Das Schauspiel der Geschichte

Tho­mas Lang über Éric Vuil­lards Roman Die Tages­ord­nung.
„In einem bestür­zen­den Fluch haben sich die Fil­me von damals in unse­re Erin­ne­run­gen ver­wan­delt.“
Eric Vuillard © Melania Avanzato

Éric Vuil­lard: „Nichts ist unschul­dig an der Kunst des Erzäh­lens.“
Foto: Mela­nia Avanz­a­to

Am Vor­mit­tag des 12. März erwar­ten die Öster­rei­cher fie­ber­haft und mit unan­stän­di­gem Froh­lo­cken das Ein­tref­fen der Nazis.“
Gemeint ist, man müss­te es schwer­lich ergän­zen, der März 1938. Das The­ma von Éric Vuil­lards jüngs­tem Buch oder zumin­dest der Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt sei­ner Erzäh­lung Die Tages­ord­nung ist damit gesetzt – er schreibt über die damals „Anschluss“ genann­te Okku­pa­ti­on Öster­reichs durch das deut­sche Reich, wählt also wie schon häu­fi­ger die euro­päi­sche Geschich­te zum The­ma.

Sei­ne Erzähl­wei­se ist schlank, anders als Knaus­gård oder Car­rè­re benö­tigt er gera­de mal 120 Sei­ten, um sich einem der zen­tra­len Ereig­nis­se zu wid­men, die dem Zwei­ten Welt­krieg vor­aus­gin­gen. Vuil­lard eröff­net mit einem Tref­fen im Febru­ar 1933. Die NSDAP brauch­te drin­gend Geld und lud die füh­ren­den Indus­tri­el­len des deut­schen Reichs nach Ber­lin ein. Drei Mil­lio­nen Mark soll­ten die Bos­se auf­brin­gen, um den Nazis zum Wahl­sieg zu ver­hel­fen. Dafür ver­sprach Hit­ler ihnen die Wah­rung des Pri­vat­ei­gen­tums und Schutz vor dem Kom­mu­nis­mus. Die anwe­sen­den Her­ren spen­de­ten. Es waren die Lei­ter bzw. Besit­zer von Fir­men wie „BASF, Bay­er, Agfa, Opel, I.G. Far­ben, Sie­mens, Alli­anz, Tele­fun­ken … Sie sind unse­re Autos, unse­re Wasch­ma­schi­nen, unse­re Rei­ni­gungs­mit­tel, unse­re Radio­we­cker, unse­re Haus­ver­si­che­rung und die Bat­te­rie in unse­rer Uhr.“ – Es geht mit­hin nicht um Ver­gan­ge­nes.

In den fol­gen­den Kapi­teln befasst Vuil­lard sich mit den Ereig­nis­sen vor und um den 12. März 1938. Er zeich­net das gehei­me Tref­fen von Schu­sch­nigg und Hit­ler auf dem Ober­salz­berg nach, schil­dert die Bemü­hun­gen, den Ein­marsch als von der öster­rei­chi­schen Regie­rung gewünscht zu camou­flie­ren und die gleich­zei­ti­ge völ­li­ge Rück­sichts­lo­sig­keit gegen­über Ver­fas­sung und Geset­zen des Lan­des.

Aus­führ­lich wid­met er sich einem Besuch des deut­schen Außen­mi­nis­ters Rib­ben­trop bei Cham­ber­lain in Lon­don und deu­tet dabei die Ver­flech­tun­gen an, die nicht nur poli­tisch bestehen – denn Cham­ber­lain war in frü­he­ren Jah­ren offen­bar der Ver­mie­ter von Rib­ben­trops Lon­do­ner Woh­nung. Wie­der­holt atta­ckiert Vuil­lard den Begriff des Appease­ment für die eng­li­sche Poli­tik die­ser Jah­re. Für ihn sind die Ver­wick­lun­gen vie­ler eng­li­scher Poli­ti­ker in nazis­ti­sche und anti­se­mi­ti­sche Netz­wer­ke, etwa die Nor­dic League, all­zu offen­sicht­lich. Nach­dem Rib­ben­trop die Eng­län­der mög­lichst lang bei die­sem Din­ner fest­hielt, um sie an einer Reak­ti­on auf den Ein­marsch zu hin­dern, kehrt Vuil­lard zurück zum Gesche­hen in Öster­reich.

