Das kann nicht anders als gut ausgehen

Cle­mens J. Setz über Rai­ner Maria Ril­ke. „Manch­mal ver­gisst man, was für eine anmu­ti­ge Frech­heit und Keck­heit sich in sei­nen Ver­gleichs­bil­dern umtreibt.“
Rainer Maria Rilke

Rai­ner Maria Ril­ke, um 1913. Manch­mal ver­gisst man, was für eine anmu­ti­ge Frech­heit und Keck­heit sich in sei­nen Ver­gleichs­bil­dern umtreibt.

 

Wir haben nie, nicht einen ein­zi­gen Tag,
den rei­nen Raum vor uns …
(Ril­ke, die ach­te Dui­ne­ser Ele­gie)

Donald E. Carr points out that the sen­se impres­si­ons of one-cel­led ani­mals are not edi­ted for the brain: “This is phi­lo­so­phi­cal­ly inte­res­t­ing in a rather mourn­ful way, sin­ce it means that only the simp­lest ani­mals per­cei­ve the uni­ver­se as it is.”
(Annie Dil­lard)

Zur Zeit der Pan­de­mie unter­nahm ich ein­mal, mit­ten im Lock­down, einen lan­gen Spa­zier­gang zwi­schen den Wie­ner Vor­or­ten Stre­bers­dorf und Stamm­ers­dorf, ent­lang an nied­rig geduck­ten, stel­len­wei­se schon ins Erd­reich zurück­keh­ren­den Wein­kel­lern, mal voll­kom­men über­wach­sen und spinn­web­zer­fetzt, mal ein­la­dend und offen­ste­hend wie das Stein­grab zu Ostern. Hohl­we­ge mit boden­na­her kal­ter Kel­ler­luft zwi­schen den Wein­gär­ten. Die Reb­stö­cke waren alle noch, der Jah­res­zeit gemäß, kahl, und ein jeder zeig­te sei­ne eige­ne ver­krampf­te Tanz­fi­gur vor. Außer­dem hock­ten über­all die Schat­ten der Later­nen­köp­fe auf den son­nen­hel­len Mau­ern. Dann auf einer Wie­se ein Ast, von dem zahl­rei­che Zahn­spu­ren erzähl­ten, wie oft er von einem Hund geholt und gebracht wur­de. Kein Mensch war zu sehen, weit und breit nie­mand, aber da auf ein­mal wur­de die Stra­ße keck: Es gab Hüh­ner. Sie lie­fen – jeder Schritt ließ ihre Köp­fe leicht erzit­tern – um den für sie zustän­di­gen Hahn her­um, der auf­pass­te, dass alles glatt ablief.

In den letz­ten Wochen hat­te ich mich bei mei­nen Spa­zier­gän­gen bereits an die weit­ge­hen­de Abwe­sen­heit von Mit­men­schen gewöh­nen kön­nen, aber tröst­lich oder Sicher­heit ver­mit­telnd war die­se Atmo­sphä­re nicht. Nach einer Wei­le ent­deck­te ich auf einer Wie­se uner­war­te­te Zei­chen von Bewe­gung. Ich ging näher, aller­dings lan­ge ohne zu begrei­fen, was ich da sah. Zuerst war es eine Art von form­lo­sem Unge­tüm gewe­sen, dann end­lich füg­ten sich die rich­ti­gen Bah­nen im Gehirn und ich erkann­te sie: Artis­ten. Oder Schau­stel­ler? Oder wie nann­te man das? Es waren vier Män­ner und eine jun­ge Frau, die ein­an­der immer wie­der hoch­stemm­ten, kon­trol­liert fal­len, das heißt, abrol­len lie­ßen und dann gleich wie­der, ohne die gerings­te Pau­se, in die Höhe stemm­ten, ein paar Sekun­den hiel­ten, bis der mensch­li­che Turm erneut wacke­lig wur­de, und immer so wei­ter, ein jedes Mal mit der jun­gen Frau an der Spit­ze. Sogar eine umge­kehr­te Pyra­mi­de konn­ten sie aus sich machen, und ich, aus mei­ner rela­tiv wei­ten Distanz her­aus, applau­dier­te ihnen laut­los, und dann kamen noch wei­te­re, neue For­men aus ihren Kör­pern, mein Gott, wie sie das konn­ten!

