Bevor der Mensch die Schrift erfand

Alex­an­der Klu­ge im Gespräch mit dem Prä­his­to­ri­ker Her­mann Par­zin­ger über des­sen Buch Die Kin­der des Pro­me­theus

ALEXANDER KLUGE Ihr Buch trägt den Unter­ti­tel Eine Geschich­te der Mensch­heit vor Erfin­dung der Schrift. Wann ist das?

HERMANN PARZINGER Die Erfin­dung der Schrift unter­schei­det sich je nach Kul­tur­raum. In Meso­po­ta­mi­en fin­det sie im spä­ten vier­ten Jahr­tau­send vor Chris­tus mit der sume­ri­schen Schrift statt. In Ägyp­ten ist es etwa zur sel­ben Zeit, viel­leicht ein biss­chen frü­her. In ande­ren Gebie­ten, zum Bei­spiel in Chi­na, ist es spä­ter. Aber die Schrift­lich­keit ist ein Merk­mal von Hoch­kul­tu­ren, von Zivi­li­sa­tio­nen. Das Buch beschäf­tigt sich mit der Ent­wick­lung davor, vom Vege­ta­ri­er, dem Aus­tra­lo­pi­the­cus, über den Aas­fres­ser und Jäger und Samm­ler bis hin zu kom­ple­xen Gesell­schaf­ten, die noch kei­ne Hoch­kul­tu­ren dar­stel­len. Die viel­leicht ältes­ten Homi­ni­den­res­te in der Sahel­zo­ne, also im heu­ti­gen Tschad, sind sie­ben Mil­lio­nen Jah­re alt, aber sehr umstrit­ten. Defi­ni­tiv beginnt die­se Geschich­te vor vier bis drei Mil­lio­nen Jah­ren. Je wei­ter die Geschich­te fort­schrei­tet, des­to mehr beschleu­nigt sie sich. Wir haben eini­ge Mil­lio­nen Jah­re, aus denen wir ein paar weni­ge Ske­lett­res­te von Homi­ni­den ken­nen. In dem Moment, in dem das Her­stel­len von Werk­zeu­gen beginnt, vor zwei­ein­halb Mil­lio­nen Jah­ren in der Oldu­vai­pha­se in Tan­sa­nia, Ost­afri­ka, wird der Mensch krea­tiv und denkt pro­blem­lö­send. Das ist für den Archäo­lo­gen ent­schei­dend. Die Anthro­po­lo­gen oder Paläo­an­thro­po­lo­gen befas­sen sich mit der bio­lo­gi­schen Mensch­wer­dung und die Archäo­lo­gen mit den kul­tu­rel­len Hin­ter­las­sen­schaf­ten des Men­schen. Die­se Pha­se beginnt vor etwa zwei­ein­halb Mil­lio­nen Jah­ren. Die letz­ten zehn­tau­send Jah­re der Mensch­heits­ge­schich­te haben eine unglaub­li­che Dyna­mik und Geschwin­dig­keit ent­wi­ckelt im Ver­gleich zu den Mil­lio­nen Jah­ren davor.

KLUGE Sie spre­chen von einer Mil­li­on, von zwei­ein­halb Mil­lio­nen Jah­ren vor heu­te. Da gibt es kein Licht in Form von Ker­zen. Selbst das Feu­er gibt es zu dem Zeit­punkt nicht – wenigs­tens nicht mensch­lich – beherrscht. In den Näch­ten ist es dun­kel.

PARZINGER Vor allem das Feu­er hat eine ent­schei­den­de Bedeu­tung, es war eine der wich­tigs­ten Inno­va­tio­nen der Mensch­heits­ge­schich­te. Das Feu­er spen­det Wär­me. Man kann käl­te­re Gebie­te besie­deln. Nicht umsonst ist man aus Afri­ka aus­ge­wan­dert nach Euro­pa, nach Asi­en. Das war der Homo erec­tus oder Homo ergas­ter, die bereits das Feu­er beherrsch­ten. Das Feu­er hilft auch, Spei­sen ver­dau­li­cher zu machen. Tie­ri­sche Nah­rung, also Fleisch, kann gebra­ten wer­den, pflanz­li­che Nah­rung, die kochend zube­rei­tet wird, ist bes­ser ver­dau­lich. Der Kör­per kann die Nähr­stof­fe die­ser Nah­rung bes­ser auf­neh­men. Er ent­wi­ckelt sich bio­lo­gisch wei­ter. Das Gehirn­wachs­tum nimmt enorm zu. Dies war für die Mensch­heits­ent­wick­lung vom Homo ergas­ter und Homo erec­tus bis zum Homo sapi­ens ent­schei­dend.

KLUGE Sie kön­nen räu­chern, Fleisch halt­bar machen.

PARZINGER Die Halt­bar­ma­chung spielt eine zen­tra­le Rol­le, und Feu­er­stel­len sind sozia­le Mit­tel­punk­te.

KLUGE Das sind Ver­samm­lungs­stät­ten, wo erzählt wird.

PARZINGER Wenn irgend­wo die Spra­che ent­stan­den ist, dann an der Feu­er­stel­le. Auch die ältes­ten Musik­in­stru­men­te des frü­hen Homo sapi­ens im Jung­pa­läo­li­thi­kum fin­den sich im Umfeld von Feu­er­stel­len.

KLUGE An der Was­ser­quel­le und an der Feu­er­stel­le sind die Ver­samm­lungs­or­te.

PARZINGER Die Was­ser­stel­le muss man nur auf­su­chen. Aber das Ent­zün­den von Feu­er ist eine höhe­re intel­lek­tu­el­le Her­aus­for­de­rung für den Men­schen gewe­sen.

KLUGE Da sind es noch weni­ge Indi­vi­du­en gewe­sen.

PARZINGER Man muss im Ver­gleich zu spä­te­ren Zei­ten von nied­ri­gen Zah­len aus­ge­hen.

KLUGE Fast acht Mil­li­ar­den sind wir jetzt.

PARZINGER Davon sind wir damals weit ent­fernt. Zah­len anzu­ge­ben ist schwie­rig, wir haben nur ein­zel­ne Fun­de von Früh­men­schen, die sich vor allem auf Afri­ka, Euro­pa und Asi­en ver­tei­len. Es ist schwer, das hoch­zu­rech­nen. Es tau­chen immer wie­der neue Lini­en auf, wie der Den­is­o­va-Mensch etwa im Altai, der wohl die asia­ti­sche Vari­an­te des euro­päi­schen Nean­der­ta­lers dar­zu­stel­len scheint. Was sich aus so frü­her Zeit, vor Mil­lio­nen von Jah­ren, an mensch­li­chen Ske­lett­res­ten oder auch Gerät­schaf­ten erhal­ten hat, ist auch eher zufäl­lig ent­deckt wor­den. Unser Bild der frü­hes­ten Mensch­heits­ge­schich­te ist äußerst bruch­stück­haft.

KLUGE Nachts ist es dun­kel. Aber es gibt auch kei­ne Namen, die mit­teil­bar sind. Mögen die sich was mit­ge­teilt haben, sie haben es nicht schrift­lich nie­der­le­gen kön­nen.

PARZINGER Man muss davon aus­ge­hen, dass die frü­hes­te Kom­mu­ni­ka­ti­on eher eine Art Grun­zen und Mimik war. Wir wis­sen das nicht. Die Gene­ti­ker kön­nen Ent­wick­lun­gen an Geno­men fest­stel­len, um die Sprech­fä­hig­keit zu ermit­teln. Auch anhand der Aus­for­mung des Zun­gen­beins kön­nen die Paläo­an­thro­po­lo­gen Ein­ord­nun­gen vor­neh­men. Beim Nean­der­ta­ler war die Sprech­fä­hig­keit aus­ge­präg­ter als bei sei­nem Vor­gän­ger, dem Homo hei­del­ber­gen­sis. Der frü­he Homo sapi­ens unter­schei­det sich von uns heu­te nur wenig. Das ist vor 50 000 Jah­ren gewe­sen. In Afri­ka beginnt die Ent­wick­lung des Homo sapi­ens dage­gen schon vor 100 000 oder 80 000 Jah­ren. Das ist die frü­hes­te Zeit, in der der moder­ne Mensch „fer­tig“ war.

KLUGE Er ist bio­lo­gisch fer­tig. Das Hirn ist in etwa so groß wie bei uns. Das ist der Anfang des moder­nen Men­schen.

