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Von Tho­mas Raab. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 108
Thomas Raab © Simone Heher-Raab

Tho­mas Raab. Foto: Simo­ne Heher-Raab

Sechs Uhr, zehn Minu­ten. Die Kin­der frühstücken. Lei­se. Lang­sam. Mika­do. Als woll­ten sie die­ses selt­sa­me Wesen nicht in Bewe­gung brin­gen. Ihn. A Quiet Place. Sei­ne Frau steht vor der Arbeits­plat­te, streicht laut­los die Jau­sen­bro­te, geht in Gedan­ken den Tag durch. Flüstert. „Habt ihr die Sport­wä­sche ein­ge­packt? Die Voka­bel­hef­te? Den Zir­kel? Das Top-Jugend­ti­cket?“ Er kann das bestä­ti­gen­de Mur­ren sei­ner Töch­ter hören. Das Schlürfen des Tees. Riecht ihn. Roi­busch. Geges­sen wird kaum. Viel zu früh. Ein Kichern schum­melt sich bis zu ihm. Dazu ein: „Ts-ts-ts“. Wahr­schein­lich schnarcht er. Dort, hin­ter der Ecke. Die Form der Wohnküche ein L. Der Ess­tisch das eine Ende, die Sofa­land­schaft das ande­re. Sein Schlaf­ge­mach, wenn es spät wird. Und spät wird es meist. Sie ein Mor­gen­mensch. Immer schon. Er von Geburt an nacht­ak­tiv. Das Geheim­nis ihrer lan­gen Bezie­hung. Dem andern nicht Scha­blo­ne sein. Das Leben mit­ein­an­der führen? Ja. Aus zwei eines machen wol­len? Nein. Zwar Teil des Orches­ters, nur jeder mit eige­ner Stim­me. Vor­sich­tig öff­net sei­ne Frau die Terrassentür, kühle Frisch­luft strömt in den Raum. Die Hündin schlüpft hin­aus in den Gar­ten, ers­tes Geschäft des Tages. Die Kin­der schlüpfen in ihre Jacken, schul­tern die Schul­ta­schen­zie­gel. Er selbst schlüpft zurück, als Küken in sein Ei, als Schmet­ter­ling in sei­ne Pup­pe, als Her­ku­les­kä­fer in sei­nen Kokon. Schlaf, der ihn fest auf das Leder drückt, flügellahm, die Zier­kis­sen sei­ne Bar­ri­ka­den, die zu Boden gerutsch­te Woll­de­cke sei­ne Tuchent. Irgend­wann spürt er den Abschieds­kuss sei­ner Töch­ter. Sie wis­sen, es war spät gewor­den, er hat lang gear­bei­tet. Sei­ne Frau deckt ihm behut­sam die Bei­ne zu. Die Hündin deckt sie ihm wie­der ab, schleckt sei­ne Zehen, legt sich zu sei­nen Füßen, rollt sich ein. Er fühlt sich geliebt. Rund­um. Und doch hunds­mi­se­ra­bel, schul­dig, ein Schma­rot­zer, der mit sei­nen elend lan­gen Nacht­schich­ten immer noch zu wenig leis­tet. Ein Spät­auf­ste­her eben, somit kein brav arbei­ten­der Frühaufsteher, kei­ner der soge­nann­ten Flei­ßi­gen, Leis­tungs­wil­li­gen … Die Welt schwarz­weiß sehen, so sim­pel, so pri­mi­tiv, so auf­hus­send – und Du wirst Kanz­ler. Tage gibt es, hel­den­haf­te, wenn er schreibt bis vier Uhr nachts. Oder fünf Uhr früh. Oder durch. Tat­säch­lich schreibt. Sei­te um Sei­te. Sieg über alles. Tage, wie die­ser viel­leicht einer zu wer­den imstan­de ist? Wer weiß! Irgend­et­was weckt ihn schließ­lich endgültig. Still ist es. Das Haus nun leer. Die Frau in ihrem Ate­lier, ihrer Werk­statt. Dort ist sie glücklich. Die Kin­der wahr­schein­lich zwi­schen Mathe und Eng­lisch, oder Musik und BE, in der gro­ßen Pau­se. Die