Ich schau­te die­sen begab­ten Men­schen lan­ge zu und brach dann nach ein paar Minu­ten, sehr über­ra­schend, jäm­mer­lich in Trä­nen aus. Das pas­siert mir im Frei­en gar nicht so leicht. Es war ein hef­ti­ges, in die lee­re Luft bei­ßen­des Wei­nen, ich brach ein­fach aus­ein­an­der, fiel in Stü­cke, konn­te mich nicht fan­gen. – Erst zuhau­se beru­hig­te ich mich genug, um mir die Fra­ge stel­len zu kön­nen: Was war das gewe­sen? Was hat­te mich da so ange­packt?

Ich wuss­te, dass ich irgend­wo ein­mal schon von so etwas gele­sen hat­te, also von Men­schen, die ein­an­der kunst­voll hoch­stem­men und beklet­tern und mit Sal­to absprin­gen las­sen. Fran­zö­sisch, dach­te ich. Ja. Von irgend­ei­nem Platz in Paris war da die Rede gewe­sen. Nach eini­gem Suchen fand ich ein Pro­sa­ge­dicht eines mei­ner liebs­ten Dich­ter, Pierre Rever­dy, wo es tat­säch­lich genau um die­se Art von Artis­ten geht, auf fran­zö­sisch Sal­tim­ban­ques genannt. Aber Rever­dy stellt die­se Men­schen eher als etwas Tra­gi­sches dar, fand ich, vor allem den jüngs­ten der Trup­pe, einen mage­ren Buben:

SALTIMBANQUES

Au milieu de cet attrou­pe­ment il y a avec un enfant qui dan­se un hom­me qui soulè­ve des poids. Ses bras tatoués de bleu pren­nent le ciel à témo­in de leur force inu­tile.

L’enfant dan­se, léger, dans un mail­lot trop grand; plus léger que les boules où il se tient en équi­lib­re. Et quand il tend son esc­ar­cel­le, per­son­ne ne don­ne. Per­son­ne ne don­ne de peur de la rem­plir d’un poids trop lourd. Il est si maig­re.

Nein, das war viel zu depri­mie­rend, das war es nicht gewe­sen. Erst Wochen spä­ter, glau­be ich, fiel es mir auf ein­mal wie­der ein. Ich hat­te von den Artis­ten auf einem Platz in Paris vor lan­ger Zeit in einer der Dui­ne­ser Ele­gi­en gele­sen. Die fünf­te. Ril­ke beschreibt dar­in die Män­ner mit gro­ßer Zunei­gung.

Da: der wel­ke, fal­ti­ge Stem­mer,
der alte, der nur noch trom­melt,
ein­ge­gan­gen in sei­ner gewal­ti­gen Haut, als hät­te sie frü­her
zwei Män­ner ent­hal­ten, und einer
läge nun schon auf dem Kirch­hof, und er über­leb­te den andern,
taub und manch­mal ein wenig
wirr, in der ver­wit­we­ten Haut.

Einer der größ­ten Erzäh­ler der Gegen­wart, der Comic-Roman­cier Chris Ware, hat vor vie­len Jah­ren in einer kur­zen Erzäh­lung genau so einen Fall geschil­dert. Eine humano­ide Maus namens Quim­by lebt da mit ihrem sia­me­si­schen Bru­der in einem Kör­per zusam­men. Sie tei­len sich das­sel­be Bein­paar. Aber der Bru­der altert aus irgend­ei­nem Grund viel rascher als Quim­by. Er kann sich nicht mehr so schnell bewe­gen, muss öfter aus­ru­hen, und Quim­by geht höf­lich auf die­se zuneh­men­de Gebrech­lich­keit ein. Irgend­wann aber kann der Bru­der über­haupt nicht mehr aus dem Bett auf­ste­hen und Quim­by, der noch vol­ler Leben ist, ärgert sich sehr und schimpft mit ihm. In der Nacht stirbt der Bru­der, grei­sen­alt und weiß­bär­tig, und Quim­by, immer noch jung, ent­deckt es am Mor­gen. Chris Ware zeigt uns nur sei­nen Blick: das Ant­litz einer aus dem Uni­ver­sum gefal­le­nen Comic­maus, schre­ckens­starr, ungläu­big.

