Norbert Gstrein: Als ich jung war

Aus dem neu­en Roman.
Norbert Gstrein. Foto: Gustav Eckart

Nor­bert Gst­rein. Foto: Gus­tav Eck­art

Nach dem Unglück, das dort vor drei­zehn Jah­ren pas­siert ist, hät­te ich nie gedacht, dass im Schloss­re­stau­rant jemals wie­der Hoch­zeits­fei­ern statt­fin­den würden, und schon gar nicht, dass aus­ge­rech­net mein Bru­der sie von neu­em anbie­ten könn­te. Bis dahin und noch ein Jahr darüber hin­aus, weil so lan­ge der Ver­trag lief, war unser Vater der Päch­ter gewe­sen. Danach hat­te sich über Mona­te kein Nach­fol­ger gefun­den, und dann fand sich einer, der auf eine ganz ande­re Kli­en­tel aus war, eine Piz­ze­ria eröff­ne­te, im Kel­ler eine Kegel­bahn ein­rich­te­te, zwei Ziel­schei­ben für Darts auf­häng­te und dar­auf setz­te, dass die Geschich­te mit der toten Braut ent­we­der in Ver­ges­sen­heit gera­ten oder im Gegen­teil sogar eine maka­be­re Attrak­ti­on wer­den würde. Man hat­te mei­nem Bru­der gegenüber meh­re­ren Mit­be­wer­bern den Vor­zug gege­ben, als die Pacht im ver­gan­ge­nen Jahr erneut aus­ge­schrie­ben wor­den war, und er hat­te das Restau­rant in kürzester Zeit zu sei­nem früheren Ruf geführt, ja, sich sogar weit über die Regi­on hin­aus Aner­ken­nung erkocht, wie es hieß, und woll­te des­we­gen in Zukunft auch wie­der an die alte Tra­di­ti­on mit der Hei­ra­te­rei anschlie­ßen.

Es war ein zwei­fel­haf­tes Erleb­nis, zuzu­schau­en, wie sich eine Schau­spie­le­rin aus dem Lan­des­thea­ter auf dem Boden wand und räkel­te, als hät­te sie den Ver­stand ver­lo­ren.

In mei­ner Kind­heit hat­ten wir gewöhn­lich zwei oder drei Wochen nach Ostern, wenn die Win­ter­sai­son vor­bei war, unser Hotel in den Ber­gen ver­las­sen und das Restau­rant bezo­gen, und dann begann es auch schon mit den Hoch­zei­ten, Wochen­en­de für Wochen­en­de, oft zwei, eine am Frei­tag, eine am Sams­tag, bis in den Sep­tem­ber hin­ein oder gar bis Anfang Okto­ber. Das Hotel blieb im Som­mer geschlos­sen, unser Vater fuhr alle paar Tage hin, um nach dem Rech­ten zu sehen, und erst nach Aller­hei­li­gen, wenn es oft schon wie­der schnei­te, pack­ten wir unse­re Sachen zusam­men, ver­rie­gel­ten alles und kehr­ten nach hau­se zurück. Ich war damit auf­ge­wach­sen, im Win­ter das Hotel und die Ski­schu­le, im Som­mer die Hoch­zeits­fa­brik, wie zuerst unser Vater sie iro­nisch nann­te, wie sie dann aber von allen ernst­haft titu­liert wur­de, ohne dass dadurch die Anzie­hungs­kraft litt. Man hei­ra­te­te im Schloss, auch wenn es in Wirk­lich­keit kei­nes war und nur so hieß, man hei­ra­te­te bei unse­rem Vater, der die­se Posi­ti­on irgend­wann ein für alle Mal besetzt hat­te. Kaum jemand aus den umlie­gen­den Dör­fern schlug sein Ange­bot aus, aber die Leu­te kamen auch aus der Stadt, ent­schie­den sich für eine der drei Mög­lich­kei­ten, Stan­dard, Medi­um oder Extra­klas­se, und lie­ßen sich von unse­rem Vater bera­ten, der für alles garan­tier­te, nur nicht für das Glück. Er warb leicht anzüg­lich damit, dass er den Braut­paa­ren an ihrem Freu­den­tag abneh­men wür­de, was er ihnen abneh­men kön­ne, damit sie für das, was er ihnen nicht abneh­men konn­te, Kopf und Hän­de frei hät­ten. Dazu ver­sprach er ihnen sogar schö­nes Wet­ter oder bei Schlecht­wet­ter einen sat­ten Rabatt, und sie wähl­ten ein oder zwei klei­ne Extra­va­gan­zen, die Fahrt in der offe­nen Kut­sche die Ser­pen­ti­nen zu dem klei­nen Pla­teau her­auf, von dem sich der soge­nann­te Schloss­berg mit der Burg­rui­ne aus dem vier­zehn­ten Jahr­hun­dert erhebt, das Engels­spa­lier mit dem geflü­gel­ten Kin­der­chor oder den Schlei­er­tanz. Den hat­te unser Vater aller­dings erst in den aller­letz­ten Jah­ren ange­bo­ten, und es war ein zwei­fel­haf­tes Erleb­nis, zuzu­schau­en, wie sich eine Schau­spie­le­rin aus dem Lan­des­thea­ter auf dem Boden  wand und räkel­te, als hät­te sie den Ver­stand ver­lo­ren.

