Der Untergrund des Abendlandes

Über den englischen Magier, Okkultisten und Romancier Aleister Crowley, samt der Spuren, die er in der Literaturgeschichte hinterlassen hat. Von Uwe Schütte

Online seit: 2. September 2019
Aleister Crowley
Aleister Crowley um 1936.

Schwer, unmöglich gar, erscheint mir, die wahre Gestalt des Aleister Crowley auszumachen hinter den Mystifizierungen seiner Anhänger und den Verleumdungen seiner Gegner. Die knapp zwanzig Biografien, zumeist im Umfang von 500 Seiten oder mehr, die im Verlauf der vergangenen fünf Dekaden über ihn erschienen sind, haben die Legendenbildung um den Okkultisten tendenziell noch verstärkt.

Crowley war in mancherlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung: In Anlehnung an die Apokalypse des Johannes verlieh er sich das Epitheton „The Great Beast 666“ und stiftete die neue Religion des Thelema, welche die Herrschaft des Christentums ablösen sollte, um allen Menschen eine freie Selbstentfaltung ihrer inneren Anlagen zu ermöglichen.

In einer wegweisenden Erneuerung der okkulten Bewegungen des Westens, verband die Lehre des Thelema diverse magische, mystische, spirituelle und philosophische Ideen und Praktiken aus Orient wie Okzident zu einer Synthese. Seine unermüdliche Arbeit als Prophet des Thelema machte Crowley zu einer der führenden Figuren im Okkultismus des 20. Jahrhunderts; darüber hinaus beeinflusste er durch seine Schriften die Mehrzahl der gegenwärtigen magisch-esoterischen und neuheidnischen Bewegungen.

Crowley war nicht nur Extrembergsteiger und Schachmeister, Großwildjäger und Geheimdienstzuträger, er schuf auch
bemerkenswerte Gemälde und verfasste eine beachtliche Zahl an Büchern.

Für Crowley war klar: Die Zukunft hängt ganz davon ab, ob es der Gesellschaft gelingt, einen fundamentalen Gesinnungswandel zu durchlaufen. Für diese nicht zuletzt spirituelle Erneuerung kämpfte er. Natürlich vergebens: The Great Beast starb im Dezember 1947, in Alter von 73 Jahren, als Heroinabhängiger, weitgehend verlassen und verarmt, in einer billigen Pension bei Hastings in Südengland. Bis zum Ende hielt er unvermindert an seiner Mission fest, ein neues Äon einzuleiten, in dem das Gesetz des Thelema die Menschheit zu einem freien, selbstbestimmten Leben führen wird, jenseits der falschen Versprechungen und repressiven Lehren des Christentums.

Wie immer man auch Crowley bewerten mag, ein Scharlatan war er nicht. Dass er mit ganzem Einsatz unverbrüchlich an seinem okkulten Lebenswerk arbeitete, macht ihn zu einem fortdauernden Referenzpunkt für all jene, die sich nicht abspeisen lassen wollen mit dem Vorgeschriebenen. Das Gedächtnis Crowleys lebt bis heute fort in den unterschiedlichsten Formen. Abergläubisch angehauchte Sinnsucher benutzen das von ihm gestaltete Tarot-Deck zur Divination; in seinem weltweit verbreiteten Initiationsorden Ordo Templi Orientis (OTO) wird spirituelle Befreiung durch sex magick gesucht. Das Great Beast 666 hat in erstaunlicher Weise aber ebenso Eingang gefunden in die populäre Gegenkultur, insbesondere in die Pop-Musik; nicht zuletzt legt auch die Literatur ein beredtes Zeugnis ab vom Faszinosum Crowley.

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Die Geschichte der westlichen Esoterik liefert das verdrängte Gegenstück zur unheiligen Allianz von Christentum und Kapitalismus, dem monotheistisch unterfütterten Materialismus unserer Gesellschaften. Im Okkulten begegnen wir einem abgelehnten, zurückgewiesenen Wissen; der intellektuelle Untergrund des Abendlandes. Eine der lebendigsten Ausprägungen dieses verleugneten Archivs ist jene esoterische Pop-Musik, die der Musikjournalist David Keenan als „England’s hidden reverse“ bezeichnet hat.

Im Post Punk der Achtzigerjahre erlebten Crowleys Lehren dank der Industrial Music eine veritable Renaissance; nicht nur Throbbing Gristle und die Nachfolgebands Psychic TV und Coil sind ganz wesentlich geprägt durch den selbsternannten Master Therion. Heute sind es Musiker wie David Tibet mit Current 93, die dafür sorgen, dass Crowley und seine Lehre nicht in Vergessenheit geraten. Doch das war nur möglich, weil die gegenkulturelle Pop-Musik der Sechziger den Boden bereitet hatte: Auf dem Cover von Sgt. Pepper ist oben links ein glatzköpfiger Crowley zu sehen, ebenso trugen Jim Morrison, Jimmy Page, Mick Jagger und David Bowie in den Siebzigern ihre Verehrung von Crowley mal mehr, mal weniger offen zur Schau.

William Somerset Maugham fand seinen Landsmann zwar sofort unsympathisch, konnte sich dessen Ausstrahlungskraft aber nicht ganz entziehen. Crowley sei „a fake, but not entirely a fake“.

In der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts wiederum verfügt Crowley über eine von der regulären Literaturkritik zumeist übersehene Präsenz. Nicht nur war 666 ein ausgezeichneter Extrembergsteiger und Schachmeister, Großwildjäger und Geheimdienstzuträger, er schuf auch bemerkenswerte Gemälde und verfasste eine beachtliche Zahl an Büchern. Seine wichtigsten und wirkungsmächtigsten Veröffentlichungen waren die magischen Schriften, die der Verbreitung seines okkulten Wissens dienen sollten, darunter insbesondere sein Opus magnum Magick in Theory and Practice. Denn seine Auffassung von magick, wie er die Praxis der Zeremonialmagie in Abgrenzung von den Taschenspielertricks der Bühnenmagier und betrügerischen Spiritisten nannte, war eine eminent demokratische: sie sollte ein Emanzipationsvehikel für alle sein.

