Deutscher Preis für Nature Writing geht an Ulrike Draesner und Esther Kinsky

Die Aus­zeich­nung wird zum vier­ten Mal ver­lie­hen und ist mit 10.000 Euro dotiert.

Ulri­ke Draes­ner und Esther Kin­sky erhal­ten in die­sem Jahr den Deut­schen Preis für Natu­re Wri­ting. Der Preis zeich­net Autorin­nen und Autoren aus, die sich in ihrem lite­ra­ri­schen Werk auf ‚Natur‘ bezie­hen und knüpft an die vor allem in den USA und in Groß­bri­tan­ni­en aus­ge­präg­te Tra­di­ti­on des Natu­re Wri­ting an. Dotiert ist die ein­mal jähr­lich ver­ge­be­ne Aus­zeich­nung mit 10.000 Euro sowie einem sechs­wö­chi­gen Schreib­auf­ent­halt in den Räum­lich­kei­ten der Stif­tung Nan­tes­buch.

Die Begrün­dung der Jury:

Ulri­ke Draes­ner beschäf­tigt sich seit Jah­ren mit der Fra­ge, wie ange­mes­sen ‚von der Natur‘ zu schrei­ben sei. Ihr Text „Radio Silence“ radi­ka­li­siert die Ansät­ze, eine Spra­che für Natur­wahr­neh­mung und Natur­be­geg­nung zu fin­den, die über ‚deskrip­tiv‘ oder ‚homo­ge­ni­sie­rend‘ hin­aus­geht. Sie über­schrei­tet ent­schie­den Gen­re- bzw. Gat­tungs­gren­zen: Ele­men­te von Essay, Bericht, Theo­rie, auto­bio­gra­fi­schem Notat, Gedicht sind inein­an­der ver­wo­ben, der Wech­sel von Innen- und Außen­wahr­neh­mung wird meis­ter­lich gehand­habt, und in der Varia­ti­on der Sprech­wei­sen ver­bin­den sich äußers­te sprach­li­che Prä­zi­si­on und sinn­li­che Anschau­lich­keit. Es gelingt Ulri­ke Draes­ner, hohes theo­re­ti­sches Bewusst­sein und genaue natur­kund­li­che und zeit­ge­schicht­li­che Kennt­nis­se mit einer außer­or­dent­li­chen Nähe zur wahr­ge­nom­me­nen Mit­welt in der avan­cier­ten Text­ge­stal­tung zu einem her­vor­ra­gen­den Bei­spiel für zeit­ge­nös­si­sches Natu­re Wri­ting zu ver­we­ben.

Esther Kin­sky wid­met ihre Auf­merk­sam­keit in vie­len Büchern dem Gelän­de und weist auf Dyna­mik und Viel­schich­tig­keit, auf Behar­ren und Ver­än­dern, auf die Wech­sel­be­zie­hung von mensch­li­chem Vor­stoß und natür­li­chem Wider­stand hin. Sie schafft damit ein Neu­ge­län­de. In ihrem Text „Taglia­men­to“, in dem sich Pro­sa und Lyrik ver­schrän­ken, schrei­tet Esther Kin­sky sprach­lich eine der letz­ten wil­den, unre­gu­lier­ten Fluss­land­schaf­ten Euro­pas ab. Ihr Text folgt dem Lauf des Flus­ses, der in den Friu­la­ni­schen Dolo­mi­ten ent­springt und in das Adria­ti­sche Meer mün­det, sei­nen Evo­lu­tio­nen, den Men­schen, ihren Spra­chen und ihrer Geschich­te. Sie hört dem Was­ser zu, liest im Stein und betrach­tet das Spiel von Licht, Schat­ten, Far­ben. Sie bringt die Din­ge selbst zum Spre­chen, sie geben etwas preis, das älter als ihre Namen ist. In der schein­bar distan­zier­ten Betrach­tung gelingt es ihr, durch die Sinn­lich­keit und Genau­ig­keit der Spra­che eine über­aus gro­ße Nähe und Empa­thie her­zu­stel­len. Wie der Fluss unter dem Schot­ter mäan­dert, so fun­gie­ren bei Esther Kin­sky ein­zel­ne Wör­ter – auch poe­tisch anver­wan­del­te geo­lo­gi­sche Fach­be­grif­fe – wie Gelen­ke, Abzwei­gun­gen, Ver­zwei­gun­gen, an denen eine kon­kre­te Wahr­neh­mung über­führt wird in eine ande­re Bedeu­tungs­ebe­ne. Und immer wie­der ent­deckt man Sprach­fähr­ten, die auf die Ver­sehrt­hei­ten und Erschüt­te­run­gen am Taglia­men­to hin­deu­ten. Esther Kin­skys inten­si­ve sprach­li­che Erkun­dung und „Befra­gung“ der Natur­wahr­neh­mung zeigt: Kei­ne Land­schaft ist unschul­dig.

Die Preis­trä­ge­rin­nen:

Ulri­ke Draes­ner, gebo­ren 1962, schreibt Gedich­te, Erzäh­lun­gen, Roma­ne, Essays, Hör­spie­le, Libret­ti. Seit 2018 ist sie Pro­fes­so­rin am Deut­schen Lite­ra­tur­in­sti­tut in Leip­zig. Draes­ner erhielt für ihr lite­ra­ri­sches Werk zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen und Prei­se, zuletzt den Ger­trud-Kol­mar-Preis (2019), den Preis der Litera­tour Nord (2020) sowie den GEDOK Lite­ra­tur­preis (2020). Sie ist Mit­glied des PEN Deutsch­land und der Aka­de­mie der Küns­te Ber­lin. Im Herbst 2020 erscheint ihr Roman Schwit­ters (Pen­gu­in).

Esther Kin­sky, gebo­ren 1956 in Engels­kir­chen, arbei­tet seit 1986 als lite­ra­ri­sche Über­set­ze­rin aus dem Pol­ni­schen, Rus­si­schen und Eng­li­schen. Der Roman Som­mer­fri­sche (Matthes & Seitz Ber­lin, 2009) war ihre ers­te eigen­stän­di­ge Buch­ver­öf­fent­li­chung, es folg­ten meh­re­re Roma­ne und Gedicht­bän­de, geo­poe­ti­sche Erzäh­lun­gen, ein Essay zum Über­set­zen und ein Kin­der­buch. Zuletzt erschie­nen Hain. Gelän­de­ro­man (Suhr­kamp, 2018), der Gedicht­band kő növé­ny köké­ny (edi­ti­on Than­häu­ser, 2018) sowie der Gedicht­band Schie­fern (Suhr­kamp, 2020).

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Seit 2020 wird der Preis gemein­sam durch den Ver­lag Matthes & Seitz Ber­lin und die Stif­tung Nan­tes­buch ver­lie­hen, die zudem zwei zusätz­li­che Sti­pen­di­en für eine Teil­nah­me an ihrer jähr­li­chen Natu­re Wri­ting Schreib­werk­statt ver­gibt. Die Sti­pen­di­en gehen in die­sem Jahr an Tim Hol­land und Susan­ne Ste­phan.

Auf­grund der aktu­el­len Coro­na-Lage wird die Preis­ver­lei­hung nicht wie ursprüng­lich geplant am 28. August 2020 in Ber­lin statt­fin­den, son­dern im April nächs­ten Jah­res im Rah­men des Natu­re Wri­ting Semi­nars der Stif­tung Nan­tes­buch nach­ge­holt wer­den.

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Online seit: 17. August 2020

Zuletzt geän­dert: 17. Aug. 2020