Schul­milch sei­ner Gym­na­si­ums Zeit fällt ihm ein. Kakao, Vanil­le­milch, Frucht-Joghurt. Mehr stand nicht zur Aus­wahl. Wer Letz­te­res bekam, hat­te ent­we­der wohl­ha­ben­de Eltern; oder Eltern, die mit­tels täg­li­chem Frucht-Joghurt vor­ga­ben, wohl­ha­bend zu sein; oder sei­ne Eltern voll­kom­men unter Kon­trol­le. Wer Vanil­le­milch bekam, hat­te kei­nen Geschmack und unmit­tel­bar danach gro­ßen Durst. Ja und wer wie er aus weni­ger betuch­ten Ver­hält­nis­sen stamm­te, hat­te das Lei­tungs­was­ser des Wasch­be­ckens auf der Schülertoilette, zwei Schei­ben Schwarz­brot in Stan­ni­ol, dazwi­schen But­ter, hin und wie­der mit Extra­wurst. Dazu der täg­li­che Apfel. Meist meh­li­ge, wie aus einem Sack Kar­tof­feln. Ein­mal ange­bis­sen, danach luft­ge­trock­net end­ge­la­gert in dem Fach sei­ner Schul­bank. Die­se Frucht ist ihm geblie­ben. Starrt ihm tag­täg­lich ent­ge­gen, in sei­nem Büro. Äpfel, die zu Büchern wer­den. Apple-Book. Und los. Com­pu­ter an. Zuletzt ver­wen­de­tes Doku­ment öff­nen. Die Zei­len des Vor­ta­ges lesen, ein­mal, zwei­mal, wie­der und wie­der, immer unzu­frie­de­ner damit wer­den. Ers­te Kor­rek­tu­ren vor­neh­men. Ver­schlimm­bes­sern. Sich wie auto­ma­ti­siert in sei­ne Mails flüchten. Bald die­sen Wider­wil­len spüren. Mails, Mails, Mails. Erzwun­ge­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ähn­lich einem Spa­zier­gang, wenn über Zäu­ne, oder aus Fens­tern, oder direkt auf der Stra­ße Men­schen das Gespräch suchen, aus dei­nem flüchtigen Gruß ein Erlah­men wird, Sta­gnie­ren, aus fünf plötz­lich fünfzehn Minu­ten, fünfzig … Roll-Lei­ne mit Ein­hand-Brems­sys­tem. Er will wei­ter, doch es reißt ihn zurück. Wuff. Mails. Wor­te, die er sich abrin­gen muss, besorgt, viel­leicht brau­chen sie jenen Vor­rat auf, der spä­ter für sei­ne Tex­te von­nö­ten wäre. Mit­ten­drin der News­let­ter einer Tages­zei­tung, ein Klick, und schon ist er in der Online­aus­ga­be. Liest über den Die­sUnd­Das und das Wie­Und­Was, über die DaUn­d­D­ort und das Hier­Und­Fort. Bewegt sei­ne ergo­no­mi­sche Maus, hört dabei sein Schnau­fen. Früher hät­te er für solch ein Schnau­fen die Stie­gen empor und hin­aus bis an die Gartentüre lau­fen müssen, weil Post oder Paket­dienst. Heut reicht das Bewe­gen des Rollses­sels. Lei­se hin­ge­gen die Atemzüge der Hündin. Sie ist in sein Büro mitübersiedelt. Liegt hin­ter dem Schreib­tisch. Der Schreib­tisch selbst ist mit­tels Tas­ten­steue­rung zu einem Steh­pult hoch­fahr­bar, theo­re­tisch. Prak­tisch schnup­pert die Arbeits­plat­te Höhen­luft nur dann, wenn sei­ne Kin­der sie bestei­gen. „Los Papa, drück!