Die Reichs­wehr kommt mit Last­wa­gen und schwe­rem Gerät aus Bay­ern über die Gren­ze. Bereits in Linz bleibt sie ste­cken. Die Pan­zer, nicht lan­ge dar­auf die gefürch­te­te Waf­fe der deut­schen Armee, fah­ren nicht mehr. Die Macht­de­mons­tra­ti­on, die wohl auch ein Signal an den Rest Euro­pas geben soll­te, gerät um ein Haar zur Bla­ma­ge. In Wien wüten der­weil schon die öster­rei­chi­schen Nazis, ver­haf­ten und ver­prü­geln mög­li­che Geg­ner, schi­ka­nie­ren die jüdi­sche Bevöl­ke­rung. Göring und Rib­ben­trop füh­ren ein Tele­fo­nat, in dem erneut behaup­tet wird, Öster­reich hät­te um den Ein­marsch gebe­ten. Die­ses Tele­fo­nat war für die aus­län­di­schen Geheim­diens­te gefälscht, der Tenor der eigent­li­chen Gesprä­che aller­dings wur­de in Pro­to­kol­len auf­be­wahrt, die Her­mann Göring füh­ren ließ.

Wie schon ein­gangs zitiert, beschreibt Vuil­lard die Ambi­va­lenz des soge­nann­ten „Anschlus­ses“ – einer­seits ein Gewalt­streich gegen den Wil­len der (wie auch immer gear­te­ten) öster­rei­chi­schen Regie­rung, ande­rer­seits ein per Akkla­ma­ti­on und nach­ge­scho­be­ner Volks­be­fra­gung doch bereit­wil­lig hin­ge­nom­me­ner, ja, sogar gefei­er­ter Akt. Vuil­lard schil­dert, wie der Wider­stand der öster­rei­chi­schen Pres­se sich bei­nah auf die Mel­dung von vier Selbst­mor­den beschränkt, deren Zusam­men­hang mit dem poli­ti­schen Ereig­nis des 12. März wenigs­tens sug­ge­riert wor­den sei.

Am Ende schlägt er den Bogen zurück zu den Indus­tri­el­len und schil­dert eine Sze­ne aus dem Jahr 1944. Die Krupps sit­zen beim Abend­essen, als der schon seni­le, eigent­lich ver­stumm­te Gus­tav Krupp sich erhebt und sagt: „Wer sind eigent­lich all die­se Leu­te?“ Die gespens­ti­sche Sze­ne deu­tet der Autor als Erschei­nen der vie­len Zwangs­ar­bei­ter, an denen der Kon­zern sich wäh­rend des Krie­ges berei­cher­te. Mit der Beschrei­bung des Zwangs­ar­bei­ter-Elends und der wider­wil­li­gen Zah­lung klei­ner Ent­schä­di­gun­gen durch Krupp an über­le­ben­de Juden in den 1950er-Jah­ren endet das Buch. Für die Unter­stüt­zer der Nazi-Dik­ta­tur, die sich 1933 in Ber­lin ver­sam­mel­ten, hat sich durch den Krieg prak­tisch nichts geän­dert, so Vuil­lard. „In abseh­ba­rer Zeit wer­den alle statt des Gol­de­nen Par­tei­ab­zei­chens stolz das Bun­des­ver­dienst­kreuz tra­gen.“