Aber zurück zur Ele­gie. Auf die Beschrei­bung des in sei­ner Haut geal­ter­ten Tromm­lers folgt eine neue Figur – und ein ganz wun­der­ba­rer Ver­gleich:

Aber der jun­ge, der Mann, als wär er der Sohn eines Nackens
und einer Non­ne: prall und stram­mig erfüllt
mit Mus­keln und Ein­falt.

Der Sohn eines Nackens und einer Non­ne! Manch­mal ver­gisst man, was für eine anmu­ti­ge Frech­heit und Keck­heit sich in Ril­kes Ver­gleichs­bil­dern umtreibt. Und inter­es­san­ter­wei­se hat­te ich unlängst gera­de an ein sol­ches Bild den­ken müs­sen, anläss­lich eines ganz ande­ren zu Beginn der euro­pa­wei­ten Lock­downs im Jahr 2020 beob­ach­te­ten Pan­de­mie-Phä­no­mens: Die Rück­kehr der Del­fi­ne in den Hafen von Vene­dig. Beglei­tet wur­de die­se Beob­ach­tung in den sozia­len Netz­wer­ken meist durch den Satz „Natu­re is heal­ing“. Durch die Abwe­sen­heit von Schiffs­ver­kehr und geschäf­ti­ger Mensch­heit all­ge­mein war die Ver­schmut­zung der Gewäs­ser offen­bar etwas zurück­ge­gan­gen und die Del­fi­ne tum­mel­ten sich auf ein­mal wie­der in den alten Kanä­len. Und ich hat­te bei der Erwäh­nung die­ser Del­fi­ne sofort an die letz­ten Zei­len eines Ril­ke­ge­dichts den­ken müs­sen: Die Geburt der Venus. Über­haupt wäre viel zu sagen über die oft so wun­der­bar gro­tes­ken und über­ra­schend wit­zi­gen letz­ten Zei­len gewis­ser Gedich­te aus der Schaf­fens­pe­ri­ode der Neu­en Gedich­te.

Die Geburt der Venus beginnt mit den Gebär­schrei­en des Mee­res, dann wird in gesto­chen schar­fen Bil­dern die For­mung eines weib­li­chen Wesens aus den Ele­men­ten geschil­dert, mit lau­ter ver­blüf­fen­den und fast expres­sio­nis­tisch über­hel­len Ver­glei­chen: „und die Gelen­ke leb­ten wie die Keh­len / von Trin­ken­den“ oder „Wie Mon­de stie­gen klar die Kniee auf“ und: „Jetzt [… ] streck­ten sich auch die Arme aus wie Häl­se / von Schwä­nen, wenn sie nach dem Ufer suchen.“ Nichts als Pracht und Anmut ist die­se lan­ge Geburt. Am Ende steht die Schaum­ge­bo­re­ne strah­lend da und schrei­tet davon und belebt mit der Berüh­rung ihrer Füße die Erde und die Blu­men. Und wäre das das Ende, könn­te man sagen: Ja, ganz hübsch. Fein beschrie­ben. Aber Ril­ke lässt sein Gedicht ganz anders enden:

Am Mit­tag aber, in der schwers­ten Stun­de,
hob sich das Meer noch ein­mal auf und warf
einen Del­phin an jene sel­be Stel­le.
Tot, rot und offen.

