Fragebogen: Insa Wilke

Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te.

In der vori­gen Aus­ga­be von VOLLTEXT hat­ten wir die Juro­ren und Juro­rin­nen des Bach­mann­prei­ses gebe­ten, ihr Ver­ständ­nis von Lite­ra­tur­kri­tik im Rah­men eines Fra­ge­bo­gens dar­zu­le­gen. Auf­grund der gro­ßen Reso­nanz haben wir uns ent­schlos­sen, die­sen Fra­ge­bo­gen zu einem stän­di­gen Ele­ment von VOLLTEXT zu machen und in jeder Aus­ga­be eine/n Kritiker/in ein­zu­la­den, Far­be zu beken­nen.

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Auf­merk­sam­keit für die Lite­ra­tur erhal­ten und wecken und durch die Art, wie Lite­ra­tur­kri­tik das tut, mit­wir­ken am Erhalt einer ästhe­tisch inter­es­sier­ten poli­ti­schen Öffent­lich­keit.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Die Arbeits­be­din­gun­gen. Eine seriö­se Kri­tik muss ent­spre­chend hono­riert wer­den, und sie braucht Spiel­raum. Wenn die Räu­me schrump­fen, kann kein Gespräch ent­ste­hen. Wenn kein Gespräch ent­steht, wird die Kri­tik fad. Wenn die Kri­tik fad wird, fehlt eine wesent­li­che Ver­mitt­lungs­in­stanz. Das ist schlecht, denn Bücher und ihre Autorin­nen und Autoren brau­chen ein Gegen­über in der Öffent­lich­keit, und zwar ein geschul­tes, geüb­tes und durch Wider­spruch erfah­re­nes. (Damit mei­ne ich nicht, dass es einen Stu­di­en­gang „Lite­ra­tur­kri­tik“ braucht, son­dern dass ich als Kri­ti­ke­rin Redak­teu­rin­nen und Redak­teu­re benö­ti­ge, die auch wirk­lich redi­gie­ren. Und ich brau­che die Aus­ein­an­der­set­zung mit und den Wider­spruch von Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, bei­des fehlt.)
Übri­gens bedarf nicht nur die Lite­ra­tur einer seriö­sen und intel­li­gen­ten Kri­tik. Ich bin über­zeugt davon, dass auch wir Lese­rin­nen und Leser sie brau­chen. Kri­tik, ver­stan­den auch als nach­denk­li­che und genaue Lek­tü­re und als ein Gespräch über Lite­ra­tur, ist für mich eine erns­te Ange­le­gen­heit, weil die­ses Lesen eine Form ist, sich mit der Welt aus­ein­an­der­zu­set­zen, sich in ihr zu ver­or­ten und Kräf­te frei­zu­set­zen, die in indi­vi­du­el­le Lebens­läu­fe, aber auch in sozia­le Zusam­men­hän­ge wir­ken kön­nen. Nicht durch einen Pau­ken­schlag, aber durch lei­se Ver­schie­bun­gen.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit als Kri­ti­ke­rin?
Ja, sicher. Als Basis, von der aus ich lese. Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien leh­ren einen ande­ren Zugang zum Text, sie leh­ren vor allem, dass es ver­schie­de­ne Zugän­ge gibt und dass sich der Text ver­wan­delt, je nach­dem durch wel­che Tür man ihn betritt. Daher geht es auch nicht dar­um, ideo­lo­gisch einer Theo­rie anzu­hän­gen, son­dern über die Mög­lich­kei­ten des  gan­zen Werk­zeug­kas­tens zu ver­fü­gen. Theo­rien unter­stüt­zen einen distan­zier­ten, also eige­nen Blick, der über Geschmacks­ur­tei­le hin­aus geht.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten?
Micha­el Braun bewun­de­re ich als Lyrik­kri­ti­ker für sein immenses Wis­sen und sei­ne Gabe, Kom­ple­xes all­ge­mein ver­ständ­lich zu for­mu­lie­ren ohne zu ver­ein­fa­chen. Ina Hart­wig ach­te ich für ihre Genau­ig­keit, die im Aus­druck nie ange­strengt ist, und vor allem für ihren lite­ra­ri­schen Ver­stand, der immer auch poli­tisch ist. Ich schät­ze ihren Respekt vor der Arbeit und der Exis­ten­z­wei­se der Autorin­nen und Autoren und ihre Abnei­gung gegen den selbst­be­züg­li­chen, betriebs­in­ter­nen Blick. Bei­de, Micha­el Braun wie Ina Hart­wig, wür­den sich nie von Res­sen­ti­ments trei­ben las­sen, bei­de beur­tei­len Bücher aus ihrem eige­nen Anspruch her­aus, sind also Kri­ti­ke­rin und Kri­ti­ker, nicht Mei­nungs­ma­cher, die ja außer ober­fläch­li­cher Rhe­to­rik nicht viel zu bie­ten haben. Als Kri­ti­ke­rin muss man den eige­nen Geschmack zurück­stel­len, wenn es dar­um geht, die Qua­li­tä­ten eines Buches zu erfas­sen und zu erör­tern.

