Auf leeren Magen Racine

Die Lyo­ner Schrift­stel­le­rin Sophie Divry und ihr Expe­ri­men­tal­ro­man Als der Teu­fel aus dem Bade­zim­mer kam. Von Kat­rin Hill­gru­ber „Im Jahr 2017 über Hun­ger in einer schein­bar wohl­ha­ben­den Stadt wie Lyon zu schrei­ben, ist unge­wöhn­lich.“

Wozu braucht der Mensch schon einen Toas­ter? Bei einer Bar­schaft von 17,70 Euro, die bis zum Monats­en­de rei­chen muss, lässt sich auch amor­phes Weiß­brot ver­zeh­ren. Doch wenn ein Küchen­ge­rät eine der­art phan­ta­sie­vol­le Besit­ze­rin hat wie die Jour­na­lis­tin und Schrift­stel­le­rin Sophie, dann darf es erwar­ten, dass ihm vor sei­nem schnö­den Ver­kauf auf einer Online-Platt­form noch ein Abschieds­dra­ma auf den metal­le­nen Leib geschnei­dert wird, ein­schließ­lich eines Dia­logs mit der miss­güns­ti­gen Zitrus­pres­se. Die­se fürch­tet eben­falls ihre Aus­mus­te­rung. Mit der Stren­ge eines Gene­rals schrei­tet die jun­ge Frau ihr win­zi­ges Appar­te­ment ab und sucht nach Ent­behr­li­chem: „Die Gegen­stän­de zit­ter­ten, kaum rich­te­te ich mein Auge auf sie. Mich nicht! Mich auf kei­nen Fall!, schie­nen sie zu rufen. Das Los fiel auf den Jüngs­ten, der sich an die hie­si­gen Gepflo­gen­hei­ten ange­passt hat­te und auf lee­ren Magen ein Stück von Jean Raci­ne las.“ Da kann der „hit­zeln­de Schnit­ten­wär­mer“ noch so ela­bo­riert im klas­si­schen Vers­maß kla­gen, sein Schick­sal ist besie­gelt. Gewid­met ist das Buch unter ande­rem „den Aus­ge­hun­ger­ten, den Träu­mern, den Nudel­es­sern und den ‚Nie­der­ge­schla­ge­nen‘“.

Sophie Divry – Als der Teufel aus dem Badezimmer kam

Ver­spiel­te Typo­gra­fie: Eine Sei­te aus Sophie Divrys Roman „Als der Teu­fel aus dem Bade­zim­mer kam“

Im Jahr 2017 über Hun­ger in einer schein­bar wohl­ha­ben­den Stadt wie Lyon zu schrei­ben, ist unge­wöhn­lich. Sophie Divry liebt sol­che Pro­vo­ka­tio­nen. „Ich war selbst ein­mal arbeits­los und habe Sozi­al­hil­fe bezo­gen, was mich die­se Situa­ti­on und die damit ver­bun­de­nen büro­kra­ti­schen Umstän­de unmit­tel­bar erfah­ren ließ. Trotz­dem habe ich aus­drück­lich nicht all das erlebt, was im Buch dar­ge­stellt wird, ich woll­te aller­dings den Ein­druck ver­mit­teln, dass es auto­bio­gra­phisch ist – es soll­te so etwas wie eine Fal­le für die Leser sein.“

Der Anschein des Auto­bio­gra­phi­schen dient also dazu, die tra­di­tio­nel­le Roman­form auf­zu­spren­gen? Ihre Ant­wort fällt kon­zi­li­an­ter aus: „Die Absicht ist, den Leser zu fan­gen, indem man schein­bar von sich erzählt, zumal die­ses auto­fik­tio­na­le Schrei­ben in Frank­reich sehr in Mode ist. Aber ab der drit­ten Sei­te bemerkt man, dass die Wor­te irgend­et­was Belie­bi­ges bedeu­ten kön­nen, dass der Teu­fel auf­taucht und der Toas­ter zu spre­chen beginnt. So wird dem Leser klar, dass es nicht um Selbst­er­leb­tes geht, son­dern um die Erfah­rung des Pre­ka­ri­ats und des lite­ra­ri­schen Deli­rie­rens, die ich damit ver­mit­teln woll­te. Es ist ein Spiel mit Erwar­tun­gen und mit einem auto­bio­gra­phi­schen Lite­ra­tur­trend in Frank­reich, der mir über­haupt nicht liegt.“

