Der Staub über Hamburg

Ein Dra­mo­lett. Von Klaus Siblew­ski
Fritz Raddatz © Susanne Schleyer / autorenarchiv.de

„Bei Herrn Rad­datz sin­ke am Abend aber nur lang­sam der Pegel in der Bor­deaux-Fla­sche. Betrach­tet wer­den dazu maß­los wert­vol­le Kunst­wer­ke.“ Foto: Susan­ne Schley­er / Autorenarchiv.de

Sze­ne 1

Der Kri­ti­ker K. (55) ruft beim Redak­teur U. (65) an, der in einer Sen­de­an­stalt im Nor­den der Bun­des­re­pu­blik seit Jahr­zehn­ten Sen­dun­gen über Lite­ra­tur zu ver­ant­wor­ten hat. Der Grund des Anrufs: K. möch­te die neu­en Tage­bü­cher von Fritz J. Rad­datz rezen­sie­ren.

U Fritz J. Rad­datz? Die Tage­bü­cher wol­le er bespre­chen? Guter Vor­schlag, aber nicht sein Zustän­dig­keits­be­reich. Bio­gra­fi­sches bear­bei­te­ten die Sach­re­dak­teu­re. Also, K., sei bei ihm an der fal­schen Stel­le. Gele­sen habe er aber das Buch und es wür­de ihn beein­dru­cken.

K Beein­dru­ckend sei das Buch, das stim­me, aber er, K., wis­se noch nicht genau, was ihn beein­dru­cke.

U Das sol­le er sich über­le­gen, bevor er den Kol­le­gen vom Sach­buch anrie­fe. Argu­men­te zu haben, sei ein Vor­teil.

K Was habe ihn denn an den Tage­bü­chern beein­druckt? Ange­fan­gen zu lesen hät­te er, K., schon.

U Der Ver­geb­lich­keits­ton, der hier von einem erfolg­rei­chen Kri­ti­ker und Autor ange­schla­gen wer­de.

K Wirk­lich? Mit grif­fi­gen For­mu­lie­run­gen von die­sem For­mat kön­ne er nicht die­nen. Ihn beschäf­tig­ten nach den ers­ten zwei­hun­dert, drei­hun­dert Sei­ten ande­re, ver­mut­lich absei­ti­ge Fra­gen.

U Um hand­li­che For­mu­lie­run­gen gin­ge es ihm nicht. Genau­er gesagt: nicht mehr. Er beschrei­be nur sei­nen Lek­tü­re-Ein­druck. Sein Bedarf an Lite­ra­tur­kri­tik sei gedeckt. Ihm impo­nie­re das Buch und mehr müs­se und wol­le er nicht wis­sen.

Heu­te sei U. aber in einer merk­wür­di­gen Stim­mung. War­um inter­es­sier­ten ihn lite­ra­tur­kri­ti­sche Über­le­gun­gen nicht mehr? Er habe sich doch immer für Klar­heit und Nach­voll­zieh­bar­keit ein­ge­setzt – und jetzt nicht mehr?

War­um ihn Lite­ra­tur­kri­tik nicht mehr inter­es­sie­re, wer­de er ihm noch sagen. Aber zuvor wür­de er ger­ne wis­sen wol­len, was er, K., von den Tage­bü­chern hal­te. Sonst tei­le K. sei­ne Lese­er­geb­nis­se ja auch mit, ob sein Gegen­über sie hören wol­le oder nicht.

K Frie­de­ri­ke May­rö­cker zum Bei­spiel. Sinn­ge­mäß sage Herr Rad­datz, er habe Frie­de­ri­ke May­rö­cker in sei­ner Zeit als Chef­lek­tor zum Rowohlt Ver­lag geholt und aus ihr das Schreib­biest gemacht, zu dem sie gewor­den sei.

U Stim­me das nicht?

K Doch, doch, aber nach den Band Tod durch Musen habe Frie­de­ri­ke May­rö­cker schät­zungs­wei­se noch wei­te­re drei­ßig, vier­zig Bücher geschrie­ben. Wie kön­ne Herr Rad­datz da behaup­ten, er habe Frie­de­ri­ke May­rö­cker zu der uns heu­te bekann­ten Schrift­stel­le­rin gemacht?

U Jetzt wer­de er aber klein­lich. Er habe ihr das Debüt ermög­licht und sie damit zur Autorin gemacht.

Herr Rad­datz beto­ne doch, er habe „Piwitt, May­rö­cker, Jeli­nek, Fich­te, Kon­rad Bay­er, Sin­zig“ tat­säch­lich alle „her­bei­ge­schafft“.

K Auch das stim­me nicht. Frie­de­ri­ke May­rö­cker habe Jah­re zuvor in einem öster­rei­chi­schen Ver­lag ihr ers­tes Buch gehabt. Und außer­dem habe Herr Rad­datz sie im Rowohlt Ver­lag nicht hal­ten kön­nen oder sich sel­ber nicht hal­ten kön­nen. Das käme auf das­sel­be her­aus und bedeu­te, Herr Rad­datz über­schät­ze sei­ne Leis­tun­gen.

U Das klin­ge nach Recht­ha­be­rei, ein biss­chen sogar nach Rache. War­um sich Fritz Rad­datz für die Ent­wick­lun­gen im Ver­lag, in dem Frie­de­ri­ke May­rö­cker damals erschien, ver­ant­wort­lich füh­len sol­le, leuch­te ihm nicht ein.

K Zur Arbeit eines Lek­tors oder Redak­teurs gehö­re das Her­stel­len von guten Arbeits­be­din­gun­gen für Autoren. Dar­in hät­te Herr Rad­datz kei­ne glück­li­che Hand bewie­sen, und