“ Auf und Ab. Leben. Eben. Ein Hin und Her. Und doch immer nach vor­ne gerich­tet. Zurück nach ges­tern? Unmög­lich. Der Bild­schirm, an dem über USB‑C sein Lap­top hängt, ist mit den Jah­ren immer grö­ßer gewor­den, ver­schlingt ihn mitt­ler­wei­le, lässt zwar die Arbeit als opti­sche Täu­schung dar­auf klei­ner erschei­nen, die Lee­re der Sei­ten füllt sich aber den­noch nicht von selbst. Hin und wie­der redu­ziert er sei­ne Doku­men­te auf zehn Pro­zent, so win­zig, unmög­lich das Geschrie­be­ne zu lesen – und tippt ins Nichts. Er. Ein Was eigent­lich? Unter­wegs auf Lese­rei­se, wenn er in diver­sen Hotels an der Rezep­ti­on steht, vor ihm der Mel­de­zet­tel, dar­auf das Käst­chen Beruf, weiß er nicht recht: Autor? Schrift­stel­ler? Jemand, der eine Tätig­keit selb­stän­dig ausübt, die auch dazu die­nen soll, Ein­nah­men zu lukrie­ren, sprich: Unter­neh­mer? Das passt, klingt jedoch zu groß, zu mäch­tig, nach LKW, wäh­rend er doch inner­lich eher auf einem Draht­esel sitzt. Tretmühle. Selb­stän­di­ger schreibt er dann. Spürt, wie ihn dabei die­se eupho­risch melan­cho­li­sche Lie­be durch­strömt. Eupho­risch, weil stän­dig selbst. Melan­cho­lisch, weil stän­dig. Kein Ent­kom­men. Jeder Schlen­dri­an rächt sich, jede offe­ne Rech­nung, jede … „Rech­nung!“ fällt ihm ein. Steu­er. Es ist Monats­an­fang, der letz­te muss erle­digt wer­den … Er öff­net die ent­spre­chen­de Lade, beginnt die Bele­ge in sei­ne Pult­ord­ner 1–31 ein­zu­ord­nen – sein Klin­gel­ton reißt ihn hoch. Die Num­mer unbe­kannt. Nach­richt wird kei­ne hin­ter­las­sen. Mag er gar nicht. Irgend­wann der zwei­te Anruf. Die­sel­ben Zif­fern. Wie­der nichts. Im Inter­net auf Invers­su­che gehen, hof­fen fündig zu wer­den. Nien­te. Egal. Wei­ter. Zurück in sein Arbeits­do­ku­ment. Er muss abge­ben. Bald. Längst ist es Nach­mit­tag. Schu­le aus, Werk­statt geschlos­sen. Das Haus füllt sich wie­der mit Leben, Aus­tausch mit den Lie­ben. Dann zurück ins Büro. Jetzt aber. Die auf­kom­men­de Müdigkeit igno­rie­ren. Den Hun­ger. Mon­tag bis Frei­tag, isst nur spät abends, um den Tag zu nut­zen. Schreibt nun. Been­det das eine Kapi­tel sei­nes Roma­nes und beginnt das nächs­te. Wie soll es hei­ßen? Das Wort „Kugel­fisch“ kommt ihm in den Sinn. War­um? Weiß er nicht. Es ist ein­fach da, wie so vie­les. Steht nun getippt vor ihm. Kapi­tel 3. „Kugel­fisch“ recher­chiert er. Aus­rei­chend Gift trägt das Tier in sich, um drei­ßig Erwach­se­ne zu töten – und den­noch wird es ver­zehrt. Ein hand­fes­ter Idi­ot eben, der Mensch an sich. Aus­ge­lie­fert bleibt er hän­gen, durch­fors­tet das Inter­net, kommt vom Hun­derts­ten ins Tau­sends­te, fin­det sich plötz­lich auf der Home­page einer sei­ner bevor­zug­ten Tages­zei­tung wie­der – Hand, die sein Hirn überholt und dort­hin gelei­tet hat – liest nun erneut über den Die­sUnd­Das und das Wie­Und­Was, über die DaUn­d­D­ort und das Hier­Und­Fort. Hält bald sei­ne Kin­der in den Armen, kurz dar­auf, sei­ne Frau, „Schlaft gut, Ihr Lie­ben!