PARZINGER Wir spre­chen beim Homo sapi­ens nicht nur vom bio­lo­gisch, son­dern auch vom kul­tu­rell moder­nen Men­schen. Es geht nicht nur um die Spra­che, die man dort vor­aus­set­zen kann; wie dif­fe­ren­ziert sie war, ist eine ande­re Fra­ge. Auf jeden Fall gibt es eine sprach­li­che Ver­stän­di­gung, alle Vor­aus­set­zun­gen sind da. Dann ist aber auch die Orga­ni­sa­ti­on ent­schei­dend. Wir haben Fund­plät­ze, die arbeits­tei­li­ge Struk­tu­ren bele­gen. Es gab kom­ple­xe Treib­jag­den, für die es Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten braucht. Das war zum Teil schon vor dem Homo sapi­ens. Es gibt fer­ner eine Vor­stel­lung vom Jen­seits. Der Nean­der­ta­ler war der Ers­te, der Bestat­tun­gen ange­legt hat, also über das Leben nach dem Tod nach­ge­dacht hat. Der Nean­der­ta­ler hat auch Kurio­sa gesam­melt, Ver­stei­ne­run­gen zum Bei­spiel. Er hat die Umwelt beob­ach­tet. Das ist bei Homi­ni­den ent­schei­dend. Der Homo sapi­ens hat in den Grä­bern auch ange­fan­gen, den Ver­stor­be­nen Bei­ga­ben mit­zu­ge­ben für das Leben nach dem Tod. Er pro­du­zier­te Kunst, Skulp­tu­ren, klei­ne Figu­ri­nen. Die Fels­ma­le­rei­en der in Süd­west­frank­reich und Nord­spa­ni­en über­lie­fer­ten Eis­zeit­kunst besit­zen eine Dyna­mik, eine Lebens­echt­heit, eine Beweg­lich­keit, sogar mit Per­spek­ti­ve, was sie zur ers­ten Welt­kunst wer­den lässt. Die ist um 20 000 oder 15 000 vor Chris­tus ent­stan­den.

KLUGE Ein moder­ner Mensch braucht Grün­de. Wenn er Grün­de hat, kann er sein Ver­hal­ten anders ent­wi­ckeln, als sei­ne gene­ti­sche Aus­stat­tung es vor­sieht. Er ist kein Auto­mat.

PARZINGER Es geht um die stän­di­ge Suche nach einer wei­te­ren Opti­mie­rung sei­ner Über­le­bens­fä­hig­keit, sei­ner Ernäh­rung, sei­ner Ver­sor­gung. Des­halb kommt der Mensch spä­ter auch zur Sess­haf­tig­keit und zum pro­du­zier­ten Wirt­schaf­ten. Die Bevöl­ke­rung nimmt zu, die Gebur­ten­ra­ten stei­gen, wenn man sess­haft ist. Das mobi­le Leben ist ein limi­tie­ren­der Fak­tor. Ande­rer­seits hielt es ein Gleich­ge­wicht.

KLUGE Es gab weni­ge Kin­der und lan­ge Abstän­de zwi­schen den Gebur­ten.

PARZINGER Neh­men wir Alas­ka und dor­ti­ge Wild­beu­ter­grup­pen, Vor­läu­fer der heu­ti­gen Inu­it, und das Fay­y­um in Ägyp­ten im fünf­ten und sechs­ten Jahr­tau­send vor Chris­tus. Das sind zwei unter­schied­li­che Welt­re­gio­nen, einer­seits das Fay­y­um in Ägyp­ten, feuch­tes Gebiet, und ande­rer­seits sub­ark­ti­sche Regio­nen. In bei­den Gebie­ten sehen wir die soge­nann­te öko­lo­gi­sche Brem­se wir­ken. Im Fay­y­um ist es wun­der­bar für Wild­beu­ter: Jagen, Fischen, Sam­meln von ess­ba­ren Pflan­zen. Man lebt im Über­fluss. Ähn­lich in Akas­ka mit den über­rei­chen Lachs­vor­kom­men. Wozu soll man dort zum Acker­bau über­ge­hen?

KLUGE Im Para­dies wird nicht gear­bei­tet.

PARZINGER In Ada­ma­gan auf den Ale­uten gab es eine Sied­lung. Da müs­sen auf­grund der Zahl der Häu­ser teil­wei­se bis zu tau­send Men­schen gelebt haben. Das waren Wild­beu­ter, aber die leb­ten wie im Para­dies: Fisch­fang, Unmen­gen von Lachs, Rob­ben­jagd. Das Meer hat alles im Über­fluss gege­ben.

KLUGE Das Schla­raf­fen­land macht faul. Die­se Reser­ve ist wie­der­um der Ort, wo Frei­heit und Neu­ent­wick­lung ent­ste­hen. Es ist ambi­va­lent. Das pure Para­dies macht faul, aber durch die Mög­lich­keit des Para­die­ses ent­steht ein Evo­lu­ti­ons­schub aus Frei­heit.

PARZINGER Wenn der Mensch sess­haft ist, Acker­bau und Vieh­zucht betreibt, erzeugt er einen Nah­rungs­über­schuss. Er kann spei­chern für schlech­te Zei­ten, für den Win­ter. Aber da stellt sich die Fra­ge des Eigen­tums. Wenn Men­schen zusam­men woh­nen in grö­ße­rer Zahl, ent­steht ein Rege­lungs­be­darf. Wild­beu­ter­grup­pen waren rela­tiv klein. Wie war die­se rie­si­ge Sied­lung auf den Ale­uten orga­ni­siert bei tau­send Men­schen, die gejagt und gefischt haben? Gab es ein Gemein­schafts­ei­gen­tum? In den frü­hen neo­li­thi­schen Sied­lun­gen waren Spei­cher­bau­ten auch für die Gemein­schaft vor­han­den. Wie wird die Ver­tei­lung gere­gelt? Da kom­men wir an die Punk­te, wo wir mit unse­ren rein archäo­lo­gi­schen Quel­len nicht mehr wei­ter­kom­men. Poli­ti­sche Füh­rung spielt schon früh eine Rol­le. Wir haben in Meso­po­ta­mi­en ab dem fünf­ten Jahr­tau­send künst­li­che Bewäs­se­rung, um in die­sen ari­den Gebie­ten an Euphrat und Tigris Kul­tur­pflan­zen anbau­en zu kön­nen. Das muss orga­ni­siert wer­den. Die Arbeits­kräf­te müs­sen ein­ge­teilt wer­den, es braucht eine Pla­nung. Wer macht das? Aber das ist schon bei Göbe­kli Tepe die Fra­ge, die­sem gigan­ti­schen Hei­lig­tum in Süd­ost­ana­to­li­en aus dem zehn­ten Jahr­tau­send vor Chris­tus. Das geht nicht ohne Bau­meis­ter.

KLUGE Das sind stadt­ähn­li­che Gebil­de.

PARZINGER Dort sind es vor allem rie­si­ge Kult­plät­ze; es han­delt sich um einen Ort, der aus einer Agglo­me­ra­ti­on von Rund­bau­ten besteht. Da fin­den sich Skulp­tu­ren, mit Reli­ef­zier, deren Bedeu­tung wir nicht voll­stän­dig ver­ste­hen. Schon in solch frü­he Kul­tu­ren braucht man Per­sön­lich­kei­ten, die so etwas pla­nen, orga­ni­sie­ren und struk­tu­rie­ren kön­nen.

KLUGE Es ist Koope­ra­ti­on in einer frü­hen Stu­fe vor­han­den.

PARZINGER Per­so­nen, die eine sol­che Posi­ti­on in ihrer Gesell­schaft, in ihrer Grup­pe errei­chen, müs­sen beson­de­re Fähig­kei­ten besit­zen. Sie hat­ten sich ein Erfah­rungs­wis­sen ange­eig­net, waren beson­ders geschickt. Auch Cha­ris­ma dürf­te wich­tig gewe­sen sein. Das waren Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten, wie es sie heu­te gibt, wel­che die Mas­sen mit­rei­ßen.

KLUGE Erst jagen die Men­schen, die Noma­den oder Wild­beu­ter, den Her­den nach und blei­ben lebens­läng­lich an ihnen. Dann fas­sen sie das Glück, das der Clan und die Gesell­schaft bringt.

PARZINGER Das war schon so bei der frü­hen Jagd in der Zeit des Homo hei­del­ber­gen­sis, vor unge­fähr 300 000 Jah­ren. In Schö­nin­gen wur­de ein Muse­um errich­tet, wo die dort in einer Schicht ein­ge­la­ger­ten und des­halb erhal­te­nen Holz­spee­re zu sehen sind. Mit denen lau­er­te man einer Her­de von Wild­pfer­den auf, die dort an die Was­ser­stel­le gin­gen. Man hat die Her­de kom­plett mit die­sen Holz­spee­ren erlegt.

KLUGE Zwan­zig Tie­re, fünf­zig Tie­re?

PARZINGER In die­ser Grö­ßen­ord­nung. Man hat die Holz­spee­re nach­ge­baut und erprobt und dabei fest­ge­stellt, dass sie sich von der Gewichts­ver­tei­lung, von den Flug­ei­gen­schaf­ten und von der Ziel­ge­nau­ig­keit nicht von heu­ti­gen Wett­kampf­spee­ren unter­schei­den. Das war weit vor dem Homo sapi­ens. Wel­ches Erfah­rungs­wis­sen steht dahin­ter? Erfah­rungs­wis­sen muss wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Dazu braucht es Sprech­fä­hig­keit und auch geschick­te Men­schen, die solch eine Treib­jagd orga­ni­siert haben. Wenn sie dann so eine Her­de erle­gen, dann haben sie auf einen Schlag Unmen­gen an Fleisch. Man hat auch das Fell ver­ar­bei­tet und die Kno­chen zer­schla­gen, weil das Kno­chen­mark sehr nahr­haft ist, die Seh­nen der Tie­re wur­den eben­falls ver­ar­bei­tet und wie Schnü­re genutzt.