Ich war fünfzehn, Internatsschüler, und hat­te noch kein Mäd­chen geküsst, als ich bei den Fei­ern zu foto­gra­fie­ren begann.

Ich war fünfzehn, Internatsschüler, und hat­te noch kein Mäd­chen geküsst, als ich bei den Fei­ern zu foto­gra­fie­ren begann. Zwei Jah­re davor hat­te mir unser Vater zum Geburts­tag eine Kame­ra geschenkt, und weil er auf alles mit dem Blick des Geschäfts­man­nes sah und gleich­zei­tig kei­nen fal­schen Respekt vor den fal­schen Künsten hat­te, wie er sag­te, wun­der­te ich mich nicht, dass er irgend­wann mit dem Vor­schlag kam, wir könn­ten das Foto­gra­fie­ren inklu­si­ve anbie­ten, das biss­chen Knip­se­rei würde ich schon zustan­de brin­gen. Zuerst wehr­te ich mich, wie ich mich gewehrt hat­te, im Hotel beim Ser­vie­ren zu hel­fen oder den Skischülern die ers­ten Schwünge im Schnee vorzuführen, aber wie auch sonst immer ent­kam ich unse­rem Vater nicht. Er setz­te sei­nen Wil­len durch, und ich hat­te neben mei­nen Tätig­kei­ten als aus­hilfs­wei­ser Ski­leh­rer und gele­gent­li­cher Kell­ner zusätz­lich die als Hoch­zeits­fo­to­graf, für die er mich mit einem dun­kel­blau­en Anzug und einer dezent weiß gepunk­te­ten, dun­kel­blau­en Kra­wat­te ver­klei­de­te. Damit hät­te ich mich auch bei einem Begräb­nis nicht schlecht gemacht, und wenn man mich so aus­staf­fiert sah, konn­te man leicht ver­ges­sen, dass ich in Wirk­lich­keit noch zur Schu­le ging und in den Unter­richts­stun­den am Sams­tag mit dem Schlaf kämpf­te, sooft ich am Frei­tag enga­giert gewe­sen war und unser Vater mich nicht wie­der krank mel­den konn­te, weil er es bereits an so vie­len Wochen­en­den davor getan hat­te.

