Und Gott fiel die Leiter herab

Ver­such über eine per­sön­li­che Sprach­ge­ne­se. Von Andre­as Mai­er
Das klingt kit­schig, aber anders sind die Begrif­fe, die sich aus Gott erge­ben, nicht for­mu­lier­bar.
Andreas Maier © PhotographerFFM

Andre­as Mai­er: Im Rah­men der Ideen­ge­schich­te des west­li­chen Abend­lands hal­te ich die Aus­for­mu­lie­rung des tri­ni­ta­ri­schen Modells für die aller­größ­te Leis­tung.
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Ich gera­te öfter in Gesprä­che mit Athe­is­ten oder sol­chen, die sich so bezeich­nen. Ich bin hier ver­sucht, eine geschlecht­er­neu­tra­le For­mu­lie­rung zu ver­wen­den, eigent­lich soll­te ich sagen, mit Athe­is­tin­nen oder Athe­is­ten. Aber wenn ich in mich gehe und mei­ne letz­ten drei­ein­halb Lebens­jahr­zehn­te durch­mus­te­re, dann han­del­te es sich tat­säch­lich aus­schließ­lich immer um Män­ner, die for­ciert athe­is­ti­sche Gesprä­che füh­ren woll­ten und von einem Mate­ria­lis­mus her argu­men­tier­ten, der offen­bar für sie so prä­gend war wie die Tat­sa­che, dass sie zwei Hän­de und zwei Füße hat­ten.

Sie ken­nen alle die­se Gesprä­che, bei denen man als glau­ben­der Mensch immer anschei­nend in eine Ver­tei­di­gungs­hal­tung gerät, weil das Gesprächs­ge­gen­über ers­tens gern mal erklärt hät­te, wie denn ein Mensch auf so etwas Selt­sa­mes ver­fal­len kann wie auf einen Glau­ben an einen Gott, und weil zwei­tens die­se Gesprächs­part­ner dann auch gern sofort die­sen Gott mani­fest und gleich­sam phy­sisch prä­gnant gezeigt haben wol­len, als müss­te ich nur einen Stein vom Boden auf­he­ben und sie­he da, dahin­ter wird er sicht­bar, Gott, den mein Gegen­über ein Leben lang nicht gese­hen hat oder nicht zu sehen glaub­te, der zumin­dest sei­ne Begrif­fe so ver­wen­de­te und ord­ne­te, als sei Gott natür­lich eine blo­ße Kon­struk­ti­on, und zwar eine so bana­le, als wür­den wir, die von Gott Reden­den, glau­ben, Gott befin­de sich hin­ter dem nächs­ten Stein.

Ich bin immer wie­der erstaunt, wie sich mit­un­ter ein mate­ria­lis­ti­scher Kopf einen Got­tes­glau­ben vor­stellt, immer wie­der erstaunt, für wie banal er ihn hal­ten kann, immer wie­der erstaunt, dass er mich her­aus­for­dern will, dass er mich sei­nen Argu­men­ta­ti­ons­mus­tern unter­wer­fen will, und am Ende habe ich immer das mul­mi­ge Gefühl, einen Men­schen vor mir zu haben, der sich doch in einer gewis­sen Bana­li­tät erschöpft. Sol­che Gesprä­che haben schnell gern einen Hori­zont von Recht­ha­ben­wol­len, Kon­kur­renz, von Her­ab­las­sung, nur weni­ge sind ehr­lich erstaunt und wol­len mir tat­säch­lich in mei­nen Glau­bens­ge­dan­ken näher­kom­men. Ande­re prü­fen ihre weni­gen Begrif­fe an mir ab, hal­ten mich im Grund für einen Spin­ner, und das war es.

Gott, ein hand­li­ches The­ma

Ein wei­te­res fällt mir an die­sen Gesprä­chen auf, und zwar umso mehr, je län­ger ich lebe. Näm­lich fra­ge ich mich immer wie­der, war­um das The­ma Glau­be oder Gott für sie ein so klei­nes, so hand­li­ches The­ma ist, für mich aber so rie­sig und dif­fe­ren­ziert, rie­si­ger und dif­fe­ren­zier­ter als Lite­ra­tur, als eine Spiel­tech­nik auf einem Instru­ment, so rie­sig und dif­fe­ren­ziert wie Phi­lo­so­phie. Mit der Beschäf­ti­gung mit Phi­lo­so­phie haben sie kei­ne Pro­ble­me, das fin­den sie oft­mals viel­leicht nur etwas zu hoch für sich, aber sie hegen sogar grund­le­gend eine Bewun­de­rung für Phi­lo­so­phen. Hören sie jeman­den mit guter Beherr­schung ein Instru­ment spie­len, fra­gen sie auch nicht: Was soll denn das, war­um macht der oder die das? Aber da Glau­be und der täg­li­che gedank­li­che Umgang damit (oder Nicht­um­gang, das ist ja auch ein gro­ßer Teil von Glau­be) ihnen fremd ist, haben sie eine sehr vor­schnel­le Mei­nung über mich, aus der in ers­ter Linie eines spricht, näm­lich völ­li­ges Des­in­ter­es­se.

Ich spre­che ihnen über­haupt nicht ab, dass es ein Des­in­ter­es­se aus sehr guten Grün­den sein könn­te. Aber es ändert nichts an der Tat­sa­che die­ses Des­in­ter­es­ses. Und Sachen, für die man sich nicht inter­es­siert, kann man eben schnell für lächer­lich hal­ten. Den­ken Sie an ost­frie­si­sches Boß­eln. Wir lachen ja auch über die Ost­frie­sen, wenn sie tage­lang ihre Stra­ßen und Dei­che ent­lang Kugeln wer­fen. Wür­den wir selbst boß­eln, wür­den wir dar­über nie­mals lachen.

Athe­is­ten und Mate­ria­lis­ten

Mei­ne Damen und Her­ren, ich muss mir hier selbst ins Wort fal­len, weil ich das nicht so ein­sei­tig ste­hen­las­sen kann. Ich habe eben in einer zu abwer­ten­den Wei­se über gewis­se Athe­is­ten und Mate­ria­lis­ten gespro­chen und so getan, als sei jeder, der mit dem Wort Gott oder mit Glau­ben oder Glau­bens­voll­zug nichts anfan­gen kann, bloß nur des­in­ter­es­siert oder ein­fach gestrickt.

Ich muss hier in ver­schie­de­ne Grup­pen unter­schei­den. Die einen haben wirk­lich nichts damit zu tun, das sind meist Leu­te, die gleich alt wie ich sind. Die fin­den oft nur schräg, das Wort Gott über­haupt zu ver­wen­den. Aber neh­men wir Leu­te, die nur fünf­zehn, zwan­zig Jah­re frü­her gebo­ren sind, oder die zwar so alt sind wie ich, aber süd­li­cher, etwa in Bay­ern, gebo­ren sind (ich bin Hes­se), und schon sieht die Lage etwas anders aus.

Die­se näm­lich haben oft in ihrer Schu­le, ihrer Erzie­hung Kon­takt zu kirch­li­chen Insti­tu­tio­nen gehabt, waren in die Kir­che ein­ge­bun­den, sei es als Mess­die­ner, sei es, dass sie in einem kirch­li­chen Inter­nat waren, und sol­che Leu­te fin­den so etwas wie Glau­ben oft eher selt­sam auf­grund ihrer eige­nen bio­gra­fi­schen Erleb­nis­se mit Glau­ben. Im Gro­ben gesagt: Gewalt, Miss­brauch, Ohr­fei­gen, Stra­fen, Psy­cho­ter­ror. Oder min­des­tens unend­li­che Lan­ge­wei­le, besof­fe­ne Pries­ter, selt­sa­me Anwand­lun­gen, Dop­pel­mo­ral. Neu­lich erzähl­te mir ein Frank­fur­ter, 63 Jah­re alt – und Sie wis­sen, 63 Jah­re ist heu­te nicht mehr so uralt wie frü­her, er spielt Fuß­ball, ist ein ziem­li­cher Musik­freak, ich sehe ihn öfter beim Apfel­wein – neu­lich also erzähl­te er mir von sei­ner ers­ten Beich­te als Kind. Die­se ers­te Beich­te führ­te zu kei­nen grö­ße­ren Pro­ble­men. Das Gro­tes­ke für ihn war aller­dings, dass er bei der Beich­te, also sei­ner ers­ten, zehn Sün­den ange­ben soll­te, das hat­te ihm der Pfar­rer vor­her, und nicht nur ihm, son­dern allen sei­nen Klas­sen­ge­nos­sen, ein­ge­schwo­ren.

