ein­heit. Vom Offi­zier zum Räu­ber­grup­pen­füh­rer. Der Mehr­zahl sei­ner bür­ger­li­chen Eigen­schaf­ten ent­le­digt. Immer noch sterb­lich. Das Unter­tau­chen in Nord­grie­chen­land blieb ihm ver­sperrt. Obwohl er eine jun­ge Frau kann­te, der rie­si­ge Land­gü­ter in Maze­do­ni­en gehör­ten und die ihn gern zu sich genom­men hät­te. Daß ihm die Wand­lung zurück zum Bür­ger nicht gelang, dar­an starb er. In Zivil geklei­det, wird er erschos­sen.

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Die Treu­ema­schi­ne
Zum Begriff der ORGANISATION aus der Erfah­rung von 1943

Mag­da Bügel­sack, gebo­re­ne Stolz­hei­se, aus Hal­ber­stadt, seit 1940 ver­hei­ra­tet in Qued­lin­burg, besaß ein kla­res Unter­schei­dungs­ver­mö­gen. Sie hat­te eine Sehn­sucht nach Treue. Woher? Von allen Vor­fah­ren ererbt, von den Eltern erlernt, aus der Umge­bung inso­fern, als alle ihre Freun­din­nen im Deut­schen Reich das glei­che Bedürf­nis hat­ten – gespie­gelt in den Schla­gern und ihren Freund­schaf­ten, in der Wahl des­sen, den sie zu tref­fen such­ten, mit dem sie sich ver­lo­ben wür­den. Wenn es um etwas so Wert­vol­les geht wie das eige­ne Leben, dann hört die Belie­big­keit des Tau­sches auf.

Orga­ni­sa­ti­on wie­der­um beruht auf einer Wäh­rung, so Niklas Luh­mann, der noch Flak­hel­fer war. Orga­ni­sa­ti­on gibt dem Anfüh­rer einer Viel­heit das Recht, mit kur­zen, den gesam­ten Begrün­dungs­zu­sam­men­hang nicht refe­rie­ren­den Befeh­len die Kame­ra­den oder Kame­ra­din­nen hin und her zu bewe­gen, in Tätig­keit zu ver­set­zen und in einer Wei­se zu beschleu­ni­gen, die inner­halb der Tra­di­tio­nen, aus denen die Treue­ver­hält­nis­se stam­men, nicht zu erklä­ren ist. Der Anfüh­rer braucht die Aner­ken­nung, sie ist nur von den­je­ni­gen Gefolgs­leu­ten zu bekom­men, die ihm Treue schul­den, weil sie von ihm Treue erwar­ten. Wo die­ses Sys­tem, zum Bei­spiel auf den Rück­zü­gen, ver­fiel, ende­te auch die ORGANISATION, die wich­tigs­te neu­ar­ti­ge Maschi­ne, die in den drei­ßi­ger Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts zu den Maschi­nen des indus­tri­el­len Zeit­raums hin­zu­trat.

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Zum Begriff der pas­si­on bei Niklas Luh­mann

Die Land­kar­te der Gefüh­le, wel­che die Madame de La Fay­et­te für ihren Roman vor­aus­setzt, gestat­tet nicht nur den Ver­gleich mit ande­ren Roma­nen, son­dern auch den mit Erfah­run­gen des 20. und 21. Jahr­hun­derts, ja mit sol­chen in den USA, Kana­da, Aus­tra­li­en oder in Asi­en, die kei­ne plau­si­ble Ver­knüp­fung mit den Gescheh­nis­sen um die Prin­zes­sin von Clè­ves und den Her­zog von Nemours besit­zen. Ver­glei­chen heißt: Unter­schie­de machen. Nichts in dem früh­mo­dern-anti­ken Roman ent­spricht unmit­tel­bar dem inzwi­schen durch Muta­ti­on und Selek­ti­on ver­än­der­ten „Sys­tem der Lie­be“.

„Pas­sio­nier­te Lie­be ist eine unwahr­schein­li­che Insti­tu­ti­on.“

Der zugleich auf das 17. und auf das 21. Jahr­hun­dert (von ihm aus Zukunft) gerich­te­te Blick Luh­manns betont das Para­do­xe am Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um Lie­be. Sie soll Grund­la­gen für Dau­er­ver­hält­nis­se schaf­fen, sagt er, und sie habe eine gesell­schaft­li­che Funk­ti­on (nicht nur, wenn es um die Mobi­li­sie­rung von Wehr­kraft im Drit­ten Reich oder von Wirt­schafts­elan beim Wie­der­auf­bau nach 1948 geht). Zugleich besit­ze sie ein Pro­gramm der Lei­den­schaft­lich­keit und Plötz­lich­keit, die eine Kon­tra­dik­ti­on zu DAUER und PRAKTIKABILITÄT ent­hal­te. Inso­fern sei pas­si­on nicht nur eine „Anoma­lie“, son­dern „eine ganz nor­ma­le Unwahr­schein­lich­keit“.