Ich besaß eine Lei­ca, alles, was ich über das Foto­gra­fie­ren wuss­te, hat­te ich mir sel­ber bei­gebracht, und mein Glück am Anfang war, dass die Paa­re, die ich vor die Kame­ra bekam, kaum weni­ger ver­le­gen waren als ich oder viel­leicht auch nur abge­lenkt und des­halb gar nicht merk­ten, dass sie es mit einem zit­tern­den Ama­teur zu tun hat­ten. Die ers­ten Auf­nah­men mach­te ich bei ihrer Ankunft, wenn sie aus dem Auto oder aus der Kut­sche stie­gen und sich umsa­hen auf dem Vor­platz, hin­auf zur Burg­rui­ne blick­ten und hin­un­ter ins Tal, aus dem sie gekom­men waren, und ich einen Ein­druck von ihnen zu gewin­nen ver­such­te, in mei­nem Kopf auf ihr Glück oder ihr Unglück setz­te. Auf den letz­ten Bil­dern, gewöhn­lich lan­ge nach Mit­ter­nacht, hat­ten sich mei­ne Ahnun­gen in der Regel ver­fes­tigt oder waren wider­legt wor­den. Fast alle hei­ra­te­ten auch kirch­lich, und die Zere­mo­nie fand in der Kapel­le der Barm­her­zi­gen Schwes­tern statt, die nur ein paar Schrit­te von unse­rem Restau­rant ihr Mut­ter­haus hat­ten. Aus dem klei­nen, wie ein Kin­der­spiel­zeug in der Land­schaft ste­hen­den Kirch­lein mit dem Schwes­tern­fried­hof rund­um, der mit sei­nen Reih in Reih aus­ge­rich­te­ten Grä­bern nicht zufäl­lig einem Sol­da­ten­fried­hof glich, tra­ten sie wie geblen­det ins Freie. Mein Stan­dard­bild in die­sem Augen­blick ging haar­scharf an den Holz­kreu­zen vor­bei, manch­mal so knapp, dass ich nach­träg­lich noch Res­te weg­schnei­den muss­te, und zeig­te sie überrascht und mit nack­ten Gesich­tern in ihrer himm­li­schen Freu­de. Dann foto­gra­fier­te ich sie auf der Wie­se dane­ben, und ich muss­te ihnen nicht sagen, dass sie sich ins Gras set­zen könn­ten, ich foto­gra­fier­te sie vor dem Brun­nen, der zum Klos­ter gehör­te, und sie spritz­ten sich ohne ein Wort von mir nass, ich foto­gra­fier­te sie am Wald­rand, und am Ende waren die Moti­ve schnell durch­de­kli­niert. Ob sie ein­an­der tief in die Augen blick­ten oder in die Fer­ne, ob sie sich küssten oder nicht, ob die Braut ein Bein ent­blöß­te oder sich mit einer Hand ins Haar fuhr, ob der Bräu­ti­gam sie am Arm fass­te, ihren Rücken durch­bog wie bei einer Tän­ze­rin oder sie gar hoch­hob, sie ver­hiel­ten sich brav wie nach einem unver­än­der­li­chen Dreh­buch und waren schließ­lich kaum mehr von­ein­an­der unter­scheid­bar.

Obwohl ich allen vor­schlug, zur Rui­ne hin­auf­zu­stei­gen und in ihrem Gemäu­er Bil­der zu machen, gin­gen die wenigs­ten dar­auf ein, weil der Auf­stieg zu mühsam war und sie nicht das rich­ti­ge Schuh­werk dafür hat­ten und unbe­wusst wohl auch die düstere Atmo­sphä­re fürchteten. Zuerst nur für die Extra­klas­se, bald aber schon für alle, hat­te unser Vater im ers­ten Stock über dem Restau­rant ein Zim­mer ein­ge­rich­tet, in das sie sich zum Ent­span­nen zurückziehen konn­ten, wenn sie mit mir im Gelän­de gewe­sen waren, und es hat­te sich eingebürgert, dass ich sie noch ein­mal foto­gra­fier­te, sobald sie wie­der dar­aus her­vor­ka­men. Dann ver­such­te ich an ihren Mie­nen abzu­le­sen, was ihr Lächeln bedeu­te­te, oder frag­te mich, war­um sie mir, einem Fünfzehn‑, spä­ter Sechzehn‑, Sieb­zehn­jäh­ri­gen, so deut­lich zu ver­ste­hen gaben, was alles sie in der ver­gan­ge­nen hal­ben Stun­de hin­ter der ver­schlos­se­nen Tür mit­ein­an­der getan haben könn­ten.

Sie muss­ten dazu an den Abgrund her­an­tre­ten, immer noch weit genug weg, dass es gefahr­los war, aber doch so nah, dass ihnen die mög­li­che Gefahr nicht ent­ging.

