Insider Trading, lyrisch

Über Katha­ri­na Schul­tens’ Gedicht­band gor­gos port­fo­lio. Von Alban Niko­lai Herbst

wenn ich einen schlüs­sel hät­te der öffent­lich wäre und trotz­dem geheim
nichts davon funk­tio­niert. auch das hier hat es schließ­lich nicht 
(„ter­ror“, S. 28)

Zum ers­ten Mal begeg­ne­te ich die­ser Lyrik im „aus­land“ – einer der klei­nen, bei­nah klan­des­ti­nen Auf­füh­rungs- und ja, Urauf­füh­rungs­or­te neu­er Dich­tung, derer wir in Ber­lin nicht sehr vie­le, aber doch bedeu­tend mehr als ande­re Städ­te haben. Das Wort „bedeu­tend“ ist dabei nicht immer, aber doch oft ange­mes­sen. Sabi­ne Scho hat­te mich, die dort eben­falls las, qua­si vorher„gewarnt“ und von der, erin­ner ich mich, „gran­dio­sen Katha­ri­na Schul­tens“ geschrie­ben. Bei sowas, erst­mal, bin ich skep­tisch. Dann zog es mir die Schuh­soh­len weg, also dass ich nack­ter Fuß­soh­len ste­hen blieb.

Schul­tens las ein paar der Gedich­te, für die ihr im sel­ben Jahr der Leon­ce- und Lena-Preis zuge­spro­chen wor­den war, und dann – aus Manu­skrip­ten. Es waren sie, die mich der­art benah­men, dass ich nahe­zu kri­tik­los nur zuhö­ren konn­te. So etwas wider­fährt mir sonst nur bei gro­ßer Musik. Und jetzt sind die­se – „Tex­te“ dazu zu sagen, wäre blas­phe­misch, ich sag bes­ser gar nix als Zuord­nung … – jetzt sind sie erschie­nen, und ich konn­te nach„prüfen“: Katha­ri­na Schul­tens, gor­gos port­fo­lio, Gedich­te, kook­books Ber­lin, 2014. Und so geht das los:

mein pro­jekt­lei­ter stützt abends den kopf in die hän­de reibt
sei­ne wim­pern; er habe mich tags­über ver­brannt ohne not 
(„pro­jekt“, S. 7)

wor­auf sie, Schul­tens, indi­rekt reimt, geschickt in – Ecco! – dem Nicht­reim auf lots weib. Damit ist dann schon gesche­hen, was vie­le die­ser Gedich­te wesen­haft aus­zeich­net: der Arbeits­all­tag wird tran­szen­diert, und zwar in einem Maß, dass das „ver­brannt ohne not“ etwas Leib­haf­ti­ges jen­seits allen Dahin­ge­sag­ten bekommt. Und über die „o“-Reihungen, die schon im Titel „pro­jekt“ ange­schla­gen wer­den und sich über losun­gen nach defi­ni­tio­nen fort­set­zen, wird die Prä­sen­ta­ti­on eines nahe­zu belie­bi­gen Pro­jek­tes zur onto­lo­gi­schen Aus­sa­ge, also einer über das Sein als sol­chem. Schul­tens poe­ti­siert ins­ge­samt die mal schi­cke, mal nüch­ter­ne Tech­no­kra­tie, in der tele­fo­nie­rend der Pro­jekt­lei­ter lei­se mei­ne stie­fel strei­chelt. Sodass die Poe­ti­sie­rung zugleich eine Sexua­li­sie­rung ist, zumin­dest Ero­ti­sie­rung, und dies aber stän­dig. Zugleich bleibt sie ent­frem­det, es wird kei­ne Ver­söh­nung her­ge­stellt: der index hat ver­ges­sen was sein ursprung ist („index“, S. 17) Sogar schlim­mer: pan­do­ra ist ihm kein begriff.

Bei Schul­tens wie­der­fin­det das poe­ti­sche Gesche­hen allein über die per­ver­se Bewe­gung auf sei­nen Meer‑, damit „Ur“grund:

ich trug die stie­fel aus mei­nem büro
wenn ich mich dreh­te, bohr­te ich den absatz
immer genau zwi­schen die zehen sei­ner tat­zen