Wie groß­ar­tig ist das. Er schil­dert zur Geburt auch die Nach­ge­burt, die gehört schließ­lich dazu. Und die ist ein Del­fin. Zer­fleischt, zer­fled­dert. Das Bild ist unge­heu­er wit­zig, und ich kann gar nicht genau sagen, wie sein eben­falls ein wenig an Comic-Bild­spra­che erin­nern­der Humor funk­tio­niert. Also sind wohl auch alle Del­fi­ne der Erde, auch die vor­über­ge­hend wie­der­ge­kehr­ten in Vene­dig, nichts als unver­sehr­te, noch in Gebrauch befind­li­che Pla­zen­tas? Wirk­lich fan­tas­tisch.

Ein ande­res Gedicht, das mit einem ähn­lich wun­der­ba­ren, comic­ar­ti­gen Bild endet, ist das zwei­te Sonett in dem Tri­pty­chon Die Insel, eben­falls aus dem ers­ten Teil der Neu­en Gedich­te. Die kra­ter­rand­ar­tig umheg­ten Gär­ten der Nord­see­in­sel-Ort­schaft wer­den beschrie­ben, dann das Inte­ri­eur der Häu­ser. Aber dann die­se letz­ten Zei­len (ich zitie­re hier auch die davor­ste­hen­den Zei­len, damit man sozu­sa­gen die „Fall­hö­he“ und die poin­tier­te Wucht des Reims mit­be­kommt):

[…]    Und einer von den Söh­nen
tritt abends vor die Tür und zieht ein Tönen
aus der Har­mo­ni­ka wie Wei­nen weich;

so hör­te ers in einem frem­den Hafen –.
Und drau­ßen formt sich eines von den Scha­fen
ganz groß, fast dro­hend, auf dem Außen­deich.

Geni­al. Das plötz­lich anschwel­len­de Schaf. In sei­ner from­men, füg­sa­men Form ver­kör­pert es das, wor­an man die­ser­orts offen­bar zu Grun­de geht: an all­zu gro­ßer Rund­heit der Erfah­rung. Insel­rand: rund. Gär­ten: rund. Tages­ver­lauf: eben­falls rund. Und selbst die Scha­fe run­den sich der­ge­stalt da drau­ßen, „ganz groß, fast dro­hend“. Und irgend­wann, wenn einem auch die Melo­dien für die Har­mo­ni­ka aus­ge­gan­gen sind, fül­len sie ver­mut­lich das gesam­te Den­ken aus. Dann gibt es nur noch Schaf. Und man wird Schaf unter Scha­fen.

Aber, um zu unse­rer ursprüng­li­chen Fra­ge­stel­lung zurück­zu­keh­ren, war­um hat­te mich die Beob­ach­tung der Sal­tim­ban­ques auf einer Wie­se in der nörd­li­chen Vor­stadt­wild­nis Wiens so tief getrof­fen? Es hat­te wohl etwas mit dem star­ken Lebens­kon­trast zu tun, den sie jedes Mal abge­ben, egal, wo sie ihre Kunst­stü­cke auf­füh­ren, und den Ril­ke auch in der ihnen gewid­me­ten Ele­gie fest­hält. Beim genau­en Wie­der­le­sen der Zei­len bemerk­te ich, dass ich mich inzwi­schen in dem Abschnitt mei­nes Lebens befand, in dem man die Dui­ne­ser Ele­gi­en bereits als Essays zu lesen beginnt, als kom­pakt ange­ord­ne­te, gewal­ti­ge Spei­cher an Lebens­er­fah­rung.

Ein japa­ni­scher Kan­ni­ba­le erhält sogar heu­te, vie­le Jah­re nach sei­ner ers­ten Tat, regel­mä­ßig Anfra­gen von Mäd­chen, die von ihm getö­tet und geges­sen wer­den wol­len.

Ril­ke hat die­sel­ben Artis­ten auch in einer klei­nen Betrach­tung in Pro­sa aus dem Jahr 1907 fest­ge­hal­ten, in der die in der Ele­gie gefei­er­ten Figu­ren eben­falls vor­kom­men, der alte, der zwar noch Mus­kel