Die Leerstelle

Unterwegs zu Eduard von Keyserling. Von Klaus Modick
„Seinem Charme verdankte er freilich auch die Syphilis.“

Online seit: 17. Mai 2020
Eduard von Keyserling @ Lovis Corinth
Eduard von Keyserling auf einem Gemälde von Lovis Corinth: „So aussehn mecht ich aber lieber nich.“

Ein alter Freund, dessen literarischem Urteil ich vertraue, empfahl mir vor einigen Jahren die Lektüre Eduard von Keyserlings. Das, da sei mein Freund sich sicher, müsse ein Werk nach meinem Geschmack sein.

Keyserling? Hatte ich noch nie gelesen, nur aus zweiter Hand etwas raunen gehört vom „baltischen Fontane“ und adeligen Impressionisten, von Dekadenzatmosphäre und Fin-de-Siècle-Stimmung. Und auch während meines Germanistikstudiums in den 1970er-Jahren war Keyserling unerwähnt und unbehandelt geblieben, galt, wenn er überhaupt als oder für etwas galt, als literarischer Snob, eine kuriose Nebenfigur der Münchner Boheme um 1900, ein trivialer Unterhaltungsonkel, der sogenannte Schlossgeschichten für höhere Töchter und adelige Witwen schrieb – soweit mein aus Halbwissen geronnenes Vorurteil.

Ich griff also durchaus skeptisch, gewissermaßen mit spitzen Fingern, zu meiner ersten Keyserling-Lektüre, der Erzählung Schwüle Tage, erschienen bei Manesse. Der Verlag muss erwähnt sein, weil die Ausgaben in der ungewöhnlich schönen, auch editorisch sehr soliden Bibliothek der Moderne der dezenten Eleganz dieser Prosa so angemessen sind: Sie passen zu Keyserlings Stil wie maßgeschneiderte, über modische Albernheiten erhabene Anzüge. Schon die ersten fünf Zeilen nahmen mich für den Autor ein. Die Eisenbahnfahrt, heißt es da, „war ganz so schwermütig, wie ich es erwartet hatte.“ Und dann folgt ein Satz, der diese Schwermut besser ins Bild setzt als jede psychologische Begrifflichkeit es vermöchte: „Es regnete ununterbrochen, ein feiner, schief niedergehender Regen, der den Sommer geradezu auszulöschen schien.“

Die Zukunft gehörte den Industrien und Fabriken, den Stahl- und Kohlebaronen, deren Hochöfen mit baltischen Wäldern befeuert wurden.

Mit jeder weiteren Seite schmolz der Schnee meiner Skepsis unter der Sonne dieser hellen Sprache, und sukzessive las ich mich durch alle erreichbaren Werke Keyserlings. Ich bewundere die stilistische Eleganz, den subtilen Humor, die durchgängig ironische Haltung, deren Spannweite von milde bis ätzend reicht. Dazu kommt ein präzises Verständnis psychologischer Vorgänge, insbesondere in der Evozierung erotischer Stimmungen, Spannungen, auch Verdrängungen. Und geradezu unübertroffen ist Keyserling als Schilderer von Landschaft und Natur. Während er die gesellschaftlichen Konventionen seiner Herkunftswelt und die psychischen Zustände ihrer Menschen fast ausnahmslos ironisch sieht, behandelt er die Landschaft mit einer unzweideutigen, liebevollen Innigkeit. Der Verfall der anachronistischen, verkalkten und verstaubten Welt des baltischen Adels steht im Kontrast zur Natur als einer quasi krisensicheren Wirklichkeit. Mögen die Tage von Keyserlings Leuten gezählt sein, das Land erscheint unwandelbar.

Und doch – selbst dies letzte Refugium der Schönheit schwindet. Zu den traurigsten, resignativsten Momenten in Keyserlings Werk zählt das wiederkehrende Motiv des Verkaufs von Wald durch den verschuldeten Landadel. Denn die Wälder waren das, was die Generationen miteinander verband. Man profitierte von dem, was die Vorfahren angelegt hatten, und man pflanzte und hegte für kommende Generationen. Das Abholzen des Waldes griff jedoch das letzte stabile, krisensichere Kapital an, ging an die Substanz. Die Kahlschläge bewiesen mit unübersehbarer Brutalität, dass Wälder und Landwirtschaft keine Lebensformen mehr boten und die Tage des kurländischen Adels gezählt waren. Die Zukunft gehörte den Industrien und Fabriken, den Stahl- und Kohlebaronen, deren Hochöfen mit baltischen Wäldern befeuert wurden.

Seinem Charme verdankte er freilich auch die Syphilis.

Im russischen Zarenreich bildete die deutschsprachige Oberschicht eine Enklave, die noch Tugenden wie Anständigkeit und Bescheidenheit und einen ästhetischen Gestaltungswillen konservierte, für die in der industriellen Hektik der Gründerjahre und dem säbelrasselnden, kriegslüsternen Lärm des deutschen Kaiserreichs kein Platz mehr war. Etwas Sanftes und Bedächtiges, etwas Träumerisches und Schwärmerisches, auch eine Ironie, die kaum je in Häme und Zynismus umschlug, prägte Charaktere, die mit Preußens Gloria und zackigen Stechschritten nichts gemein hatten.

Der Spottvers ‚Wo sich aufhört die Kultur,