Dringliche Stoffe

Von Ulri­ke Draes­ner

Was aktu­ell geschieht, umgibt die bio­gra­fi­sche Per­son, die ich bin, und damit auch jenes Wesen in mir, das „die Autorin“ heißt. Der Elfen­bein­turm war mir schon immer suspekt. Als Kind dach­te ich, er bestehe aus den Bei­nen von Elfen. Dann ver­stand ich, dass er eine gro­ße Zahl toter Ele­fan­ten vor­aus­setz­te.

Mei­ne Tex­te ent­ste­hen aus Leben – beob­ach­te­ten, ver­gan­ge­nen, zukünf­ti­gen, fan­tas­ti­schen, erzähl­ten und wie­der­erzähl­ten Leben. Der Welt­be­zug ist essen­zi­ell. Nicht, weil ich Wirk­lich­keit brau­che, um sie eins zu eins zu wie­der­ho­len, son­dern weil ich dank ande­rer Men­schen leben­dig bin. Und aus die­ser Leben­dig­keit her­aus schrei­be.

Die Fra­ge, wie etwas zu lite­ra­ri­schem Stoff wird, führt in die Irre. Sie sug­ge­riert, dass da „etwas“ exis­tiert. Die Autorin greift die­ses „etwas“ auf, wir lesen es als Buch. Geschieht etwas Ein­schnei­den­des – der Mau­er­fall, 9/11 –, liest man bald, dass nun ein Roman erwar­tet wer­de zum The­ma – zum Arten­ster­ben, zur Pan­de­mie, zu Ver­schwö­rungs­theo­rien. Wer dies for­dert, stellt sich lite­ra­ri­sches Schrei­ben nach dem Stra­ßen­mo­dell vor: Wie Ele­fan­ten­dung lie­gen die lite­ra­ri­schen Stof­fe auf dem Fahr­weg, sie müs­sen nur auf­ge­grif­fen wer­den.

Heu­te, über zwan­zig Jah­re spä­ter, hat die Zeit mei­nen Roman Mit­gift ein­ge­holt.

Einen Roman zu schrei­ben, bedeu­tet vier oder fünf oder zehn Jah­re Hin­ga­be. Es bedeu­tet Unsi­cher­heit. Lite­ra­ri­sches Schrei­ben ist mit Suche ver­bun­den. Es frisst Fami­li­en, Freund- schaf­ten, Ent­span­nung. Um sich dar­auf ein­zu­las­sen, bedarf es einer inne­ren Dring­lich­keit. Ich könn­te auch sagen: Es braucht Unru­he, Über­zeu­gung, ein Feu­er, eine Hoff­nung – ein „dem kom­me ich nicht aus“.

Meist ist „der Stoff“ nicht mehr als eine – Ahnung. Ich weiß nicht, „wor­um es geht“. Am Ende wird der gesam­te Roman mein Ver­such sein, die­ses „es“ zu grei­fen zu bekom­men. Um die Jahr­tau­send­wen­de schrieb ich an der Geschich­te zwei­er Schwes­tern. Sie wur­de erst­mals 2002 ver­öf­fent­licht: mein zwei­ter Roman. Ich habe ihn für eine Neu­aus­ga­be vor­sich­tig über­ar­bei­tet. Habe gestrafft, wo es mir mög­lich schien – auf der Suche nach Klar­heit, nach Essenz. Mit­gift ist ein Buch der Neun­zi­ger­jah­re, das bei Erschei­nen nicht in die Zeit pass­te. Es schaut nach vorn, sieht genau hin. Die sys­te­mi­sche Gewalt, die unse­ren Umgang mit Sex und Gen­der durch­zieht, ist sein The­ma. Vor 25 Jah­ren, als ich an die­sem Roman arbei­te­te, kann­te ich den Begriff der sys­te­mi­schen Gewalt nicht, sehr wohl aber das Phä­no­men. Den Druck. Die Kon­se­quen­zen.

Anfangs wuss­te ich nur: Mei­ne bei­den Schwes­tern ver­stan­den sich nicht son­der­lich gut. Neid, Kon­kur­renz und Lie­be zuein­an­der trie­ben sie um. Doch der Text zer­fa­ser­te. Erst mit der Zeit, durch die Arbeit selbst, mani­fes­tier­te sich in einer zwi­schen ihren Kör­pern auf­stei­gen­den Geschich­te, was ihr Ver- hält­nis tat­säch­lich bestimm­te.