Crowley verfasste unzählige literarische Texte – Lyrikbände, Versdramen, Erzählungen und zwei Romane sowie die nur zum Teil fertiggestellte, auf sechs Bände angelegte Autobiografie The Confessions of Aleister Crowley, die er mit bezeichnender Hybris als „Autohagiografie“ bezeichnete. Hinzu kommen noch zahlreiche Rezensionen und literaturkritische Essays aller Art, die zumeist tendenziöser Natur sind. Das besondere literarische Steckenpferd Crowleys war die in Privatdrucken publizierte pornografische Lyrik, in denen das Mysterium der sex magick gefeiert wurde, welche den Kern der thelemitischen Lehre ausmacht.

Aleister Crowley © Arnold Genthe
Aleister Crowley als Baphomet X° im OTO (1919).
Foto: Arnold Genthe

Nach seiner unbescheidenen Selbsteinschätzung zählte sich Crowley zu den bedeutendsten Autoren Englands, im Rang eigentlich gleich mit Shakespeare. Diese große Bedeutung maß sich Crowley zu, weil seine literarischen Texte dem dienten, was er unter The Great Work verstand: die Lehre des Thelema auch mit den Mitteln der Literatur zu verbreiten.

1907 gründete Crowley seine erste eigene magische Organisation, den Argentum Astrum, abgekürzt als A…A… Das halbjährlich, jeweils zur Tagundnachtgleiche erschienene Organ des Ordens trug den treffenden Titel Equinox. Quasi an Karl Kraus erinnernd, bestückte Crowley das umfangreiche Magazin nahezu in Alleinregie. Neben magischen Schriften aller Art lieferte Equinox ebenso eine Plattform, um kürzere bis mittellange Prosatexte zu veröffentlichen. Gleich in der ersten Ausgabe erschien mit „At the Fork of the Roads“ eine Erzählung, die eine gehässige Abrechnung mit William Butler Yeats unternahm: Unverhohlen wird dem Ordensbruder vom Hermetic Order of the Golden Dawn und nachmaligem Nobelpreisträger unterstellt, im Jahre 1899 eine schwarzmagische Attacke auf Crowley unternommen zu haben.

Um sein spirituelles Zentrum zu propagieren, schrieb Crowley seinen zweiten Roman The Diary of a Drug Fiend. Das Buch entstand in nur 27 Tagen.

Frater Perdurabo, so der Ordensname Crowleys, war in einen Konflikt geraten mit dem Oberhaupt des Golden Dawn, Samuel Liddell Mathers, auf dessen Seite sich Yeats schlug. In Vorwegnahme von Wikileaks benutzte Crowley nun Equinox dazu, den rosenkreuzerischen Geheimorden zu zerstören, indem er in seiner Zeitschrift die streng gehüteten Rituale des Golden Dawn veröffentlichte. Das Journal publizierte ebenso Rezensionen, literaturkritische wie magische Essays, die Liturgie der gnostischen Messe nach dem Thelema-Ritus und anderes aus der Feder von Crowley, daneben aber immer wieder auch seine Erzählungen, weshalb Equinox zusammen mit der Zeitschrift The International Crowleys primäre Plattform für seine literarische Prosa war.

Diese besaß, keineswegs unähnlich den Erzählungen von E. A. Poe, Schwerpunkte im Bereich der Kriminalgeschichte und Horrorstory. Crowley erfand den magischen Detektiv Simon Iff, der wiederholt die bizarrsten Verbrechensfälle zu klären vermag aufgrund seiner Fähigkeit, dank okkulter Techniken die rationale Vorgehensweise der konventionellen Ermittler zu übertreffen. Im Feld des Horrorgenres wiederum darf man Crowley als einen entfernten Verwandten von H. P. Lovecraft sehen, der freilich im Gegensatz zum Great Beast 666 nicht daran glaubte, dass übersinnliche Kräfte tatsächlich in die Alltagsrealität hineinwirken können.

„The Testament of Magdalen Blair“ (1913) beispielsweise erzählt die Geschichte einer dämonischen Besessenheit mit solchem Geschick für den sich langsam ausbreitenden Horror, dass die Erzählung in jede einschlägige Anthologie gehört. In „The Drug“ (1909) wird ein durch psychedelische Rauschmittel ausgelöster Horrortrip beängstigend anschaulich beschrieben, wobei Crowley auf eigene Erfahrungen zurückgreifen konnte. Seine wohl bekannteste Prosa ist „The Strategem“ (1914). Darin treffen auf einem einsamen Bahnhof zwei Fremde zusammen, von denen sich einer als Mehrfachmörder entpuppt, der berichtet, mit welch genialer Strategie er es schaffte, sich von seiner lebenslänglichen Internierung in der Strafkolonie Devil’s Island zu befreien. Überraschende Wendung im letzten Satz inkludiert. Crowley mag kein literarisches Genie gewesen sein, mit der englischen Erzählprosa seiner Zeit kann er locker mithalten.

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Eine der Konstanten der britischen Kultur seit dem frühen 20. Jahrhundert ist die Perfidität und Verlogenheit der Gossenpresse. Crowley wurde von den Revolverblättern mit besonderem Eifer verfolgt und bei jeder Gelegenheit auf das Widerwärtigste verleumdet. Allerdings bot er den Lügenblättern mehr als genügend Angriffsfläche durch sein um alle bürgerlichen Normen unbekümmertes Verhalten. Dass Crowley vom konservativen Wochenmagazin John Bull als „wickedest man in the world“ oder „king of depravity“ geschmäht wurde, war in seinen Augen freilich zugleich eine willkommene Auszeichnung. Die mal übertriebenen, mal frei erfundenen Berichte über seine sexuellen Exzesse, den sagenhaften Drogenkonsum und die alle guten britischen Werte beleidigenden Vorkommnisse in Crowleys pornografischen Dichtungen sorgten langfristig für die beabsichtigte character assassination des Magiers, der eine derart verrufene Berühmtheit erlangte, die seinen schon zu Lebzeiten zur Legende geronnenen Namen zu einem jederzeit in den unterschiedlichsten Diskursen anzitierbaren Inbegriff des Bösen machte. Aktuell zu beobachten ist dies in der Netflix-Serie Good Omens, in welcher der von Neil Tennant gespielte Dämon den Namen Crowley trägt, ohne dass Verbindungen zum realen Vorbild bestehen würden.