Im knall­ro­ten Buch­um­schlag von Als der Teu­fel aus dem Bade­zim­mer kam sind zwei Satans­hör­ner aus­ge­schnit­ten. Sie gemah­nen an die teuf­li­schen Aspek­te der Not, die bereits der erfolg­lo­se Feuil­le­to­nist und Dach­kam­mer­be­woh­ner in Knut Ham­suns auto­bio­gra­phisch grun­dier­tem Roman Hun­ger mit hyp­no­ti­scher Ein­dring­lich­keit beschrieb. Als er sei­ne Mie­te nicht mehr bezah­len kann, irrt er mit einer gelie­he­nen grü­nen Bett­de­cke durch die Stadt und kann sich gera­de noch zurück­hal­ten, das frem­de Eigen­tum zum Pfand­lei­her zu brin­gen. Denn mit dem über­wa­chen Ver­stand des Hun­gern­den spürt er: „Im Abgrund der Höl­le gin­gen die argen Teu­fel umher und ver­schnauf­ten sich vor Unge­duld, weil es so lan­ge dau­er­te, bis ich eine Kapi­tal­sün­de beging, eine unver­zeih­li­che Sün­de, für die mich Gott in sei­ner Gerech­tig­keit hin­ab­sto­ßen muss­te …“

Sophie hat ihre Redak­teurs­stel­le bei einer defi­zi­tä­ren Tages­zei­tung ver­lo­ren. Sie mel­det sich arbeits­los und schreibt an einem Roman. Als eine exor­bi­tan­te Heiz­kos­ten­rech­nung her­ein­flat­tert, wird ihre Lage im heu­ti­gen Lyon jener Ham­suns im Kris­tia­nia des Jah­res 1890 erschre­ckend ähn­lich, jener Stadt, „die kei­ner ver­lässt, ehe er von ihr gezeich­net wor­den ist“.

Doch sol­che unheim­li­chen Pro­phe­zei­un­gen sowie Lamen­ti aller Art lie­gen Sophie Divrys sym­pa­thi­scher Idea­lis­tin fern. Sie defi­niert sich als „Kind der Mit­tel­schicht am länd­li­chen Rand einer alten Indus­trie­na­ti­on“. Mit vier­zig ist sie zu stolz, ihre Fami­lie um Hil­fe zu bit­ten, nutzt nur ein­mal die Tau­fe eines Nef­fen, um sich ein paar Tage lang bei ihrer Mut­ter satt zu essen. Sophie kos­tet das freie Dasein bis zur Nei­ge aus, lebt mit Hun­ger und Ein­sam­keit: „Es fällt uns nor­ma­ler­wei­se nicht auf, aber letzt­end­lich ist jede Hand­lung mit einer Aus­ga­be ver­bun­den. Wer spa­zie­ren geht, stei­gert sei­nen Appe­tit. Wer sich mit Freun­den trifft, muss unter Umstän­den einen aus­ge­ben.“ Außer­dem legt sie akri­bisch Lis­ten an – über Män­ner, die für sie wegen ver­schie­dens­ter Marot­ten nicht in Fra­ge kom­men oder über das „nicht tun“, das ihr der lee­re Geld­beu­tel auf­er­legt: „Nicht­kau­fen, nicht­aus­ge­hen, nicht­ha­ben­wol­len, nicht­me­tro­fah­ren“.