Also, kurz gesagt, mein Bekann­ter litt nicht all­zu son­der­lich dar­un­ter, die­se zehn Sün­den zu erfin­den, bei emp­find­li­che­ren Gemü­tern könn­ten sich eine Mann und eine Frau natür­lich vor­stel­len, dass so ein See­len­ex­pe­ri­ment schlim­me und sehr schmerz­haf­te und nach­hal­ti­ge Kon­se­quen­zen haben kann. Aber mein Bekann­ter fand es vor allem nur gro­tesk. Er frag­te mich als Ehe­mann einer katho­li­schen Pro­fes­so­rin, was denn an die­sem Glau­ben dran sein kann, wenn man so einen Schwach­sinn ableis­ten muss. Nota bene: Er bekam sei­ne zehn Sün­den natür­lich bei der Beich­te nicht zusam­men, und auch das ende­te völ­lig unpro­ble­ma­tisch. Aber durch sol­che Details des pro­gram­ma­ti­schen Unsinns sam­mel­ten sich in ihm damals, in sei­nen Prä­gungs­jah­ren, vor allem immer eins, näm­lich Gegen­ar­gu­men­te gegen den Glau­ben, oder bes­ser gesagt, es sam­mel­ten sich in ihm zahl­lo­se War­um-Fra­gen. Denn zahl­lo­se Din­ge kamen ihm unsin­nig vor, und ich wür­de sagen, alles, was ihm unsin­nig vor­kam, kam ihm in ers­ter Linie des­halb so vor, weil es in actu tat­säch­lich völ­li­ger Unsinn war. Er sah die katho­li­sche Kir­che ins­ge­samt als gro­tes­ke Ver­an­stal­tung und fragt sich bis heu­te, im Übri­gen in völ­lig ehren­wer­ter und auf­rich­ti­ger Wei­se, wie man bei einer sol­chen Zir­kus­ver­an­stal­tung mit­ma­chen kann.

Men­schen­werk

Theo­lo­gisch kommt er der gan­zen Sache natür­lich nicht näher. Es wür­de ihm auch schwer zu ver­mit­teln sein, dass es auf alles das, was er erzählt, im theo­lo­gi­schen Sinn über­haupt nicht ankommt, son­dern dass dies alles, wie jede Insti­tu­ti­on, Men­schen­werk ist, genau­so rich­tig oder falsch oder gut oder per­vers wie alles Übri­ge auch, vom Sport­ver­ein bis hin zur uni­ver­si­tä­ren Hoch­schu­le. Aber wenn ich ihm das sag­te, wür­de er noch mehr den Kopf schüt­teln und ent­geg­nen, dann spin­nen ja wirk­lich alle, die damit zu tun haben.

Ich darf auch noch anmer­ken, dass die­ser Bekann­te etwa unse­re Apfel­wein­wirt­schaft, in der wir gemein­sam ver­keh­ren, für eine wesent­lich sinn­vol­le­re und unver­stell­te­re und unver­lo­ge­ne­re Ange­le­gen­heit hält als die Kir­che in sei­ner Jugend, und dass er sich in die­ser Wirt­schaft frag­los viel lie­ber auf­hält, ein­fach weil eine Apfel­wein­wirt­schaft ihm gegen­über nicht einen Erlö­sungs­ho­ri­zont behaup­tet, den das Men­schen­per­so­nal dar­in gar nicht ein­lö­sen könn­te. Hier ist der Stein, hin­ter dem etwas ver­bor­gen sein könn­te, sozu­sa­gen schon immer geho­ben, und des­halb geht er in die Wirt­schaft.

Aber kom­men wir auch hier bit­te auf die ande­re Sei­te. Kom­men wir zu den Glau­ben­den, den Chris­ten, hier eine ers­te Annä­he­rung, und zwar an eine grö­ße­re Grup­pe der Glau­ben­den. Mir ist auf­ge­fal­len, dass zu den Angriffs­ge­sprä­chen, die gewis­se männ­li­che Athe­is­ten gern füh­ren, ein Äqui­va­lent auf der ande­ren Sei­te exis­tiert, näm­lich die völ­li­ge Abwe­sen­heit sol­cher grund­le­gen­den Gesprä­che. Mei­nen Sie, ich hät­te jemals mit mei­nem Vater, mit mei­ner Mut­ter, mei­ner Ver­wandt­schaft über den Grund oder die Bedin­gung ihres Glau­bens reden kön­nen? Das ist nicht der Fall. Der Glau­be war in ihnen von Kind an gesetzt. Der Glau­be maß sich dar­an ab, ob man in den Got­tes­dienst geht, wie man in der Gemein­de mit­wirkt, ob man sich an gewis­se Regeln hält und ob man betet. Nie­man­dem von ihnen möch­te ich einen per­sön­li­chen Bezug zu Gott abspre­chen, wer wäre ich denn? Aber mir fällt auf, dass das­sel­be Mate­ri­al, aus dem mei­ne Apfel­wein­be­kannt­schaft sei­nen Unglau­ben, sei­nen ungläu­bi­gen Zwei­fel an dem Zir­kus ablei­tet, Zir­kus ist es ja in sei­nen Augen – dass genau die­ses Mate­ri­al bei der gro­ßen Grup­pe der Brauch­tums­gläu­bi­gen eben genau die­sen Glau­ben ermög­licht. Sie fin­den zwar man­ches auch unsin­nig, aber akzep­tie­ren es mühe­los, weil sie im Ritu­al auf­ge­ho­ben sind und sie ihren Glau­ben lie­ben und wert­schät­zen und sich ohne ihn ver­las­sen füh­len wür­den.

Schau­en Sie zum Bei­spiel mei­nen Vater an: ein ehren­wer­ter, hilfs­be­rei­ter, wenn auch stra­te­gisch den­ken­der Mensch, Jurist und, anders als Jesus Chris­tus, mit allen welt­li­chen Was­sern gewa­schen, dazu drei­ßig Jah­re im CDU-Vor­stand im Kreis­tag mei­ner Hei­mat­re­gi­on. Jeden Sonn­tag Got­tes­dienst, gern auch Gebe­te vor dem Essen, dane­ben grö­ße­re Tages­pha­sen, wo sein Han­deln sicher­lich nicht von einem Got­tes­glau­ben beherrscht war, aber doch von einer ihm grund­le­gend inne­woh­nen­den Mora­li­tät. Er konn­te zwar, wenn er für Leu­te etwas errei­chen woll­te, ganz schön die Wahr­heit bie­gen, aber er war nun ein­mal Jurist und, wie gesagt, mit allen Was­sern gewa­schen. Manch­mal zog ich ihn als Jugend­li­cher auf, als ich bereits in eini­gen ent­wi­ckel­ten Gedan­ken drin war, die zwar noch nichts mit dem Wort „Gott“ zu tun hat­ten, aber immer­hin schon mit einem gewis­sen Solip­sis­mus, der bei mir die Vor­stu­fe zur Öff­nung zum Wort „Gott“ hin war. Aber zu mei­ner eige­nen Ent­wick­lung spä­ter. Also, ich zog ihn auf und frag­te ihn ein­mal, als er einen Satz über das Leben nach dem Tod sag­te, und zwar ein­fach so dahin­sag­te, ob er dar­an wirk­lich glau­be. Er sag­te: Was heißt hier glau­ben? Davon kannst du aus­ge­hen! Ein Gespräch frei­lich war nicht mög­lich, ehr­lich gesagt inter­es­sier­te es ihn auch nicht sehr, er fühl­te sich viel­mehr ein biss­chen bedroht dadurch. Ich gehör­te für ihn ja zu denen, die alles zer­re­de­ten. Der Glau­be war in ihm so gesetzt wie etwa die Lie­be zu sei­ner eige­nen Mut­ter, bei­des hat­te auch etwas mit blo­ßem Gehor­sam zu tun und damit, dass man sich durch Gehor­sam gegen­über einer guten Sache wie Glau­be und Mut­ter als guter Jun­ge bzw. Mensch bzw. Mann zeigt.

