Fragebogen: Stefan Gmünder

Lite­ra­tur­kri­tik heu­te

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Theo­re­tisch, und nur theo­re­tisch, scheint alles ganz ein­fach, Lite­ra­tur­kri­tik soll, so die ein­schlä­gi­gen Fach­pu­bli­ka­tio­nen, neben Infor­ma­ti­on, Aus­wahl und Leser-Ori­en­tie­rung im unüber­sicht­li­chen Lite­ra­tur­markt vor allem eine plau­si­ble und nach­voll­zieh­ba­re, streit­ba­re und begrün­de­te Wer­tung leis­ten, wel­che die Kri­te­ri­en ihrer Wer­tung gleich mit­lie­fert. Klingt ein­fach, ist es aber nicht. Gera­de in ihrer geschrie­be­nen Aus­prä­gung ist Lite­ra­tur­kri­tik eine der kom­ple­xes­ten, dafür gemes­sen am Arbeits­auf­wand am schlech­tes­ten bezahl­ten jour­na­lis­ti­schen For­men über­haupt, die den Schrei­ben­den fast immer an den Rand des Ner­ven­zu­sam­men­bru­ches bringt. Denn eine Rezen­si­on soll eine gut geschrie­be­ne Ana­ly­se, Kom­men­tar, Bericht, Unter­hal­tung und Essay zugleich sein. Wei­ter ist Lite­ra­tur­kri­tik ein Metier, das sich wie jede Kunst­kri­tik mit dem Unsicht­ba­ren und jenem schwer zu benen­nen­den Geheim­nis des Schöp­fe­ri­schen und einer im bes­ten Fall über das For­ma­le hin­aus­rei­chen­den Stim­mig­keit aus­ein­an­der­zu­set­zen hat. Gera­de bei den gelun­gens­ten Büchern ist es schwer, genau zu benen­nen, was sie nun wirk­lich so gut macht.
Lite­ra­tur­kri­tik hat heu­te die pri­mä­re Auf­ga­be, von der inhalt­li­chen Betrach­tung wie­der zur ästhe­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit Werk und Welt zu kom­men und sich zu ent­schei­den, auf wel­cher Sei­te sie ste­hen und wel­che Posi­tio­nen sie, nicht nur auf Bücher bezo­gen, ver­tei­di­gen will. Das wirft auch die Fra­ge auf, wie bequem sie es sich machen will und ob sie den Mut hat, den stei­gen­den redak­tio­nel­len und öko­no­mi­schen Sach­zwän­gen stand­zu­hal­ten. Peter Bich­sel stellt sich den Lite­ra­tur­kri­ti­ker in sei­ner Frank­fur­ter Poe­tik­vor­le­sung als eine Art öffent­li­chen Mit­le­ser vor. Als einen Ein­zel­nen also, der sich an ande­re ein­sa­me Leser rich­tet, um ihnen nicht vor­zu­schrei­ben, wie man das bespro­che­ne Werk zu lesen hat, son­dern wie man es – auch – lesen kann. In die­sem Sinn, das wird gern ver­ges­sen, ist Kri­tik ein dia­lo­gi­scher Pro­zess. Mit Kri­ti­ken ist es wie mit Büchern, eini­ge sind schlecht, vie­le mit­tel­mä­ßig und weni­ge gut.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Zeit: Sie ist knapp. Nicht nur in den Redak­tio­nen. Lite­ra­tur ist ein Umge­hen mit Zeit, und Lesen kos­tet Zeit. Rezen­sie­ren erst recht. Wäh­rend die weni­gen fest­an­ge­stell­ten Lite­ra­tur­re­dak­teu­re mit den Mühen immer stär­ker von Admi­nis­tra­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­auf­ga­ben, Struk­tur­diens­ten und dem Ver­such, nur halb­wegs in der Fül­le der Neu­erschei­nun­gen den Über­blick zu bewah­ren, absor­biert wer­den, kämp­fen die soge­nannt frei­en Lite­ra­tur­kri­ti­ker, mit Pro­ble­men ganz ande­rer Art. Für eine durch­schnitt­li­che Lite­ra­tur­kri­tik, für die der Rezen­sent neh­men wir an sechs Stun­den Lese- und fünf Stun­den Schreib­zeit auf­ge­wen­det hat, kann er den stol­zen Betrag von zir­ka 150 Euro, oft sind es weni­ger, ent­ge­gen­neh­men. Noch der ver­rück­tes­te Über­zeu­gungs­tä­ter wird, was den Auf­wand betrifft, bei die­sen Rah­men­be­din­gun­gen die Kir­che im Dorf las­sen, oder den Hengst im Stall. Der Zeit­man­gel bei Redak­teu­ren und Frei­en schlägt auf die Qua­li­tät.
Raum: In den meis­ten Print­me­di­en wird klas­si­scher Lite­ra­tur­kri­tik in den letz­ten Jah­ren eher weni­ger denn mehr Platz ein­ge­räumt. Das führt zu einer fata­len Ten­denz zu Kurz- und Kür­zest­re­zen­sio­nen.
Medi­en­wan­del: Ist inso­fern kein Pro­blem, als Blogs, Lite­ra­tur­sei­ten im Netz, Rezen­si­ons­fo­ren und vir­tu­el­le Lite­ra­tur­ca­fés die Sze­ne berei­chern. Jeder fin­det, was er möch­te, die Poly­pho­nie steigt, die Deu­tungs­macht der Feuil­le­tons sinkt.
Psy­cho­lo­gie: Hat man einen Autor posi­tiv bespro­chen, ist man für ihn der bes­te Kri­ti­ker sagen wir seit Les­sing. Im ent­ge­gen­ge­setz­ten Fall ist man, um es mit Hei­ne zu sagen, ein Eunuch, der es wagt, das miss­ra­te­ne Kind eines Erzeu­gers zu tadeln.
Betrieb: Zuneh­mend wird sicht­bar, dass vie­le Jurys, die Lite­ra­tur för­dern und finan­zie­ren, mit immer den­sel­ben Kri­ti­kern besetzt wer­den. Das hat auch mit dem sym­bo­li­schen Kapi­tal zu tun, das Kri­ti­ker, zumal wenn sie im Fern­se­hen auf­tre­ten oder sonst­wie öffent­lich prä­sent sind, anhäu­fen. Es bil­den sich durch die­se Kon­zen­tra­ti­on auf eini­ge weni­ge Namen Netz­wer­ke und Seil­schaf­ten, die zu einer Her­me­tik des Preis- und Sti­pen­di­en­we­sens füh­ren. Immer die glei­chen Autoren wer­den aus­ge­zeich­net oder finan­zi­ell unter­stützt. Zudem lässt sich die Lite­ra­tur­kri­tik zuneh­mend durch event­ba­sier­te Bericht­erstat­tung die Agen­da dik­tie­ren. Prei­se sind gern genom­me­ne Auf­hän­ger, auch und vor allem die wach­sen­de Anzahl mit Long­list, Short­list und Show­down insze­nier­ten Ver­an­stal­tun­gen. Bleibt die Fra­ge, wer in den Jurys die­ser Buch­prei­se sitzt. Die­sel­ben wie in den ande­ren Jurys. Natür­lich. Das ist ein gewis­ses Dilem­ma.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit als Kri­ti­ke­rIn?
Nein. Natür­lich muss man mit dem lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Sezier­be­steck ver­traut sein und es zu ver­wen­den wis­sen, das ver­steht sich von selbst. Wich­ti­ger scheint mir eine gute Kennt­nis der Lite­ra­tur­ge­schich­te zu sein, vor allem der neue­ren, die, gera­de weil man sich in ihr bewegt, schwer zu fas­sen ist.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Pol­gar, auch wenn er vor­wie­gend Thea­ter­kri­ti­ker war, dafür, dass er aus hun­dert Wor­ten zehn mach­te und nicht aus hun­dert tau­send. Reich-Rani­cki für sei­ne Inter­pre­ta­ti­on von Schil­lers Räu­bern auf You­tube, Fried­rich Sieburg, weil Sät­ze für ihn Maß­an­zü­ge für Gedan­ken waren, und Richard Ale­wyn für Bon­mots wie: „Der Schau­er­ro­man ist die Abs­ti­nenz­neu­ro­se der altern­den Auf­klä­rung“.