Ein eige­nes Gen­re

Der (deut­sche) Ver­lag gibt in einer edi­to­ri­schen Notiz fol­gen­den Hin­weis: „Der Wort­laut der Zita­te stützt sich mit leich­ten Abwand­lun­gen vor allem auf die Gesprächs­pro­to­kol­le der Nürn­ber­ger Pro­zes­se sowie auf Kurt Schu­sch­niggs Memoi­ren …“ Im Übri­gen, so der Autor selbst, erlau­be die Lite­ra­tur alles, auch das freie Nach­er­zäh­len von Geschich­te. Aus die­sem Grund und weil mein Wis­sen über Öster­reich 1938 sich im Wesent­li­chen auf Ernst Jandls Gedicht „wien: hel­den­platz“ beschränkt, soll die his­to­ri­sche Wahr­heit von Vuil­lards Erzäh­lung hier nicht im Ein­zel­nen erör­tert wer­den. Sie bie­tet eine glaub­haf­te, nach Über­prü­fung ein­zel­ner Punk­te stich­hal­ti­ge Ver­si­on der Ereig­nis­se. Schließ­lich han­delt es sich nicht um den Sach­text eines His­to­ri­kers.

Wor­um han­delt es sich denn? Dem Ver­lag zufol­ge hat Vuil­lard ein neu­es, eige­nes Lite­ra­tur-Gen­re geschaf­fen. Im Grun­de ist es ein Essay, der sich der Mit­tel erzäh­len­der Lite­ra­tur bedient, ohne eine sug­ges­ti­ve, durch­ge­stal­te­te Fik­ti­on bie­ten zu wol­len. Die Tages­ord­nung, im Ori­gi­nal L’ordre du Jour – was sich auch mit Der Tages­be­fehl über­set­zen lie­ße – ist eine zeit­ge­schicht­li­che Betrach­tung, eine Reka­pi­tu­la­ti­on von Ereig­nis­sen, die Euro­pa geprägt haben, oder des seis­mi­schen Zit­terns vor die­sen gro­ßen Ereig­nis­sen. Das ist fas­zi­nie­rend gemacht, im Grun­de auch ein wenig pro­ble­ma­tisch, weil Vuil­lard bei aller Ratio­na­li­tät die Ebe­ne des ratio­na­len Dis­kur­ses häu­fig zuguns­ten sug­ges­ti­ver Bil­der ver­lässt. Ein Text wie die­ser funk­tio­niert viel­leicht nur in einer frei­en Gesell­schaft und im Ver­trau­en auf das kri­ti­sche Poten­zi­al der Leser.

Éric Vuil­lard ist 50 Jah­re alt. Er hat in Frank­reich seit 1999 neun Bücher publi­ziert, von denen die frü­hes­ten bis­lang nicht ins Deut­sche über­setzt sind. Der fran­zö­si­sche Kri­ti­ker Jean Ristat nennt ihn in sei­nem Buch Qui sont les con­tem­po­rains? (Gal­li­mard, 2017) einen Nach­fah­ren Lau­tré­a­monts (was aus den jün­ge­ren Titeln nicht unmit­tel­bar ersicht­lich wird). Schon sei­ne frü­he­ren Bücher, ins­be­son­de­re Tohu, schei­nen sich tra­di­tio­nel­len Gen­res zu ent­zie­hen. Ristat schreibt, Vuil­lards Bücher sei­en „des objets non iden­ti­fia­bles qui … bril­lent pour not­re seu­le délec­ta­ti­on“ – nicht iden­ti­fi­zier­ba­re Objek­te, die zu unse­rem rei­nen Ver­gnü­gen glän­zen. Éric Vuil­lard wur­de unter ande­rem 2012 mit dem Franz-Hes­sel-Preis aus­ge­zeich­net. Für Die Tages­ord­nung erhielt er 2017 den Prix Gon­court.

Auf Deutsch lie­gen sei­ne Bücher vor, die nach Art des hier bespro­che­nen his­to­ri­sche Ereig­nis­se oder Figu­ren zu ihrem Gegen­stand machen. Die Bal­la­de vom Abend­land (im Fran­zö­si­schen etwas kan­ti­ger La Batail­le d’Occident, also die Schlacht des Abend­lan­des) han­delt vom Ers­ten Welt­krieg, Kon­go von der Kolo­nia­li­sie­rung eben­je­nes afri­ka­ni­schen Lan­des im 19. Jahr­hun­dert, Die Trau­rig­keit der Erde von den letz­ten India­ner­krie­gen und dem Spek­ta­kel, das Buf­fa­lo Bill in sei­ner inter­kon­ti­nen­tal tou­ren­den Show dar­aus mach­te. Die­ses letz­te stellt viel­leicht den gelun­gens­ten Ver­such des Autors dar, sich sei­nen his­to­ri­schen Stof­fen zu nähern, und es ist für sein ästhe­ti­sches Ver­fah­ren recht auf­schluss­reich.