KLUGE Aber das Fleisch wird schnell schlecht. Man kann nicht ein Schlacht­fest ver­an­stal­ten und sich voll­pras­sen.

PARZINGER Gewiss hat man gro­ße Fes­te gefei­ert und dabei Unmen­gen an Fleisch ver­zehrt. Aber weil das Erle­gen einer gan­zen Her­de ein Glücks­fall war, muss­te man schnell reagie­ren, um das Fleisch halt­bar zu machen, durch Trock­nen oder Räu­chern. Das braucht auch Orga­ni­sa­ti­on. Da muss es Leu­te geben, wel­che Ver­ant­wor­tung über­neh­men. In Nord­ame­ri­ka gab es den Buf­fa­lo Jump. Das hat in der Spät­eis­zeit begon­nen und geht bis zur euro­päi­schen Besie­de­lung Nord­ame­ri­kas wei­ter. Die Stra­te­gie besteht dar­in, die­sen Büf­fel- oder Bison­her­den auf­zu­lau­ern, sie lang­sam auf eine Fels­klip­pe zuzu­trei­ben und dann in Panik zu ver­set­zen, etwa durch Feu­er oder lau­tes Schrei­en. Euro­päi­sche Rei­sen­de, die das noch in der Zeit der Erobe­rung Nord­ame­ri­kas beob­ach­ten konn­ten, haben gese­hen, wie sich ein India­ner einen Bison­kopf über sei­nen Kopf hält, ein Bison­fell über­wirft. Die Her­de wird in Panik ver­setzt, sie rennt auf eine Klip­pe zu und stürzt dort in die Tie­fe. Dann lie­gen dort plötz­lich regel­rech­te Fleisch­ber­ge.

KLUGE Die wer­den ver­ar­bei­tet wie in Chi­ca­go.

PARZINGER Sie wer­den ent­we­der durch den Sturz getö­tet oder die Glied­ma­ßen sind gebro­chen. Dann ist es leicht für eine Jäger­grup­pe, sie zu erle­gen. So ein Bison ist ein rie­si­ges Tier und bringt Unmen­gen an Fleisch. Dort wur­den dann Dan­kes­ri­tua­le durch­ge­führt. Man hat sofort mit der Ver­ar­bei­tung ange­fan­gen: Fell, Fleisch und auch das Kno­chen­mark.

KLUGE Die Kin­der des Pro­me­theus heißt Ihr Buch. Der hat einen Bru­der, den Epi­me­theus, den Nach­den­ker. Die­ser Bru­der ist ein Schus­sel­kopf. Bei der Ver­tei­lung der Eigen­schaf­ten auf alle Lebe­we­sen miss­glückt etwas. Der Mensch hat nichts abbe­kom­men. Er wird nackt gebo­ren. Er hat kein rich­ti­ges Fell, kein Raub­tier­ge­biss. Er ist für die Jagd nicht beson­ders geeig­net. Er ist zunächst Aas­fres­ser, kann aber so nicht über­le­ben.

PARZINGER Er war damals noch nicht in der Lage, zu jagen. Er muss­te das neh­men, was Raub­tie­re zurück­ge­las­sen haben. Aber wie kann er das Fleisch in Por­tio­nen ver­ar­bei­ten, die er schlu­cken kann? Dazu erfin­det er die Stein­ge­rä­te, die das Fleisch schnei­den las­sen. Das war ein gro­ßer Sprung zum Jäger, auch im Hin­blick auf die Ernäh­rungs­qua­li­tät.

KLUGE Sie spre­chen von der Speer­schleu­der, mit der man sieb­zig Meter schie­ßen kann.

PARZINGER Die Speer­schleu­der ist eine Ver­län­ge­rung der Hebel­wir­kung des Armes. Es han­delt sich um ein Stück Holz mit einem Haken an einem Ende, wo man den Speer ein­hängt. Dann schleu­dert man ihn Rich­tung Ziel. Etwas spä­ter, nach dem Ende der Eis­zeit, kommt es zur Erfin­dung von Pfeil und Bogen. Die Speer­schleu­der wird nach dem Ende der Eis­zeit auf­ge­ge­ben und nicht wei­ter tra­diert. Pfeil und Bogen wer­den bis zur Erfin­dung des Schieß­pul­vers bei­be­hal­ten.

KLUGE Ich muss die Seh­ne zurück­zie­hen, um den Pfeil abzu­schie­ßen. Das ist das Gegen­teil von Wer­fen, eine Über­lis­tung der Natur­kräf­te. Die Näh­na­del ist aus Kno­chen, mit einem Loch. Jetzt kann ich Wäm­ser mit­ein­an­der kom­bi­nie­ren, die Koope­ra­ti­on der Din­ge orga­ni­sie­ren.

PARZINGER Der Mensch hat vor­her schon Fell­klei­dung getra­gen. Aber die Klei­dung kann man jetzt bes­ser abdich­ten. Man hat schon in der Alt­stein­zeit Hüt­ten gehabt, aus Holz­ge­stän­ge oder aus gro­ßen Mam­mut­kno­chen. Aber sie müs­sen mit etwas abge­deckt gewe­sen sein. Hier kann man eine Ver­bin­dung her­stel­len, die eine bes­se­re Qua­li­tät hat als zuvor. Damit ist die Besied­lung von dau­er­kal­ten Gebie­ten mög­lich.

KLUGE Man kann Kleb­stof­fe aus Bir­ken­pech her­stel­len und damit Din­ge, die nicht zuein­an­der wol­len, mit­ein­an­der ver­knüp­fen.

PARZINGER Das geschieht rela­tiv bald nach der Erfin­dung des Feu­ers. Schon in der Zeit des Homo erec­tus hat man Bitu­men, einen harz­ar­ti­gen Kleb­stoff, genutzt. Den muss man erhit­zen, um ihn her­zu­stel­len. Er wird in ers­ter Linie ver­wen­det, um in Holz­schäf­ten Stein­klin­gen ein­zu­set­zen. Die kann man schlecht fest­bin­den. Man muss eine Ver­bin­dung her­stel­len, die von innen kommt, mit­hil­fe von Kleb­stoff.

KLUGE Sie beschrei­ben die Ver­bin­dung zwi­schen Greif­hand und Ver­stand. Die Fin­ger­spit­zen sind für die Iden­ti­fi­ka­ti­on von Indi­vi­du­en bis heu­te brauch­bar. Sie sind offen­kun­dig mit ihrem Fein­ge­fühl direkt mit dem Kopf des Men­schen kor­re­liert und geben wie­der­um zusätz­li­che Frei­heit. Der auf­rech­te Gang ermög­licht, dass die Hän­de frei sind. Jetzt wer­den sie aber intel­li­gent ver­wen­det, nicht nur zum Grei­fen, Werk­zeug­ma­chen oder Betas­ten, also zur Ero­tik, son­dern auch zum Aus­druck. Ich rede mit den Hän­den.

PARZINGER „Mit den Hän­den reden“ oder „Fin­ger­spit­zen­ge­fühl“ sind bei uns Rede­wei­sen, die auf den neu­ar­ti­gen Ein­satz der Hän­de und der Fin­ger zurück­ge­hen. Das war die ent­schei­den­de Vor­aus­set­zung dafür, dass der Mensch gestal­te­risch tätig wer­den kann. Das setzt wie­der­um eine ent­spre­chen­de Struk­tu­rie­rung im mensch­li­chen Gehirn vor­aus, eine Ent­wick­lung, die die­sen Ein­satz ermög­licht und das gestat­tet, was der Mensch mit den Hän­den her­ge­stellt hat, vom ers­ten Gerät, um das Aas zu zer­tei­len, bis letzt­end­lich zur Welt­kunst des Homo sapi­ens in den spät­eis­zeit­li­chen Höh­len.

KLUGE Fried­rich Engels beschreibt die Ent­ste­hung der Hän­de aus der Arbeit, die Ent­ste­hung der Intel­li­genz aus der Arbeit. Man­che Leu­te behaup­ten, dass die frü­hen Men­schen sich in die Mut­ter gekrallt haben bei der Flucht. Die­se Berüh­rung, die­se Zärt­lich­keit kann auch die Fin­ger­spit­zen aus­ma­chen.

PARZINGER Das ist eher reflex­ar­tig, was bei Tie­ren ähn­lich ist. Der Mensch hat den Tie­ren den geziel­ten Ein­satz vor­aus, der nicht reflex­ar­tig geschieht. Wenn man bei Neu­ge­bo­re­nen den Fin­ger in den Hand­tel­ler legt, grei­fen die sofort zu. Es gibt die­se Refle­xe, aber eben auch das, was über das Reflex­haf­te hin­aus­geht.

KLUGE Die Ver­bin­dung von Spra­che und Hand zeigt, was modern ist am Homo sapi­ens. Mit einer Kral­le, die für ein Raub­tier prak­tisch ist, wäre das unmög­lich. Haben ande­re Tie­re auch Fin­ger­spit­zen?