Mei­ne sehr ver­ehr­ten Damen und Her­ren, fol­gen­des ist für mich etwas schmerz­haft ein­zu­ge­ste­hen, denn ich möch­te mei­ner Fami­lie und über­haupt den Mit­glie­dern die­ser gro­ßen Grup­pe von Brauch­t­ums­chris­ten nicht nahe­tre­ten, aber ich habe in mei­ner Ver­wandt­schaft nur ein ein­zi­ges Mal von einem Men­schen ein wirk­li­ches für mich glaub­ba­res Glau­bens­zeug­nis gehört, ein merk­lich per­sön­lich rele­van­tes Erleb­nis mit dem The­ma Gott und Glau­be. Es war aller­dings ein Erleb­nis ex nega­tivo. Aber hier und nur hier sah ich eine tat­säch­li­che Ver­we­bung eines Lebens mit dem The­ma Gott und Glau­be, wo ich bei den ande­ren sozu­sa­gen immer nur die Stan­dards sah, die man früh erlernt und dann, als Chris­tin oder Christ, ent­we­der erfüllt oder, wie mein Apfel­wein­kol­le­ge, nicht erfüllt, weil man sie ablehnt, wie gese­hen aus für ihn guten Grün­den.

Halt und Gerüst

Noch ein kur­zer Schwenk zurück zu mei­nem Vater und dem Apfel­wein­trin­ker. Ich hal­te es für abso­lut wahr, dass der christ­li­che Glau­be, wie er auch immer im Bewusst­sein mei­nes Vaters aus­se­hen mag oder moch­te, ihm Halt und Gerüst gege­ben hat, und dass er aus ihm eine Lebens­hal­tung gezo­gen hat, die dazu führ­te, dass er alles ande­re als ein schlech­ter Mensch wur­de. Ich hal­te es aber auch für eben­so wahr, dass auf genau dem ent­ge­gen­ge­setz­ten Weg, näm­lich durch eine auf­rich­ti­ge Ableh­nung von zir­kus­haf­ten Din­gen, die man ihm als Erlö­sungs­ho­ri­zont anbie­ten woll­te, mein Apfel­wein­kol­le­ge zu genau dem­sel­ben Ergeb­nis gekom­men ist. Bei­de reden zwar völ­lig anders über den Glau­ben, aber bei­de sind sich doch auf­fäl­lig ähn­lich. Hilfs­be­reit, in Maßen kri­tisch, nie ideo­lo­gisch ver­bies­tert, koexis­tent mit ande­ren Ansich­ten. Brü­der nicht in der Ansicht, aber in der Hal­tung.

Also zurück zu dem Erleb­nis ex nega­tivo, die­ses hat etwas mit mei­ner Ver­wandt­schaft im Osten und dem Zwei­ten Welt­krieg, näher gesagt mit dem Russ­land­feld­zug der Deut­schen zu tun. Mei­ne Tan­te Len­chen, eine Ver­wand­te aus Sach­sen, durf­te, weil sie in der Bau­ern­par­tei war, recht früh rei­sen, ich lern­te sie schon als Kind ken­nen. Wir ver­stan­den uns gut, auch wenn sie sehr viel rede­te. Sie erzähl­te viel von ihrer Ver­wandt­schaft. Nach 89, sie war sicher­lich schon Ende sieb­zig, durf­ten auch ande­re aus ihrem Umkreis rei­sen, und sie brach­te einen Freund mit, den ich von Anfang an sach­lich und sym­pa­thisch fand. Sie kann­te ihn seit lan­gen Jahr­zehn­ten, bei­de hat­ten nun näher zusam­men­ge­fun­den. Er war bei Kriegs­en­de über zwan­zig, mach­te dann erst in der DDR sei­ne Schu­le zu Ende und wur­de noch wäh­rend sei­ner Schul­zeit, soweit ich mich erin­ne­re, zum Leh­rer aus­ge­bil­det. Deutsch war eines sei­ner Fächer. Von allen mei­nen Ver­wand­ten und ihrem Umkreis war er der Ein­zi­ge, der über Kriegs­er­leb­nis­se berich­te­te. In mei­ner eige­nen Fami­lie wur­de nie vom Krieg berich­tet. Es wur­de auch nie dar­über gespro­chen, wer in der Par­tei gewe­sen war und wer nicht. Das war bei uns alles tabu.

Irgend­wo in Russ­land, er ist bei der Artil­le­rie, Win­ter. Die Armee ist bereits auf dem Rück­marsch und in schlim­mem Zustand, stän­di­ge Todes­angst. An wel­cher Stel­le der Front sein Trup­pen­teil gekämpft hat­te, weiß ich nicht, aber die Ent­beh­run­gen müs­sen fürch­ter­lich gewe­sen sein, und jetzt also die Rus­sen im Nacken, wäh­rend die Deut­schen auf dem Rück­zug oder der Flucht gen Wes­ten sind. Unser Prot­ago­nist erzähl­te damals mit Fach­wis­sen, er kann­te natür­lich die ver­schie­de­nen Kano­nen­ty­pen und zu was sie dien­ten etc. Sie hat­ten, wenn ich es recht refe­rie­re, auch Luft­ab­wehr­ge­schüt­ze dabei.

Nun kommt das Reli­gi­ons­er­leb­nis des armen Man­nes in der rus­si­schen Wei­te in jenem Win­ter. Es geht einem Sol­da­ten bekannt­lich ums Über­le­ben, aber hier­bei ging es um etwas ande­res, näm­lich um die ande­ren, um Rus­sen, die plötz­lich zu Men­schen wur­den, und zwar im Augen­blick ihrer Tötung. Er stand ihnen nicht ein­mal von Ange­sicht zu Ange­sicht gegen­über, nein, die Geschich­te ver­lief so, dass ein ande­rer Sol­dat viel­leicht sogar sehr glück­lich gewe­sen wäre, denn der Tod des ande­ren bedeu­tet ja erst­mal das eige­ne Über­le­ben. Unser Mann im Osten über­leb­te die­se Nacht, aber sie ver­än­der­te ihn. Sie ste­hen am Ufer eines Sees, der ihnen eigent­lich den Rücken decken soll. Aber es ist eis­kalt, der See ist zuge­fro­ren, er kann inzwi­schen mas­si­ve Las­ten tra­gen. Irgend­wann in der Dun­kel­heit und der Stil­le der Nacht hören sie, ganz ent­fernt, lei­se, wie wis­pernd ein Geräusch. Es ist kaum zu ver­neh­men, nimmt aber zu, wird hör­ba­rer, lau­ter, es han­delt sich, wenn auch noch ganz fern, um Geschrei, Angriffs­ge­schrei. Angriffs­ge­schrei von Boden­trup­pen, die über den See jagen, in ihre Rich­tung.

Dau­er­feu­er, minu­ten­lang

Hier­auf geschah das, was unse­rem Prot­ago­nis­ten den Glau­ben, den Chris­ten­glau­ben an den Gott sei­ner Jugend und Kind­heit und Erzie­hung, raub­te. Sei­ne Trup­pe ver­nimmt das Geschrei, und sie rich­ten ihre Luft­ab­wehr­ge­schüt­ze, die, weil es sich um einen spe­zi­el­len Typ han­delt, auch in die Hori­zon­ta­le aus­ge­rich­tet wer­den kön­nen, ins Dunk­le genau auf den See und begin­nen zu schie­ßen. Dau­er­feu­er, minu­ten­lang. Mit­ten ins Schwar­ze, wo gar nichts zu sehen ist, nur eben das ankom­men­de Geschrei zu hören war. Irgend­wann hören die Luft­ab­wehr­ge­schüt­ze zu schie­ßen auf. Anschlie­ßend ist nichts mehr zu hören. Völ­li­ge Stil­le, wie vor­her. Nichts zu sehen, nichts zu hören.

In die­sem Augen­blick, so unser Prot­ago­nist, habe er den Glau­ben an Gott ver­lo­ren. An einen Gott, der so etwas zulas­se, konn­te er von da an nicht mehr glau­ben. Er lös­te sich auf wie ein Wölk­chen, die­ser Gott. Das ist ein bemer­kens­wer­tes Erleb­nis, denn von da an war die­ser Mensch allein, ohne Gott, und lief so durch sein Leben, ganz anders als etwa mei­ne Mut­ter oder mein Vater. Und wohl­ge­merkt hät­te er ja auch glück­lich und zufrie­den sein kön­nen, weil ihm die Geschüt­ze das tem­po­rä­re Über­le­ben gesi­chert hat­ten. Ande­re hät­ten viel­leicht sogar Gott gedankt. Aber im Dau­er­feu­er der Kano­nen hat­te sich ihm alles auf­ge­löst, Freund, Feind, Gott und das Nichts. Es star­ben unsicht­ba­re, fer­ne, anony­me Rus­sen, es ver­gin­gen eigent­lich nur Geräu­sche dort auf dem gefro­re­nen See. Sie erstar­ben durch die eige­nen Geschüt­ze. Das über­for­der­te unse­ren Mann so, dass er fort­an für jede Form von Gott oder Glau­be unbe­rühr­bar war. Ich habe das so aus­führ­lich erzählt, weil es das größ­te, rele­van­tes­te und glaub­haf­tes­te Zeug­nis über Gott und Glau­be ist, wenn auch ex nega­tivo, dem ich in mei­ner christ­li­chen Ver­wandt­schaft je begeg­net bin.

