Zwischen Tiefsinn und Nonsense

Dos­to­jew­skij als Dich­ter des Absur­den. Eine lite­r­ar­his­to­ri­sche Recher­che von Felix Phil­ipp Ingold.
Fjodor Dostojewski

Vasi­ly Perov: Por­trät des Schrift­stel­lers Fjo­dor Dos­to­jew­ski (1872)

Fjo­dor Dos­to­jew­skij gilt gemein­hin als der tief­sin­nigs­te unter den gro­ßen rus­si­schen Erzäh­lern des 19. Jahr­hun­derts – als ein „grau­sa­mes“ phi­lo­so­phi­sches Talent, als lite­ra­ri­scher Apo­ka­lyp­ti­ker und fana­ti­scher Natio­na­list. Man schreibt ihm die Erfin­dung der „Roman­tra­gö­die“ zu, glaubt in ihm den Pro­phe­ten der rus­si­schen Revo­lu­ti­on zu erken­nen und ist fas­zi­niert von sei­nen abgrün­di­gen psy­cho­lo­gi­schen Ein­sich­ten. Fried­rich Nietz­sche wie Albert Ein­stein oder Albert Camus bezo­gen sich mit höchs­tem Respekt auf Dos­to­jew­skij, adop­tier­ten ihn als ihren magis­tra­len Vor­den­ker.

Dass Dos­to­jew­skij frei­lich nicht nur ein luzi­der Schwarz­se­her und pro­phe­ti­scher Tra­gi­ker war, ist durch sei­ne Humo­res­ken (etwa Das Kro­ko­dil, Der ewi­ge Gat­te oder Der Dop­pel­gän­ger) wie auch durch manch eine komi­sche Roma­n­epi­so­de belegt, doch zumeist mutiert bei ihm die Komik ins Skan­da­lö­se oder in den Wahn­sinn – selbst der schein­bar unbe­darf­te Traum eines lächer­li­chen Men­schen ver­dich­tet sich schließ­lich zu einer fata­len End­zeit­vi­si­on, wird zum Abge­sang nicht allein auf den gewöhn­li­chen „Men­schen wie du und ich“, son­dern auf die Mensch­heit und das Men­schen­tum schlecht­hin.

Um so mehr ist man beim Durch­blät­tern von Fjo­dor Dos­to­jew­skijs umfang­rei­chen Notiz- und Arbeits­hef­ten erstaunt, immer wie­der auf das Stich­wort „Poe­sie“ (oder „Ver­se“) zu sto­ßen und dar­über hin­aus auf diver­se Gedich­te und Gedich­t­ent­wür­fe von der Hand des Autors. Des­sen Inter­es­se an poe­ti­schen Tex­ten beschränk­te sich ansons­ten, wie sei­nen dies­be­züg­li­chen Schrif­ten und Reden zu ent­neh­men ist, auf the­ma­ti­sche Vor­ga­ben, auf Ideen und Aus­sa­gen, wohin­ge­gen er for­ma­le künst­le­ri­sche Qua­li­tä­ten weit­ge­hend außer Acht ließ.

Dies wie­der­um kon­tras­tiert mit der Tat­sa­che, dass Dos­to­jew­skij bei der Arbeit an eige­nen Gedich­ten gera­de auf die pro­so­dische Form­ge­bung – Metrum, Reim, Stro­phik – beson­de­ren Wert leg­te: Das Stre­ben nach regel­haf­ter Prä­zi­si­on ist für Auto­di­dak­ten und Gele­gen­heits­poe­ten durch­aus cha­rak­te­ris­tisch. Dazu kommt als wei­te­res bemer­kens­wer­tes Fak­tum, dass alle dich­te­ri­schen Ver­su­che Dos­to­jew­skijs auf komi­sche, wenn nicht gro­tes­ke Effek­te ange­legt sind, wie man sie vor­ab aus der rus­si­schen Vers­sa­ti­re oder der Volks­poe­sie kennt. Gera­de die peni­ble Ver­bin­dung von stren­ger Form und Komik ver­leiht den Gedich­ten einen unmit­tel­ba­ren Reiz.

Bei­spiels­hal­ber sei­en hier die Ver­se von der uner­wünsch­ten Kaker­la­ke ange­führt; sie lau­ten in mei­ner Über­set­zung wie folgt:

Es war mal eine Kaker­la­ke,
’ne Kaker­la­ke von klein­auf,
Und dann an einem schö­nen Tage
Fiel ihr ein Glas voll Flie­gen auf.

Die Kaker­la­ke kriecht ins Flie­gen­glas,
Die Flie­gen heben an zu mur­ren:
„Schon viel zu voll ist unser Glas“,
So rufen sie zu Zeus und knur­ren.

Noch wäh­rend sich ihr Zorn ergoss,
Erschien Nikí­for auf der Sze­ne,
Ein edler Greis, von Wür­de groß …

Dos­to­jew­skij hat die­ses titel­lo­se frag­men­ta­ri­sche Gedicht nie­mals sepa­rat unter sei­nem eige­nen Namen publi­ziert, er hat es aber in den Roman Die Dämo­nen ein­ge­rückt, und zwar als ein Werk des Haupt­manns Ignat Leb­jad­kin, eines eben­so unbe­darf­ten wie ruch­lo­sen Schwe­re­nö­ters, den er ver­schie­dent­lich als dilet­tie­ren­den Poe­ten auf­tre­ten lässt. Leb­jad­kin wird somit zur „Mas­ke“, zu einer „Per­so­na“ des Autors, unter des­sen Dik­tat er, stän­dig schwan­kend zwi­schen Wahn und Sinn, sei­ne absur­den Ver­se zum Bes­ten gibt. Im Roman blei­ben ihm meh­re­re Auf­trit­te vor­be­hal­ten, bei denen er mit „eige­nen“ Gedich­ten zu glän­zen und zu beein­dru­cken ver­sucht, mit Gedich­ten also, die Dos­to­jew­skij „eigens“ für die­sen Zweck abge­fasst und unter dem Pseud­onym des gockel­haf­ten Haupt­manns in sei­nen Roman ein­ge­bracht hat.

Im defi­ni­ti­ven Gesamt­text der Dämo­nen fin­den sich