Poli­tik und Lite­ra­tur

Sophie Divry wur­de 1979 in Mont­pel­lier gebo­ren. Aus der Fer­ne schwär­men Autorin und Roman­fi­gur von des­sen medi­ter­ra­ner Atmo­sphä­re: „Anders­wo nimmt man Blau ein­fach als Him­mel wahr, ohne zu ahnen, dass man dar­in gehen kann. Hier macht sich das Blau breit, nimmt den gan­zen Raum ein.“ Mit jedem ihrer bis­lang fünf Bücher hat sich Divry auf lite­ra­ri­sches Neu­land gewagt. So ist etwa La Con­di­ti­on pavil­lon­aire („Das Rei­hen­haus­syn­drom“) über eine kon­sum­süch­ti­ge jun­ge Frau kom­plett in der Du-Form gehal­ten und erin­nert ent­fernt an Flau­berts Madame Bova­ry. Sophie Divry arbei­te­te bei der anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Monats­zeit­schrift La Décrois­sance, die sich gegen Wirt­schafts­wachs­tum und Kon­sum stellt, und war in deren Sin­ne poli­tisch aktiv, bis sie sich ganz dem Schrei­ben zuwand­te.

Heu­te enga­giert sie sich für die Bewe­gung „La France inso­u­mi­se“ (Unbeug­sa­mes Frank­reich) des streit­ba­ren Links­po­li­ti­kers Jean-Luc Mélen­chon: „Als Jour­na­lis­tin und Radi­ka­l­öko­lo­gin hat­te ich immer weni­ger Zeit für das lite­ra­ri­sche Schrei­ben. Jetzt als Schrift­stel­le­rin muss ich sehr kon­zen­triert und sehr ego­is­tisch sein, auch sehr allei­ne. Von Zeit zu Zeit kle­be ich Pla­ka­te, aber ich kann nichts Gro­ßes machen, außer­dem bin ich nicht mehr zwan­zig“, sagt sie mit einem Lachen, das jedoch sofort ver­fliegt, wenn die Rede auf Emma­nu­el Macron und des­sen „neo­n­a­po­leo­ni­sches“ Gebah­ren kommt: „Er hat sei­ne Prä­si­dent­schaft damit begon­nen, die Bei­hil­fen für die Armen um fünf Euro monat­lich zu sen­ken, was für die Betrof­fe­nen sehr pro­ble­ma­tisch ist. Im Gegen­zug hat er den Wohl­ha­ben­den einen Groß­teil an Steu­ern erlas­sen. Je mehr sich die Situa­ti­on ver­schlech­tert, des­to stär­ker zeigt sich die Obs­zö­ni­tät der Rei­chen und die Aus­beu­tung der Armen. Aber ich glau­be auch nicht, dass Macron es leicht haben wird – umso bes­ser!“

In aller Ent­schie­den­heit wen­det sie sich gegen eine Indi­vi­dua­li­sie­rung der Armut in Zei­ten der Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit in Frank­reich: „Es ist eine Fra­ge des Stol­zes und der Wür­de: Wie greift Armut die Wür­de an oder greift sie eben nicht an, wenn man Hil­fe fin­det. Das ist ein hef­ti­ger Kampf zwi­schen Gut und Böse, zwi­schen dem Ein­zel­nen und der Gemein­schaft. Die Fra­ge, die ich in mei­ner Lite­ra­tur erör­tern möch­te, ist die, wie man es allei­ne und wie man es zusam­men mit ande­ren schafft. Es gelingt nur gemein­sam oder gar nicht.“

Das hör­ner­be­wehr­te Buch mit sei­nem Unter­ti­tel „Ein Impro­vi­sa­ti­ons­ro­man vol­ler Unter­bre­chun­gen und ohne Anspruch auf Tief­gang“ ist in drei Tei­len ange­legt, die jeweils mit barock anmu­ten­den Vor­sprü­chen ein­ge­lei­tet wer­den. Tage­buch­ein­trä­ge, der typo­gra­phisch viel­ge­stal­ti­ge Brief­wech­sel mit Sophies lie­bes­kran­kem und eben­falls arbeits­lo­sem Musi­ker­freund Hec­tor fin­den Ein­gang in die­sen Roman, der deut­lich von den Stil­ex­pe­ri­men­ten des Nou­veau Roman beein­flusst wur­de; außer­dem Lis­ten, Her­zen, Fle­cken, Buch­sta­ben­hau­fen sowie figu­ra­ti­ve Gedich­te nach Art der Kon­kre­ten Poe­sie – etwa in Bir­nen- oder Phal­lus­ge­stalt. Nicht jugend­freie Sei­ten, die Hec­tors hef­ti­ges Stell­dich­ein mit einer Nach­ba­rin schil­dern, sind mit einem gestri­chel­ten Rand zum Aus­schnei­den ver­se­hen.