Ich möch­te auf eine wei­te­re Grup­pe zu spre­chen kom­men, näm­lich Chris­tin­nen und Chris­ten, die von ihrem Glau­ben kei­ner­lei rhe­to­ri­schen Auf­he­bens machen, sich fast dafür schä­men und ent­schul­di­gen, in den Got­tes­dienst zu gehen, weil sie dar­in gera­de­zu eine per­sön­li­che ego­is­ti­sche Anma­ßung sehen, und sich ansons­ten weni­ger um sich als viel­mehr um ande­re küm­mern, nicht im Sin­ne mei­nes Vaters, der zuerst immer die Öko­no­mie im Sinn hat­te und dann, nach Erwerb von Geld, Macht und Mög­lich­keit, die­se teils sozi­al ein­setz­te. Die Leu­te, die ich mei­ne, wei­sen natür­lich die größ­te Chris­tus­nä­he auf. Aller­dings wir­ken sie oft ein wenig ser­vil, als man­ge­le es ihnen an Selbst­wert­ge­fühl. Aber war­um nicht? Es sind die, bei denen der Glau­be am wenigs­tens als Dis­kurs vor­han­den ist und nicht ein­mal als Recht­fer­ti­gung dient.

Es gibt sol­che Leu­te auch bei den Ungläu­bi­gen. Die­se sind den genann­ten Chris­tin­nen und Chris­ten als Men­schen wie­der sehr ver­wandt von der Hal­tung her, und sie machen eben­so von sich kei­ner­lei Auf­he­bens. Ich habe sol­che Men­schen ken­nen­ge­lernt. Von außen betrach­tet sind bei­de sogar ein­fach gleich. Und da sie nicht dar­über reden, haben wir nun ein iden­ti­fi­ka­to­ri­sches Pro­blem. Die einen sind Chris­ten und die ande­ren kei­ne Chris­ten, und sie han­deln bei­de gleich und geben uns kei­ne Wort­lau­te, anhand derer wir ihren Glau­ben oder Unglau­ben ermes­sen könn­ten. Was bleibt denn dann für ein Dif­fe­renz­kri­te­ri­um zwi­schen Glau­be und Nicht­glau­be? Wäre die ein­zi­ge Dif­fe­renz dann nicht das expli­zi­te Glau­bens­be­kennt­nis? Ist das Glau­bens­be­kennt­nis, also eine Ansamm­lung von aus­ge­spro­che­nen Wor­ten, dann etwa das, das den fun­da­men­ta­len Unter­schied zwi­schen sonst über­haupt nicht fun­da­men­tal unter­schied­li­chen Men­schen aus­macht? Da sie aber damit nicht hau­sie­ren gehen, müss­te man sie ja regel­recht zwin­gen, den Mund auf­zu­ma­chen und zu beken­nen. Aber das ist die selt­sams­te Vor­stel­lung, die man haben kann. Stel­len Sie sich Jesus Chris­tus per­sön­lich vor, mit all sei­nem Leben, sei­nen Taten, sei­nem Habi­tus, wie er vor jeman­dem steht und ihn auf­for­dert: Los, beken­ne oder beken­ne nicht! Wei­se mir dein Glau­bens­be­kennt­nis vor, damit ich weiß, wer du bist!

Damit sind wir bei der letz­ten Grup­pe mei­ner unvoll­stän­di­gen (Men­schen wie mei­ne Frau oder die mich zu die­sem Vor­trag ein­la­den­den Theo­lo­gen kom­men bei­spiels­wei­se gar nicht vor), unzu­läng­li­chen und ober­fläch­li­chen Grup­pen­auf­zäh­lung, näm­lich den Abgren­zungs­chris­ten. Abgren­zungs­chris­ten sei­en hier für den Moment als sol­che defi­niert, die sehr dar­auf ach­ten, ob man das rich­ti­ge Glau­bens­be­kennt­nis hat, und das kann nur hei­ßen, dass man das rich­ti­ge aus­spricht. Denn ohne Aus­spre­chen wüss­ten sie ja nicht, wen sie gera­de vor sich haben, anders als Jesus Chris­tus, dem war das völ­lig egal. Aus­spre­chen führt für Abgren­zungs­chris­ten dazu, dass man zu der einen Grup­pe dazu­ge­hört oder nicht dazu­ge­hört, und das ist für Abgren­zungs­chris­ten das vor­nehm­lich Wich­ti­ge. Hier übri­gens soll­te ich tat­säch­lich geschlecht­er­neu­tral for­mu­lie­ren, denn ich ken­ne min­des­tens eben­so vie­le Abgren­zungs­chris­tin­nen wie Abgren­zungs­chris­ten.

Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit

Eine sol­che Abgren­zungs­per­son denkt in ers­ter Linie in Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit, des­halb könn­ten wir ihr Ver­hal­ten viel­leicht am bes­ten so beschrei­ben, wie wenn wir über das Grup­pen- und Revier­ver­hal­ten gewis­ser Tie­re spre­chen wür­den. Als jemand, der 1967 gebo­ren ist, bin ich ja noch mit den Erin­ne­run­gen an die alten Ver­wer­fun­gen zwi­schen Katho­li­schen und Pro­tes­tan­ti­schen auf­ge­wach­sen. Zu mei­ner Lebens­zeit waren die­se Ver­wer­fun­gen noch spür­bar in den Erzäh­lun­gen mei­ner Eltern und Groß­el­tern. Seit damals haben wir übri­gens einen Rie­sen­fort­schritt gemacht. Ich kom­me aus einer pro­tes­tan­ti­schen Stadt, gehö­re aber zu einer der weni­gen katho­li­schen Fami­li­en. Inmit­ten mei­ner Hei­mat­stadt, Fried­berg in der Wet­ter­au, liegt eine gewal­ti­ge früh­go­ti­sche Hal­len­kir­che, gebaut lan­ge vor dem Schis­ma. Zur Zeit mei­nes Groß­va­ters wur­de noch gesagt, über die Schwel­le die­ser, inzwi­schen längst pro­tes­tan­tisch genutz­ten, Kir­che zu tre­ten sei eine Tod­sün­de für uns Katho­li­ken.

Neu­lich hat ein Ver­wand­ter von mir gehei­ra­tet, eine katho­lisch-pro­tes­tan­ti­sche Misch­ehe. Auch das hat­te noch etwas alt­mo­disch-gra­ben­krie­ge­ri­sches. Die Katho­li­ken steck­ten zusam­men und tuschel­ten, wie sie das jetzt fin­den sol­len, ob das die Pro­tes­tan­ten an die­sem Tag auch gemacht haben, weiß ich nicht, denn ich stand an dem Tag ja nolens volens auf der katho­li­schen Sei­te und wur­de selbst ange­tu­schelt. Dass die mög­li­chen Kin­der katho­lisch erzo­gen wer­den soll­ten, war da das Min­des­te, was die katho­li­sche Sei­te for­der­te. Ich ken­ne Men­schen, für die ist der Pro­tes­tant oder die Pro­tes­tan­tin immer noch das ers­te Frem­de in der Hei­mat­welt. Umge­kehrt waren bei uns zu Hau­se wir immer in der Min­der­heit, das heißt, wir waren für die ande­ren, die Pro­tes­tan­ten, die das gan­ze Stadt­bild beherrsch­ten, das ers­te Frem­de. Eine Gene­ra­ti­on vor­her hät­te ich für mei­ne Katho­li­zi­tät auf dem Schul­hof noch aufs Maul gekriegt. Ich dage­gen, als Kind, bekam auf der Schu­le nur noch des­halb aufs Maul, weil mein Vater bei der CDU, alle ande­ren aber bei der SPD waren.