PARZINGER Man weiß von Affen, zum Bei­spiel von Schim­pan­sen, an denen man ent­spre­chen­de Unter­su­chun­gen durch­ge­führt hat, dass sie Stei­ne, Stö­cke oder ande­re Hilfs­mit­tel benut­zen, um ein bestimm­tes Ziel zu errei­chen. Da ging es dar­um, eine Nuss zu kna­cken. Die Affen neh­men einen Stein und hau­en dar­auf. Wenn Del­fi­ne ihre Nah­rung suchen, in Gegen­den mit Koral­len, die scharf sind, stül­pen sie sich eine Muschel oder Schwäm­me über die Schnau­ze, um sich dabei nicht zu ver­let­zen. Aber die­se Tie­re benut­zen nur, was sie vor­fin­den, sie stel­len nichts her. Als ältes­ter Beleg dafür, vor zwei­ein­halb Mil­lio­nen Jah­ren, dass der Mensch gezielt etwas pro­du­ziert hat, die­nen Fun­de aus der Oldu­vai­schlucht in Tan­sa­nia. Man hat einen Stein so gespal­ten, dass schar­fe Kan­ten ent­ste­hen. Das hat eine ande­re Qua­li­tät, das ist ziel­ge­rich­te­tes Han­deln. Die­ses Ziel­ge­rich­te­te dient auch beim frü­hen Homo sapi­ens in der Spät­eis­zeit nicht mehr nur zur Siche­rung der Ernäh­rung, son­dern wirkt auch bei der Kunst und der Musik.

KLUGE Es ist die Erzeu­gung einer Rea­li­tät neben der Rea­li­tät durch die Vor­stel­lung. Das Infor­mie­ren ist das eine, und das Erzäh­len ist das ande­re. Die­ses Erzäh­len mit dem sub­jek­ti­ven Fak­tor, dem ande­ren etwas mime­tisch vor­zu­ma­chen, beherr­schen die Men­schen.

PARZINGER Die­se Kunst war auch ein Mit­tel der Kom­mu­ni­ka­ti­on. In den Höh­len müs­sen um die Fels­bil­der auch Ritua­le statt­ge­fun­den haben. Ver­steht sich hier die Fami­lie bereits als Ritu­al­ge­mein­schaft? Das Tran­szen­den­ta­le wird sicht­bar, wenn der Mensch etwas ver­ar­bei­ten muss, was er sich nicht erklä­ren kann. Das begeg­net uns auch vor Beginn der Sess­haf­tig­keit mit Acker­bau und Vieh­zucht. Man erkennt das auch bei Göbe­kli Tepe, die­sem Hei­lig­tum der letz­ten Wild­beu­ter um 10 000 vor Chris­tus, einer rie­si­gen Kult­an­la­ge mit gigan­ti­schen Pfei­lern mit Reli­ef­zier, die Fabel­we­sen, Befruch­tungs­sze­nen und ande­re Moti­ve zei­gen. Hier voll­zieht sich ein fun­da­men­ta­ler Wan­del im Ver­ständ­nis der Natur. Man hat Tie­re, auch Pflan­zen, über Jahr­hun­dert­tau­sen­de beob­ach­tet. Man hat ein rie­si­ges Erfah­rungs­wis­sen über sie ange­sam­melt. Die Domes­ti­ka­ti­on war ein all­mäh­li­cher Pro­zess. Man hat Jung­tie­re ein­ge­fan­gen, gezähmt, am Ende gezüch­tet. Mit den Pflan­zen war es ähn­lich. Zu unter­schied­li­chen Zeit­punk­ten hat man ess­ba­re, wil­de Pflan­zen abge­ern­tet; dann hat man ange­fan­gen, sie zu ver­pflan­zen, einen klei­nen Gar­ten­bau um die Lager­plät­ze ange­legt. Schon der Homo sapi­ens vor Ende der Eis­zeit hat in Aus­tra­li­en Busch­brän­de ent­facht, um den dich­ten Wald zu lich­ten, damit die ess­ba­ren Pflan­zen bes­ser wach­sen kön­nen und auch die Jagd leich­ter ist als in dich­ter Bewal­dung.

KLUGE War­um ent­steht der Homo sapi­ens in Afri­ka?

PARZINGER Das kön­nen wir nur fest­stel­len, aber nicht näher begrün­den. Gewiss hat das auch mit den natür­li­chen Lebens­ver­hält­nis­sen zu tun, die in Afri­ka gemä­ßig­ter waren. Der Homo sapi­ens taucht vor etwa 50 000 Jah­ren über den Nahen Osten in Asi­en auf, macht sei­nen Weg ent­lang Süd­asi­en, aber auch in Rich­tung Chi­na. Damals waren noch gro­ße Was­ser­mas­sen an den Pol­kap­pen in Form von Eis gebun­den. Der Mee­res­spie­gel war um über 100 Meter tie­fer als heu­te. Süd­ost­asi­en, die­se Insel­welt, war ein zusam­men­hän­gen­der Sub­kon­ti­nent. Er hieß Sun­da. Gro­ße Tei­le Indo­ne­si­ens, der Phil­ip­pi­nen, waren mit dem süd­ost­asia­ti­schen Fest­land ver­bun­den. Gegen­über von Sun­da gab es eine schma­le Was­ser­stra­ße, die viel­leicht 50 oder 70 Kilo­me­ter breit war. Sahul ist die Land­mas­se mit Aus­tra­li­en, Tas­ma­ni­en, Neu­gui­nea und den umge­ben­den Inseln. In Sahul ist der moder­ne Mensch schon vor 50 000 Jah­ren gewe­sen; etwa zur sel­ben Zeit kam er auch nach Euro­pa. Der euro­päi­sche Bei­trag zur Human­evo­lu­ti­on ist der Nean­der­ta­ler. Der war zwi­schen der Ibe­ri­schen Halb­in­sel und dem Nahen Osten ver­brei­tet. Wäh­rend der Exis­tenz des Nean­der­ta­lers in Euro­pa ist par­al­lel dazu in Afri­ka aus frü­he­ren For­men von Homo erec­tus und Homo ergas­ter der Homo sapi­ens ent­stan­den. An die­sen Über­gän­gen selbst ist die Quel­len­la­ge jedoch schlecht. Wir haben auch in Afri­ka wenig Bele­ge für die frü­hes­te Pha­se des Homo sapi­ens, bes­ser belegt ist er in der Spät­pha­se. Wie ist der Nean­der­ta­ler aus dem Homo hei­del­ber­gen­sis ent­stan­den? Wir ken­nen die­sen Über­gang eben­falls nicht. Wir haben vie­le Bele­ge des Homo hei­del­ber­gen­sis in sei­ner Spät­pha­se, nicht in sei­ner Früh­pha­se. Ent­spre­chen­des gilt für den Nean­der­ta­ler. Ein wich­ti­ger Befund für den Homo sapi­ens ist die Blom­bos-Höh­le in Süd­afri­ka, um 80 000 und 70 000 vor Chris­tus, bereits mit frü­her Kunst. Alle ande­ren Bele­ge für kul­tu­rel­le Moder­ni­tät, von denen es mehr in Euro­pa und in Asi­en gibt als in Afri­ka, datie­ren jün­ger. Der Schritt nach Ame­ri­ka ist erst ver­gleichs­wei­se spät.

KLUGE Vor 150 Mil­lio­nen Jah­ren gibt es Pan­gäa, den gro­ßen Zen­tral­kon­ti­nent, wo alle Kon­ti­nen­te sich ver­sam­meln; das Was­ser ist auf Pan­thalas­sa ver­teilt. Pan­gäa beginnt sich aus­ein­an­der zu divi­die­ren. Da gibt es nichts, was homi­ni­disch ist. Wenn Sie sagen „plötz­lich“ als Archäo­lo­ge, dann heißt das in meh­re­ren Tau­send Jah­ren.

PARZINGER Wenn es um die frü­he Mensch­heits­ge­schich­te geht, sind es sogar Zehn­tau­sen­de von Jah­ren. Der Aus­druck „plötz­lich“ ist ein von mir rhe­to­risch ein­ge­setz­tes Mit­tel; auch der Begriff der neo­li­thi­schen Revo­lu­ti­on, den Gor­don Chil­de in den Drei­ßi­ger­jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts geprägt hat, ist falsch und rich­tig zugleich. Es sind Ent­wick­lun­gen, die über sehr lan­ge Zeit­räu­me ver­lau­fen und sich lang­sam sum­mie­ren. Die Sess­haft­wer­dung und die Domes­ti­ka­ti­on sind nicht in einem Moment oder inner­halb von weni­gen Jah­ren erfun­den wor­den. Es war ein lan­ger Pro­zess des Ent­wi­ckelns über Tau­sen­de von Jah­ren. Hier von einem Sprung zu reden, ist nur ein rhe­to­ri­sches Mit­tel, um sich klar­zu­ma­chen, was das für das mensch­li­che Leben an fun­da­men­ta­len Ver­än­de­run­gen bedeu­tet hat, und die­se waren dann durch­aus revo­lu­tio­när.

KLUGE Es gibt manch­mal Acker­bau­ern, die noma­di­sche Vor­fah­ren hat­ten, und plötz­lich sind sie wie­der Vieh­züch­ter und wer­den zum Noma­den. Es geht manch­mal rück­wärts.