Nun ist es schreck­lich banal, bei Lyrik von „tol­len Bil­dern“ usw. zu schrei­ben oder sie gar noch zu loben. Denn abge­se­hen von den rhyth­mi­schen Struk­tu­ren wäre ein Gedicht gar nicht ohne sie. Viel­mehr sind sie über­haupt die Vor­aus­set­zung dafür, dass wir von Gedich­ten spre­chen kön­nen; allei­ne gebro­che­ne Zei­len machen es nicht. Son­dern Schul­tens dreht ihre „guten Bil­der“ in unver­se­he­ne Kon­kre­ti­on um. Ich möch­te das ein inver­ses Abs­tra­hie­ren nen­nen. Auch hier führt die Bewe­gung zum Grund zurück, die Hand auf den rea­len Tisch, und zwi­schen den Fin­gern rie­selt die Erde:

ein bün­del roter trau­ben eine scha­le roter augen
die scha­le ist ein tal. den augen wach­sen bli­cke

Genau hier hät­ten min­de­re Lyriker:innen auf­ge­hört und die Cla­quers geju­belt. Schul­tens indes­sen nimmt ihr Bild kon­kret und setzt fort:

sie stak­sen drauf bestürzt durchs gras
(„human resour­ces“, S. 12)

Dazu eine wie ver­lo­re­ne Absa­ge an den Ger­ma­nis­ten­fe­tisch Iro­nie:

–/–/- /- haben wir
als eigen­ka­pi­tal­ein­la­ge mehr als iro­nie.
(„hys­te­re­sis“, S.19/20, auf 20)

Das Fra­ge­zei­chen frei­lich, es ist ein bit­te­res, müs­sen wir uns den­ken. Schnel­ler noch erfüh­len wir’s aus der Satz­me­lo­die: Dadurch über­trägt sich die Bit­ter­nis erst. Das ist kein nur ratio­na­ler Akt mehr. Erst recht han­delt es sich nicht um pure Rhe­to­rik; nur dann, wäre das Fra­ge­zei­chen dahin­ge­setzt wor­den, ließ sich das erwä­gen. Son­dern hier ist über­haupt nichts rhe­to­risch, viel­mehr alles auf eine kaum fass­ba­re Wei­se „rein“. Das meint ins­be­son­de­re die for­ma­le Durch­ar­bei­tung der Gedich­te. Immer wie­der war und bin ich ver­sucht, Sil­ben zu zäh­len bzw. gegen die Hebun­gen zu hal­ten. Immer wie­der lese ich laut, als Klang­struk­tur. Immer wie­der gera­te ich dadurch in ein Span­nungs­ver­hält­nis zu den hier ange­spiel­ten und oft fast klas­si­zis­tisch-streng durch­ge­ar­bei­te­ten Seman­ti­ken, zum Bei­spiel in „cru­de“:

sag: wer hat mir die lie­be end­gül­tig ent­schie­den
auf die tem­pe­ra­tur einer groß­kat­ze hoch­ge­pe­gelt
nicht schnur­ren bloß: ein pran­ken­hieb dein kopf ist ab
ein biss: das war dein leib. du krü­melst
(„cru­de“, S. 38)

Wer hat da nicht „Sie­he, dies ist mein Leib“ im Kopf? Umso hef­ti­ger die Ver­bin­dungs­li­nie: „Sexua­li­tät ist kein Spa­zier­gang im Grü­nen“, schrieb Camil­le Paglia zurecht. Und auch hier wie­der die Bewe­gung aus dem Bild in die Kon­kre­ti­on: die Krü­mel sind nicht „bild­lich“, son­dern

ich müß­te dich min­des­tens eine stun­de lang
in was­ser legen, um mein kind einen tag zu ernäh­ren (/ – / -).

Hier wird die Sehn­sucht nach Erfül­lung zu ihrer not­wen­di­gen, das ist ent­schei­dend, nicht Ent­täu­schung, nein: zer­set­zen­den Ein­ver­nah­me. Sie wird ver­stoff­wech­selt, ist ihr eige­nes Ende im sel­ben Moment, als Nähr­stoff. Was Welt ist, fin­det bei Schul­tens ihren Aus­druck, und zwar dort, wo sie uns am ent­frem­dets­ten zu sein scheint.
Der, ich sag mal, „lyri­sche Skan­dal“, ohne den die Grö­ße die­ser Gedich­te nicht wäre, besteht nun aber dar­in, dass jedes Gebil­de für sich von enor­mer Schön­heit ist. Zu der gehört, bis auf weni­ge Aus­nah­men, ihre sti­lis­ti­sche Voll­kom­men­heit. In die­ser Wei­se, für Kunst­wer­ke der Gegen­wart, ist mir das bis­her allein bei Györ­gy Lige­ti begeg­net: Es wird, qua­si, von Anfang an nicht mehr expe­ri­men­tiert. Das sind kei­ne Ver­su­che; selbst von hohem „Talent“ – nur! –zu spre­chen, wäre eine Blas­phe­mie. Und dabei haben wir es nicht etwa mit einer „haupt­be­ruf­li­chen“ Dich­te­rin zu tun, son­dern mit einer Frau, die ziem­lich hart und ent­schie­den nicht nur im „Alltags“beruf, dem einer Mana­ge­rin, „ihren Mann“ „steht“ (:! ah! die­se ver­rä­te­ri­schen Idio­me!), son­dern über­dies allein­er­zie­hen­de Mut­ter eines klei­nen Kin­des ist. Doch, das gehört hier­her. Denn es sagt etwas über lebens­wirk­li­che Wider­sprü­che, die sol­che Lyrik wahr­schein­lich erst mög­lich machen, ihre con­di­tio sind: über per­sön­lich har­te, hef­ti­ge Bedin­gun­gen:

wer hat mein zit­tern mit nur einem schnitt
der quan­ten­schar­fen kan­te von mir abge­trennt
und war nicht see­le dar­in die jetzt schwebt
(„dae­mon“, S. 37)

Zumal „All­tags“- und „Arbeits­wirk­lich­keit“ sehr viel mehr als bana­le Abläu­fe meint, son­dern durch­aus ein gan­zes öko­no­misch grun­dier­tes Welt­ge­sche­hen im Blick hat; auch des­halb ist die Zuord­nung „Mana­ge­rin“ wich­tig: Es wird gewusst, und zwar erfah­ren, wovon man schreibt. Indem Schul­tens das Per­sön­li­che nun aber dar­auf spie­gelt und das glo­bal Wirk­li­che (Wir­ken­de!) umge­kehrt auf die­ses, ergibt sich ein Pro­zess der Wech­sel­wir­kung, der sei­ne Tran­szen­die­rung gera­de­zu ver­langt. Es ist eine in die­sen Gedich­ten zugleich fein­grif­fi­ge, wie sehr oft im anti­ken Sinn tra­gi­sche: Wonach ich mich seh­ne, ist das, was es letzt­lich zer­stört. Daher wohl auch die­ser unge­mei­ne Ein­druck kris­tal­li­ner Rein­heit; noch der Schmerz wird zum Werk­stück an der Erfah­rung. Nicht grund­los ist ein gera­de­zu unheim­li­ches Gedicht „fatum“ beti­telt; ich mag nicht einen Aus­schnitt zitie­ren, und als gan­zes wär es hier zu lang. Aber um das Fata­le zu bezeich­nen, stel­le ich wenigs­tens zwei Zei­len aus dem ins­ge­samt titel­ge­ben­den „gor­go“ hier hin:

trägt einer sein head­set im schlaf
ziehn ihn die kabel zur schlan­gen­gru­be
(„gor­go“, S.10)

Sie kön­nen hier auch lesen (und spre­chen Sie es bit­te!), wie meis­ter­haft Schul­tens mit Ver­kür­zun­gen umgeht, im Über­gang von „ziehn“ zu „ihn“, was wie­der­um die Alli­te­ra­ti­on von „Schlaf“ auf „Schlan­ge“ aus­ba­l­an­ziert. Oben war es „zit­tern“ zu „schnitt“, von „quant“ zu „kant“ gefolgt und „scharf“ über, aus­ge­rech­net, „see­le“ zu „schwebt“. Es gibt kaum einen Vers Schul­tens‘, schon gar kei­ne Stro­phe, der sol­che Bewe­gun­gen nicht ein­ge­schrie­ben wür­den. Dies sind die Innen­ver­hält­nis­se. Die Außen­ver­hält­nis­se sind sehr oft im ers­ten Blick die der soge­nann­ten Rea­li­tät, aber beson­ders auch der (posi­ti­vis­ti­schen) Natur­wis­sen­schaf­ten, mit fast immer gefolg­ter Tran­szen­die­rung zugleich ins Per­sön­li­che und vor allem Mythi­sche. Wobei es nicht etwa um Über­hö­hung geht, son­dern es ist der Abzug des Kon­kre­ten aus einem Alle­go­ri­schen. Sodass, was qua­si-ana­ly­tisch „prism“ heißt, ein also auf den ers­ten Blick tech­ni­scher Term, bei Schul­tens zu sogar einem in die­sem Fall kon­kret-reli­giö­sen Statt­hal­ter wer­den kann – hier zu der Sen­tenz und ver­gib uns unse­re Schuld aus dem Glau­bens­be­kennt­nis, aber auf latei­nisch, dimit­te debi­ta nos­t­ra, – um zu schlie­ßen:

(nobis!) wenn ich nie­man­dem das gerimgs­te ver­ge­be
und laß mich den­noch nicht allein
(„prism“, S. 26)