Ori­en­tie­rungs­rah­men

Abgren­zungs­chris­ten über­prü­fen die ande­ren auf die rich­ti­ge Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit. Der Glau­be ist zwar meist nicht son­der­lich weit reflek­tiert, aber er ist so sicher wie das Amen in der Kir­che. Ein theo­lo­gi­sches Gespräch ist oft nicht mög­lich, es ist sogar uner­wünscht, denn man macht sich ver­däch­tig, wenn man ana­ly­tisch über Glau­ben redet und ihn in etwas Flie­ßen­des, Model­lier­ba­res, Inter­pre­ta­tier­ba­res und am Ende viel­leicht sogar Mode­rier­ba­res ver­wan­delt. Das Welt­bild des Abgren­zungs­chris­ten ist sta­tisch und muss auch so sein, weil es sein Ori­en­tie­rungs­rah­men ist. Ich möch­te das über­haupt nicht lächer­lich machen, auch wenn das The­ma natür­lich dazu ange­tan ist, denn alle han­dels­üb­li­chen Kli­schees spei­sen sich von hier her. Etwa, dass man oder frau den oder die ande­re dahin­ge­hend über­prüft, ob sie die­sen Sonn­tag denn auch tat­säch­lich in den Got­tes­dienst gegan­gen ist, wie oft der oder die Betref­fen­de über­haupt so in letz­ter Zeit in den Got­tes­dienst gegan­gen ist, war­um man zu der und der Toten­ge­denk­mes­se nicht erschie­nen ist. Das erle­be ich heu­te noch. Ich ken­ne kein Ver­eins­le­ben, bei dem man so streng beob­ach­tet wer­den könn­te.

Dem Abgren­zungs­christ lie­fert sei­ne Form von Glau­ben ein schar­fes Instru­ment zur Sozi­al­kon­trol­le, was umge­kehrt bedeu­tet, dass er oder sie sich offen­bar nur in einem stark sozi­al­kon­trol­lier­ten Umfeld wohl- und auf­ge­ho­ben fühlt. Es ist für mich übri­gens völ­lig unbe­zwei­fel­bar, dass Abgren­zungs­chris­tin­nen und ‑chris­ten, für die ihr Glau­be, wie gesagt, nichts Flie­ßen­des haben darf, son­dern ein­fach ein für alle­mal gesetzt und durch Wort­be­kennt­nis über­prüf­bar ist, die von offi­zi­el­ler kirch­li­cher Sei­te am meis­ten erwünsch­te Glau­bens­grup­pe ist, und ich hal­te sie gemein­sam mit den Brauch­tum­chris­ten für die größ­te Grup­pe. Brauch­tum ist ja auch etwas, was Zuge­hö­rig­keit und Nicht­zu­ge­hö­rig­keit defi­niert, und im Aus­üben des Brauch­tums ver­si­chert man sich sei­ner eige­nen sozia­len Grup­pe.

Hier gehen also Sozio­lo­gie und Reli­gi­on lei­der auf eine unauf­lös­ba­re Wei­se inein­an­der. Lei­der, denn Glau­ben, der Umgang mit Gott, mit dem Wort Gott, mit einer so selt­sa­men Erschei­nung wie Jesus Chris­tus, Umgang mit Wör­tern wie Heils­er­war­tung, Wahr­heit, Gut­heit, Sün­de, das ist schon ein min­des­tens phi­lo­lo­gisch schwie­ri­ger und inter­es­san­ter Pro­zess, er kann zur inne­ren Gesprächs­grund­la­ge für ein gan­zes Leben wer­den. Aber man kann sich die­se Wor­te und Din­ge auch anzie­hen wie Klei­dungs­stü­cke, Hut­fe­dern oder Gams­bär­te und nach außen zei­gen, um der Grup­pe wil­len. Bei­des scheint sich mir eigent­lich aus­zu­schlie­ßen, und viel­leicht liegt ja genau hier der Unter­schied zwi­schen leben­di­gem und totem Wort, zwi­schen Wahr­heit und Ideo­lo­gie.

Brauch­t­ums­chris­ten und Abgren­zungs­chris­ten sind aber nicht unbe­dingt deckungs­gleich. Mein Vater etwa hat zwar zeit sei­nes Lebens eisern auf sei­nen Glau­ben geschwo­ren, und er ist ein typi­scher Brauch­t­ums­christ, aber sein Glau­be hat ihm nie sei­nen psy­cho­lo­gi­schen und emo­tio­na­len Haus­halt ermög­li­chen oder regu­lie­ren müs­sen. Er neigt vor Pro­tes­tan­ten nicht zum Tuscheln. Er hat sich in Zei­ten sei­nes Lebens teils auch dazu hin­rei­ßen las­sen, über die oder den zu sagen, sie kämen nicht in den Got­tes­dienst. Aber er woll­te da eher wie ein Gene­ral­se­kre­tär die eige­nen Rei­hen zusam­men- und geschlos­sen hal­ten. Das Spiel der ande­ren war für ihn das Spiel der ande­ren, das hat er immer respek­tiert, so wie er, als Poli­ti­ker, ja auch immer das Dasein der ande­ren Par­tei­en akzep­tiert hat und wuss­te, dass sie genau­so ihr Spiel spie­len wie er das sei­ne.

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Und nun zu einem Ver­such über mei­ne eige­ne Sprach­ge­ne­se. Ich selbst war von dem Brauch­t­ums­chris­ten­tum recht früh abge­sto­ßen, da war ich noch ein Kind. Es quäl­te mich ehr­lich gesagt. Ich fand so etwas wie die Per­son Jesus spek­ta­ku­lär, benei­dens­wert, hel­disch, aber eher in Fil­men oder Erzäh­lun­gen. Die Got­tes­diens­te mach­ten mir jede Mög­lich­keit zur Anteil­nah­me zunich­te, weil sie mich durch Lan­ge­wei­le in einer Wei­se fol­ter­ten, wie ich es heu­te gar nicht mehr beschrei­ben kann. Die eine Stun­de sonn­tags vor­mit­tags in der Kir­che, öfter muss­te ich ja nie hin, war stets die schlimms­te Stun­de in der Woche. Übri­gens muss­te ich wahr­schein­lich auch des­halb mit, weil ich der Jüngs­te war und man zu Hau­se hät­te eine Auf­sicht für mich bereit­stel­len müs­sen, meis­tens in Form mei­ner Groß­mutter, die dann aus dem Nach­bar­ort her­bei­ge­schafft wer­den muss­te. Sie war bemer­kens­wer­ter­wei­se pro­tes­tan­tisch und hat­te also sonn­tags mor­gens frei – sie ging sel­ten in den Got­tes­dienst, glau­be ich.

Der größ­te Held von allen

Von Jesus Chris­tus ging natür­lich, wie von jedem Hel­den, und er war, das wuss­te ich, der größ­te Held von allen, grö­ßer als Hek­tor, Odys­seus, Par­zi­val, Sieg­fried und Diet­rich von Bern zusam­men – von ihm ging ein Vor­wurf, oder sagen wir lie­ber, eine per­ma­nen­te Demü­ti­gung aus, denn mir war völ­lig klar, dass ich sein Hel­den­tum nie errei­chen konn­te. Die ande­ren, mei­ne Eltern etwa, oder über­haupt alle Erwach­se­nen in der Kir­che, hat­ten ein ent­spann­te­res Ver­hält­nis zu ihm, der Licht­ge­stalt, was ich aber miss­in­ter­pre­tier­te. Ich dach­te näm­lich, sie sei­en nur des­halb ent­spann­ter, weil sie ihm näher sei­en, weil sie ihn bes­ser ver­stün­den, ihr Leben schon irgend­wie auf die­ses Hel­den­haf­te aus­ge­rich­tet hät­ten. Als wären sie schon irgend­wo, wo ich erst noch müh­sam hin­müss­te. Mit die­sem Gro­ßen und Gewal­ti­gen, Kreu­zes­tod, sogar Wie­der­auf­er­ste­hung, konn­ten sie irgend­wie umge­hen, nur ich konn­te das nicht, schien mir. Das ver­grö­ßer­te die Demü­ti­gung des Kin­des. So kann ein Kinds­ge­müt auf Jesus Chris­tus reagie­ren, wenn er ihm auf die­se Wei­se von Eltern, Kir­che, Umwelt und dem deut­schen Fern­se­hen dar­ge­bo­ten wird. In ihre bür­ger­li­chen Leben hat­ten sie tat­säch­lich die­sen größ­ten aller Hel­den inte­grie­ren kön­nen! Ich dage­gen fiel völ­lig ab, kam mir vor.