Bei Als der Teu­fel aus dem Bade­zim­mer kam han­delt es sich um den for­mal inno­va­tivs­ten fran­zö­si­schen Bel­le­tris­tik­ti­tel, der seit Lan­gem in deut­scher Über­set­zung erschie­nen ist. „Ich woll­te unbe­dingt, dass die­ses Buch ein Fest, ein Spiel sein soll­te“, erklärt sei­ne Ver­fas­se­rin: „Denn der Roman ist die lite­ra­ri­sche Gat­tung, die alles ein­fan­gen und in sich hin­ein­fres­sen kann. Ich habe mich von Ray­mond Feder­man inspi­rie­ren las­sen, der lus­ti­ge Sachen gemacht hat. Und wenn man beim Lesen auf eine der­art typo­gra­phisch aus­ge­fal­le­ne Sei­te stößt, dann gibt das dem Text eine unglaub­li­che Ener­gie zurück. Das bringt einen zum Lächeln und steht für eine gewis­se Frei­heit.“

Mal was ganz ande­res

Sophie Divrys Ver­lag Les Édi­ti­ons Noir sur Blanc ist im schwei­ze­ri­schen Lau­sanne behei­ma­tet, nicht weit von ihrer Wahl­hei­mat Lyon. Gegen­über der Kapi­ta­le Paris, die – trotz aller Dezen­tra­li­sie­rungs­be­stre­bun­gen – alles an sich zieht, hegt die gebür­ti­ge Süd­fran­zö­sin ein prin­zi­pi­el­les Miss­trau­en: „In Frank­reich, wo die Lite­ra­tur sehr ernst und sehr pari­se­risch daher­kommt, haben die Leu­te zunächst Angst, dass Expe­ri­men­te nicht funk­tio­nie­ren oder die Leser ein­schüch­tern könn­ten. Und das glau­be ich gera­de nicht, im Gegen­teil: Die Leser freu­en sich, dass es end­lich mal etwas ganz ande­res gibt.“
In einem Bonus­teil auf schwar­zem Papier führt die Autorin jene Schrift­stel­ler auf, die „am meis­ten zitiert, geplün­dert oder zer­setzt wur­den“. Ob Guil­laume Apol­lin­aire, Karl Marx oder Knut Ham­sun: Hier fah­ren sie alle kreuz und quer Auto­scoo­ter, dass es das reins­te Ver­gnü­gen ist. Aus­drück­lich zu loben sind Sophie Divrys deut­scher Ver­lag Ull­stein, die Über­set­ze­rin Patri­cia Klo­bu­sicz­ky, die auf der Suche nach Ent­spre­chun­gen auch deut­sche Barock­dich­ter her­an­zog, sowie Satz und Her­stel­lung für den Import die­ses gesell­schafts­kri­ti­schen, ver­spiel­ten und fri­vo­len, kurz: teuf­lisch roten Fanals aus Lyon.

 

* * *

Kat­rin Hill­gru­ber lebt als Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin in Mün­chen. Sie arbei­tet unter ande­rem für den Tages­spie­gel und die Frank­fur­ter Rund­schau.

Sophie Divry: Als der Teu­fel aus dem Bade­zim­mer kam.
Ein Impro­vi­sa­ti­ons­ro­man vol­ler Unter­bre­chun­gen und ohne Anspruch auf Tief­gang.
Aus dem Fran­zö­si­schen von Patri­cia Klo­bu­sicz­ky.
Ull­stein Ver­lag, Ber­lin 2017. 272 Sei­ten, € 21 (D) / € 21,60 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 4/2017 (11. Dezem­ber 2017)

Online seit: 23. April 2018

Online seit: 23. April 2018

Zuletzt geän­dert: 23. Apr. 2018