„Viel Gestus und ziemlich papieren“

Lek­tü­re­no­ti­zen von Arno Gei­ger zu Büchern von Peter Hand­ke, Joan Did­ion, Elfrie­de Jeli­nek, Erich Maria Remar­que, Karl Kraus u.a.

Peter Hand­ke: Der kur­ze Brief zum lan­gen Abschied

„Erst bei Judith, mit der ich zum ers­ten Mal etwas zu erle­ben anfing, bekam ich einen Blick für die Umwelt, der nicht mehr nur ein ers­ter böser war. Ich hör­te auf, Merk­ma­le zu sam­meln, und fing an, gedul­dig zu wer­den.“

Hier lügt sich Hand­kes Alter Ego selbst an. Auch in Wunsch­lo­ses Unglück gibt es poe­to­lo­gi­sche Selbst­an­wei­sun­gen, die dann vom Text kon­se­quent igno­riert wer­den oder an denen der Text schei­tert. In Der kur­ze Brief zum lan­gen Abschied blei­ben trotz der angeb­li­chen Ver­än­de­rung der Wahr­neh­mung die im Text auf­tau­chen­den Per­so­nen (oder Figu­ren) blo­ße Klei­der­stän­der, an denen Hand­ke Merk­wür­dig­kei­ten auf­hängt. „Merk­ma­le“ kann man’s nicht eigent­lich nen­nen. Selbst an Kin­dern und Babys hängt Hand­ke die gesuch­tes­ten Merk­wür­dig­kei­ten auf, die er sich bei aller­größ­ter Anstren­gung aus den Fin­gern zieht. Etwas Per­sön­li­ches fällt ihm zu Per­so­nen nicht ein, sie sind zusam­men­ge­flick­te Vogel­scheu­chen aus Merk­wür­dig­kei­ten, also Figu­ren.

Was Hand­kes Schrei­ben in Beson­der­heit cha­rak­te­ri­siert: die kon­se­quen­te Abwe­sen­heit aller ande­ren.

Spä­ter heißt es im Text, und das kommt mir zutref­fen­der vor:

„Hat­te mich frü­her oft ein Schwin­del und dann ein Ekel gepackt bei der Vor­stel­lung, dass jemand etwas ande­res war als ich sel­ber, so ließ ich in die­sen Augen­bli­cken sich die Vor­stel­lung zum ers­ten Mal ruhig zuen­de bil­den und fühl­te statt des selbst­be­zo­ge­nen Ekels ein tie­fes Mit­leid mit Clai­re, dass sie nicht an mei­ner Stel­le sein konn­te, dass sie nicht das erle­ben konn­te, was ich gera­de erleb­te.“

Es ist eine klei­ne Welt zwi­schen selbst­be­zo­ge­nem Ekel und tie­fem Mit­leid.

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Joan Did­ion: Das Jahr magi­schen Den­kens

Beim Lesen von Joan Did­ion, Das Jahr magi­schen Den­kens, der immer kla­rer wer­den­de Gedan­ke: Das Buch hät­te mich mehr inter­es­siert, wenn Did­ion ganz offen über das ver­bor­ge­ne The­ma des Buches geschrie­ben hät­te: Wie ist es, fest­stel­len zu müs­sen,