Vuil­lard ist kein Detail-Schil­de­rer, er liebt das Skiz­zen­haf­te, Pan­ora­ma­ti­sche. Häu­fig stellt er Behaup­tun­gen ein­fach in den Raum – „die gro­ße red­li­che Lüge der Arbeit“ oder „das Aben­teu­er unse­res Daseins“ sind Bei­spie­le für sein Appel­lie­ren an eine Art Com­mon Sen­se. Jeden­falls hält er sich bei State­ments die­ser Art nicht wei­ter auf. Die Arbeit der Ima­gi­na­ti­on macht der Autor immer wie­der sicht­bar. Gleich im ers­ten Kapi­tel der Tages­ord­nung, wenn er uns zu dem illus­tren Tref­fen der Indus­trie­bos­se lädt, schreibt er etwa, „man könn­te mei­nen, dem etwas stei­fen Vor­ge­plän­kel einer Gar­ten­par­ty bei­zu­woh­nen.“ An einer ande­ren Stel­le bringt er sich selbst ins Spiel: „Ich weiß nicht, wer [als Ers­ter die Stu­fen hin­auf­stieg] … und im Grun­de tut das wenig zur Sache.“ So lässt er uns immer wie­der am Akt der Ima­gi­na­ti­on teil­neh­men, nimmt das Illu­so­ri­sche zurück oder zeigt es eben offen als illu­so­risch.

An ande­ren Stel­len schil­dert er sehr wohl Details, etwa wenn er den künf­ti­gen Reichs­wirt­schafts­mi­nis­ter beschreibt: „[Hjal­mar] Schacht schiebt gele­gent­lich sei­ne schma­le Bril­le hoch und reibt sich die Nase, die Zun­ge leicht zwi­schen die Lip­pen gescho­ben.“ Sol­che Ein­zel­hei­ten wir­ken bei Vuil­lard manch­mal manie­riert, bloß dem Zweck die­nend, eine Sze­ne leben­di­ger zu machen. Das ist scha­de, weil die Glaub­wür­dig­keit der Erzäh­lung an sol­chen Stel­len lei­det. Der sonst so sum­ma­ri­sche und mit schlan­ken Stri­chen zeich­nen­de Autor wirkt bei der Detail­lie­rung ein wenig lieb­los.

Wenn die Glaub­haf­tig­keit des Erzähl­ten an Stel­len wie die­ser lei­det, offen­bart das ein Pro­blem des gegen­wär­ti­gen Erzäh­lens. Es wirkt wie infi­ziert von der all­ge­mei­nen Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie, die uns nicht erlaubt, uns mit Neben­säch­lich­kei­ten län­ger auf­zu­hal­ten – schließ­lich gibt es so viel Wesent­li­ches, das wir auf kei­nen Fall ver­pas­sen wol­len. Ein biss­chen schlam­pig sind außer­dem alle, nicht wahr? …

Lei­der wirkt die Läs­sig­keit nega­tiv auf das Erzähl­te zurück, wo sie zur Nach­läs­sig­keit wird. Wenn das Detail will­kür­lich und fremd­kör­per­haft bleibt, wie ein auf­ge­kleb­ter Bart an einer Papp­fi­gur, war­um soll­te das Gro­ße und Gan­ze dann glaub­wür­dig sein?