Es gab eine Stel­le, zu der ich sie danach immer führte. Man ging vom Restau­rant nur einen schma­len Weg durch den Wald, und dort tat sich noch ein­mal eine klei­ne Lich­tung auf. Ich stell­te sie alle auf den genau glei­chen Platz und foto­gra­fier­te leicht erhöht von einem Baum­stumpf, weil dadurch im Hin­ter­grund des Bil­des gut sicht­bar die Ach­ter­schlei­fe erkenn­bar war, die Fluss und Auto­bahn weit unten im Tal bil­de­ten und die mein Mar­ken­zei­chen wur­de, ein Blick in die Unend­lich­keit. Sie muss­ten dazu an den Abgrund her­an­tre­ten, immer noch weit genug weg, dass es gefahr­los war, aber doch so nah, dass ihnen die mög­li­che Gefahr nicht ent­ging. Dabei ver­lie­ßen sie gleich­zei­tig die Stil­le, die im Schat­ten des Schloss­bergs herrsch­te, und wur­den mit einem Schlag vom Lärm der in lan­gen Kolon­nen nord- und südwärts zie­hen­den Sattelzüge erfasst. In die­sem Moment konn­te ich gan­ze Roma­ne an ihren Augen able­sen, und fast alle äußer­ten auch etwas, und wenn es nur die Fra­ge an mich war, ob ich sie am schöns­ten Tag ihres Lebens umbrin­gen wol­le.

Als ich jung war, glaub­te ich an fast alles, und spä­ter an fast gar nichts mehr, und irgend­wann in die­ser Zeit dürfte mir der Glau­be, dürfte mir das Glau­ben abhan­den gekom­men sein. Natürlich war es eine Anma­ßung, aber als ich zum ers­ten Mal von einer Braut dach­te, sie müsste eigent­lich davon­lau­fen, wenn sie nur einen Augen­blick überlegen würde, war ein Damm gebro­chen, und ich konn­te bei den vie­len fol­gen­den Hoch­zei­ten den Gedan­ken kaum je wie­der ver­scheu­chen. Mit einem Mann an ihrer Sei­te, und es brauch­te gar kein schlim­mer Zeit­ge­nos­se zu sein, sahen die Frau­en gleich viel sterb­li­cher aus, und dabei hät­ten sie alle noch ein paar Jah­re haben kön­nen, in denen sie nicht so offen­sicht­lich in den Lauf der Zeit ver­strickt gewe­sen wären, wie sie es mit ihren blind oder sehen­den Auges ein­ge­gan­ge­nen Ehen von einem Tag auf den ande­ren waren.

Gewöhn­lich war es auch die Braut, die mit einem schau­dern­den Blick in die Tie­fe zu ihrem Mann sag­te: „Du könn­test mich immer noch los­wer­den“, was eini­ges über die Macht- und Unter­wer­fungs­ver­hält­nis­se, die Unterdrückungs- und Über­le­bens­stra­te­gien die­ses Paa­res preis­gab, kaum je der Bräu­ti­gam, der die Frau aber wie auf Kom­man­do umarm­te, als hät­te er gera­de das­sel­be gedacht oder als wäre er zu ein­fäl­tig für einen sol­chen Gedan­ken. Ich beeil­te mich dann, mög­lichst unbe­ein­druckt mei­ne Bil­der zu machen. Spä­ter konn­te ich auf den Abzügen in den Gesich­tern noch ein­mal alles sehen, Schmerz und Ver­söh­nung, als hät­ten sie Streit gehabt, Anspan­nung und Erleich­te­rung, Beden­ken und ihr Zer­streut­wer­den, pani­sche Schick­sals­gläu­big­keit und ein hilf­lo­ses Auf­bäu­men dage­gen. Das Mini­mal­ziel ver­fehl­te ich fast nie, sie woll­ten alle auf den Fotos bes­ser daste­hen als in Wirk­lich­keit, aber dazu brauch­te es nicht viel, dazu brauch­te ich nur die bil­ligs­ten Tricks anzu­wen­den, oder ich foto­gra­fier­te ein­fach an ihren Unvoll­kom­men­hei­ten und Mensch­lich­kei­ten vor­bei.

