„Maulwurf und Storch“

Gesprä­che und Geschich­ten zum 90. Geburts­tag von Hans Magnus Enzens­ber­ger – Tex­te & Mate­ria­li­en aus Alex­an­der Klu­ges sie­ben Kör­ben.

„Ich bin der Sabo­teur mei­ner Depres­sio­nen“

HANS MAGNUS ENZENSBERGER Die Idee der Ori­gi­na­li­tät ist rela­tiv, ich schrei­be wei­ter, fan­ge nicht von vor­ne an. Man hat ein Kol­lek­tiv im Rücken, sogar neben sich. Ein Autor ist wie ein Radio-Kopf, in dem alle mög­li­chen Stim­men auf­ge­fan­gen wer­den, die Stim­men der ande­ren. Die Spra­che ist nicht mein Pri­vat­ei­gen­tum. Ich habe eine wun­der­ba­re Zei­tungs­frau, der ich mor­gens, wenn ich die Zei­tung hole, gern zuhö­re. Viel­leicht hat die einen Satz, den ich steh­len kann.

ALEXANDER KLUGE Inso­fern ist man ein Trans­mit­ter, ein Ver­stär­ker.

ENZENSBERGER Natür­lich gehört auch eine Öko­no­mie dazu, die der All­tag nicht hat. Der All­tag ist unöko­no­misch, ein Ver­schwen­der. Die poe­ti­sche Arbeit ist öko­no­misch. Was heißt Poe­sie? Ein Vor­zug die­ser Form ist, auf einer hal­ben Sei­te viel sagen zu kön­nen. Das ist öko­no­misch, das gefällt mir.

KLUGE Sie haben 1960 das Muse­um der moder­nen Poe­sie ver­öf­fent­licht.

ENZENSBERGER Das war mein Welt­emp­fän­ger. Wir hat­ten durch den Faschis­mus unge­fähr 15 Jah­re einen Black­out und wuss­ten nicht, was in der Außen­welt pas­siert. Es gab auch für mich eine Mau­er, denn die­se Nazi­sa­che war unan­ge­nehm, weil man nicht raus konn­te. Man war ein­ge­mau­ert von die­sem Zeug. Die ein­zi­ge Mög­lich­keit raus­zu­kom­men war, in die rus­si­schen Step­pen zu mar­schie­ren. Das war ein Antrieb der Sol­da­ten: Sie kamen nach Paris, sie kamen end­lich aus die­sem Ding her­aus. Das ist ein Teil der Ener­gie die­ses Kriegs. Als es mög­lich wur­de, war es wich­tig, die Wie­der­ge­win­nung von Welt auch