Der gro­ße Dik­ta­tor

Inter­es­sant ist es in die­sem Zusam­men­hang, sich die Beschrei­bun­gen Adolf Hit­lers anzu­se­hen, der in dem kur­zen Text immer­hin 37-mal nament­lich erwähnt und doch nicht zu einer (die Erzäh­lung) domi­nie­ren­den Figur wird. Sein ers­ter Auf­tritt – 1933 vor den Indus­trie­ma­gna­ten – zeigt ihn lächelnd und ent­spannt, „leut­se­lig … sehr viel lie­bens­wür­di­ger als gedacht“. Die­se Dar­stel­lung erin­nert an Rede­aus­schnit­te und Auf­trit­te von ihm, die inzwi­schen zahl­reich auf You­Tube zu fin­den sind und die das Bild des ewig schrei­en­den und gei­fern­den Irren, als den wir Hit­ler über Schu­le und Fern­se­hen ken­nen lern­ten, vari­ie­ren. Das scheint mir inso­fern erwäh­nens­wert, als die­ser „ande­re“, in sei­ner Jovia­li­tät an heu­ti­ge Poli­ti­ker erin­nern­de Mann den Erfolg, den er nicht nur bei Mas­sen­auf­trit­ten hat­te, viel bes­ser ver­ständ­lich macht. Anders gesagt: Man­geln­de Bereit­schaft zum Schrei­en und Wüten ist noch kein aus­rei­chen­des Kri­te­ri­um für einen hin­nehm­ba­ren Poli­ti­ker. Zusam­men mit Knaus­gårds mensch­li­cher Schil­de­rung des jun­gen Man­nes Hit­ler als (ver­hin­der­ter) Künst­ler steht Vuil­lards Cha­rak­te­ri­sie­rung dar­über hin­aus für die sin­ken­de Strahl­kraft des dämo­ni­schen Ober­na­zis.

Ein freund­li­cher Mann begeg­net uns also zunächst, an einer ande­ren Stel­le ver­wan­delt er sich in ein wider­sprüch­li­ches Wesen und letzt­lich in ein uner­bitt­li­ches Arsch­loch, das mit gro­ßen Schrit­ten über die Welt hin­weg­stie­felt, „äußerst erregt“, „außer sich“, brül­lend und tobend – vor allem aber kon­se­quent unfä­hig und unwil­lig, irgend­et­was zu ver­han­deln. Vuil­lards Hit­ler muss sei­nen Wil­len haben.

Des Dik­ta­tors Art, die Mas­sen zu grü­ßen, beschäf­tigt Vuil­lard, die Ges­te ist uns von Film­aus­schnit­ten ver­traut. Statt des soge­nann­ten „deut­schen Gru­ßes“ win­kel­te er „mit einer nach­läs­si­gen, weib­lich anmu­ten­den Bewe­gung“ oft nur den Arm an. Hier ver­weist Vuil­lard auf Chap­lins Par­odie des Dik­ta­tors und deu­tet damit an, wie sich für uns die Bil­der über­la­gern. An einer zwei­ten Stel­le geht er noch wei­ter. Hit­lers Rede auf dem Hel­den­platz cha­rak­te­ri­siert der Text wie folgt: „Er kra­keelt ein Deutsch, das der spä­ter von Chap­lin erfun­de­nen Spra­che sehr ähn­lich ist, vol­ler Ver­wün­schun­gen, aus denen sich nur ein­zel­ne Wör­ter abhe­ben.“ Trotz des Hin­wei­ses auf das „spä­ter“ zeigt sich hier deut­lich die Umkeh­rung in der Wahr­neh­mung: Heu­te muss Hit­lers Auf­tre­ten sich an Chap­lins Par­odie mes­sen und nicht umge­kehrt. Ein klei­ner Sieg der Kunst über die Pro­pa­gan­da und eine der schöns­ten Stel­len in Vuil­lards Buch.

Im fal­schen Film

Foto­gra­fien gehö­ren all­ge­mein zu den wich­ti­gen Inspi­ra­ti­ons­quel­len des fran­zö­si­schen Autors. In sei­nem Buch über Buf­fa­lo Bill befasst er sich expli­zit mit die­ser Art von Mate­ri­al. Er beschreibt die Foto­gra­fie einer India­ne­rin, die, von Wei­ßen erzo­gen, sich in ihrer letz­ten Lebens­pha­se den Lebens­un­ter­halt wie­der­um damit ver­dien­te, als India­ne­rin zu posie­ren. Auf die­ser Foto­gra­fie, fin­det Vuil­lard, sehe die Frau „ver­klei­det“ aus, und dar­aus lei­tet er ab, dass sie „kei­ne India­ne­rin mehr“ gewe­sen sei.