Nun ereig­ne­ten sich eini­ge Glücks­fäl­le in mei­nem Leben, die dazu führ­ten, dass ich nicht näher an das Chris­ten­tum her­an­ge­führt wur­de. Zum einen war ich als Kind völ­lig sozio­phob, die Grund­schu­le war ein Mar­ty­ri­um, ich war am liebs­ten allein. Es kam nun aber auch noch der Erst­kom­mu­ni­ons­un­ter­richt in Grup­pen­form auf mich zu. Das war für mich eine Hor­ror­vor­stel­lung. Ich fand schon das gemein­sa­me Beten abends beim Essen gru­se­lig, die Men­schen um mich her­um fühl­ten sich wäh­rend­des­sen so selt­sam an, wenn sie ihre Lita­nei bete­ten, als ver­wan­del­ten sie sich für kur­ze Zeit in schlott­ri­ge Geis­ter. Nun aber hat­ten wir einen Pries­ter in Fried­berg, der zugleich auch Leh­rer mei­nes fünf Jah­re älte­ren Bru­ders war. Die­ser Pries­ter erwähn­te ein­mal in der Klas­se mei­nes Bru­ders in einer Unter­richts­ein­heit das Wort „vor­ehe­li­cher Geschlechts­ver­kehr“. Danach brach mei­ne Mut­ter einen hei­li­gen Krieg gegen ihn vom Zaun. Ergeb­nis: Ich wur­de die­sem Pries­ter, wo es nur ging, fern­ge­hal­ten, und durf­te den Erst­kom­mu­ni­ons­un­ter­richt bei ihm nicht besu­chen. Ich durf­te auch nicht zur Erst­kom­mu­ni­on. Folg­lich war ich auch nie bei der Fir­mung. Bis heu­te bin ich nur getauft, und der Grund dafür ist die dama­li­ge katho­li­sche Sit­ten­stren­ge mei­ner Fami­lie. Ich blieb also eine Zeit lang allem Kirch­li­chen fern.

Inzwi­schen ging ich bei mei­nem Bru­der in die Schu­le, der sich unter­des­sen zu einem Mar­xis­ten und damit Mate­ria­lis­ten ers­ter Güte ent­wi­ckelt hat­te. Ich lern­te von ihm zum ers­ten Mal so etwas wie ana­ly­ti­sches oder dia­lek­ti­sches Den­ken, wenn natür­lich auch nur in jugend­li­chen Maßen. Aber zumin­dest konn­te ich mit die­sem ana­ly­ti­schen Werk­zeug erst­mals die Welt­bil­der mei­ner Eltern und von grö­ße­ren Tei­len mei­ner Umwelt durch­den­ken. Zum ers­ten Mal kam mir der Ver­dacht, dass vie­les in mei­ner Umwelt nicht beson­ders weit reflek­tiert war. Gegen den Got­tes­be­griff der Glau­ben­den hol­te ich nun auch für kur­ze Zeit mate­ria­lis­ti­sche bzw. Feu­er­bach­sche Argu­men­te her­vor.

Adres­sat des Todes

Aller­dings ent­wi­ckel­te ich mich völ­lig anders als mein Bru­der. Mein sehr gesell­schafts­ori­en­tier­ter, poli­ti­scher Bru­der ist knall­har­ter Mate­ria­list, aller­dings auf nicht wirk­lich phi­lo­so­phisch sat­tel­fes­te Wei­se (aber wer wäre das schon?). Mein Bru­der hält Gott für die Kon­struk­ti­on der Men­schen, die phy­si­sche Rea­li­tät für die ein­zi­ge und ist auch dem ewi­gen popu­lärma­te­ria­lis­ti­schen Vor­ur­teil unter­wor­fen, mit dem Tod sei alles vor­bei. Ich möch­te hier nur anmer­ken, dass sich mir da immer die Fra­ge stellt, für wen denn im Tod alles vor­bei sein soll? Soll für mich alles vor­bei sein, wenn ich tot bin? Schon sind wir im per­for­ma­ti­ven Selbst­wi­der­spruch! Denn die­ser Tod setzt mich ja vor­aus als Adres­sa­ten. Wenn alles vor­bei ist, aber kein Ich dabei ist, für das es vor­bei sei, dann haben wir ein viel erns­te­res Pro­blem, als es Leu­ten wie mei­nem Bru­der bewusst ist. Er frei­lich hält das alles nur für Wort­klau­be­rei.

Mein vor­läu­fi­ger, vom Bru­der gestif­te­ter Mate­ria­lis­mus ende­te schon nach kur­zer Zeit in einem mas­si­ven Solip­sis­mus. Denn mir war klar, dass die mate­ria­lis­ti­sche Argu­men­ta­ti­ons­ket­te an einer Stel­le hapert. Wenn ich die gan­ze Wei­se, wie Welt, Umwelt auf mich zukommt, auf mei­nen phy­sisch vor­han­de­nen sen­sua­li­ti­schen Appa­rat redu­zie­re, dann muss den­noch irgend­wo die Stel­le sein, wo plötz­lich der Sprung irgend­ei­ner Art von Außen­welt in mein Bewusst­sein geschieht. Dies­seits der Sprung­stel­le, auf der Sei­te mei­nes Bewusst­seins, kann ich mich mei­ner selbst durch Evi­denz ver­si­chern. Ich bin ja. Aber ich kann mich nicht der Tat­sa­che ver­si­chern, dass das, was sich auf der ande­ren Sei­te befin­det, das ist, als was es mir erscheint. Ich kann mir also nicht ein­mal sicher sein, dass der gan­ze sen­sua­lis­ti­sche Appa­rat, den ich vor­aus­set­ze, also Augen, Ner­ven­bah­nen, Tast­sinn, all das, was Scho­pen­hau­er in sei­ner Dok­tor­ar­beit so selt­sam genau beschreibt, als könn­te das hel­fen – ich kann mir nicht sicher sein, ob es das alles tat­säch­lich gibt oder selbst nur blo­ße Ein­bil­dung oder Täu­schung ist. Des­halb leb­te ich eini­ge Jah­re so, dass ich davon aus­ging, über nichts, was drau­ßen ist, eine siche­re Aus­sa­ge machen zu kön­nen. Frei­lich leb­te ich, aß, trank, ver­lieb­te mich, aber ich konn­te dar­aus kein kon­sis­ten­tes Welt­bild ablei­ten.

Des­halb inter­es­sier­ten mich auch die Argu­men­te, mit denen Mate­ria­lis­ten im Sin­ne mei­nes Bru­ders klas­si­scher­wei­se Got­tes Exis­tenz ableh­nen, über­haupt nicht mehr, weil Gott sich für mich von allen ande­ren mög­li­chen Gegen­stän­den dort drau­ßen nicht unter­schied. Sei­ne Exis­tenz war genau­so pre­kär wie die des Bier­gla­ses, vor dem ich all­abend­lich saß. Ob Men­schen Bier­glä­ser erfan­den, oder ob sie Got­tes­be­grif­fe erfan­den, war für mich völ­lig gleich, da ja die Men­schen selbst nur eine unbe­wie­se­ne Ver­mu­tung über die Außen­welt waren. Eigent­lich war es damals eine gemüt­li­che Zeit, obgleich sie natür­lich dra­ma­tisch war, ich war ja dem kom­plet­ten Irr­sinn nahe. Selbst wenn ich mit einem Mäd­chen schlief bzw. die­ses mit mir, dann war es nur test­wei­se, als hät­te ich mög­li­cher­wei­se eine Fik­ti­on vor mir oder einen Ava­tar.

Solip­sis­mus

Anschlie­ßend setz­te eine Pha­se ein, in der die Din­ge kom­pli­zier­ter wur­den oder wer­den muss­ten. Denn mein Solip­sis­mus mach­te mir alles sehr ein­fach, er schal­te­te ein­fach alles gleich. Das mach­te ihn mir ver­däch­tig. Ich begann Phi­lo­so­phie zu stu­die­ren. Mein Leh­rer, Karl-Otto Apel, der lei­der gera­de ver­stor­ben ist, beschäf­tig­te sich mit genau die­sen Grund­pro­ble­men, oder bes­ser gesagt: Ich wähl­te ihn zu mei­nem Leh­rer, weil er genau die­se Pro­ble­me Ich, Außen­welt, Zwei­fel auf­griff. Stark war etwa das Argu­ment des paper doubts, dass er gegen Des­car­tes her­vor­brach­te. Wenn ich unter­schieds­los alles auf die­sel­be Wei­se anzweif­le, wird der Zwei­fel zu einem Null­sum­men­spiel. Dann habe ich an den ein­zel­nen Gegen­stän­den und ihren Zusam­men­hän­gen nichts ver­än­dert und kann den Zwei­fel wie aus einem Bruch her­aus­kür­zen. Der Zwei­fel ist dann von einer red­un­dan­ten Behaup­tung nicht zu unter­schei­den.