Aleister Crowley und Fernando Pessoa beim Schach
Crowley beim Schachspiel mit Fernando Pessoa in Lissabon.

Der charismatische Charakter Aleister Crowleys und seine vielfach kolportierten Perversionen als Galionsfigur der modernen Esoterik inspirierten mindere bis herausragende Autoren, ihn erkennbar zum Protagonisten fiktionaler Texte zu machen. Ein Beispiel für erste Kategorie liefert der unter dem Falschnamen James Harvey schreibende Autor, der die fiktionalen Memoirs of Aleister Crowley (1967) verfasst hat, ein semipornografisches Machwerk, in dem Crowley zu einer Art englischer Marquis de Sade des 20. Jahrhunderts stilisiert wird.

Zumal im Bereich von Horror, Fantasy und Science-Fiction taucht Crowley immer wieder unverhohlen auf, so in den Geschichten der britischen Gespensterschriftsteller H. R. Wakefield und M. R. James, der Okkultistin Dion Fortune (eine ehemalige Ordensschwester Crowleys) oder den amerikanischen pulp fictions eines Manly Wade Wellman, die zwar allesamt kaum zur Hochliteratur gerechnet werden können, aber für die populäre Legendenbildung des Great Beast 666 kaum unterschätzt werden sollten. Diese Linie zieht sich fort bis zu Robert Anton Wilson, dem Autor der satirischen Illuminatus!-Trilogie (1969-1971), welche die in der Popkultur einflussreiche Pseudo-Religion des Diskordianismus begründete.

Eingang in die kanonisierte Literatur fand Crowley in der Figur des heimtückischen Magiers Oliver Haddo in William Somerset Maughams „parapsychologischem“ Roman The Magician (1908). Frater Perdurabo und Somerset Maugham hatten sich zur Jahrhundertwende während der Pariser Jahre Crowleys im Restaurant Le Chat Blanc kennengelernt. Neben der Bekanntschaft mit Auguste Rodin und Marcel Schwob gehörte der Schriftsteller zu den wichtigsten Kontakten Crowleys in der französischen Kapitale. Maugham fand seinen Landsmann zwar sofort unsympathisch, konnte sich dessen Ausstrahlungskraft aber nicht ganz entziehen. Crowley sei „a fake, but not entirely a fake“, lautete sein Urteil.

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Entsprechend negativ fällt die Romanfigur des Magiers Haddo aus, in dem das Beast 666 nur unschwer zu erkennen war. Als Crowley auf das Buch stieß, zeigte er sich überrascht, aber durchaus erfreut über das literarische Zerrbild: „The Magician was, in fact, an appreciation of my genius such as I had never dreamed of inspiring“, bekannte er später in seinen Confessions. In sei-ner zeitnah in Vanity Fair erschienenen (und unter dem Pseudonym Oliver Haddo verfassten) Rezension klang das noch etwas anders: Dort warf Crowley dem Autor literarisches Plagiat vor sowie unautorisierte Nutzung seiner im privaten Kreis gemachten Ausführungen. Der Roman gehörte zu den frühen Erfolgen von Somerset Maugham und wurde 1926 verfilmt, mit Paul Wegener in der Hauptrolle des Haddo. So gelangte die zum satanischen Popanz entstellte Figur des Crowley sogar ins Kino.

Im Buch tritt Haddo als Schwarzmagier auf, dessen Experimente der Erschaffung von Homunculi dienen. In Paris lernt er die attraktive, 19 Jahre alte Margaret Dauncey kennen, die eigentlich mit dem Londoner Chirurgen Arthur Burdon verlobt ist. Doch die Magie und Hypnose durch Haddo tun ihre Wirkung: Margaret heiratet den korpulenten, rundum abstoßenden Nekromanten. Als die junge Frau auf dem englischen Landsitz Haddos unter mysteriösen Umständen stirbt, mutmaßlich aufgrund eines magischen Rituals, verdächtigt Burdon den Okkultisten des Opfermordes und sinnt auf Rache.

Vermittels einer Geisterbeschwörung gelingt es ihm, seinen Verdacht zu erhärten, weshalb er Haddo telekinetisch zu erdrosseln versucht. Als er danach ins Landhaus eindringt, findet er den Magier tot vor. In dessen schauerlichem Labor wiederum trifft er auf grauenvolle Weise schnatternde Homunculi, deren furchteinflößende Existenz sich der geraubten Lebensenergie von Margaret verdankt. Angewidert steckt Burdon das Anwesen in Brand, sodass die zuckenden Wesen mit ihrem toten Herrn verbrennen.

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Zentriert um die Erzeugung einer Art Homunculus ist auch Crowleys erster Roman, Moonchild, der gegen Ende des Ersten Weltkriegs in New Orleans geschrieben wurde, aber erst 1929 erscheinen konnte. Der Gesinnungswandel in Crowleys Einstellung zu Somerset Maughams diffamierendem Roman mag damit zusammenhängen, dass die Möglichkeit der magischen Herstellung eines Homunculus bei ihm zu einer Obsession gereift war. Moonchild war insofern eine Reaktion auf The Magician, aber ebenso eine als Schlüsselroman lesbare Abrechnung mit dem magischen Gegner Mathers vom Golden Dawn.

