„Ich bin vierzig Jahre aus Kanaan hinausgewandert“

Nor­bert Gst­rein über Franz Kaf­kas Roman Das Schloss.
Franz Kafka, Otto Brod

Franz Kaf­ka mit Otto Brod – dem jün­ge­ren Bru­der von Max – 1909 in Ita­li­en. Foto: Max Brod: „Franz Kaf­ka: Eine Bio­gra­phie“

„Manch­mal ist mir wie einem Gla­dia­tor im Trai­ning,
er weiß nicht, was man mit ihm beab­sich­tigt,
aber nach dem Trai­ning zu schlie­ßen, das man ihm auf­er­legt,
wird es viel­leicht ein gro­ßer Kampf wer­den vor ganz Rom.“
(Aus einem Brief Franz Kaf­kas an Max Brod)

Das Schloss von Franz Kaf­ka zu lesen oder über­haupt etwas von die­sem Autor zu lesen, als gäbe es die gan­ze Rezep­ti­ons­ge­schich­te nicht, kann bald hun­dert Jah­re nach sei­nem Tod noch dem naivs­ten Leser kaum gelin­gen. Zu stark ist die Defi­ni­ti­ons­kraft des Wer­kes, zu stark auch die Vor­stel­lung des­sen, was ein Schrift­stel­ler ist oder was er sein könn­te, von sei­ner Per­son geprägt, zumin­dest ein bestimm­ter Typus Schrift­stel­ler, als dass nicht jeder nur ein biss­chen Inter­es­sier­te in irgend­ei­ner Form davon gehört hät­te. In Kaf­kas eige­nen Wor­ten ist die­ser Typus Schrift­stel­ler „der Sün­den­bock der Mensch­heit, er erlaubt den Men­schen, eine Sün­de schuld­los zu genie­ßen, fast schuld­los“.

Neben dem viel­stra­pa­zier­ten Begriff „kaf­ka­esk“ müss­te es längst ein nach Kaf­ka benann­tes Ver­fah­ren der Her­stel­lung von Para­do­xien geben. Es müss­te eine Kaf­ka­sche Zahl wie die Euler­sche Zahl oder die Zahl Pi geben, die den ganz eige­nen Bre­chungs­win­kel bestimmt, unter dem sein Blick die Wirk­lich­keit ver­rückt, sowie einen eige­nen Kaf­ka­schen Gefühls- und Seins­zu­stand, der die­se Mischung aus Höf­lich­keit, Scham, Pedan­te­rie, Zwang­haf­tig­keit und Zurück­nah­me der eige­nen Per­son bis zur Selbst­aus­lö­schung bei gleich­zei­ti­ger unbe­ding­ter Inte­gri­tät im Umgang mit sich und der Welt beschreibt. Selbst das para­do­xe Ide­al des nicht schrei­ben­den oder viel­mehr nicht publi­zie­ren­den Autors – denn „ein nicht schrei­ben­der Schrift­stel­ler ist aller­dings ein den Irr­sinn her­aus­for­dern­des Unding“ – als höchs­te Exis­tenz­stu­fe jedes Schrei­ben­den mag immer schon eine roman­ti­sche Vor­stel­lung gewe­sen sein, ist aber am Ende am stärks­ten von Kaf­ka besetzt.

Kaf­ka ist der wohl am meis­ten hei­lig­ge­spro­che­ne Autor der Lite­ra­tur­ge­schich­te und gleich­zei­tig einer der weni­gen, die alle Hei­lig­spre­chun­gen unbe­scha­det über­stan­den haben. Kaum eine ande­re Autoren­bio­gra­fie,