Ein belieb­tes Argu­ment, oder ein rhe­to­ri­scher Kniff Apels war, uns Zuhö­re­rin­nen und Zuhö­rer ganz tief in den Des­cart­schen Zwei­fel hin­ein­zu­füh­ren, in den Zwei­fel an allem, an der gesam­ten Außen­welt, um uns anschlie­ßend wie­der auf­zu­we­cken mit dem Hin­weis, dass wir alle nun nach dem Semi­nar völ­lig zwei­fel­los zur U‑Bahn gehen und zwei­fel­los erwar­ten, dass dann auch eine U‑Bahn kom­me. Natür­lich läuft das auf eine com­mon-sen­se-Hal­tung hin­aus. Ich kann zwar nicht bewei­sen, dass es U‑Bahnen über­haupt gibt, aber wenn ich mich der land­läu­fi­gen Mei­nung füge, ist zumin­dest ein Leben und ein Umgang mit Welt und eine U‑Bahn-Beför­de­rung mög­lich. Und da ich nicht schaff­te, nicht zur U‑Bahn zu gehen, und da ich auch nicht mit Essen und Trin­ken und mich Ver­lie­ben und allem wei­te­rem auf­hör­te, begann ich, so etwas wie Umwelt und dass sie tat­säch­lich irgend­wie in mich hin­ein­ragt, zu akzep­tie­ren. Also dass mir da etwas gegen­über­steht, in dem ich mich bewe­ge und dem­ge­gen­über ich mich je so oder so posi­tio­nie­re. Und dass ich das nicht so ein­fach über­ge­hen kann, indem ich theo­re­tisch, durch solip­sis­ti­schen Zwei­fel, alles gleich­ma­che. Denn unzwei­fel­haft agier­te ich ja z. B. unter­schied­li­chen Men­schen gegen­über völ­lig unter­schied­lich. Ver­ste­hen Sie mich recht, ich such­te nicht nach phi­lo­so­phisch rele­van­ten Erklä­run­gen, war­um ich mich in der einen Situa­ti­on so und einem ande­ren Men­schen gegen­über so ver­hielt. Ich hielt nur zum ers­ten Mal die Tat­sa­che fest, dass ich es tue und dass die­ses unter­schied­li­che Agie­ren drau­ßen, in der Umwelt, einen ungleich viel grö­ße­ren Teil mei­ner Tage und mei­nes Lebens aus­mach­te als mei­ne weni­gen Solip­sis­mus­sät­ze, die ich dau­ernd auf­rei­hen konn­te und die ver­lo­ckend logisch klan­gen, aber eben fast alles außer Acht lie­ßen.

Ohne es zu mer­ken, denn ich sprach ja damals nicht von Gott, son­dern stu­dier­te Phi­lo­so­phie, nahm ich den lie­ben Gott die gan­ze Witt­gen­stein­sche Lei­ter mit nach oben. Ich beschäf­tig­te mich mit Fra­ge­stel­lun­gen wie Kon­zep­ti­on von Iden­ti­tät, Kon­zep­ti­on von Wahr­neh­mung, mit der Fra­ge, ob ich tat­säch­lich unhin­ter­geh­bar von einem Wahr­heits­an­spruch aus­ge­he, wenn ich über­haupt nur den Mund auf­ma­che. Oder mit der Fra­ge, wie sich die Ding­welt zur Spra­che ver­hält bzw. umge­kehrt, oder ob die Dicho­to­mie Ding­welt ver­sus Spra­che über­haupt sinn­voll ist oder nicht. Kurz, alles tra­di­tio­nel­le phi­lo­so­phi­sche Fra­ge­stel­lun­gen.

Im Nach­hin­ein nen­ne ich die­se Zeit mei­nes Stu­di­ums die Zeit der Umwe­ge. Ich wur­de als Mensch dif­fe­ren­zier­ter, ver­äs­tel­ter, lern­te ver­schie­de­ne Stand­punk­te ken­nen, geriet mit Kant genau in die Schnitt­stel­le zwi­schen Idea­lis­mus und Mate­ria­lis­mus und hat­te viel­fäl­ti­ge Theo­rie­bil­dun­gen im Kopf, die ich stets hem­mungs­los auf mein All­tags­le­ben anwen­de­te. Vie­les davon habe ich inzwi­schen wie­der ver­ges­sen, weil ich an einem Punkt plötz­lich ganz naiv zu wer­den begann.

Gott oder Apel

Ich begann test­wei­se das Wort Gott zu ver­wen­den. Ich hat­te das Wort noch nie ver­wen­det. Ich ver­wen­de­te es nicht im spi­ri­tu­el­len Sinn. Nicht aus sen­ti­men­ta­len Grün­den. Nicht auf­grund eines kon­kre­ten spi­ri­tu­el­len Erleb­nis­ses, obwohl ich inzwi­schen weiß, dass ich vie­les, was ich frü­her erlebt habe, mit Spi­ri­tua­li­tät zu tun hat, aber avant la lett­re, ich hät­te es damals nie so genannt. Son­dern ich ver­wen­de­te das Wort Gott, um zu erfah­ren, wel­che Aus­sa­gen mit die­sem Wort mög­lich sind und wel­che nicht. Und je mehr ich das Wort aus­tes­te­te, des­to mehr kam mir vor, dass tat­säch­lich mei­ne vor­he­ri­gen Denk­we­ge immer Umwe­ge gewe­sen waren. Denn ich hat­te durch viel­fäl­ti­ge Theo­rie­bil­dung immer Din­ge zu beant­wor­ten ver­sucht, die ganz ein­fach zu beant­wor­ten sind, wenn man das Wort Gott ver­wen­det. Woher ich etwa die­sen Wahr­heits­an­spruch hat­te, das kann man ent­we­der mit Karl-Otto Apel for­mu­lie­ren, dann muss man sich eines Pos­tu­lats bedie­nen, des­sen Not­wen­dig­keit oder Unhin­ter­geh­bar­keit man erst ein­mal theo­re­tisch begrün­den muss. Immer, wenn ich mei­nem Bru­der Apel erklär­te, hielt er all das für blo­ße Wort­klau­be­rei. Oder ich ver­wei­se auf mei­ne Her­kunft von Gott her, und alles ist ganz ein­fach zu sagen. Ver­ste­hen Sie mich recht, ich mei­ne das nicht bio­lo­gis­tisch oder phy­sisch oder gar meta­phy­sisch, dass mir etwas ein­ge­pflanzt sei, was ich wis­sen­schaft­lich doch irgend­wie iso­lie­ren und zur Anschau­ung brin­gen könn­te. Nein, es ergibt sich ganz allein aus dem Begriff Gott, es gehört zur Ver­wen­dung die­ses Begriffs. Gott beinhal­tet, dass ich sein Geschöpf bin. Geschöpf­sein heißt, von ihm her auf ihn hin geschaf­fen zu sein. Das ergibt sich ganz allein aus dem Begriff. Wenn ich das mei­nem Bru­der sag­te, hielt er mich für kom­plett ver­rückt gewor­den.

Ich fand fas­zi­nie­rend, wie viel die­sem Wort mög­lich war, und ich ver­stand immer weni­ger, wie­so es so stig­ma­ti­siert war und unbe­dingt aus­ge­klam­mert gehö­ren soll­te. Ich weiß, das klingt etwas blut­arm, aber anders kann ich es nicht sagen und mei­ne offen­bar theo­re­tisch vor­be­rei­te­te Nai­vi­tät auch nicht anders beschrei­ben (aller­dings habe ich sie an ande­rer Stel­le vor eini­gen Jah­ren aus­führ­li­cher dar­ge­legt, ohne das jetzt hier wie­der­ho­len zu kön­nen). Mit der Ver­wen­dung des Wor­tes Gott war plötz­lich vie­les mög­lich. Zum Bei­spiel mei­ne selt­sa­me Zwie­ge­spal­ten­heit wur­de erklär­bar, also dass ich einer­seits evi­den­ter­ma­ßen ein eigen­ver­ant­wort­li­ches Sub­jekt bin, sogar eines, das sich von den ande­ren dadurch unter­schei­det, dass für es durch es die gan­ze Welt mit­trans­por­tiert wird. Und dass ich ande­rer­seits für mich eben­so evi­den­ter­ma­ßen soweit unver­füg­bar bin, dass sich vie­les an mir völ­lig mei­ner Kon­trol­le ent­zieht. Die­se Dicho­to­mie könn­te nicht bes­ser auf­ge­löst wer­den als in mei­ner Ver­or­tung als Geschöpf im tri­ni­ta­ri­schen Pro­zess. Geschaf­fen bin ich aus Lie­be, aber ich muss­te zu etwas geschaf­fen wer­den, damit ich Emp­fän­ger die­ser Lie­be sein kann. Des­halb muss ich ich selbst sein kön­nen, und des­halb muss ich zugleich unvoll­stän­dig sein, denn erst in Gott, in sei­ner Lie­be, wenn ich von ihr erfüllt bin und sie end­lich wider­stands­los an alles um mich her­um wei­ter­ge­be, kann ich mich selbst wirk­lich fin­den etc. Das klingt kit­schig, aber anders sind die Begrif­fe, die sich aus Gott erge­ben, nicht for­mu­lier­bar.