Wie vie­le Bücher muss ein/e Kri­ti­ke­rIn gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen?
Gele­sen hat man immer zu wenig. Es kommt wahr­schein­lich weni­ger auf die Men­ge an als dar­auf, ob man die rich­ti­gen Bücher (es müs­sen nicht für alle die glei­chen sein) in die Hän­de bekommt, jene also, die einem das Gefühl oder einen Geschmack von wirk­lich gro­ßer Lite­ra­tur geben. Um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen braucht es, glau­be ich, schon eine gro­ße Lek­tü­re-Rou­ti­ne.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Der Beruf bringt es mit sich, dass man vor allem Neu­erschei­nun­gen liest, ich neh­me an, es sind so zir­ka 80.

Wel­che AutorIn­nen haben Sie mit 15 geschätzt?
Dji­an, der damals gera­de zu publi­zie­ren begann (Bet­ty Blue!), Remar­que und auch Fal­la­da.

Wel­che AutorIn­nen schät­zen Sie heu­te?
Mei­nen Sie leben­de? Ich ant­wor­te undi­plo­ma­tisch und zäh­le hier die auf, die ich sehr sub­jek­tiv und per­sön­lich schät­ze – lite­ra­risch und als Men­schen: Nizon, Hohl, Muschg, Fran­zet­ti, Lüscher, Gst­rein, Gou­bran, Klü­ger, Art­mann, Bin­der, cewe­be, Kraus­ser, Hett­che, Hil­big. Wei­ters: Dick­in­son, Var­gas Llosa, Faul­k­ner, Heming­way.

Was lesen Sie, wenn es nicht mit dem Beruf zu tun hat?
In letz­ter Zeit vor allem Bei­trä­ge, die sich streit­bar mit Poli­tik und Wirt­schaft aus­ein­an­der­set­zen. Online öfters Bei­trä­ge auf www.wissensmanufaktur.net oder Bücher wie Danie­le Gan­sers Euro­pa im Erd­öl­rausch.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rIn je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Zwar hat­te ich jah­re­lang über mei­nem Schreib­tisch eine Kar­te mit dem Satz „Ein­mal dach­te ich, ich hät­te unrecht, aber ich hat­te mich geirrt“ hän­gen. Aller­dings wird man in sei­ner Arbeit sehr schnell eines Bes­se­ren belehrt. Zuwei­len kommt es vor, dass man sein Urteil zwar nicht revi­die­ren, aber rela­ti­vie­ren muss. Es kommt immer dar­auf an, in wel­cher Lebens­pha­se und zu wel­chem Zeit­punkt man ein Buch liest, oft öff­net einem eine zwei­te Lek­tü­re die Augen.

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Ste­fan Gmün­der, gebo­ren 1965 in Bern, ist Lite­ra­tur­re­dak­teur der Tages­zei­tung Der Stan­dard in Wien. Er ist u. a. Her­aus­ge­ber des Ban­des Die Repu­blik Nizon. Eine Bio­gra­phie in Gesprä­chen (Edi­ti­on Sele­ne, 2005).

Quel­le: VOLLTEXT 2/2015

Online seit: 17. Janu­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 18. Jan. 2016