Vor allem aber war Moonchild eine Form der Autosuggestion, in der sich Crowley im Akt des Schreibens der Machbarkeit des magischen Eingriffs in die Welt versichern wollte. Der Roman erzählt von der Kreation des Mondkindes, aus dem einmal eine Erlöserfigur der Menschheit werden soll. So zumindest plant es der weiße Magier Cyril Grey, das alter ego Crowleys, dessen Pläne jedoch ein schwarzer Magier namens Douglas zu durchkreuzen versucht. Beide Magier treten in einen Wettstreit, bei dem Grey selbstredend als strahlender Sieger hervorgeht. In den Kampf um das Mondkind greift dann gegen Ende des Romans die Realgeschichte zur Zeit der Niederschrift ein: der Erste Weltkrieg bricht aus, und Grey unterstützt die glorreichen Alliierten, während Douglas sich auf die Seite der bösen Deutschen schlägt.

Hinter dem schwarzen Magier Douglas verbirgt sich natürlich Crowleys Opponent Mathers, wobei die im Roman unternommene Schmähung seines Feindes besonders unredlich ist, da Mathers im Großen Krieg sein Heimatland durch tätigen Einsatz unterstützte, während Crowley im US-Exil für ein antibritisches Propagandablatt schrieb. Auch das restliche Romanpersonal ist unschwer auf tatsächliche Vorbilder aus dem Umfeld von Crowley zurückzuführen: „A.B.“ ist die Theosophin Annie Besant, hinter „Mahatera Phang“ verbirgt sich ein enger Freund, der Buddhist Allan Bennett, während die Figur der „Lisa la Giuffria“, die das Mondkind zur Welt bringen soll, auf Crowleys ehemaliger Geliebter Mary D’Este Sturges beruht. Auch der Antipode W. B. Yeats taucht erneut auf, nämlich als „Gates“, ein verlotterter irischer Dichter mit schmutzigen Fingernägeln.

Bereits im September 1914 hatte Crowley für den neunten Initiationsgrad des Ordo Templi Orientis eine Instruktionsschrift On the Homunculus verfasst, welche die Vorlage für die im Roman beschriebenen Riten liefert, dank derer sich das Mondkind in Lisa la Giuffria inkarnieren soll. Dazu wird die Frau einem rigiden Rhythmus täglicher Ritualübungen unterworfen, die ihren Körper darauf vorbereiten sollen, dass sich gemäß traditionellem esoterischen Denkens im neuentstandenen Fötus die Seele einer nichtmenschlichen Kraft einnisten kann, sodass ein übernatürliches Wesen zu entstehen vermag. Um dies zu erreichen, muss das erzeugende Paar seine zur Empfängnis führende sex magick zu astrologisch günstigen Zeiten unter begleitenden Beschwörungen lunarer Kräfte ausführen.

Zwar griff der Roman bestehende esoterische Traditionen im Hinblick auf die Vorstellung eines mit besonderen magischen Kräften ausgestatteten Mondkindes auf, aber die Prominenz Crowleys im Kontext der westlichen Esoterik sorgte dafür, dass die zuvor eher marginale Tradition eine (sub-)kulturelle Präsenz gewann. Neben drei Horrorfilmen mit dem Titel Moon Child hat etwa der Avantgarde-Jazzer John Zorn ein explizit von Crowley inspiriertes Album gleichen Titels veröffentlicht. Mark Frost und David Lynch implizieren in dem großartigen Twin Peaks, dass die übernatürlichen Fähigkeiten der zentralen Figur des Dale Cooper das Resultat eines fehlgelaufenen magischen Experiments mit seiner schwangeren Mutter sein könnten, was ebenso auf Moonchild verweist wie der Plot von Rosemary’s Baby im Roman von Ira Levin bzw. der Verfilmung durch Roman Polanski, wo die Rolle des imprägnierenden Magiers natürlich vom Teufel selbst übernommen wird.

Moonchild fand aber auch ganz konkrete Nachahmung: Der US-Raketenexperte Jack Parsons, Mitglied des amerikanischen OTO, unternahm gemeinsam mit L. Ron Hubbard, dem späteren Gründer von Scientology, Anfang 1946 eine Versuchsreihe magischer Sex-Experimente zur Hervorbringung eines Mondkindes, in dem sich die Göttin Babalon, der feminine Aspekt des Neuen Äons, manifestieren sollte. Als Crowley davon erfuhr, sandte er wütende Briefe an Parsons, in denen er die beiden als gänzlich unqualifiziert für ein solches magisches Unterfangen beschimpfte.

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Unter den vielen absonderlichen und bizarren Episoden im Leben des Aleister Crowley gehört die Begegnung mit dem portugiesischen Jahrhundertschriftsteller Fernando Pessoa zu den merkwürdigsten Vorkommnissen. Genaueren Aufschluss darüber haben wir im Grunde erst seit 2012, als im Rahmen der deutschen Pessoa-Werkausgabe der von Steffen Dix herausgegebene Band Boca do Inferno. Aleister Crowleys Verschwinden in Portugal erschien. Dix rekonstruiert darin die von Spekulationen und Mystifikationen umrankten Ereignisse des September 1930, in dem Crowley nach Lissabon reiste, um mit Pessoas Hilfe einen portugiesischen Zweig des OTO zu begründen.

Das war keineswegs so absurd, wie es zunächst scheint, denn Pessoa be-saß ein dezidiertes Interesse an esoterischem Wissen und magischen Praktiken, weshalb er überhaupt in Kontakt mit Crowley getreten war: Nachdem er sich die ersten beiden Bände von dessen „Autohagiografie“ bestellt hatte, entdeckte Pessoa darin ein fehlerhaftes Horoskop, weshalb er Crowleys Londoner Verlag bat, dem Master Therion seine korrigierte Fassung zukommen zu lassen. Dieser reagierte prompt, vermutete er doch in dem portugiesischen Autor einen okkulten Bundesgenossen und potenziellen Statthalter.