Tri­ni­tät ist natür­lich eine sehr phi­lo­so­phi­sche Kon­struk­ti­on, das kann man so sehen. Aber ich hal­te sie zugleich für eine Begriffs­expli­ka­ti­on des Wor­tes Gott. Ich bin in ein Ver­hält­nis gesetzt, das bedingt das Wort Gott. Und indem ich so spre­che, rede ich weder phy­si­ka­lisch-bio­lo­gisch-mate­ria­lis­tisch noch meta­phy­sisch. Ich stel­le mir, indem ich das Wort ver­wen­de, ja nicht ein­mal die Fra­ge, ob ich an Gott glau­be oder nicht bzw. ob ich ihm eine Exis­tenz zuge­ste­he oder nicht. Die Fra­ge stellt sich bei die­sem Wort für mich nicht. Sie stellt sich für mich auch nicht bei den Wor­ten Lie­be, Hass etc.

Ich bin natür­lich den­noch sehr glück­lich über den schließ­lich von Feu­er­bach ein­ge­lei­te­ten Tod Got­tes, denn er hat den Begriff befreit. Die Lebens­last des­sen, was Kir­che und prak­ti­scher Glau­bens­voll­zug dem Begriff auf­ge­bür­det haben, konn­te von ihm abfal­len. Men­schen wie ich konn­ten erst ein­mal lan­ge Zeit außer­halb des Begriffs, ohne sei­ne Benut­zung leben. Aber bei allen phi­lo­so­phi­schen Fra­ge­stel­lun­gen, mit denen ich die Lei­ter hin­auf­klet­ter­te, hat­te ich Gott immer im Gepäck, ohne es zu wis­sen. Denn alles wäre auch schon vor­her in eine Spra­che über­setz­bar gewe­sen, in der das Wort Gott vor­kommt. Mei­ne Spra­che zur Uni­ver­si­täts­zeit, und ich glau­be, ein Groß­teil unse­rer Spra­che seit Län­ge­rem kommt daher, dass wir das Wort pein­lich genau aus­schlie­ßen wol­len. So sind wir alle immer auf Umwe­gen. Ich hal­te die­se Umwe­ge für äußert pro­duk­tiv. Letz­ten Endes kön­nen sie irgend­wann die­nen für die Wie­der­in­stal­lie­rung des Wor­tes Gott in unse­re all­ge­mei­ne Sprach­welt.

Ich nann­te die­sen Vor­trag „Und Gott fiel die Lei­ter her­ab.“ Das muss ich noch aus­füh­ren. Denn bis­lang habe ich ihn ja nur die Lei­ter hin­auf mit­ge­nom­men.

Kein Wort­laut, kein Bekennt­nis

Reli­gi­on, Spi­ri­tua­li­tät, Glau­be muss ich jeden Tag neu errin­gen in einem her­me­neu­ti­schen Pro­zess, den ich aber bit­te mit mir sel­ber füh­re. Reli­gi­on muss ich in mir errin­gen, sicher nicht drau­ßen in der Umwelt. Jesus war kein Abgren­zer und kein Par­tei­gän­ger und kein Wort­laut­über­prü­fer. Jesus war ein Mensch, der kei­ne Wort­lau­te und kei­ne Bekennt­nis­se brauch­te. Er brauch­te nur Gott bzw. Wahr­heit bzw. Lie­be. Wenn ich glau­ben will, dann rich­te ich die Auf­ga­be an mich, nicht nach drau­ßen an ande­re. Und wenn wer auf mich zukommt und mich über­prü­fen will, ob ich zu einem rech­ten Glau­ben gehö­re oder nicht, dann wen­de ich mich unauf­fäl­lig ab, ent­glei­te der Situa­ti­on. Gehen Sie in einem sol­chen Fall lie­ber spa­zie­ren. Und wer­den Sie nie­mals, nie­mals, nie­mals zu einem Par­tei­gän­ger und wer­den Sie nie­mals zu einem Eife­rer. Dann wird der lie­be Gott, glau­be ich, Sie seg­nen, so wie ich Gott durch das Wort Gott ver­ste­he.

Für mich ist die Rede von und mit Gott heut­zu­ta­ge etwas, was vie­les viel leich­ter sag­bar macht, als wenn man bloß in Phi­lo­so­phie gefan­gen bleibt. Phi­lo­so­phie ist eigent­lich genau das Glei­che wie Theo­lo­gie, nur dass eben ein Wort nicht ver­wen­det wer­den darf. Umge­kehrt ist Theo­lo­gie, so wie ich sie ken­nen­ge­lernt habe, nicht min­der intel­li­gent als Phi­lo­so­phie. Der Unter­schied ist eben die Benut­zung oder The­ma­ti­sie­rung des einen Wor­tes. Im Rah­men der Ideen­ge­schich­te des west­li­chen Abend­lands hal­te ich die Aus­for­mu­lie­rung des tri­ni­ta­ri­schen Modells für die aller­größ­te Leis­tung. Da kann natür­lich nur jemand mit­ge­hen, der das Wort zu benut­zen gewillt ist, das Wort Gott.

Aber ich glau­be zugleich auch nicht, dass das Wort so ela­bo­riert wer­den muss, wie ich es für mich stän­dig tue. Das mei­ne ich mit dem Her­ab­fal­len Got­tes von der Lei­ter. Gott ist mir zwar in mei­nem selt­sa­men intel­lek­tu­el­len und dann wie­der nai­ven, zer­fet­zen­den und dann wie­der sim­pli­fi­zie­ren­den Lebens­weg gefolgt, zuerst in nuce, dann offen­bar, aber das ist eben nur mein Lebens­weg. Er hat es geschafft, all die­se Stu­fen mit mir hin­auf­zu­klet­tern, aber kaum war er oben, und mit oben mei­ne ich kei­ne Bewer­tung, kei­nen Sie­ger­preis … kaum war ich dort ange­kom­men mit sei­ner Beglei­tung, habe ich ja selbst gemerkt, dass ich auch schon auf allen Stu­fen vor­her das Wort hät­te benut­zen kön­nen. Er fällt mühe­los auf jede wei­te­re Stu­fe zurück. Und auch wie­der ganz her­un­ter. Ohne die­sen Gedan­ken ist Gott völ­lig sinn­los. Er erfor­dert kei­ne Intel­lek­tua­li­tät und kein Phi­lo­so­phie­stu­di­um. Gott wählt nicht aus. Er bevor­zugt nicht. Er hat auch mit dem Wort Abgren­zung sicher nichts zu tun. Er lässt uns machen, und es gibt tau­send ver­schie­de­ne Wege zu ihm, ein­ge­schlos­sen den ein­fachs­ten. Wer oder wel­che aber nicht zu denen gehört, denen der ein­fachs­te Weg zuge­stan­den ist, wer also Wor­te braucht, soll­te Kom­ple­xi­tät anstre­ben und sich in den Dis­kurs bege­ben. Denn nur so wer­den wir unser eige­nes Wort leben­dig erhal­ten kön­nen. Das leben­di­ge Wort ist nicht gefähr­lich. Gefähr­lich ist das tote Wort.

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Andre­as Mai­er, gebo­ren 1967, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Er ver­öf­fent­lich­te im Suhr­kamp Ver­lag die Roma­ne Das Haus (2012), Die Stra­ße (2013) und Der Ort (2015) sowie die Kolum­nen­samm­lung Mein Jahr ohne Udo Jür­gens (2015). Zuletzt erschie­nen die Roma­ne Der Kreis (2016), Die Uni­ver­si­tät (2018) und ein neu­er Sam­mel­band mit Kolum­nen unter dem Titel Was wir waren (2018). Bei dem hier abge­druck­ten Text han­delt es sich um einen Vor­trag, den Mai­er im Novem­ber 2017 im Rah­men der Poe­tik­do­zen­tur „Lite­ra­tur und Reli­gi­on“ an der katho­li­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Wien gehal­ten hat.

Quel­le: VOLLTEXT 2/2018 – 29. Juni 2018

Online seit: 10. Mai 2019

Online seit: 10. Mai 2019

Zuletzt geän­dert: 10. Mai 2019