PARZINGER Ein Noma­de muss vor­her Vieh­züch­ter oder Acker­bau­er gewe­sen sein. Mit her­um­zie­hen­den Men­schen, die jagen, sam­meln und fischen, sind Wild­beu­ter gemeint. Der Noma­de hat das Sta­di­um des Wild­beu­ters schon ver­las­sen. Man spricht umgangs­sprach­lich vom noma­di­sie­ren­den Leben und meint damit den Wild­beu­ter. Aber der Noma­de ist jemand, der auf dem Niveau der Vieh­zucht ist. Es gibt also Land­wir­te, die Acker­bau und Vieh­zucht betrei­ben, und dann zum Noma­den wer­den. Sie las­sen den Acker­bau weg und spe­zia­li­sie­ren sich auf die Vieh­zucht wie die Step­pen­no­ma­den. In der wes­t­ägyp­ti­schen Wüs­te, in der Ost­sa­ha­ra, im Grenz­ge­biet nach Liby­en, Tschad und Sudan, sind über vie­le Jah­re Fund­stel­len erforscht wor­den, wo im neun­ten und ach­ten Jahr­tau­send bereits ers­te Kera­mi­ken her­ge­stellt wur­den. Das waren Wild­beu­ter, die zu Wan­der­hir­ten wur­den. Sie züch­te­ten ers­te Rin­der. Das Haus­rind war also eine loka­le Domes­ti­ka­ti­on in den nord­afri­ka­ni­schen Saha­ra-Gebie­ten und wur­de nicht etwa dort ein­ge­führt. Es ist unab­hän­gig davon auch im Nahen Osten domes­ti­ziert wor­den. Scha­fe und Zie­gen, die in der öst­li­chen Saha­ra spä­ter auf­tau­chen, sind dort aus dem Nahen Osten ein­ge­führt wor­den. Die Saha­ra war damals nicht wie heu­te eine Wüs­te, son­dern ein Gebiet, in dem eine rei­che Tier­welt exis­tier­te. Wir wis­sen durch Fels­bil­der und Kno­chen­fun­de, dass dort Giraf­fen und Ele­fan­ten leb­ten, Tie­re, die nicht domes­ti­zier­bar sind.

KLUGE War­um kann man Ele­fan­ten nicht domes­ti­zie­ren?

PARZINGER Sie las­sen sich hal­ten und zäh­men, auch als Nutz­tie­re ein­set­zen, aber nicht domes­ti­zie­ren. Nur die Domes­ti­ka­ti­on führt zu bio­lo­gi­schen Ver­än­de­run­gen der Wild­form, nicht die Zäh­mung. Bei einem gezähm­ten Ele­fan­ten war der Arbeits­ein­satz wich­ti­ger, als ihn zu Fleisch zu ver­ar­bei­ten. Es gibt Sied­lun­gen in Kasach­stan aus dem vier­ten und drit­ten Jahr­tau­send vor Chris­tus, Botai zum Bei­spiel, wo man den Beginn der Pfer­de­do­mes­ti­ka­ti­on in der Step­pe beob­ach­ten kann. Dort hat man etwa 75 Hüt­ten aus­ge­gra­ben und Hun­dert­tau­sen­de von Pfer­de­kno­chen gefun­den. Auf­grund der Schnitt­spu­ren ist klar, dass das Pferd am Anfang ein wich­ti­ger Fleisch­lie­fe­rant war. Es gibt aber Hin­wei­se, dass sich dort der Über­gang zur Domes­ti­ka­ti­on des Pfer­des voll­zog. Man hat zunächst Wild­pfer­de gejagt und ver­speist. Dann beginnt schritt­wei­se die Domes­ti­ka­ti­on. Das Pferd wird danach über­wie­gend nur mehr als Reit- und Zug­tier genutzt. Aber den­noch wird zum Bei­spiel in Kasach­stan bis heu­te Sucuk geges­sen, die kasa­chi­sche Pfer­de­wurst. Der Mensch muss­te stets her­aus­fin­den, wel­che Wild­tie­re in sei­nem natür­li­chen Umfeld Domes­ti­ka­ti­ons­po­ten­zi­al hat­ten. Des­halb ist in Aus­tra­li­en nie Acker­bau und Vieh­zucht ent­stan­den vor der euro­päi­schen Ein­wan­de­rung, weil es weder Wild­pflan­zen noch Wild­tie­re gab, die sich hät­ten domes­ti­zie­ren las­sen.

KLUGE Die Hun­de nähern sich den Nah­rungs­res­ten des Men­schen. Sie kom­men frei­wil­lig, pas­sen sich an und wer­den Jagd­ge­fähr­ten.

PARZINGER Der Hund ist das ers­te Haus­tier des Men­schen, dien­te aber von Beginn an nicht zur Ernäh­rung. Es mag Kul­tu­ren gege­ben haben, wo man sie auch ver­speist hat. In Chi­na wer­den sie heu­te noch geges­sen. Sie haben in ers­ter Linie eine Funk­ti­on als Jagd­hel­fer, Wach­hund und Beglei­ter. Man kann davon aus­ge­hen, dass der Hund sich über die Res­te ernährt hat, die bei der Jagd anfie­len. Spä­ter wur­de er so lebens­un­fä­hig, dass er vom Men­schen ernährt wer­den muss­te. Das ist auch bei ande­ren Haus­tie­ren so, bei Rin­dern und Scha­fen. Die wer­den im Zuge der Domes­ti­ka­ti­on erst klei­ner, schwä­cher und über­le­bens­un­fä­hi­ger gegen­über ihren wil­den Vor­fah­ren. Es ist eine gewis­se Dege­ne­ra­ti­on, auf­grund derer sie sich auch leich­ter hal­ten las­sen. Dann setzt durch die Zucht ein ande­rer Pro­zess ein. Sie wer­den fül­li­ger, erbrin­gen mehr Fleisch und die­nen nur noch der Fleisch- oder Milch­ver­sor­gung.

KLUGE Die Evo­lu­ti­on des mensch­li­chen Gehirns ist nicht nur eine phy­sio­lo­gi­sche Fra­ge. Der frü­he Homo sapi­ens hat das glei­che Gehirn, das wir haben. Die Syn­ap­sen wer­den das­sel­be gemacht haben. Aber er hat noch kein sozia­les Gehirn, er kann nicht den ande­ren Men­schen in sei­nem Kopf abbil­den. Die Intel­li­gen­zen, die in sei­nem Kör­per ste­cken oder in der Grup­pe, tre­ten spä­ter hin­zu, sodass er eine Gesell­schafts­bil­dung in sich trägt.

PARZINGER Es sind alle Anla­gen da, um kom­ple­xe Gesell­schaf­ten ent­ste­hen zu las­sen. Es braucht sei­ne Zeit, weil dort Erfah­rungs­wis­sen gesam­melt wer­den muss. Wel­cher Rege­lungs­be­darf ergibt sich im Lau­fe der Ent­wick­lung inner­halb von Sie­del­ge­mein­schaf­ten? Das ent­wi­ckelt sich über die fol­gen­den Jahr­tau­sen­de. In der Eis­zeit­kunst des frü­hen Homo sapi­ens spürt man eine enor­me Beob­ach­tungs­ga­be der Natur und der Umwelt, die in Bil­der umge­setzt wird. Die lebens­na­he Fels­bild­kunst mit ihren groß­ar­ti­gen Tier­bil­dern kenn­zeich­net Höh­len vor allem in Süd­west­frank­reich, Nord­spa­ni­en und ver­ein­zelt noch Ober­ita­li­en. Am Nie­der­rhein kom­men Schie­fer­plat­ten vor, auf denen Krit­ze­lei­en zu sehen sind. Sie haben eine ähn­li­che Qua­li­tät wie die Male­rei in die­sen Höh­len, sind aller­dings gra­viert. Dabei wer­den auch Men­schen dar­ge­stellt. Die­se Bil­der wir­ken fast wie Kari­ka­tu­ren: Köp­fe im Pro­fil mit Bart, dicken Nasen und ande­ren indi­vi­du­el­len Merk­ma­len. Die­se Beob­ach­tungs­ga­be ist bemer­kens­wert, die Abs­trak­ti­ons­leis­tung, etwas in ein kon­kre­tes Bild umzu­set­zen, was den Men­schen nicht sche­ma­tisch wie­der­gibt. Strich­männ­chen oder Ähn­li­ches wur­den noch Jahr­tau­sen­de spä­ter gemacht. Doch hier wer­den ech­te indi­vi­du­el­le, fast por­trait­haf­te Züge erkenn­bar.

KLUGE Sie sind wie ein Evo­lu­ti­ons­for­scher, ein Archäo­lo­ge und wie ein Geschichts­schrei­ber tätig. Es gibt Ent­wick­lun­gen, die nicht rever­si­bel sind. Wenn man raf­fi­niert wur­de, die Lis­ten des Odys­seus beherrscht und betrü­ge­risch ist, kann man nicht wie­der naiv wer­den, weil die ande­ren mir miss­trau­en.