Crowley reiste in die portugiesische Hauptstadt in Begleitung der 19 Jahre alten Künstlerin Hanni Jaeger, seiner damaligen scarlet woman (wie er seine Geliebten in Anlehnung an die Apokalypse nannte). Crowley und Pessoa besuchten verschiedene Kaffeehäuser, tauschten sich über magische Fragen und Winkelmauerisches aus – die Hoffnungen von Crowley auf eine iberische Ausdehnung seines Ordens erfüllten sich allerdings nicht. Der zurückgezogene, eigensinnige Pessoa zeigte sich zwar überaus fasziniert von dem außergewöhnlichen Pärchen, das seinetwegen angereist war, aber die eigenbrötlerische Arbeit an seiner Schreiberei war ihm wichtiger, wie auch sein privatistisches Interesse am Esoterischen nicht hinreichte, sich die Leitung einer portugiesischen OTO-Filiale aufzuhalsen. Gleichwohl deutet eine Tagebucheintragung Crowleys darauf hin, dass Pessoa am 9. September 1930 zumindest in den OTO initiiert wurde.

Das bedeutendste, Wellen durch ganz Europa sendende Vorkommnis dieser Zusammenkunft zweier außergewöhnlicher Männer ereignete sich am 23. September 1930, als das Great Beast unter mysteriösen Umständen von der Bildfläche verschwand und man in Cascais, einem außerhalb von Lissabon gelegenen Erholungsort, eine rätselhafte Botschaft aus Crowleys Hand fand, direkt an einem als Naturspektakel bekannten Felsenvorsprung, der im Volksmund als Boca do Inferno, Höllenschlund, bekannt ist aufgrund der Wildheit, mit der dort der Wellengang des Atlantik durch die Küstenklippen gebrochen wird. Das Naturschauspiel galt zudem als beliebter Suizidort, weshalb man die enigmatische Botschaft Crowleys sofort in diese Richtung deutete: „L.G.P. // I cannot live without you. The other ‚Boca de Inferno‘ will get me – it will not be so hot as yours! / Hjsos! / Tu / Li / Yu“.

Hanni Jaeger – die Crowley in Anspielung auf jenen Körperteil, den er an ihr am meisten liebte, als „Anu“ bezeichnete – hatte ein paar Tage vorher nach einem exorbitanten Streit kurzerhand das Land verlassen und war nach Deutschland gereist. Ein Verzweiflungsselbstmord schien daher die einfachste Erklärung zu liefern für das Verschwinden des Aleister Crowley angesichts der auffällig platzierten Botschaft am beliebten Suizidort. In Wirklichkeit war freilich alles ganz anders. Crowley nämlich war seiner scarlet woman kurzerhand in Richtung Berlin nachgereist, wo er ohnehin eine Ausstellung seiner Bilder veranstalten wollte. Dass sein gestellter Selbstmord der impulsiven und eigensinnigen Geliebten ein schlechtes Gewissen machen sollte (wenngleich man sich in Deutschland sofort versöhnte), war ein Motiv für sein Handeln.

Vor allem aber wollte er sich durch einen sensationellen Vorfall ins Ge-spräch bringen. Wenn Einigkeit besteht unter Adepten wie Verächtern von Crowley, dann darüber, dass dieser zeitlebens geradezu verzweifelt nach Anerkennung und Aufmerksamkeit schmachtete. Der publicity stunt am Boca do Inferno sollte ihm just dies erfolgreich einbringen, denn während er undercover in Berlin, arg geplagt von Durchfallbeschwerden, wieder der sex magick mit Jaeger frönte, ereiferte sich erst die portugiesische und dann auch die internationale Presse über das geheimnisvolle Verschwinden des Great Beast 666.

Die Täuschungsaktion war mithin ein voller Erfolg. Dass es aber so weit kommen konnte, hatte Crowley ganz wesentlich der Mitarbeit von Pessoa zu verdanken. Wie Steffen Dix ausführlich zeigt, arrangierte Pessoa nicht nur die „Entdeckung“ des angeblichen Abschiedsschreibens durch einen befreundeten Journalisten, der die Sensationsstory im wichtigsten Blatt Portugals verbreitete, er belog auch wiederholt die Polizei und Medien, indem er gezielte Fehlinformationen über Crowley streute. Mehr noch: Er orchestrierte durch Übersetzungen des portugiesischen Berichts das sich entfaltende Interesse der französischen wie englischen Presse am Verschwinden des Magiers und hielt diesen monatelang über einen Mittelsmann auf dem Laufenden.

Damit aber nicht genug! Pessoa hatte ein eigenständiges Interesse entwickelt an der Posse, denn er begann, eine Kriminalgeschichte über das Mysterium vom Höllenschlund zu schreiben, versteckt hinter der Maske eines anonymen englischen Privatermittlers. Das durch die europäische Presseberichterstattung generierte Interesse an dem Fall Crowley sollte dadurch bedient und befeuert werden. Pessoa trieb seine Lügen sogar noch weiter, indem er Crowleys Verschwinden mit dem unaufgeklärten Mord an einem Taxifahrer in der Nähe von Cascais verknüpfte, um so die Legende zu befestigen, Crowley sei ermordet worden. Doch auch das wird letztlich offengelassen, um die Wahrheit über das Verschwinden Crowleys in Portugal in der Schwebe zu lassen.

Immerhin 90 Druckseiten macht die von Steffen Dix aus der chaotischen Anordnung im Pessoa’schen Nachlass übersetzte und edierte Fassung der Kriminalgeschichte im Band der Werkausgabe aus. Sie bleibt Fragment, so wie ja das gesamte Werk Pessoas ein einziges Fragment darstellt. Aus verschiedenen Zeugnissen geht hervor, dass der Schriftsteller zunehmende Probleme mit dem Geltungsdrang vom Great Beast 666 hatte. Vielleicht aber erlahmte Pessoas Elan schließlich aus anderen Gründen. Die dem Crowley-Konvolut zugehörigen Manuskripte Pessoas wurden jedenfalls erst 2007 entdeckt. Mehr als 80 Jahre nach der denkwürdigen Begegnung zwischen dem zurückhaltenden Autor und dem exaltierten Okkultisten wird durch die Arbeit von Dix ein faszinierendes Dokument im Schnittbereich von Esoterik und Literatur, Okkultismus und Dichtung international erstmals greifbar. Eine der vielen lange Zeit verdeckten Spuren, die Aleister Crowley in der Literaturgeschichte hinterlassen hat.

