Kalte Mieter

Uwe Schüt­te im Gespräch mit dem Ber­li­ner Künst­ler, Musi­ker und Autor Hen­drik Otrem­ba über Kryo­nik, Scott Wal­ker, Rober­to Bola­ño, W. G. Sebald und sei­nen Roman Kachel­bads Erbe.
Hendrik Otremba © Kat Kaufmann

Hen­drik Otrem­ba: „Ich spür­te die­ser erfun­de­nen Figur gegen­über sogar eine Art Ver­lust­angst.“
Foto: Kat Kauf­mann

Wie ent­kommt man dem Ein­heits­brei der immer sel­ben The­men in der deutsch­spra­chi­gen Gegen­warts­li­te­ra­tur, ohne die bil­li­ge Lösung der Pro­vo­ka­ti­on zu wäh­len? Hen­drik Otrem­ba zeigt es exem­pla­risch mit sei­nem Roman Kachel­bads Erbe. Das Buch behan­delt die dubio­se Pra­xis der Kryo­nik, jener Wis­sen­schaft also zwi­schen Eso­te­rik und Sci­ence-Fic­tion, die ver­heißt mit den Mit­teln der Tech­nik die End­gül­tig­keit des Todes über­win­den zu kön­nen. Ihr Ver­spre­chen ist ein­fach: Die Kör­per wer­den bis auf wei­te­res bei minus 196 Grad in flüs­si­gem Stick­stoff ein­ge­fro­ren, bis die Medi­zin der Zukunft in der Lage sein wird, töd­li­che Krank­hei­ten wie Krebs zu hei­len oder gar ein ewi­ges Leben zu ermög­li­chen. Über 250 Men­schen lagern in den USA wie Russ­land der­zeit kopf­un­ter in Kryo­sta­ten genann­ten Stick­stoff­tanks, hoff­nungs­voll ihrer sich ohne jedes gött­li­che Zutun voll­zie­hen­den Wie­der­auf­er­ste­hung har­rend.

Über 250 Men­schen lagern in den USA wie Russ­land der­zeit kopf­un­ter in Kryo­sta­ten genann­ten Stick­stoff­tanks.

Die seit Mit­te der Sech­zi­ger­jah­re betrie­be­ne Kryo­nik steht in einem Span­nungs­feld aus Kom­merz, Phi­lo­so­phie, Reli­gi­on und dem aka­de­mi­schen Trans­hu­ma­nis­mus-Dis­kurs, der in den letz­ten Jah­ren einen veri­ta­blen Auf­schwung erlebt hat. Man darf die Kryo­nik inso­fern als eine Art Über­brü­ckung ins her­an­bre­chen­de Zeit­al­ter der künst­li­chen Intel­li­genz und tech­nisch auf­ge­rüs­te­ten Mensch-Maschi­nen ver­ste­hen. Ihre Anfän­ge hin­ge­gen ver­wei­sen auf das Block­den­ken und den tech­no­lo­gi­schen Wett­lauf des Kal­ten Krie­ges, denn obwohl gesi­cher­te Infor­ma­tio­nen nicht zugäng­lich sind, ist anzu­neh­men, dass auch in Chi­na und Russ­land schon seit den Sech­zi­ger­jah­ren mit der Tief­küh­lung von Lei­chen expe­ri­men­tiert wird. Zumal den sowje­ti­schen For­schern dürf­te die Kon­ser­vie­rung von Lenin als Vor­bild vor Augen gestan­den sein.