Kurt Schuschnigg

Kurt Schu­sch­nigg, 1934: Man muss­te nur ein paar Mil­li­me­ter abschnei­den, um den öster­rei­chi­schen Bun­des­kanz­ler seriö­ser und nicht so ver­dat­tert drein­schau­en zu las­sen.

Auch in der Tages­ord­nung gibt es eine ähn­li­che Pas­sa­ge. Da schil­dert Vuil­lard eine Foto­gra­fie von Kurt Schu­sch­nigg, auf­ge­nom­men 1934 in sei­ner Gen­fer Woh­nung. Dar­auf sehe der öster­rei­chi­sche Kanz­ler besorgt, schlaff und unent­schlos­sen aus. Vuil­lard beschreibt Details wie ein zer­knautsch­tes Revers und ein Blatt Papier, die auf der bekann­ten Fas­sung des Fotos weg­ge­schnit­ten sei­en. Auch wenn es nicht stimmt, dass das von Vuil­lard beschrie­be­ne Bild so nur in der fran­zö­si­schen Natio­nal­bi­blio­thek zu fin­den sei (es lässt sich leicht im Inter­net recher­chie­ren), ist die dar­an anknüp­fen­de Über­le­gung doch span­nend.

Die gän­gi­ge Ver­si­on des Fotos näm­lich habe eine ganz ande­re Wir­kung: „Man muss­te nur ein paar belang­lo­se Mil­li­me­ter, ein klei­nes Stück­chen Wahr­heit, abschnei­den, um den öster­rei­chi­schen Bun­des­kanz­ler seriö­ser und nicht so ver­dat­tert wie auf der ursprüng­li­chen Auf­nah­me drein­schau­en zu las­sen.“ Vuil­lard fol­gert: „Nichts ist unschul­dig an der Kunst des Erzäh­lens.“ Auch wenn die Bild­aus­sa­ge mani­pu­lier­bar und die Foto­gra­fie als sol­che selbst­ver­ständ­lich fälsch­bar erscheint, bleibt sie für den Autor doch wich­tig. „Die Wahr­heit ist in ihr ein­ge­zeich­net“, heißt es im Buf­fa­lo-Bill-Buch. Die Zeit dage­gen wird von ihr aus­ge­schal­tet, wir kön­nen uns in einer Foto­gra­fie wie auch in einem (in die­sem) Text bewe­gen, als gäbe es das Fort­schrei­ten der Zeit nicht. Dar­in liegt der Wert der Künst­lich­keit, wäh­rend es in der natür­li­chen Welt und der Geschich­te kein Hal­ten gibt.

Für die Ereig­nis­se vom März 1938 ist vor allem der Film eine wich­ti­ge Quel­le. Die in den offi­zi­el­len deut­schen Wochen­schau­en gezeig­ten und vom Fern­se­hen bis heu­te oft wie­der­hol­ten Auf­nah­men dürf­ten das Bild­re­per­toire, das den meis­ten von uns zu Nazi-Deutsch­land und Zwei­tem Welt­krieg zur Ver­fü­gung steht, ent­schei­dend geprägt haben – ergänzt durch die scho­ckie­ren­den Bil­der, die bei der Befrei­ung der Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ent­stan­den. Auch mit dem fil­mi­schen Mate­ri­al geht Vuil­lard kei­nes­wegs naiv um. Einer­seits benutzt er es spür­bar für sein Schrei­ben. Ande­rer­seits warnt er uns und sich selbst: Alles, was wir däch­ten, ent­sprän­ge die­sem „homo­ge­nen Foli­en­hin­ter­grund“ der Pro­pa­gan­da­fil­me. „In einem bestür­zen­den Fluch haben sich die Fil­me von damals in unse­re Erin­ne­run­gen ver­wan­delt.“

Vuil­lard pro­ble­ma­ti­siert auch den über­lie­fer­ten Ton. Die Film­auf­nah­men wur­den damals „natür­lich erst nach­träg­lich mit dem Jubel unter­legt“ – „mit­hil­fe der soge­nann­ten Over­dub-Tech­nik. Womög­lich war der Jubel gar nicht echt.“