Die tote Braut wäre mir auch ohne ihr schreck­li­ches Ende allein des­halb in Erin­ne­rung geblie­ben, weil sie an der Stel­le auch etwas sag­te, aber etwas ganz ande­res als die ande­ren. Zu der Zeit hat­te ich schon lan­ge bei kei­ner Hoch­zeit mehr foto­gra­fiert und war in die­sem Herbst nur für zwei Anläs­se wie­der ein­ge­sprun­gen, weil der Berufs­fo­to­graf, der mei­ne Arbeit übernommen hat­te, krank gewor­den war und sich auf die Schnel­le kein Ersatz hat­te fin­den las­sen. Ich hat­te am Tag mei­ner Matu­ra zu unse­rem Vater gesagt, dass er in Zukunft auf mei­ne Diens­te ver­zich­ten müsse, ich hät­te für mein Leben genug Hoch­zei­ten gese­hen, und sei­nem Drän­gen all die Jah­re stand­ge­hal­ten, war aber dann doch weich gewor­den. Da hat­te ich mein Medi­zin­stu­di­um längst abge­bro­chen gehabt und lust­los mit Ger­ma­nis­tik und Anglis­tik ange­fan­gen, wes­halb mir die Ablen­kung gar nicht unge­le­gen kam. Es soll­te sich auf ein ein­zi­ges Mal beschrän­ken, aber weil die­ses eine Mal wider Erwar­ten so schön gewe­sen war und weil ich ganz anders als sonst auch ein rich­ti­ges Hono­rar erhal­ten hat­te, war weni­ge Wochen spä­ter ein zwei­tes Mal dazu­ge­kom­men, und so war ich der Foto­graf bei der Hoch­zeit der toten Braut gewor­den.

Selbst­ver­ständ­lich war sie noch am Leben gewe­sen, als wir auf die Lich­tung gin­gen, um dort mei­ne Unend­lich­keits­bil­der zu machen, aber sie hat­te da nur mehr sech­zehn Stun­den, viel­leicht eine Stun­de mehr, viel­leicht eine weni­ger, je nach­dem, wie man die spä­te­ren Zeu­gen­aus­sa­gen und die Befun­de des obdu­zie­ren­den Arz­tes gewich­te­te. Sie hat­te davor schon mit ihrem Mann gestrit­ten und mich in ihren Streit zu ver­wi­ckeln ver­sucht, als berei­te­te es ihr das größ­te Vergnügen, ihn bloß­zu­stel­len, ja, ihn zu demütigen. Ich hat­te zum ver­ein­bar­ten Zeit­punkt vor dem Ent­span­nungs­zim­mer gewar­tet und von drin­nen deut­lich ihre Stim­men gehört, und als sie plötz­lich herausstürmte, ihr wei­ßes, pail­let­ten­be­setz­tes Kleid mit bei­den Hän­den an den Knien gerafft und die hohen Stö­ckel­schu­he wild in die Luft sto­ßend, schnapp­te sie bis­sig zu ihm zurück: „Wir kön­nen es auch überhaupt sein­las­sen, wenn du willst. Dei­ne Mut­ter, dei­ne Mut­ter, dei­ne Mut­ter. Wenn du sie noch ein­mal erwähnst …“ Genau in die­ser Sekun­de fiel ihr Blick auf mich, und sie unter­brach sich. Sie hat­te dunk­le, fast schwar­ze Augen und ein Mut­ter­mal auf der Ober­lip­pe, das mir wie ein drit­tes Auge vor­kam. Ihr Gesicht war gerö­tet, die Fri­sur, ein kom­pli­zier­tes Gesteck und Gehän­ge, durch­ein­an­der­ge­bracht, und sie lach­te, als ver­wan­del­te mei­ne Anwe­sen­heit für sie von einem Augen­blick auf den ande­ren alles in eine Komö­die.

„Wie oft haben Sie das schon gemacht?“ frag­te sie mich, wäh­rend sie sich wie­der zu ihrem Mann umdreh­te, der ihr zag­haft folg­te, mit hilf­lo­sen Hand­be­we­gun­gen die Luft zer­teil­te und mich an einen Diri­gen­ten den­ken ließ, dem sie die fal­schen Noten hin­ge­legt hat­ten. „Ihr ver­hei­ra­tet hier doch alles und jeden.“

Sie hob ihre Stim­me, damit ihm ja nichts ent­ging und damit ihm nur nicht ent­ging, dass auch mir nichts ent­ge­hen konn­te.