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Best- und Longseller Aleister Crow­leys ist das Grundbuch der thelemitischen Religion, das Book of the Law, auch Liber AL vel Legis genannt. Die aus dithyrambischen Versen bestehende, dreiteilige Offenbarungsschrift geht zurück auf das Jahr 1904, wo sie in Kairo durch den mirakulösen Eingriff eines höheren, körperlosen Wesens entstanden sein soll. Mehrere Tage zu Beginn des Aprils, stets zur Mittagsstunde, so Crowley, sei ihm ein Schutzengel namens Aiwass erschienen und habe ihm den Text übermittelt.

An dieser Legende hielt Master Therion zeitlebens hartnäckig fest; wohl weil er selber fest dran glaubte. Nur seine Meinung darüber, wie es zur Niederschrift kam, änderte er 1909: Betrachtete Crowley die Entstehung zunächst als eine Form automatischen Schreibens, was ihn immerhin mit den Schreibexperimenten der Avantgarde seiner Zeit verbunden hätte, erklärte er das Book of the Law nun zu einem Diktat. Wie dem auch sei, der Umstand, dass der Stil weitenteils mit dem seiner anderen, nicht offenbarten Schriften übereinstimmt und nicht zuletzt der Umstand, dass Crowley darin den von ihm hoch geschätzten Rabelais (indirekt) zitiert, lässt doch erhebliche Zweifel an der Mär von der höheren Eingebung aufkommen.

Durch die Niederschrift des Book of the Law jedenfalls wird Crowley zum Verkünder des neuen Äons, das mit dem Zeitpunkt des wundersamen Empfangs der Offenbarung beginnt: 2000 Jahre, so Crowley in einem Kommentar zum Book of the Law, wird nun Horus die Geschicke bestimmen. Unter der Ägide des falkenköpfigen Gottes wird die Herrschaft des Christentums abgelöst von der neuen Religion des Thelema, dessen Prophet Master Therion ist. Eine neue Gesellschaftsordnung verspricht das Book of the Law, in dem Demokratie, Faschismus und Kommunismus für immer verschwinden werden. „We are all treated as imbecile children“, polemisiert Crowley, um zu raunen: „Liberty stirs once more in the womb of Time.“ Etwas Besseres als die herrschende Ordnung der Dinge muss kommen: „The establishment of the Law of Thelema is the only way to preserve individual liberty and to assure the future of the race.“

Kein geringes Versprechen. θέλημα (thélēma) ist das altgriechische Wort für „Wille“. Crowley hat den Kernbegriff seiner Lehre bei Rabelais entlehnt, den er für einen Initiierten hielt; im Roman Gargantua und Pantagruel (1532/64) lässt der Riese Gargantua die Abtei Thélème errichten, die als Modell einer idealen menschlichen Gesellschaft dargestellt wird. Mit dem Nietzscheanischen Willensbegriff hat Crowleys Verständnis von Thelema nichts zu tun. Religiös gefasst, ist der „Wille“ gleichsam der göttliche Funke in jedem Menschen, dessen Freilegung und Verwirklichung die eigentliche Bestimmung jeder Person darstellt.

In genau diesem Sinne ist das zentrale Glaubensbekenntnis des Thelema aus dem Book of the Law zu verstehen: „Do what thou wilt shall be the whole of the Law“. Nicht nur die Sinnsucher der Hippie-Bewegung haben das freilich anders, fundamentalistischer gelesen, nämlich als willkommene Lizenz zu rücksichtlsosem Hedonismus. Das eschatologische Versprechen Crowleys, mit dem Thelema werde eine bisher unbekannte Dimension individueller Befreiung einsetzen, tat ein Übriges, ihn nach seinem Tod zu einem Herold der subkulturellen Befreiung durch Sex und Drogen zu machen. Genauer hat Pessoa erfasst, was „Do what thou wilt shall be the whole of the Law“ auszudrücken versucht: „Die Formel bedeutet in ihrem Kern: Finde heraus, was du bist; Finde heraus, was der, der du bist, will; Tue, was du willst, als der, der du bist.“

Missverständlich ist auch eine gleich eingangs im Diktat von Aiwass zu findende, vielzitierte Feststellung: „Every man and every woman is a star“ will nicht auf Geschlechtergleichheit oder menschliche Würde oder dergleichen hinaus, sondern drückt aus, dass wir alle ein Teil des Kosmos sind, was nicht nur heißt, dass wir als Menschen astrologischen Gesetzen unterworfen sind, sondern ebenso unser Lebensweg, gleich den Laufbahnen der Planeten im Sonnensystem, vorgezeichnet ist durch unseren individuellen „Willen“, den wir entdecken und dem wir folgen müssen, um ganz im Einklang mit uns zu sein.

Dies illustriert auch einen der konzisen Bestimmungsversuche von magick durch Crowley: Als „the method of science, the aim of religion“, wie das Motto von Equinox lautete, definierte er seine Form der Esoterik als einen dritten Weg zwischen dem Rationalismus der Aufklärung und der Ethik des Christentums, die beide als begrenzte Sichtweisen der Welt nur unbefriedigende Antworten auf die großen Fragen liefern können. Erst durch seine magick als Vereinigung der zwei Denkweisen wird die ganze Einsicht in die Beschaffenheit der Welt und unseren wahren Platz im Kosmos ermöglicht.

Der evidente Misserfolg des Thelema als Befreiungsbewegung und die marginale Bedeutung des OTO im heutigen Religionspluralismus liegen auf der Hand, doch Crowleys Glaube an die Freilegung des eigenen Potenzials hat eine nicht geringe Karriere gemacht, man denke nur an die neoliberalen Selbstoptimierungsapostel, die Erfolgshungrigen Musterrezepte verkaufen, mit denen Glück, Reichtum und berufliches Fortkommen erreicht werden können. Auch das zu betrügerischen Geschäftszwecken aufgestellte Versprechen der Church of Scientology, mit (pseudo-)wissenschaftlichen Methoden das ganze geistige Potenzial eines Menschen nutzbar machen zu können, erinnert nicht von ungefähr an Crowleys Selbsterkenntnislehre, bedenkt man den engen Kontakt von L. Ron Hubbard zum amerikanischen OTO Eine markante Nähe weisen die Lehren des Thelema auch zur tiefenpsychologischen Selbsterforschung auf, wie sie die Jung’sche Traumanalyse als kulturell anerkannte Methode liefert.