Nut­zen der His­to­rie

Ande­rer­seits will er dem Mate­ri­al auch nicht jeden Wahr­heits­ge­halt abspre­chen. Über die Auf­nah­men vom Wie­ner Hel­den­platz schreibt Vuil­lard in die­sem Zusam­men­hang, man kön­ne sich „kei­ne Illu­sio­nen machen, es wur­den aus ganz Öster­reich Nazi-Mili­tan­ten her­bei­ge­karrt, Geg­ner und Juden inhaf­tiert: eine aus­ge­wähl­te, berei­nig­te Men­ge; doch es sind ech­te Öster­rei­cher aus Fleisch und Blut, kei­ne blo­ße Kino­men­ge.“ In die­sem Abwä­gen, in der Nach­voll­zieh­bar­keit des gedank­li­chen Pro­zes­ses, der ein bald his­to­ri­sches Ereig­nis reflek­tiert und bewer­tet, liegt die gro­ße Stär­ke von Vuil­lards Schreib­wei­se. Letzt­lich geht es dar­um, den Anspruch auf Wahr­heit nicht voll­ends an die Wis­sen­schaft abzu­tre­ten, son­dern als kri­ti­sches Indi­vi­du­um anhand des ver­füg­ba­ren Mate­ri­als und mit­hil­fe der (eige­nen) Ima­gi­na­ti­on zu ver­wirk­li­chen, sich ande­rer­seits aber nicht einer plat­ten Nach­in­sze­nie­rung, einer bloß atmo­sphä­ri­schen Bebil­de­rung und unmit­tel­ba­re Zeu­gen­schaft hei­schen­den Prä­sen­ta­ti­on irgend­wel­cher Doku­men­te anheim­zu­ge­ben, wie es beim His­to­tain­ment prak­ti­ziert wird. Die Sug­ges­ti­on als sol­che bleibt wie­der­um The­ma.

Wer­fen wir noch einen Blick auf das, was hier als Geschich­te ver­han­delt wird. Einer­seits ope­riert Vuil­lard recht all­tags­sprach­lich mit dem Begriff (jeden­falls erscheint es in der deut­schen Über­set­zung so), wenn er von den „Untie­fen der Geschich­te“ schreibt oder der „Ver­sen­kung der Geschich­te“. Ande­rer­seits pro­ble­ma­ti­siert er unser Bild von der Ver­gan­gen­heit, weil wir nur insze­nie­ren kön­nen, was gesche­hen ist. Er schil­dert nach den Tage­bü­chern von Gün­ther Anders einen rie­si­gen Kos­tüm­fun­dus in Hol­ly­wood, der die Klei­der für jede mög­li­che Geschich­te, auch die Nazi-Zeit, lie­fert, aber für „die wirk­li­che Tra­gö­die“ kei­nen Platz hat. „Die Geschich­te ist ein Spek­ta­kel“ heißt es im Hin­blick auf den Cus­tom Palace. Die­sen Satz dür­fen wir ruhig als all­ge­mei­ne Betrach­tung lesen.

Deut­li­cher beschäf­tigt Vuil­lard sich in der Trau­rig­keit der Erde mit dem The­ma. Buf­fa­lo Bill schuf für die Moder­ne gewis­ser­ma­ßen den Pro­to­typ die­ser Art von „his­to­ri­scher“ Insze­nie­rung, und er ging dabei so nah ran wie nur mög­lich. Er enga­gier­te den Sioux-Füh­rer Sit­ting Bull selbst für sei­ne Show und kauf­te nach des­sen Tod Hüt­te und Pferd des Häupt­lings, um das Gesche­hen in sei­ner Show mög­lichst authen­tisch wir­ken zu las­sen.