„Wie oft ist es vor­ge­kom­men, dass eine Frau es sich in letz­ter Sekun­de anders überlegt hat?“

„Nie“, sag­te ich. „Kein ein­zi­ges Mal.“

„Wie oft haben Sie einen Mann gese­hen, der sei­ner Braut an ihrem Hoch­zeits­tag gestan­den hat, dass er eigent­lich mit sei­ner Mut­ter ver­hei­ra­tet ist?“

Sie woll­te die­se Sze­ne, sie woll­te sie so sehr, dass ihr jeder als Publi­kum recht gewe­sen wäre, und sie woll­te sie um so mehr, je mehr sie ihren Mann damit in Ver­le­gen­heit brin­gen konn­te. Ich wuss­te nicht, was hin­ter der ver­schlos­se­nen Tür zwi­schen ihnen vor­ge­fal­len war, aber es muss­te etwas gewe­sen sein, durch das sie sich ihm gegenüber zu die­sem absur­den Ver­hal­ten berech­tigt fühlte. Als er ihr nach­kam und ver­such­te, sie an der Hand zu fas­sen, stieß sie ihn zurück. Er war ein fein­glied­ri­ger Mann mit aus­ge­präg­ter Stirn­glat­ze und einem von sei­ner Wes­te kaum gebän­dig­ten Bäuch­lein in sei­nen spä­ten Vier­zi­gern und damit fünfzehn, viel­leicht sogar zwan­zig Jah­re älter als sie, und er wuss­te kei­ne ande­re Metho­de, sich gegen ihre Grob­hei­ten zu weh­ren, als ihren Blick zu suchen, sie fle­hend anzu­se­hen und zu bit­ten, kei­nen Skan­dal zu pro­vo­zie­ren.

„Aber Iris!“ sag­te er ein ums ande­re Mal mit resi­gnier­ter, fast laut­lo­ser Stim­me. „Du hast mir ver­spro­chen, dass du dich zusam­men­reißt.“

Ich schlug vor, die geplan­ten Bil­der spä­ter auf­zu­neh­men oder den Ter­min an mei­ner Lieb­lings­stel­le ganz aus­fal­len zu las­sen, aber sie bestand dar­auf, wei­ter nach Pro­to­koll zu ver­fah­ren, wie sie sich ausdrückte, man dürfe nicht davon abwei­chen, wenn man nicht von Anfang an alles in den Sand set­zen wol­le.

„Gehen Sie nur vor­aus“, sag­te sie. „Ich fol­ge Ihnen. Mein Mann muss sel­ber die Ent­schei­dung tref­fen, ob er sich uns anschlie­ßen oder sich lie­ber bei sei­ner Mut­ter aus­wei­nen will. Las­sen wir uns überraschen.“

Sie sag­te das wirk­lich, wäh­rend sie irgend­wo aus den Fal­ten ihres Klei­des ein Päck­chen Ziga­ret­ten her­vor­nes­tel­te und sich an mich wand­te.

„Möch­ten Sie eine?“

Dabei deu­te­te sie auf ihren Mann.

„Er mag nicht, wenn ich rau­che.“

Ich reagier­te nicht, und sie hat­te sich ihre Ziga­ret­te noch gar nicht rich­tig zwi­schen die Lip­pen gesteckt, als ihr Mann auch schon ein Feu­er­zeug in der Hand hielt, der Reflex eines Kava­liers der alten Schu­le, der gar nicht anders konn­te, als ihr zu Diens­ten zu ste­hen.

„Muss das sein, Iris?“

Sie fum­mel­te wie­der in ihrem Kleid her­um, und im nächs­ten Augen­blick hob sie tri­um­phie­rend einen klei­nen Flach­mann in die Höhe und bot mir einen Schluck an.