„Pas­sio­nier­te Lie­be ist eine unwahr­schein­li­che Insti­tu­ti­on.“

Die­se The­se hat Luh­mann zunächst 1969 in einem sei­ner Semi­na­re vor­ge­tra­gen. 1982 erschien sein Buch Lie­be als Pas­si­on. Nach­trä­ge sei­ner Theo­rie fin­den sich im Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­pi­tel von Die Gesell­schaft der Gesell­schaft (Frank­furt 1997). Drei Berei­che schließt Luh­mann von sei­ner Ana­ly­se aus: Kauf der Lie­be, den­ken­de Besin­nung auf Lie­be (also Wege der Wahr­heit), Zwang zur Lie­be. Die Medi­en Geld, Wahr­heit und Macht, unver­ein­bar mit den Regeln, die sich die zärt­li­che Kraft gibt, bil­den den Hin­ter­grund, vor dem Luh­mann die Gelän­de der Lie­be abbil­det.

Die Welt ist kom­plex …

Kom­plex heißt, daß die moder­ne Welt mehr Mög­lich­kei­ten des Erle­bens und Han­delns bie­tet, als je aktua­li­siert wer­den kön­nen. Gebo­ren in Can­ber­ra, die Mut­ter Rus­sin, auf­ge­wach­sen in Hil­des­heim, tätig in New York, im Urlaub in Thai­land, in der kom­men­den Woche ver­ab­re­det mit Kol­le­gen in Kap­stadt. Ist dies das Leben einer Jour­na­lis­tin, einer Wis­sen­schaft­le­rin, eines Unter­neh­mers? Eines Head­hun­ters, der Unter­neh­mer suchen hilft? Oder inter­es­siert die Suche nach Lie­bes­ver­hält­nis­sen auf dem Weg durch so unter­schied­li­che Orte des Pla­ne­ten? Für das Per­so­nal des Romans Die Prin­zes­sin von Clè­ves wäre solch räum­li­che Kom­ple­xi­tät (es kom­men hin­zu die zeit­li­che, die funk­tio­na­le, die per­sön­li­che, die sach­li­che) unwahr­schein­lich. Wie auf Schie­nen bewe­gen sich die Per­so­nen in jenem Roman. Weni­ge die­ser Schie­nen haben Gel­tung in der moder­nen „Wür­fel-Gesell­schaft“ („Dice-Socie­ty“).

Das Erle­ben der Part­ner soll gemein­sam sein …

Amour pro­pre, die Selbst­ach­tung, hat seit dem 17. Jahr­hun­dert eine stil­le, aber mar­kan­te Kar­rie­re gemacht. Sie hat sich, so Luh­mann, dahin­ge­hend spe­zia­li­siert, daß sie die Fähig­keit, sich aus Selbst­lie­be zurück­zu­neh­men (das heißt, eine Reser­ve zu bil­den, die dem Gegen­über des­sen Eigen­lie­be ein­räumt), durch Pro­jek­ti­on ersetzt. Der moder­ne amour pro­pre bil­det, so Luh­mann, den Ande­ren ent­spre­chend dem eige­nen Ich-Bedürf­nis ab. Man defi­niert den Ande­ren so, daß er das eige­ne Erle­ben bestä­tigt, das Erle­ben, das man selbst wünscht. Die­se Ein­stel­lung aber, sagt Luh­mann, ist dafür prä­de­sti­niert, das Erle­ben des Ande­ren zu ver­feh­len.