Allein in den Gedicht­ti­teln wird solch eine Syn­the­se … nein, nicht bloß ange­strebt,  son­dern erreicht: „pro­jekt“, „mas­si­ve attck“, „gor­go“, „prism“, „fatum“, „insi­der tra­ding“, „dys­pro­si­um“ usw. Es lohnt sich, die Titel­be­grif­fe nach­zu­schla­gen, wenn man sie nicht zuzu­ord­nen weiß. Etwa „hys­te­re­sis“, für mich ein Herz­stück die­ses Gedicht­ban­des, wobei Herz immer auch Kleist meint: „Küs­se, Bis­se, das reimt sich“… und Schul­tens ver­steht, wie Pen­the­si­lea, unter Bis­sen nicht nur Geknab­ber. Wobei aller Gedich­ten Frap­pie­rends­tes ist, dass sie gar nicht spe­zi­al­ge­bil­det daher­kom­men, noch solch „Experten“wissen ver­lan­gen, um ihr radi­ka­les Glän­zen zu ver­strö­men. Es ist ein dunk­les Iri­sie­ren in nur tech­nisch hel­lem Ver­lan­gen. Denn die­ses ist zugleich die Ver­sa­gung des Ver­lang­ten. Des­halb kön­nen wir mit die­ser Dich­tung nie­mals gute Kum­pels sein, son­dern sie erfüllt uns zwar, gibt uns aber zugleich mit dem Line­al auf die Fin­ger. Sodass es oft aus­ge­führ­te Dou­ble­bind-Struk­tu­ren sind, die hier Poe­tik wer­den:

miss­ver­steh mei­ne bil­der zu iden­ti­tät
fin­de mich: bit­te fin­de mich nicht
(„insi­der tra­ding“, S. 30)

Aber dar­in, in der aus­ge­hal­te­nen Ambi­va­lenz, bleibt es nicht bal­an­ziert – schon gar nicht im Sinn einer „har­mo­nia mun­di“. Das ist so wenig ein sta­bi­ler Orbit, wie die Welt sta­bu­ler Ort. Doch anstel­le sich in Frus­tra­ti­on zu erschöp­fen, heizt der per­ma­nen­te, sagen wir, Inter­rup­tus das Begeh­ren noch an. Das von Schul­tens in auch und gera­de rhyth­misch stän­di­ger Ner­vo­si­tät gehal­ten wird, in einer nerv­haf­ten, seh­ni­gen Span­nung, die sich befrie­den las­sen gar nicht will. Es soll unterm Fir­ma­ment des Ewig­glei­chen kein Still­stand sein, den die ersehn­te Ruhe bedeu­ten wür­de, wär sie erreicht:

wir soll­ten uns­re suche in das mond­hoch­land ver­le­gen
wir soll­ten aner­ken­nen: vor die­sem feld kann man nur flüch­ten 
(„sel­te­ne erden“, S. 48)

sel­te­ne erden für­wahr!, in der nur Ver­sa­gung die Lust erhält, ohne das aber zu betrau­ern, gar zu bejam­mern. Son­dern mit einer lyri­schen Radi­ka­li­tät son­der­glei­chen Hohe­ge­sang und Ana­ly­se ver­eint. Dass es bei Katha­ri­na Schul­tens weder poe­to­lo­gisch noch poe­tisch, noch gar per­sön­lich auch nur die Spur von Bana­li­tät gibt, wird sie bei zugleich die­ser Form­voll­endung zu einer der wahr­schein­lich bedeu­tends­ten Lyriker:innen unse­rer Zeit machen, im deut­schen Sprach­raum jeden­falls unter denen ihrer Gene­ra­ti­on. Wenn sie es, trotz des bis­lang ver­gleichs­wei­se schma­len Wer­kes drei­er Gedicht­bän­de, nicht bereits ist.

* * *

Alban Niko­lai Herbst, gebo­ren 1955, lebt als Schrift­stel­ler in Ber­lin. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er mit dem Roman Argo (Elfen­bein) den Abschluss­band sei­ner Anders­welt-Tri­lo­gie. Er betreibt den Web­log „Die Dschun­gel. Anders­welt“.

Katha­ri­na Schul­tens: gor­gos port­fo­lio.
Gedich­te. Hg. von Danie­la Seel.
kook­books, Ber­lin 2014.
64 Sei­ten, € 19,90 (D) / € 20,50 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 4/2014 (3. Dezem­ber 2014)
Online seit: 5. Febru­ar 2016

Online seit: 5. Febru­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 5. Feb. 2016