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Das immense Sendungsbewusstsein des unstet den Globus bereisenden Crowley verlangte nach einem Ruhepol und einem Stützpunkt, von dem aus er die Lehre des Thelema verbreiten konnte. Den Ort, der zum Zentrum seiner spirituellen Erneuerungsmission auserkoren wurde, lag in Sizilien. Hoch über dem Fischerdorf Cefalù mietete er 1920 ein Haus, das er (nach Rabelais) zur Abbey of Thelema erklärte. Dort errichtete Crowley eine Kommune, die intendiert war als Akademie magischer Praktiken und thelemitischer Rituale; zugleich war das Ganze ein Geschäftsmodell: erleuchtungsbedürftige Kommunarden und zahlungswillige Zauberlehrlinge sollten Geld in die klamme Kasse Crowleys spülen.

Um sein spirituelles Zentrum zu propagieren, schrieb Crowley seinen zweiten Roman The Diary of a Drug Fiend. Das Buch entstand in nur 27 Tagen, in denen Crowley es in London seiner scarlet woman Leah Hirsig diktierte. Nicht nur aufgrund seiner reißerischen Thematik war der im November 1922 publizierte Roman ein sofortiger Verkaufsschlager: Eine Rezension im Sunday Express war mit „A Book for Burning“ überschrieben und forderte neben der Verbrennung des Buches auch die Inhaftierung des Autors, der nicht anders behandelt werden sollte als Kokainschmuggler. Die anderen Besprechungen waren auch nicht viel besser. Insgesamt sorgten die Pressereaktionen dafür, dass die Erst­auf­lage von 3000 Exemplaren umgehend ausverkauft war, der eingeschüchterte Verleger jedoch auf eine Neuauflage verzichtete.

Beim Thema Drogen vermochte Crowley aus dem Vollen zu schöpfen. Dem Roman kommt das literarisch zugute, denn sowohl die Beschreibungen der durch Kokain und Heroin befeuerten Ekstasen wie auch die erbärmlichen Qualen beim Versuch sich der Substanzen zu entwöhnen, werden anschaulich geschildert und ergeben keineswegs ein plattes Drogenplädoyer. Mit heutigen Augen betrachtet, repräsentiert das Buch ein bemerkenswertes Werk der Autofiktion. Zur Zeit der Niederschrift nahm der lebenslange junkie Crowley, wie auch Hirsig, enorme Heroindosen zu sich, um die frenetische Arbeit am Roman aufrechterhalten zu können. The Diary of a Drug Fiend ist ein würdiger Vorläufer späterer Drogenliteratur von Autoren wie William Burroughs, Jack Kerouac oder Irvine Welsh.

Die Einheimischen beobachteten den Mix aus sex, drugs und magick samt der Nacktbaderei mit großer Empörung.

Die Handlung des stilistisch teils dürftigen Buches kreist um die zunächst vergeblichen Bemühungen eines Liebespaars, sich ihrer Sucht nach Kokain und Heroin zu entledigen. Auf eigene Faust oder mit ärztlicher Hilfe unternommene Entziehungskuren scheitern spektakulär. Die Lösung aber bringt ein charismatischer Magus namens King Lamus; ein weiteres unverhohlenes alter ego von Crowley. Lamus wird als souveräner Drogenkonsument inszeniert, der sich die Substanzen zur Erreichung höherer spiritueller Erkenntnis verabreicht, ohne in irgendeiner Weise süchtig danach zu werden – das genaue Gegenteil des realen Crowley.

Deutlich von der täglichen Praxis in der Abbey of Thelema wich die idealisierte Darstellung des Lebens im Haus in Cefalù ab, die der Roman in seinem abschließenden dritten Teil liefert. Eine kurze, davor eingefügte Notiz wies die Leser darauf hin, dass der beschriebene Ort tatsächlich existiert und man sich an den Autor wenden soll, wenn man dort Hilfe suchen möchte. Der Roman schildert die Abbey of Thelema als eine Akademie magischer Praktiken und thelemitischer Rituale, mit deren Hilfe die Drogensüchtigen die nötige Selbsterkenntnis erreichen, um ihre Sucht abzulegen. Ein billiges, kitschiges Ende. Zumal die wahren Verhältnisse in Cefalù doch erheblich anders aussahen.

Das Interesse, sich dort gegen Bezahlung spirituelle Hilfe aller Art zu su-chen war eher gering, trotz der Werbeaktion mit dem Roman. Crowley reiste regelmäßig nach Palermo, um Heroinnachschub zu besorgen und sich mit Stricherjungen zu vergnügen. Die Einheimischen beobachteten den Mix aus sex, drugs und magick samt der Nacktbaderei mit großer Empörung. Als im Februar 1923 ein Student aus Oxford unter unglücklichen Umständen, an denen Crowley keine Schuld traf, ums Leben kam, ermittelte die lokale Polizei gegen ihn, wie auch die britische Gossenpresse eine erneute Verleumdungskampagne gegen ihn startete.

Benito Mussolini persönlich unterschrieb die Ausweisungsorder gegen Crowley.

Die Hoffnung, mit der Abbey of Thelema eine solide Basis für die Aus-übung und Verbreitung von Thelema gefunden zu haben, erwies sich als Trugschluss. Der gescheiterte Cefalù-Aufenthalt faszinierte allerdings sizilianische Schriftsteller. Darunter befanden sich Autoren wie zuletzt Giuseppe Quatriglio mit Il diavolo a Cefalù (1995), als auch Leonardo Sciascia, der 1973 die Apocrifi sul caso Crowley verfasste, in denen es um die 1923 von Benito Mussolini persönlich unterschriebene Ausweisungsorder gegen Crowley geht.