Die Schick­sa­le des amour pur …

Das Pro­blem der zärt­li­chen Kraft ist nicht deren ÜBERWÄLTIGUNG DURCH SINNLICHKEIT (oder bei Freud, kri­tisch und nicht ver­ur­tei­lend ver­wen­det, VERUNREINIGUNG), auch nicht die Betei­li­gung des Eigen­in­ter­es­ses (wie bei der Prin­zes­sin, deren Mut­ter oder bei Mon­sieur de Nemours, dem Ehe­mann der Prin­zes­sin), son­dern die KOMPLEMENTÄRE BEWUSSTHEIT bei­der­sei­ti­ger Bezie­hun­gen: Kei­ner ist mehr naiv, bei­de betrach­ten sich mit den Augen des ande­ren. Dies sei eine heu­te ubi­qui­tär ver­brei­te­te Eigen­schaft, meint Luh­mann, sie sei übri­gens für die Erhal­tung der Lie­be unent­behr­lich. Sie sei aber für die Her­stel­lung „rei­ner Lie­be“, also purer Zärt­lich­keit, beson­ders unbrauch­bar. Der Tau­send­füß­ler Lie­be begin­ne mit jedem der Teil­neh­mer, an ver­schie­de­ner Stel­le anfan­gend, sei­ne Glie­der zu zäh­len, sobald das Ziel amour pur hei­ße. Not­wen­dig sei es, chi­mä­ri­sche For­men der zärt­li­chen Kraft anzu­er­ken­nen. Eine Dau­er­be­zie­hung kön­ne nicht auf ein „fluk­tu­ie­ren­des, unbe­herrsch­bar Auf­quel­len­des und eben­so unbe­herrsch­bar wie­der ver­sie­gen­des Gefühl“ gegrün­det wer­den. PASSION sei eine nicht zu ver­ant­wor­ten­de, zufäl­li­ge Ver­fas­sung, deren Ein­tre­ten eben­so­we­nig beherrscht wer­den kön­ne wie ihr Ver­lö­schen. Es bestehe Wider­spruch zwi­schen ZWANGSLÄUFIGKEIT und FREIHEIT, IMPULSIVITÄT und DAUER.

„Lie­be ist nicht nur qua Ide­al, son­dern auch qua Insti­tu­ti­on eine Über­for­de­rung der Gesell­schaft.“
Es sei inso­fern ein­fa­cher, nur noch in Fil­men und Roma­nen pas­si­on aus­zu­üben als in der Rea­li­tät.

Man liebt die Lie­be und danach einen Men­schen, den man lie­ben kann …

Man kann bereits lie­ben, ohne einen Part­ner zu haben. Man bringt mehr Lie­bes­ver­mö­gen in sich her­vor, wenn man jeman­den hat, der nicht wie­der­liebt. „Was geht’s dich an, wenn ich dich lie­be.“ Der Part­ner von heu­te klet­tert nicht über eine höfi­sche Absper­rung zur Tanz­flä­che und wird nicht durch einen König für mich zum Tän­zer bestimmt. Viel­mehr muß ich mich als moder­ner Mensch unter­neh­me­risch über­haupt erst an Orte und auf Platt­for­men bewe­gen, wo ich von Part­nern gefun­den wer­den kann. Die Hand­lung, sagt Luh­mann, legt wei­te Weg­stre­cken zurück, ehe sich eine Lie­bes­sze­ne rea­li­siert. Die Weg­zeh­rung besteht aus „Lie­be zur Lie­be“.

Wie eng darf eine Ver­bin­dung sein …?

In Pla­tons Gast­mahl geht es um die Ver­liebt­heit. Der Teil­neh­mer Aris­to­pha­nes erzählt von den Anfän­gen der Men­schen, die zunächst Dop­pel­we­sen mit vier Armen, vier Bei­nen gewe­sen sei­en, die in die Erde zeug­ten; zuletzt fühl­ten sie sich so stark, daß sie den Göt­ter­him­mel erstür­men woll­ten. Zur Stra­fe läßt sie Zeus hal­bie­ren. In sei­nem Auf­trag wur­den sie in eine männ­li­che und eine weib­li­che Hälf­te zer­schnit­ten, jetzt nur noch je zwei Arme, zwei Bei­ne, die Haut wie bei einem Schnür­beu­tel auf dem Nabel zusam­men­ge­zurrt. Seit­her sind sie sehn­sucht­s­krank.