PARZINGER Die Stadt über­nimmt bestimm­te neue Funk­tio­nen, muss aber auch ernährt wer­den. Es ist typisch, dass sich um Städ­te oder stadt­ar­ti­ge Zen­tren länd­li­che Sied­lun­gen ent­wi­ckeln, die in eine Arbeits­tei­lung ein­tre­ten. Wann kommt es zu einer Hier­ar­chi­sie­rung der Sied­lungs­land­schaft, wo ein­zel­ne Sied­lungs­ty­pen unter­schied­li­che Funk­tio­nen über­neh­men? Die Klei­nen ernäh­ren den Gro­ßen, aber bekom­men vom Gro­ßen wie­der­um beson­de­re Pro­duk­te, die er mit ande­ren Gro­ßen durch Fern­han­del orga­ni­siert. Es ist kein Rück­schritt, wenn man vom Wild­beu­ter zum Vieh­züch­ter wird, viel­leicht auch zum voll­wer­ti­gen Land­wirt mit Acker­bau. Dann spe­zia­li­siert sich das wei­ter, dem jewei­li­gen Lebens­raum und des­sen Mög­lich­kei­ten ange­passt. Man wird wie­der Noma­de, kon­zen­triert sich auf die Vieh­zucht. Das ist kein Rück­schritt, denn sonst wür­de man zugrun­de legen, dass nur die­je­ni­ge Ent­wick­lung, die in Rich­tung unse­res heu­ti­gen Lebens führt, ein idea­ler Pro­zess ist. Wenn der Mensch Noma­de wird, passt er sich sei­nem Lebens­um­feld an, in Step­pen­ge­bie­ten etwa, ob in Afri­ka, Asi­en oder auch in Nord­ame­ri­ka. Wir haben Gebie­te in Zen­tral­asi­en, wo im Dua­lis­mus die Stär­ke liegt. Dort gibt es einer­seits die Oasen­wirt­schaft, wo sich städ­ti­sches Leben ent­wi­ckelt, wo um die Zei­ten­wen­de auch Schrift, sogar Münz­prä­gung und Acker­bau mit künst­li­cher Bewäs­se­rung zu beob­ach­ten sind; dort deh­nen die Men­schen ihre Anbau­ge­bie­te aus, die Bevöl­ke­rung wächst. Ande­rer­seits leben in deren Umfeld Noma­den­grup­pen, die sie mit Fleisch und Milch­pro­duk­ten ver­sor­gen. Der eine hat das, was der ande­re nicht hat. Das ist eine Arbeits­tei­lung in gro­ßen Tei­len Zen­tral­asi­ens, die über Jahr­tau­sen­de exis­tiert.

KLUGE Je kom­ple­xer eine Gesell­schaft ist, des­to schär­fe­re Anfor­de­run­gen sind vor­han­den. Wenn der IS mit Kon­zep­ten aus dem sieb­ten Jahr­hun­dert, aber mit moder­nen Waf­fen angreift, dann ist er ent­las­tet. Sei­ne Emo­ti­on ist rabia­ter her­stell­bar, als wenn er sich auf die kom­ple­xe heu­ti­ge Wirk­lich­keit ein­stellt.

PARZINGER Das ist extrem archa­isch. So kann man sich Erobe­rungs­zü­ge der Ara­ber bei der Aus­brei­tung des Islams vor­stel­len. Erobe­run­gen waren auch im Alter­tum blu­tig. Aber wenn man aus der Geschich­te etwas ler­nen kann, dann anhand der Bei­spie­le des Römi­schen und des Osma­ni­schen Reichs. Wenn ein Reich dau­er­haft erfolg­reich sein soll, muss es eine ande­re Grund­la­ge haben, die über Gewalt hin­aus­geht. Die Römer waren nicht zim­per­lich beim Erobern von neu­en Gebie­ten. Aber wenn eine Erobe­rung abge­schlos­sen war, ver­such­ten sie, die bestehen­den Struk­tu­ren (ob in Gal­li­en, auf der Ibe­ri­schen Halb­in­sel oder im Nahen Osten) des erober­ten Gebie­tes in die eige­ne Herr­schaft zu inte­grie­ren. Das Ziel war, die Men­schen zu roma­ni­sie­ren, sie dau­er­haft zu Bür­gern des Römi­schen Rei­ches zu machen. Mit den Ger­ma­nen hat das nicht funk­tio­niert. Die waren noch nicht so weit und hat­ten kei­ne vor­staat­li­chen Gebil­de, wel­che die Kel­ten, die Gal­li­er, die Ibe­rer, die Daker, die Thra­ker und auch die Illy­ri­er schon aus­ge­bil­det hat­ten. Wenn man dort ein Stam­mes­zen­trum in Besitz nahm, besaß man zugleich auch das gesam­te Stam­mes­ge­biet. Bei den Ger­ma­nen war das anders. Dort hät­ten die Römer Dorf für Dorf erobern müs­sen. Es wäre ein end­lo­ser Gue­ril­la­krieg gewor­den. Aber für wel­chen Preis? Oder neh­men Sie die Schlacht auf dem Amsel­feld von 1389, wo das ser­bi­sche Heer auf­ge­rie­ben wur­de. Das ist heu­te noch ein Trau­ma für die Ser­ben. Aber das Osma­ni­sche Reich hat trotz aller Ein­fluss­nah­me auch tole­rant gehan­delt und den unter­wor­fe­nen Gebie­ten eine reli­giö­se und auch kul­tu­rel­le Eigen­stän­dig­keit zuge­stan­den.

KLUGE In der Moder­ni­tät kön­nen drei Grund­ele­men­te immer neu beob­ach­tet wer­den. Das eine ist die Anpas­sungs­fä­hig­keit, das zwei­te ist die Inno­va­ti­on. Das wäre das Gegen­teil von Anpas­sung.

PARZINGER Die sind mit­ein­an­der ver­knüpft. Die Anpas­sung an einen Lebens­raum führt wie­der zur Inno­va­ti­on.

KLUGE Das drit­te wäre eine Reser­ve, die aus dem direk­ten Leben, der Jagd und dem Raub erüb­rigt wird, die eine Frei­heit und Abs­trak­ti­on ermög­licht. Ich kann mir den Kopf des ande­ren vor­stel­len. Schon Dar­win sagt, dass der Homo sapi­ens in Afri­ka ent­stan­den ist. War­um haben die ande­ren Kon­ti­nen­te den Homo sapi­ens nicht her­vor­ge­bracht?

PARZINGER Es gibt die frü­hes­ten Vor­läu­fer des Men­schen, die in der gro­ßen Grup­pe des Aus­tra­lo­pi­the­cus zusam­men­ge­fasst wer­den, in der Zeit von vor vier bis etwa zwei­ein­halb Mil­lio­nen Jah­ren nur in Afri­ka. Dar­aus ent­stan­den – wie­der­um nur in Afri­ka – der Homo erec­tus und der Homo ergas­ter. Die­se waren die ers­ten, die dann auch Asi­en und Euro­pa erreich­ten. Die Aus­brei­tung von Afri­ka auf ande­re Kon­ti­nen­te wur­de mög­lich, weil durch den Über­gang vom Aas­fres­ser zum Jäger die Ernäh­rung bes­ser wur­de, daduch auch Kör­per­bau und Mus­ku­la­tur kräf­ti­ger. Nur so konn­ten sich die frü­hen Homi­ni­den auf wei­te Wege machen, qua­si so weit die Füße tru­gen.

KLUGE Die Men­schen wer­den grö­ßer.

PARZINGER Der Mensch wird in die Lage ver­setzt, grö­ße­re Ent­fer­nun­gen zurück­zu­le­gen. Wir haben die ältes­ten Bele­ge für den Homo sapi­ens in Afri­ka. Dann macht er sich auf den Weg auf ande­re Kon­ti­nen­te, vor allem nach Euro­pa und Asi­en. Der Homo sapi­ens kommt aber auch sehr früh schon bis Sahul, den Aus­tra­li­en umge­ben­den Groß­kon­ti­nent. Es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass künf­ti­ge Fun­de die­se Aus­brei­tung noch kom­ple­xer rekon­stru­ie­ren las­sen. So hat man zum Bei­spiel vor eini­gen Jah­ren in der Den­is­o­va-Höh­le im Altai­ge­bir­ge eine neue frü­he Men­schen­form fest­ge­stellt, den Den­is­o­va-Men­schen. Er ist älter als der Homo sapi­ens und war offen­bar ver­wandt mit dem Nean­der­ta­ler. Bis zur Ent­de­ckung des Den­is­o­va-Men­schen dach­te man, der Nean­der­ta­ler wäre eine rein euro­päi­sche Erschei­nung. Liegt der Ursprung des Nean­der­ta­lers also in Zen­tral­asi­en? Wer weiß.

KLUGE Links und rechts vom Nil­tal ist Wüs­te, auch in der Vor­zeit. Dazwi­schen befin­den sich die­ser Rie­sen­fluss und das Schwemm­land.