„Ich habe ihm ver­spro­chen, dass ich sei­ner Mut­ter nicht den Tag ver­der­be“, sag­te sie über die Ein­wän­de ihres Man­nes hin­weg, als ich ablehn­te, und nipp­te mit geschlos­se­nen Augen an dem Fläsch­chen. „Selbst­ver­ständ­lich wer­de ich ein bra­ves Mäd­chen sein.“

„Wenn ich dich hier hin­un­ter­sto­ßen würde, würde mich unser Foto­graf bestimmt nicht ver­ra­ten.“

Wir hat­ten uns indes­sen in Bewe­gung gesetzt, und als wir die klei­ne Lich­tung erreich­ten, trat sie ohne zu zögern ganz vor an den Rand. Es hat­te erst vor ein paar Stun­den gereg­net, die Luft war rein, es roch nach Feuch­tig­keit und Moos, und der Lärm, der plötz­lich von der Auto­bahn her­auf­drang, schien noch stär­ker als an ande­ren Tagen, ein anhal­ten­des Tosen, in dem man sich halb schrei­end ver­stän­di­gen muss­te. Wind war auf­ge­kom­men, der sich zuerst nur in ihrem Haar ver­fing und gleich dar­auf in ihr Kleid fuhr und den schwe­ren Stoff ein paar­mal hob und wie­der fal­len ließ, zwei, drei mat­te Schlä­ge auf den immer noch nas­sen Wald­bo­den. Sie schau­te in den Abgrund und dann zu ihrem Mann und mir zurück, und ihr Gesicht hat­te einen ange­streng­ten Aus­druck ange­nom­men, als würde sie eine schwie­ri­ge Rech­nung anstel­len und zu kei­nem befrie­di­gen­den Ergeb­nis gelan­gen.

„Sie sind mir einer“, sag­te sie, als sie wahr­nahm, dass ich sie beob­ach­te­te. „Hat Ihnen noch nie­mand unter­stellt, dass mit Ihnen viel­leicht etwas nicht in Ord­nung ist?“

Dann trat sie zu ihrem Mann und ließ sich von ihm in die Arme neh­men, auf ein­mal auf übertriebene Wei­se fügsam, nur um ihn im nächs­ten Augen­blick bereits wie­der auf­zu­zie­hen.

„Wenn ich dich hier hin­un­ter­sto­ßen würde, würde mich unser Foto­graf bestimmt nicht ver­ra­ten. Ich könn­te sagen, du bist zu weit vor­ge­tre­ten und gestol­pert, Schatz, und er würde mei­ne Aus­sa­ge decken. Dir ist es wahr­schein­lich nicht auf­ge­fal­len, aber er hat sich ein biss­chen in mich ver­liebt.“

Damit wand­te sie sich wie­der an mich, ihre Mie­ne plötz­lich schalk­haft, das Mut­ter­mal auf der Ober­lip­pe mit jedem Zucken der Mund­win­kel in Bewe­gung, die Augen weit offen in gespiel­ter Erwar­tung.

„Das haben Sie doch, stimmt’s?

Um mich die­sen Necke­rei­en nicht län­ger aus­set­zen zu müssen, nahm ich nicht mehr als eine Hand­voll Bil­der auf, und zu mei­ner Ver­wun­de­rung war den Abzügen spä­ter nicht das gerings­te von der Sze­ne anzu­mer­ken. Hat­te die Frau gera­de noch angriffs­lus­tig und wütend gewirkt, war das wie weg­ge­wischt und mach­te einer Umgäng­lich­keit Platz, die mir in ihrem Gesicht in Wirk­lich­keit nie auf­ge­fal­len war. Sie blick­te sanft in die Kame­ra, die vol­len Wan­gen gaben ihr einen mäd­chen­haf­ten Anstrich, und sie fass­te nach der Hand ihres Man­nes, der ihr den Arm um die Schul­tern gelegt hat­te, eine jovia­le, bei­na­he kum­pel­haf­te Ges­te, die auch ihn sofort auf­le­ben ließ. Er hat­te nichts Zer­knirsch­tes mehr an sich, nichts Zag­haf­tes, und ich konn­te mir erst anhand der Bil­der vor­stel­len, dass er überhaupt jemals für sie in Fra­ge gekom­men war. Sie waren zu dun­kel gewor­den, weil ich nicht genug mit­be­dacht hat­te, dass von neu­em Wol­ken auf­ge­zo­gen waren, nach­dem es eine Wei­le auf­ge­ris­sen hat­te, aber sei­ne Augen strahl­ten, als hät­te sich alles Licht dar­in ver­fan­gen.