Im Ver­lauf des Gesprächs wird ein prak­ti­scher Vor­schlag gemacht: „Und wenn zu ihnen, wäh­rend sie das­sel­be Lager teil­ten, Hephais­tos mit sei­nen Werk­zeu­gen hin­an­trä­te und sie frag­te […]: Ist es das etwa, was ihr wünscht, mög­lichst an dem­sel­ben Orte mit­ein­an­der zu sein und euch Tag und Nacht nicht von­ein­an­der zu tren­nen? Denn wenn es euch hier­nach ver­langt, so will ich euch in eins ver­schmel­zen und zusam­men­schwei­ßen, so daß ihr aus zwei­en einer wer­det und euer gan­zes Leben als wie ein Ein­zi­ger gemein­sam ver­lebt, und, wenn ihr sterbt, auch euer Tod ein gemein­schaft­li­cher sei, und ihr dann wie­der­um auch dort im Hades einer statt zwei­er seid.“ Die­ser Vor­schlag, zusam­men­ge­nie­tet zu wer­den, geht den Lie­ben­den jedoch zu weit. Es ist kei­nes­wegs ein zweck­mä­ßi­ger Zustand, mecha­nisch anein­an­der­ge­ket­tet zu sein. Es geht viel­mehr um das genaue Maß, das ein Unge­fäh­res ein­schließt: bestimm­te Quan­ten an Eigen­be­we­gung, bestimm­te Quan­ten an Berüh­rung.

Sich hier­auf bezie­hend spricht Luh­mann von GLÜCKSQUANTEN und von einer NERVENWAAGE, die sie mißt und die ein Mensch in sich trägt.

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„Ein­mal in Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­strickt, kommt man nie wie­der ins Para­dies der ein­fa­chen See­len zurück.
Gespräch vom April 1994 mit Niklas Luh­mann

ALEXANDER KLUGE Sie haben ein fas­zi­nie­ren­des Buch geschrie­ben, Lie­be als Pas­si­on. Was ist Pas­si­on?

NIKLAS LUHMANN Das Buch ist ein his­to­ri­sches Buch. Pas­si­on ist zunächst ein his­to­ri­scher Begriff, der sich von pas­siv zu aktiv umwan­delt. Pas­si­on ist etwas, was man erlei­det, wenn man eine schö­ne Frau sieht und die Augen ver­let­zen mich. Es wird zu einem akti­ven Prin­zip umsti­li­siert im 17. Jahr­hun­dert. Es geht um die Fra­ge, wie­so eine radi­ka­le Umkeh­rung eines ein­ge­führ­ten, kom­plex dis­ku­tier­ten Begrif­fes vor­kom­men muß und was ein Sozio­lo­ge dazu sagen könn­te.

KLUGE Sie sagen etwas, was umgangs­sprach­lich ver­blüf­fend ist: Lie­be ist kein Gefühl, son­dern eine Codie­rung von Inti­mi­tät.

LUHMANN Ich gehe zunächst davon aus, daß man nicht weiß, was Ein­zel­ne emp­fin­den, wenn sie lie­ben, wie kon­stant und wie auf­rich­tig ihre Dar­stel­lung ist.

KLUGE Das weiß auch der ande­re nicht.

LUHMANN Das weiß man sel­ber auch häu­fig nicht. Oder es scheint ein­mal so und dann wie­der anders. Was man als Sozio­lo­ge beschrei­ben kann, ist die Kom­mu­ni­ka­ti­on: Wel­che Vor­schrif­ten, wel­che kul­tu­rel­len Impe­ra­ti­ve exis­tie­ren? Wie muß man sie äußern, an wel­che Gren­zen kann man gehen? An wel­che Pro­ble­me gerät man?

KLUGE Sie sagen das als Sozio­lo­ge, aber Sie schrei­ben wie ein Autor, wie ein Schrift­stel­ler, wie Robert Musil es auch nicht anders schrei­ben wür­de.

LUHMANN Es sind deut­li­che Theo­rie­tei­le ent­hal­ten. Das ist der Ver­such zu erklä­ren, wie­so die moder­ne Fami­lie mit einer Lie­bes­er­klä­rung gegrün­det wer­den muß und nicht mit elter­li­chen Finan­zar­ran­ge­ments. Davor muß man sich ver­lie­ben, so schwer es einem unter Umstän­den fällt. Das ist welt­weit und his­to­risch gese­hen eine unna­tür­li­che Sache, ins­be­son­de­re von den Ober­schich­ten, die Ver­mö­gen zu ver­wal­ten haben. Die sozio­lo­gi­sche Fra­ge ist, wie die­se moder­ne Theo­rie zustan­de kommt, wie man aus­pro­biert, ob das geht. Mit wel­chen Flos­keln, mit wel­chen For­meln, mit wel­cher Art von gespiel­ter oder aus dem Spiel ent­ste­hen­der wirk­li­cher Auf­rich­tig­keit hat man es zu prak­ti­zie­ren?

KLUGE Vor dem 17. Jahr­hun­dert hat man ent­we­der Bar­ba­rei, ein Acker hei­ra­tet den ande­ren oder die Eltern ver­fü­gen