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Ortstermin in Cefalù, Dezember 2017. Google Maps weist die „Abbazia di Thelema“ als place of worship aus und führt verlässlich den Hügel hinauf. Die Ruine ist von verwildertem Gebüsch umsäumt, das Dach schon vor Jahren eingestürzt. Das simple Haus ist von einem grünen Drahtzaun eingehegt. „PROPRIETÀ PRIVATA / DIVIETO DI ACCESSO / PERICOLO DI CROLLI“ warnt ein Schild auf dem mit Holzlatten zugenagelten Fenster. Ich ignoriere die Warnung, krieche durch ein Loch im Zaun in den Garten. Nur ein Fenster ist nicht verbarrikadiert – dort steige ich ins Haus ein.

Die meisten Zimmer hat die Natur zurückerobert: Crowleys alter Herd steht inmitten hüfthoher Pflanzen, die sich ihren Weg durch die herabgefallenen Dachziegel gebahnt haben. Von den Betten sind nur noch verrostete, verbogene Gestelle übrig geblieben. Kann der ramponierte Kühlschrank tatsächlich aus den Zwanzigerjahren stammen? Das total verdreckte Badezimmer jedenfalls ist authentisch und sieht wie Resident Evil entsprungen aus. Die Wände waren früher allesamt bemalt. Crowley hatte sie mit rituellen Fresken verziert, in denen u. a. Schlangen, nackte Teufelsfiguren, Satyrn, androgyne Monster und pornografische Szenen zu sehen waren. Die meisten Fresken wurden von den abergläubischen Einheimischen übermalt, nachdem Crowley und seine Entourage vertrieben waren. Der Regisseur und Crowley-Sekretär Kenneth Anger – dessen Film Lucifer Rising von 1972 auf dem Denkgebäude des Thelema basiert – hat sie 1955 weitgehend wieder freigelegt.

Ob die Darstellungen, die man heute noch an verschiedenen Stellen sehen kann, authentisch sind, vermag ich nicht zu entscheiden. Es gibt magische Beschwörungsformeln in Altgriechisch oder grinsende schwarze Engelsgestalten. Aber alle sind eigentlich nur Fragmente. So wie der Schwanz einer grün-gelben Schlange. Am besten erhalten ist das ehemalige Schlafzimmer Crowleys, das er Chambre des Cauchemares taufte. Dort ist noch eine Art gelbes Spruchband zu sehen, auf dem Verse aus Leah Sublime zu lesen sind, dem außerordentlich obszönen Widmungsgedicht für Hirsig. Von Crowleys Darstellung seines Schutzengel Aiwass, der an seinen sechs Zehen zu erkennen ist, sind nur noch die blauen Füße übrig.

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Was bleibt noch zu sagen nach diesem kursorischen Blick auf Aleister Crowley? So kritisch ich ihn in Vielem sehe, so sehr gilt es, das Great Beast 666 in Schutz zu nehmen vor vereinfachten Verdammungsurteilen. Zweifellos gehört er in die sympathische Tradition englischer Exzentriker, er war ein faszinierender Pionier kultureller und spiritueller Veränderungen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, insbesondere im Hinblick auf sein Fortleben in der popkulturellen wie esoterischen Gegenkultur in der zweiten Jahrhunderthälfte. Ebenso muss man ihn als Vorreiter der Akzeptanz von Homosexualität und Advokat eines verantwortungsbewussten Umgangs mit Drogen sehen, egal wie wenig souverän er selbst damit umgehen konnte.

Crowleys abstruse Gedankenwelt und Lebensführung fasziniert, verwundert, verstört. Seine tiefe Überzeugung, berufen zu sein, den Menschen aus restriktiver bürgerlicher Moral, christlicher Ethik, politischer Heuchelei und sozialer Repression zu befreien, rechtfertigt eine Beschäftigung mit seiner Biografie, seiner Lehre und seinen Schriften. Wie kaum eine Gestalt aus dem Kontext des Okkultismus verkörpert Crowley den Gestus einer umfassenden Opposition gegen die herrschenden Diskurse und Parameter westlicher Gesellschaften.

Vor diesem Hintergrund ist Crowley zu bewerten: Natürlich war er ein drogenabhängiger, geltungssüchtiger Egomane, der sich narzisstisch zum Religionsstifter und Erlöser der Menschheit berufen glaubte und von seinen sexuellen Neigungen geleitet, eine absonderliche Lehre verkündigte. Thelema aber ist um keinen Deut absurder als die großen Religionen, denen selbst im 21. Jahrhundert noch Milliarden Menschen anhängen.

Aufschlussreich ist es, an einer Messe der Ecclesia Gnostica Catholica, dem ekklesiastischen Zweig des OTO, teilzunehmen, in welcher der vom Master Therion festgelegte Zentralritus des Thelema gefeiert wird. Verblüfft kann man feststellen, dass sich die gnostische Messe als banales Zerrbild der römisch-katholischen Liturgie entpuppt, wenngleich sie mehr theatralen Gehalt zu bieten hat – und sei es nur die unbekleidete Hohepriesterin, die mit geöffneten Schenkeln auf dem Altar sitzt, um ihren Schoß als Sinnbild der Lebensenergie der Gemeinde zur Schau zu stellen.

Uwe Schütte ist Dozent für German Studies an der Aston University, Birmingham. Zuletzt erschienen u. a. Über W. G. Sebald. Beiträge zu einem neuen Bild des Autors (Hg., De Gruyter, Berlin 2016), Mensch-Maschinen-Musik. Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk (Hg., C. W. Leske, Düsseldorf 2018) und Annäherungen. Sieben Essays zu W. G. Sebald (Böhlau, Wien 2019).

Quelle: VOLLTEXT 2/2019 – 28. Juni 2019

Online seit: 2. September 2019

Fernando Pessoa: Boca do Inferno. Aleister Crowleys Verschwinden in Portugal.
Übersetzt von Steffen Dix. S. Fischer, Frankfurt am Main 2012. 392 Seiten, € 24,99 (D) / € 25,70 (A).