Nachts schreiben, um am Tag nicht verloren zu gehen

Gedan­ken zu Lite­ra­tur und Selbst­er­fah­rung. Von Arne Rau­ten­berg
Arne Rautenberg ©Birgit Rautenberg

Juve­ni­les Loser-Fee­ling, Cool­sein und unan­ge­mes­se­ne Über­heb­lich­keit – für Rau­ten­berg ist das alles Geschich­te.

Ganz bei mir blei­ben. In mei­nen Tex­ten, in mei­nem Vor­trag. Ich bin Lyri­ker, ich schrei­be Gedich­te und kei­ne Roma­ne. Das heißt, ich muss mir nicht täg­lich eine Sei­te Pro­sa raus­quä­len (wie ich es auch schon getan habe), son­dern darf sprung­haft und phleg­ma­tisch sein, ein­fach dahin­le­ben und mir eine gewis­se Zeit­oa­se zur schrei­ben­den Besin­nung ein­räu­men.

Dies ist mei­nen momen­ta­nen Lebens­um­stän­den geschul­det. Ich bin Nacht­ar­bei­ter gewor­den. Noch vor ein­ein­halb Jahr­zehn­ten ging ich vom Bett aus direkt an den Schreib­tisch und erle­dig­te mein Schreib­werk, noch saum­se­lig aus der Nacht her­aus, frisch und unge­fil­tert konn­te ich den erwa­chen­den Gedan­ken nach­ge­hen, ihnen hin­ter­her­schrei­ben, sie zu fas­sen krie­gen und en pas­sant auch grö­ße­re Pro­sa­stre­cken bewäl­ti­gen.

Das ist vor­bei. Wir haben zwei Kin­der, ein bis an die Kno­chen gehen­der, hoch­fre­quen­ter Ton piept um 6:30 Uhr, dann heißt es, auf­ste­hen, anzie­hen, Weck­diens­te an den Kin­dern voll­zie­hen, auf­de­cken, Bro­te schmie­ren, Mini­mal-Kon­ver­sa­tio­nen am Lau­fen hal­ten bzw. ertra­gen, Zei­tung lesen – und wenn die Kin­der in die Schu­le radeln, sind die den Geist erwe­cken­den Akkus bereits halb­leer.

Also erle­di­ge ich am Mor­gen die Schreib­ar­bei­ten, in denen der Hauch der Inspi­ra­ti­on klein­ge­schrie­ben ist: Mails, Brie­fe, Über­ar­bei­tun­gen, Zug­fahr­ten buchen, Grü­be­lei­en über anste­hen­de Grund­sätz­lich­kei­ten neu­er Pro­jek­te, Sor­tier­ar­bei­ten, Recher­chen, Tele­fo­na­te, Auf­sät­ze, Lek­tü­ren.

Der Tag nimmt sei­nen Lauf. Mit­tags kochen, essen, die Kin­der kom­men aus der Schu­le. Nach­mit­tags bin ich ganz nor­ma­ler Fami­li­en­va­ter, das heißt: schön auf dem flau­schi­gen Wohn­zim­mer­tep­pich rum­ku­geln, aus Ver­se­hen ein­schla­fen, Musik hören, Spie­gel online lesen, Haus- und Gar­ten­ar­bei­ten erle­di­gen, H.C. Art­mann lesen, Stadt­fahr­ten ange­hen, mit dem Sohn auf den Fuß­ball­platz, mit der Toch­ter auf den Pfer­de­hof (sie rei­tet ein Ara­ber-Pferd), mit der Frau spa­zie­re ich früh­abends an der Kie­ler För­de ent­lang (wir erzäh­len uns unse­ren Tag – eine wun­der­ba­re, bezie­hungs­sta­bi­li­sie­ren­de Gewohn­heit), im Som­mer bin ich viel am Strand, nach der Tages­schau wird viel­leicht noch etwas fern gese­hen, Mura­ka­mi oder Knaus­gård gele­sen, alles ganz nor­mal, wie es jeder kennt. Ich habe auch kein Pro­blem damit, son­dern hal­te es wie Tonio Krö­ger bei Tho­mas Mann: „Man ist als Künst­ler inner­lich Aben­teu­rer genug. Äußer­lich soll man sich gut anzie­hen, zum Teu­fel, und sich beneh­men wie ein anstän­di­ger Mensch“.

Zu die­ser Ein­sicht zu kom­men, hat mich vie­le Jah­re gekos­tet: Jah­re des Leicht­sinns, des trot­zi­gen Auf­ge­hens in einem juve­ni­len Loser-Fee­ling, Jah­re der inspi­ra­ti­ven Erwe­ckung samt arro­gan­ter Zur­schau­stel­lung einer frei­lich noch nicht aus­ge­reif­ten Künst­ler­na­tur, Jahr­zehn­te des Cool­seins und der unan­ge­mes­se­nen Über­heb­lich­keit. Für mich ist das alles Geschich­te. Mein All­tag, der mei­ne drei Glücks­fak­to­ren bedingt – ers­tens frei über die eige­ne Zeit ver­fü­gen, zwei­tens etwas tun, was man ger­ne tut, drit­tens so viel Zeit wie mög­lich mit denen ver­brin­gen, die einem am meis­ten am Her­zen lie­gen – hat mich Demut gelehrt.

Aller­dings bin ich in mei­nem All­tag 24 Stun­den online mit mei­nem erwei­ter­ten Bewusst­seins­strom. Kommt mir etwas Son­der­li­ches in die Que­re, schrei­be ich es in mei­nen Notiz­block. Mein Cre­do seit vie­len Jah­ren: Ein Tag, von dem nichts übrig bleibt, der ist nichts wert – oder als Vari­an­te: Ein Tag, von dem nichts übrig bleibt, der ist ver­lo­ren für immer.

Und ich bin ein ver­gess­li­cher Mensch. Also bewe­ge ich mich mit offe­nen Sin­nen und samm­le via Notiz, was ich sehe, was ich höre, was ich den­ke. Mein Sohn erzählt etwas von Arsch­haa­ren vom Ele­fan­ten, ich schrei­be es auf. Mei­ne Toch­ter zeigt mir auf ihrem Han­dy ein Foto, auf dem sie aus ihren lan­gen Haa­ren einen Kranz zu einem Nest gefloch­ten hat, damit sie ihr schwar­zes Lieb­lings­huhn hin­ein­set­zen kann. Ich schrei­be es auf. Und über­le­ge spä­ter, als ich das Foto noch ein­mal betrach­te: Ist der Kopf ein Nest, der das Huhn behü­tet – oder hat das Huhn den Kopf aus­ge­brü­tet? Ich sit­ze am Strand und die Möwe mit dem Toten­kopf fliegt vor­bei, ich schrei­be es auf.

Manch­mal bleibt der Notiz­block leer. Dann wun­de­re ich mich, war­um ich so unaus­ge­gli­chen bin. Viel­leicht bin ich auch nur unge­dul­dig, denn eigent­lich weiß ich, dass die Zeit lite­ra­ri­scher Schaf­fens­durst­stre­cken