Ande­rer­seits änder­te er beden­ken­los die wah­ren Bege­ben­hei­ten, wenn es ihm dra­ma­tur­gisch wirk­sa­mer erschien. Gene­ral Cus­ter wur­de im Krieg gegen die Sioux 1876 getö­tet, in der Buf­fa­lo-Bill-Show dage­gen vor dem Tod geret­tet. Vuil­lard schreibt: „Nach­dem er [Buf­fa­lo Bill] es jah­re­lang in der Show so auf­ge­führt hat­te, sei er schließ­lich der Über­zeu­gung gewe­sen, Gene­ral Cus­ter tat­säch­lich geret­tet zu haben.“ Die Fik­ti­on über­formt die His­to­rie.

„Die rea­li­ty show“, heißt es fer­ner, „ist also nicht … der extre­me, grau­sa­me und besitz­ergrei­fen­de Dop­pel­gän­ger der Mas­sen­un­ter­hal­tung. Sie ist deren Ursprung: sie kata­pul­tiert jeden Dar­stel­ler der Tra­gö­die in eine unwi­der­ruf­li­che Amne­sie.“ Die Buf­fa­lo-Bill-Show nennt Vuil­lard auch das „ers­te beleuch­te­te Spek­ta­kel der Welt­ge­schich­te“. Schließ­lich geht „die Geschich­te … vor dem Spek­ta­kel in die Knie.“

Um die­ses Pro­blem krei­sen in gewis­ser Hin­sicht Vuil­lards Bücher. Mehr als ein Wort­spek­ta­kel ver­mag auch er nicht aus dem über­lie­fer­ten Mate­ri­al zu machen. So gese­hen ist er selbst ein Buf­fa­lo Bill der Lite­ra­tur – ein Nach­in­sze­nie­rer, Beleuch­ter, Bebil­de­rer. Aller­dings bie­tet er uns an, mit ihm über sein Mate­ri­al nach­zu­den­ken, und die Aus­sicht besteht, dass er sich nicht wie der alte Ame­ri­ka­ner in sei­ne eige­ne Ver­si­on der Geschich­te ver­irrt.

Die Nach­er­zäh­lung des „Anschlus­ses“ Öster­reichs an das Nazi­reich weist für mich außer­dem über das Spek­ta­kel­haf­te hin­aus. Die Läh­mung Euro­pas, ins­be­son­de­re Frank­reichs und Eng­lands, im Ange­sicht der nazis­ti­schen Unver­fro­ren­heit kann einen schau­dern machen. Deutsch­land annek­tiert Öster­reich? Wird schon pas­sen. Deutsch­land will einen Teil der Tsche­cho­slo­wa­kei? Soll es ihn haben. Womit war man statt­des­sen beschäf­tigt? In Frank­reich etwa mit dem Schutz der hei­mi­schen Lebens­mit­tel, schreibt Vuil­lard pole­misch. Inso­fern stellt Die Tages­ord­nung eine kräf­ti­ge Wat­sche für unse­re Gegen­wart dar. Das Buch zeich­net nach, wie unglück­lich poli­ti­sche Läh­mung auf der einen und ein rück­sichts­lo­ser Wil­le auf der ande­ren Sei­te zu der immensen Kata­stro­phe führ­ten, die Euro­pa im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert erlebt hat. Ange­sichts der gegen­wär­ti­gen Krie­ge in Ost­eu­ro­pa und dem Nahen Osten und dem Umgang des „Wes­tens“ damit lässt die­se Schil­de­rung uns schau­dern. Die nächs­te Tra­gö­die steht viel­leicht schon vor der Tür. Sie wäre prä­sent, nicht his­to­risch und kei­nes­falls bloß ein Spek­ta­kel.

* * *

Tho­mas Lang, Jahr­gang 1967, lebt als Schrift­stel­ler in Mün­chen. Zuletzt erschie­nen die Erzäh­lung Jim (C.H. Beck, 2012) und der Roman Immer nach Hau­se (Ber­lin Ver­lag, 2016).

Éric Vuil­lard: Die Tages­ord­nung
Aus dem Fran­zö­si­schen über­setzt von Nico­la Denis
Matthes & Seitz, Ber­lin, 2018
128 Sei­ten, € 18 (D)/€ 18,50 (A)

Quel­le: VOLLTEXT 1/2018 – 26. März 2019

Online seit: 8. Mai 2019

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Zuletzt geän­dert: 8. Mai 2019