PARZINGER Das Nil­tal war nicht immer nur von Wüs­te umge­ben. In der Ost­sa­ha­ra (das ist die Wüs­te im Grenz­ge­biet von Ägyp­ten, Liby­en und dem Sudan) sind schon im ach­ten und neun­ten Jahr­tau­send vor Chris­tus aus Wild­beu­tern Rin­der­züch­ter und Hir­ten­no­ma­den ent­stan­den. Im Fay­y­um etwa herrsch­ten para­die­si­sche Zustän­de für Fischer, Jäger, Samm­ler. Es gab dort gar kei­ne Not­wen­dig­keit, zum Acker­bau über­zu­ge­hen. Durch Ein­fluss aus dem Nahen Osten kamen dann Schaf und Zie­ge als wei­te­re Haus­tie­re hin­zu. Auch der Acker­bau hat sich im Ver­gleich zum Nahen Osten etwas ver­spä­tet im Nil­tal eta­bliert und sich dort dann ent­lang des Nils von Nor­den nach Süden aus­ge­brei­tet. Im Süden gab es Land­wirt­schaft erst im spä­ten fünf­ten und vier­ten Jahr­tau­send. Dann kommt es im Lau­fe des vier­ten Jahr­tau­sends zu einer ent­schei­den­den Ent­wick­lung. In der Saha­ra setzt schon seit dem fünf­ten Jahr­tau­send eine zuneh­men­de Ari­di­sie­rung die­ser Gebie­te ein. Als die­se Aus­trock­nung beginnt, gibt es noch Gunsträu­me, wo der Mensch den­noch über­le­ben konn­te. Aber mit der zuneh­men­den Aus­brei­tung wüs­ten­ar­ti­ger Land­schaf­ten wan­dert der Mensch ab. Als Fol­ge zieht er zum Bei­spiel in die Sahel­zo­ne, die noch kei­ne Wüs­te, son­dern step­pen­ar­tig war. Zudem muss es eine mas­si­ve Abwan­de­rung aus der Saha­ra in das Nil­tal gege­ben haben, wo die Bevöl­ke­rung plötz­lich stark zunahm. Das war die Zeit der Naqa­da-Kul­tur, der 0. Dynas­tie, die dann in das pha­rao­ni­sche Reich über­geht. Man könn­te es auch so sagen: Die Aus­trock­nung der Saha­ra war eine ent­schei­den­de Vor­aus­set­zung für das Ent­ste­hen der ägyp­ti­schen Hoch­kul­tur.

KLUGE Der Tschad­see ist viel grö­ßer in die­ser Zeit.

PARZINGER Im Tschad­be­cken gibt es bald nach dem Ende der Eis­zeit Sied­lungs­stel­len bei Gobe­ro. Dort haben Wild­beu­ter Lager­plät­ze hin­ter­las­sen, bereits Kera­mik her­ge­stellt, viel­leicht auch Vieh­zucht betrie­ben. Auf jeden Fall haben sie gefischt. Dann ver­schwin­den die­se Plät­ze wie­der, es gibt nur weni­ge Sied­lungs­spu­ren im vier­ten und drit­ten Jahr­tau­send. Im zwei­ten Jahr­tau­send beginnt die Gaji­gan­na-Kul­tur vor allem im süd­west­li­chen Ufer­be­reich des Tschad­be­ckens. Dort gibt es Sied­lungs­hü­gel, also Tell­sied­lun­gen, wie im Nahen Osten. Die kön­nen nur ent­ste­hen, wenn der Mensch nicht nur sess­haft wird, son­dern über Orts­bin­dung ver­fügt. Ein Tell ist ein Sied­lungs­hü­gel, ein Ort, an dem der Mensch über lan­ge Zeit­räu­me gesie­delt hat, über Jahr­hun­der­te und Jahr­tau­sen­de. Eine Sied­lung brennt nie­der oder wird ein­ge­eb­net, weil die Häu­ser bau­fäl­lig wer­den. Dann errich­tet man unmit­tel­bar dar­über die nächs­te Sied­lung. So wächst die Sied­lung nach oben auf dem Müll der Ver­gan­gen­heit. Auch in die­sen Gebie­ten kommt es zu einer Zuwan­de­rung aus der Saha­ra. Am Anfang ist die Vieh­zucht, es waren mobi­le Rin­der­hir­ten. Am Ende des zwei­ten und im ers­ten Jahr­tau­send kommt all­mäh­lich Acker­bau hin­zu, jedoch noch in einer expe­ri­men­tel­len Aus­prä­gung. In die­sem Teil Afri­kas gibt es auch kei­ne Bron­ze­zeit. Die Stein­zeit geht um drei­hun­dert vor Chris­tus direkt in die Eisen­zeit über. Dann geht es schnell, wir fin­den in den Jahr­hun­der­ten danach nicht nur eine voll­ent­wi­ckel­te Land­wirt­schaft mit Acker­bau und Vieh­zucht, son­dern auch stadt­ar­ti­ge Sied­lun­gen, aller­dings ohne Schrift.

KLUGE Der Mensch wächst, weil er Jäger wird. Er inha­liert das Fleisch von ande­ren Lebe­we­sen.

PARZINGER Die Ernäh­rung spielt bei der Human­evo­lu­ti­on eine ent­schei­den­de Rol­le. Man hat fest­ge­stellt, dass die frü­hen Acker­bau­ern nicht unbe­dingt eine bes­se­re Ernäh­rung hat­ten als die Wild­beu­ter. Wild­beu­ter leben in Grup­pen von begrenz­ter Grö­ße. Sie wach­sen nicht belie­big wei­ter an. Das ist bei sess­haf­ten Men­schen anders, weil Ernäh­rung plan­bar wird. Aber die Sess­haf­tig­keit und die Land­wirt­schaft brin­gen auch Nach­tei­le. Man wird anfäl­lig für Miss­ern­ten. Wenn eine Ern­te schief­geht, wird die Sie­del­ge­mein­schaft von Hun­gers­nö­ten in Mit­lei­den­schaft gezo­gen. Durch das enge Zusam­men­le­ben von Mensch und Tier unter einem Dach sprin­gen Krank­heits­er­re­ger auf den Men­schen über und wer­den durch Muta­tio­nen lebens­ge­fähr­lich für ihn. Stu­di­en der Ske­lett­fun­de erge­ben zudem, dass die Ernäh­rung von sess­haf­ten Bau­ern deut­lich ein­sei­ti­ger war und die Lebens­er­war­tung nicht wesent­lich höher als bei Wild­beu­tern. Die Kör­per­grö­ße ist zum Teil sogar leicht zurück­ge­gan­gen. Nicht jeder mensch­li­che Fort­schritt hat also nur Vor­tei­le, es gibt immer auch Nach­tei­le, die der Mensch ent­spre­chend auf­zu­fan­gen ver­sucht. Auch heu­te gibt es sol­che Dis­kus­si­on, wenn wir etwa von Paläo­di­ät hören, also von Ernäh­rung wie in der Stein­zeit: viel Fleisch, dazu Nüs­se und ande­re Wald­früch­te. Gewiss ist das sehr nahr­haft, doch durch Mas­sen­tier­hal­tung ist Fleisch heu­te natür­lich viel unge­sün­der als damals das Fleisch von erleg­ten Wild­tie­ren.

KLUGE Es gibt zwei Wege aus Afri­ka, einen über die Sinai-Halb­in­sel und den Nahen Osten und einen über Eri­trea und die Ara­bi­sche Halb­in­sel. Wie muss ich mir die Ara­bi­sche Halb­in­sel zu dem Zeit­punkt vor­stel­len? Sind dort Wüs­ten oder Wäl­der?

PARZINGER Wäl­der bestan­den dort sicher nicht. Der alt­welt­li­che Tro­cken­gür­tel zieht sich von der Saha­ra über die Ara­bi­sche Halb­in­sel bis zur Wüs­te Gobi. Dort herrsch­ten grund­sätz­lich ähn­li­che Kli­ma­ver­hält­nis­se. Der Mee­res­spie­gel im Bereich des Roten Mee­res war etwas tie­fer als heu­te. Es war nicht unüber­wind­bar.

KLUGE Bei den Wild­beu­tern gibt es gro­ße Abstän­de zwi­schen den Gebur­ten.

PARZINGER Die prä­his­to­ri­sche Gene­ra­tio­nen­rech­nung hängt an den sta­tis­ti­schen Durch­schnitts­wer­ten der Lebens­er­war­tung. Die Lebens­er­war­tung war bei Wild­beu­tern nicht höher als bei Sess­haf­ten, aber die Gebur­ten­ra­te war bei Sess­haf­ten deut­lich höher. Durch die Sess­haf­tig­keit wer­den mehr Kin­der gebo­ren als bei Wild­beu­tern. Dadurch und durch die Plan­bar­keit der Ernäh­rung nimmt die Bevöl­ke­rung zu.

KLUGE Män­ner und Frau­en wur­den unter­schied­lich beer­digt. In Hock­stel­lung wer­den die Män­ner mit Blick nach Wes­ten und die Frau­en mit Blick nach Osten bestat­tet.