Wie vie­le Bücher muss ein/e Kritiker/in gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen? Wie vie­le haben Sie gele­sen?
Uff, das weiß ich wirk­lich nicht. Ich glau­be, es kommt auch weni­ger dar­auf an, wie vie­le Bücher man gele­sen hat, als auf die Fra­ge, wie man sie gele­sen hat.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Sie­he oben. Wirk­lich kei­ne Ahnung. Ich wer­de 2016 mit­zäh­len, ver­spro­chen. Aber: Es kommt ja nicht nur auf die Neu­erschei­nun­gen an. Man folgt ja auch den Ver­wei­sen eines Buchs auf ande­re Bücher oder beschäf­tigt sich mit dem Werk des Autors bzw. der Autorin. Für mich ist es das Schöns­te, durch ein Buch auf ande­re Bücher zu sto­ßen.

Wel­che AutorIn­nen haben Ihnen mit 15 gefal­len, wel­che schät­zen Sie heu­te?
Wolf­gang und Hei­ke Hohl­bein? (War die­se Pha­se mit 15?) Ich habe jeden­falls kein „Hes­se-Erleb­nis“ gehabt und habe damals auch nicht Kaf­ka und Goe­the und Höl­der­lin, auch nicht Bach­mann gele­sen. Ich habe sogar eini­ge Jah­re gar nicht gele­sen, weil ich ande­re Din­ge zu tun hat­te, die mir, das glau­be ich sicher, bei den spä­te­ren Lek­tü­ren gehol­fen haben, auch wenn die­se Lek­tü­re-Jah­re, die ande­re in ihrer Puber­tät haben, durch­aus manch­mal feh­len.

Was lesen Sie, wenn es nicht mit dem Beruf zu tun hat?
Ich lese viel­leicht etwas mehr Klas­si­ker, aber eigent­lich ist der Unter­schied nicht groß. Ich las­se, manch­mal, den Blei­stift weg. Aber Lite­ra­tur ohne einen gewis­sen Anspruch, also rein kom­mer­zi­el­le Bücher, kann ich kaum noch lesen. Ich durch­schaue ein­fach sofort, wie ich über den Tisch gezo­gen wer­den soll. Das lang­weilt mich dann.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rin je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Über Cle­mens J. Setz wür­de ich heu­te anders schrei­ben, als ich es ein­mal über Die Lie­be zur Zeit des Mahl­städ­ter Kin­des getan habe. Ich habe wohl noch immer ein paar Ein­wän­de, aber ich ver­ste­he jetzt bes­ser, was er macht. Sol­che Revi­sio­nen von Lek­tü­ren pas­sie­ren aber stän­dig und hän­gen nicht zuletzt auch damit zusam­men, dass sich mein Ver­ständ­nis von Kri­tik in den Jah­ren ver­än­dert hat. Mich inter­es­siert die Aus­ein­an­der­set­zung sowohl des Autors oder der Autorin mit sei­nem bzw. ihrem Stoff und der dafür gewähl­ten Form als auch mei­ne eige­ne mit genau die­sem Pro­zess. Das heißt nicht, dass es nicht auch um Beur­tei­lun­gen geht, die sind der Flucht­punkt. Aber das Den­ken hört ja nicht auf.

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Insa Wil­ke, gebo­ren 1978 in Bre­mer­ha­ven, ist Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin in Frank­furt am Main. Sie schreibt u.a. für Die Zeit, die Süd­deut­sche Zei­tung, den Tages­spie­gel und arbei­tet für den WDR, Deusch­land­funk und Deutsch­land­ra­dio Kul­tur. Sie ist u.a. Mit­glied der Jurys für den Adal­bert-von-Cha­mis­so-Preis und den Italo-Sve­vo-Preis. 2014 wur­de sie mit dem Alfred-Kerr-Preis für Lite­ra­tur­kri­tik aus­ge­zeich­net.

Quel­le: VOLLTEXT 3/2015

Online seit: 14. Janu­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 18. Jan. 2016