“, übersiedelt auf das Sofa, 22 Uhr, Kopf­hö­rer auf, ZiB2. Putin dort, Kickl da. Sein Hun­ger nun wie ein Ver­trie­be­ner, nur noch Appe­tit­lo­sig­keit? Er fängt zu tip­pen an, irgend­was Gereim­tes: Es ist schein­bar wahr, dass das, was war, nur noch dem, der es erlebt hat, eine Mah­nung bleibt, weil alles Wis­sen ihn bei­na­he zum Wahn­sinn treibt, das die Erin­ne­rung tief in sein Bewusst­sein schreibt. Denn nun erle­ben wir wie­der ein Beben einer Gene­ra­ti­on, die nicht ver­ges­sen kann, was sie nicht erlebt hat, sie arbei­ten voll Grö­ßen­wahn beses­sen dran, Ängs­te, die beru­higt waren auf­zu­schre­cken, Schil­der, die zur Mah­nung die­nen abzu­de­cken, die Geis­ter, die zu schla­fen schie­nen auf­zu­we­cken. Und erschüttert sehen uns­re Zeit­zeu­gen, wie wir wie­der eine Zeit zeu­gen, und uns so weit beu­gen, bis wir den Weit­blick ver­lie­ren, den Geist mani­pu­lie­ren, plötz­lich wie­der mar­schie­ren und die Fins­ter­nis regie­ren. Der Teu­fel ist erwacht, der mit sei­ner Macht die Men­schen, die uns nahe sind, zu Fein­den macht. Und er lacht, weil er weiß, wie schwach wir sind, wie wenig wach wir sind, denn unter wes­sen Dach wir sind, hängt nur davon ab, wie die Rede klingt, die die Ver­nunft ver­schlingt. Wir sind das ein­zi­ge Tier, das den Instinkt bezwingt, kön­nen dem Ruf nicht wider­ste­hen, der aus der Höl­le dringt. Wir tre­ten den Leib, der noch nach Leben ringt, haben den Hass zum Freund gemacht, der uns das Herz ver­schlingt. Wir sind das ein­zi­ge Tier, das den Instinkt bezwingt, kön­nen dem Ruf…!“ Mit­ter­nacht. Die Hündin stupst ihn an, muss raus. Ein kur­zes Lecker­li danach. Und er. Viel­leicht doch noch etwas essen? Ein wenig Media­thek. Will­kom­men Öster­reich. Oder Heu­te Show. Es wird Till Rei­ners’ Hap­py Our. Ein Uhr drei­ßig. Viel­leicht doch noch eine Sei­te Kugel­fisch? Irgend­wann schläft er ein. Mor­gen ist längst Heu­te gewor­den, und heu­te wird es bes­ser. Ganz bestimmt …

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Tho­mas Raab, gebo­ren 1970 in Wien. Kind­heit so so lala, Schul­zeit nur noch so so, nahe des Wahn­sinns, wäre da nicht das Kla­vier gewe­sen. 1988 dann doch Matu­ra. Danach ers­te Ver­su­che als Lie­der­ma­cher, inklu­si­ve Stu­di­en­ab­schluss Mathe­ma­tik & Sport, folg­lich zurück in die Ver­gan­gen­heit, weil war ja so schön die Schul­zeit! Es fol­gen 10 Jah­re einer­seits als Leh­rer an einem Wie­ner Gym­na­si­um, ande­rer­seits im Musi­cal- und Musik­thea­ter­be­reich, dazu Kon­zert­rei­sen als Sin­ger- Song­wri­ter. Eines schö­nen Tages (2006) plötz­lich die­se Idee, die­ser gedank­lich so leben­dig gewor­de­ne Frem­de. Ein Restau­ra­tor. Der Drang ihn ken­nen­ler­nen zu wol­len, schrei­bend, näher, immer näher & nicht mehr auf­hö­ren kön­nen… Ein paar Mona­te spä­ter: Der Metz­ger muss nach­sit­zen, Debüt-Roman. Neu­ge­burt. Seit­her frei­schaf­fen­der Schrift­stel­ler, Dreh­buch-Autor, Kolum­nist und Musi­ker. Lebt mit sei­ner Fami­lie in Wien und vol­len Zügen, auch der ÖBB, West­bahn, DB, Tre­ni­ta­lia … Aktu­el­le Neu­erschei­nung: Peter kommt spä­ter (Kie­pen­heu­er & Witsch)

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Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 10. März 2023

Zuletzt geän­dert: 12. März 2023