Eine der Schwes­tern war von Geburt an, gene­tisch und sicht­bar kör­per­lich, nicht binär. Die Mensch-„Reparaturen“ began­nen sofort. Mit Hor­mon­ga­ben und Ope­ra­tio­nen wur­de eine „Sie“ erzeugt, deren Geschich­te man lan­ge vor ihr und der Schwes­ter ver­barg. Auch für mich war die­ser „Kern“ der Schwes­tern­be­zie­hung eine Über­ra­schung.

Der Ver­lag zeig­te sich irri­tiert, das Publi­kum eben­falls. Der Roman gewann einen Preis, die Ver­kaufs­zah­len blie­ben elend. Auf das Cover woll­te man eine Nar­ren­fi­gur stel­len, im Schel- len­kos­tüm. Ich war ent­setzt, zum Glück sicher­te mir mein Buch­ver­trag ein Veto­recht.

Ich erzäh­le: eine Kör­per­ge­schich­te.

Gegen das Mär­chen, dass eine Per­son, die abweicht von der Norm, uns nichts angin­ge. Gegen das Mär­chen, dass Abwei­chun­gen aus dem Hete­ro-Spek­trum aus einem Man­gel resul­tier­ten, einer psy­chi­schen oder phy­si­schen Schwä­che, einer christ­li­chen „Sün­de“.

Heu­te, über zwan­zig Jah­re spä­ter, hat die Zeit mei­nen Roman Mit­gift ein­ge­holt. Man sieht ihn als das, was er ist: ein frü­her Text über eine diver­se Per­son, die auf dem Recht besteht, ihre Diver­si­tät zu leben. Heu­te ver­ste­he ich mich selbst bes­ser, heu­te beleuch­tet der Dis­kurs auch für mich, wel­cher Spur ich damals folg­te. Wie ich sie auf­ge­nom­men hat­te, weiß ich nicht. Doch der Druck, weib­lich zu sein, der Druck, einem Bild zu ent­spre­chen, hat­te, angeb­lich „natur­ge­mäß“, auch mein Leben bestimmt.

Der Dring­lich­kei­ten gibt es vie­le. Und stets neue.

Inne­re Dring­lich­keit indes ten­diert zum Sin­gu­lar.

Auf die Dring­lich­kei­ten der Zeit mag man als Autorin hie und da reagie­ren. Lite­ra­tur, nicht im Elfen­bein­turm, möch­te wirk­sam sein. Rele­vant indes ist sie auf ver­schie­de­ne Wei­sen. Mei­ne Erfah­rung sagt: Dei­ne tiefs­ten Wer­ke ent­bin­den sich aus einem ande­ren Grund, einer dir selbst ent­zo­ge­nen Quel­le. Wenn ein Roman sich Jahr­zehn­te spä­ter mit dem äuße­ren Dis­kurs ver­eint und Men­schen einer ande­ren Zeit etwas zu geben ver­mag, sprichst du von Glück.

Dring­lich­keit: Dass da „etwas“ war oder ist, was nach außen tre­ten, sprich: in Spra­che zu fas­sen sein will. Was zu über­set­zen ist. Bis es anrüh­rend und mes­ser­scharf, inten­siv, rhyth­misch, sinn­lich fühl­bar und gedank­lich auf der Sei­te steht. Als etwas Neu­es, Eige­nes in der Welt.

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Ulri­ke Draes­ner, gebo­ren 1962 in Mün­chen, ist Schrift­stel­le­rin und Pro­fes­so­rin am Deut­schen Lite­ra­tur­in­sti­tut Leip­zig. Zuletzt erschien der Roman Die Ver­wan­del­ten (Pen­gu­in 2023).

Ulri­ke Draes­ner: Mit­gift. Roman
Pen­gu­in, Mün­chen 2024.
384 Sei­ten, € 14 (D) / € 14,40 (A)

Quel­le: VOLLTEXT 4/2023 – 28. Novem­ber 2023

Online seit: 19. Febru­ar 2024

Online seit: 19. Febru­ar 2024

Zuletzt geän­dert: 9. Mai 2024