PARZINGER Wenn der Mensch die Ver­stor­be­nen mit Bei­ga­ben aus­stat­tet für ein Leben nach dem Tod, gibt er ihnen etwas mit, viel­leicht weil er an ein Leben nach dem Tod glaubt oder aus Respekt vor dem Eigen­tum der Ver­stor­be­nen. Ab dem Zeit­punkt, an dem der Mensch sich Mühe gibt und unter­schied­li­che Bet­tungs­for­men prak­ti­ziert (Rücken­stre­cker oder Hocker­la­ge), kommt es zu einer Dif­fe­ren­zie­rung der Bestat­tungs­sit­ten. Dahin­ter steht eine Ord­nung. Nach was aber rich­tet die­se sich? Häu­fig zeigt sich eine geschlechts­spe­zi­fisch unter­schied­li­che Bet­tung und Aus­stat­tung der Ver­stor­be­nen. Ab wel­chem Alter wer­den Kin­der aber über­haupt bestat­tet und ähn­lich wie die Erwach­se­nen behan­delt, also geschlechts­spe­zi­fisch? Wir stel­len in prä­his­to­ri­schen Peri­oden fest, dass auf den Grä­ber­fel­dern kaum Kin­der­grä­ber vor­kom­men. Zwar sind Kin­der­kno­chen leich­ter ver­gäng­lich, aber man müss­te ihre Grab­stät­ten den­noch fin­den. Mög­li­cher­wei­se wur­den Kin­der gar nicht beer­digt, viel­leicht hat man erst ab einem gewis­sen Alter das Anrecht auf ein Bestat­tungs­ri­tu­al durch die Gemein­schaft. Die nächs­te Stu­fe ist die Dif­fe­ren­zie­rung nach dem sozia­len Stand. Es geht nicht nur um reich und arm, Füh­rungs­schicht und Unter­ge­be­ner, son­dern auch um die Funk­ti­on im arbeits­tei­li­gen Pro­zess. Wir haben Kul­tu­ren in Süd­ost­eu­ro­pa, aber auch in Eura­si­en im fünf­ten und vier­ten Jahr­tau­send vor Chris­tus, wo die Metall­ur­gie eine gro­ße Rol­le spielt. Dort gibt es Hand­wer­ker­grä­ber, denen hat man ihr Werk­zeug zur Metall­ver­ar­bei­tung bei­gege­ben. Sie wer­den im Grab als das dar­ge­stellt, was sie im Leben waren.

KLUGE Etwas Meta­phy­si­sches spielt hier eine Rol­le. Was man als Erzäh­lung an der Feu­er­stel­le hat, führt zu Fes­ten, zu Ritua­len. Sie mögen auch Dro­gen genom­men, Bier getrun­ken haben.

PARZINGER Es gibt die Über­le­gung, dass der Mensch nur zum Acker­bau gekom­men ist, weil er den hohen Bier­kon­sum regeln muss­te. Das kann man aber nicht wirk­lich bele­gen. Ritu­al­fes­te haben schon vor der Sess­haft­wer­dung eine zen­tra­le Rol­le gespielt. Vor den Wand­ma­le­rei­en in den eis­zeit­li­chen Höh­len müs­sen Ritua­le statt­ge­fun­den haben. Wir haben im aus­ge­hen­den Paläo­li­thi­kum und im Meso­li­thi­kum Bei­spie­le von mög­li­cher­wei­se ritu­el­lem Kan­ni­ba­lis­mus. Man hat Men­schen­kno­chen mit Schnitt­spu­ren in Sied­lungs­stel­len gefun­den. Men­schen sind dort also zer­teilt wor­den. Ob sie auch ver­speist wur­den, wis­sen wir aber nicht. Es gibt einen regel­rech­ten Schä­del­kult, abge­schnit­te­ne Köp­fe, die in Gru­ben depo­niert wer­den. Der Göbe­kli Tepe, die­se gigan­ti­sche Kult­an­la­ge in Süd­ost­ana­to­li­en, dien­te nur dem Ritu­al. Eine rie­si­ge Bevöl­ke­rung aus einem gro­ßen Ein­zugs­ge­biet kommt dort zusam­men, um Ritua­le durch­zu­füh­ren. Vor allem auch im Nahen Osten bedeu­tet das die gemein­sa­me Nah­rungs­auf­nah­me. Da spiel­ten gewiss auch Dro­gen eine Rol­le, aber das ist schwer nach­zu­wei­sen.

KLUGE Riva­len wer­den sich beim Bier oder beim Wein ver­ei­ni­gen. Wenn das der Fall ist, brau­chen die Hir­ne, um ein Gemein­we­sen zu bil­den und koope­ra­tiv zu wer­den, die­se Ritua­le.

PARZINGER Man hat nicht nur Alko­hol getrun­ken, es war eine rie­si­ge gemein­sa­me Nah­rungs­auf­nah­me für eine gro­ße Bevöl­ke­rung. Acker­bau und Vieh­zucht waren not­wen­dig, um sol­che Fes­te durch­füh­ren zu kön­nen.

KLUGE Pro­me­theus betrügt die Göt­ter um die bes­ten Tei­le des Opfers. An der Basis der Gemein­schafts­bil­dung steckt Grau­sam­keit. Wenn man die­se Ritua­le ver­letzt, dann ent­steht ein Schock.

PARZINGER Die ein­zel­nen Berei­che Kunst, Gesell­schaft und Reli­gi­on sind in der Früh­zeit eng ver­wo­ben. Das sind ver­schie­de­ne Strän­ge, die zu einem Zopf gefloch­ten wer­den. Auf den ver­schie­de­nen Kon­ti­nen­ten ent­wi­ckeln sich die Din­ge zu unter­schied­li­chen Zei­ten. Die Ent­wick­lung ist dabei über­all vom Natur­raum geprägt. In die­ser Ent­wick­lung gibt es aber nie eine abso­lu­te Zwangs­läu­fig­keit. Der Mensch ist zwar stark natur­be­stimmt, kli­ma­de­ter­mi­niert. Aber das erklärt nicht alles.

KLUGE „Wie­viel Blut und Grau­sen ist auf dem Grun­de aller ‚guten Din­ge‘“, heißt es bei Fried­rich Nietz­sche.

PARZINGER Für Rom und das Osma­ni­sche Reich bedeu­tet die­se Aus­sa­ge die grau­sa­me Erobe­rung eines Gebie­tes. Aber danach kann bis­wei­len eine über­ra­schend gro­ße Tole­ranz gegen­über den Gepflo­gen­hei­ten der Erober­ten ein­set­zen, solan­ge sie sich fügen.

KLUGE Wenn der Feind auf Abstand gebracht ist, kann ich Cle­men­tia üben. Wenn die sephar­di­schen Juden beim Sul­tan Auf­nah­me und Tole­ranz fin­den, spricht das für das Osma­ni­sche Reich. Anschlie­ßend sind sie sei­ne bes­ten Artil­le­ris­ten.

PARZINGER Bei den Römern ist es genau­so. Es ist klü­ger, auf die­se Art und Wei­se Sicher­heit und dau­er­haf­ten Frie­den zu erzeu­gen als mit dem Schwert. Ein­hei­mi­sche konn­ten römi­sche Bür­ger wer­den. Man muss­te nur 25 Jah­re im römi­schen Heer gedient haben, dann bekam man das römi­sche Bür­ger­recht und konn­te von enor­men Vor­zü­gen pro­fi­tie­ren.

KLUGE Das ist so wie bei der EU, die in ihren bes­ten Momen­ten Gesetz­ge­bung und Stra­ßen­bau her­vor­bringt. Zum Glück hat sie kei­ne Legio­nen.

PARZINGER Das ist die gro­ße Anzie­hungs­kraft, die man bis in die Ukrai­ne spürt. Aber die Din­ge wer­den sich nicht schlag­ar­tig ändern. Es ist ein lan­ger Weg. Aber das Ziel ist klar.

KLUGE Die Schlacht vom Teu­to­bur­ger Wald wäre unnö­tig gewe­sen, wenn die Ger­ma­nen die­se Sehn­sucht gehabt hät­ten, wel­che die West­ukrai­ner haben.

PARZINGER Mag sein. Aus römi­scher Sicht jeden­falls ist die Schlacht im Teu­to­bur­ger Wald kaum nach­voll­zieh­bar. Was woll­ten die Römer dort? War es nur der Drang des Eroberns? Was hät­te Ger­ma­ni­en gebo­ten? Archäo­lo­gie ist für mich ein Teil der Geschich­te. Es han­delt sich um eine Geschich­te, die mit ande­ren, mit mate­ri­el­len Quel­len geschrie­ben wird. Sie dient dazu, den Men­schen der frü­hes­ten Ver­gan­gen­heit zu ver­ste­hen. Doch wir kön­nen nicht alle Fra­gen beant­wor­ten.

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Alex­an­der Klu­ge, 1932 in Hal­ber­stadt gebo­ren, lebt als Schrift­stel­ler und Fil­me­ma­cher in Mün­chen. Für sein Werk wur­de er mit zahl­rei­chen Film- und Lite­ra­tur­prei­sen aus­ge­zeich­net, dar­un­ter dem Georg­Büch­ner-Preis, dem Kleist-Preis, dem Gol­de­nen Löwen der Film­fest­spie­le Vene­dig und dem Adolf-Grim­me-Preis. Zuletzt erschien Das Buch der Kom­men­ta­re. Unru­hi­ger Gar­ten der See­le (Suhr­kamp, 2022).

Quel­le: VOLLTEXT 1/2023 – 14. März 2023

Online seit: 18. April 2023

Online seit: 18. April 2023

Zuletzt geän­dert: 18. Apr. 2023