Auf dem Rückweg hat­te sie ihren Arm um sei­ne Schul­tern gelegt, und ich hör­te hin­ter ihnen gehend deut­lich, dass sie zu ihm sag­te, wie glücklich sie sei, und das woll­te dem ermit­teln­den Kom­mis­sar, der gleich am nächs­ten Vor­mit­tag auf­tauch­te, nicht in den Kopf. Weil ich als Stu­dent kein eige­nes Bett im Haus mehr bean­spru­chen konn­te, hat­te ich im Ent­span­nungs­zim­mer übernachtet und war ihm in die Arme gelau­fen, als ich spät zum Frühstück hin­un­ter­ging und er gera­de ankam, wes­halb ich ihm als ers­ter Rede und Ant­wort ste­hen muss­te. Ich war ins­ge­samt nicht mehr als eine knap­pe hal­be Stun­de mit dem Paar allein gewe­sen, gera­de lan­ge genug für den schrä­gen Auf­tritt der Frau, bis wir wie­der zur Hoch­zeits­ge­sell­schaft zurückkehrten, Braut und Bräu­ti­gam mit einem lau­ten Hal­lo emp­fan­gen wur­den und ich in den Hin­ter­grund tre­ten und von dort wei­ter mei­ner Arbeit nach­ge­hen konn­te, aber der Kom­mis­sar war überzeugt, dass sich vor mei­nen Augen Ent­schei­den­des abge­spielt hat­te und dass er nur den Schlüssel dazu fin­den muss­te. Er ging mit mir Minu­te um Minu­te durch, am liebs­ten hät­te er gehabt, wenn ich ihm über jede Sekun­de Rechen­schaft abge­legt hät­te, und er hat­te recht, wenn er fest­stell­te, es fol­ge kei­ner Logik, wie die Frau den Mann zuerst vorgeführt und wie sie sich dann buch­stäb­lich wie ein schnur­ren­des Kätz­chen ver­hal­ten habe, obwohl dazwi­schen kaum Zeit ver­gan­gen sei.

Ich ver­schwieg ihm anfangs, dass sie gesagt hat­te, ich hät­te mich in sie ver­liebt, weil es mir zu aber­wit­zig vor­kam, und als ich es schließ­lich doch vor­brach­te, nach­dem er ein ums ande­re Mal nach­ge­hakt hat­te, ob ich mich nicht an noch etwas erin­ner­te, ob ich nicht Din­ge ver­ges­sen hät­te, die mir viel­leicht unwich­tig erschie­nen, aber womög­lich von größ­ter Wich­tig­keit sei­en, mus­ter­te er mich und woll­te wis­sen, ob ich den Ein­druck gehabt hät­te, sie sei betrun­ken gewe­sen, unter Dro­gen oder ein­fach nur verrückt. In dem Augen­blick sah ich ihn selbst zum ers­ten Mal rich­tig an, und er erwi­der­te mei­nen Blick. Er war ein kor­pu­len­ter Mann, noch nicht alt, aber mit müden Augen, einer Stirn­fran­sen-Fri­sur und einem Mund, den er immer wie­der zu einem Strich zusam­men­press­te, damit er ihm nicht in alle Rich­tun­gen ent­glitt, einem ent­täusch­ten Mund, wie ich dach­te, dem Mund einer zu lan­ge auf ihr Glück war­ten­den Frau.

„Sie hat tat­säch­lich gesagt, Sie könn­ten sich in sie ver­liebt haben?“ sag­te er. „Und sie hat Sie davor noch nie gese­hen? Die bei­den waren doch kei­nen Tag ver­hei­ra­tet? Wie soll das gehen?“

© Han­ser, Mün­chen 2019

 

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Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt in Ham­burg. Am 22. Juli erscheint bei Han­ser sein neu­er Roman Als ich jung war.

 

Nor­bert Gst­rein: Als ich jung war
Roman. Han­ser, Mün­chen 2019.
352 Sei­ten, € 23 (D) / € 23,70 (A).

Online seit: 15. Juli 2019

Zuletzt geän­dert: 1. Aug. 2019