Herbst

Von O. P. Zier. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 107
O. P. Zier © Lukas Beck

O. P. Zier. Foto: © Lukas Beck

Als ich an die­sem Diens­tag, dem 23. Okto­ber 1973, um zwan­zig Minu­ten nach acht Uhr wach wur­de, ohne dass mich, wie wochen­tags damals üblich, mein vor eini­gen Mona­ten mit sech­zig Jah­ren in Pen­si­on gegan­ge­ner Vater geweckt hat­te, und es somit  zu spät war, um noch im Rah­men der glei­ten­den Arbeits­zeit ins Büro zu kom­men, erfass­te mich, schon wäh­rend ich in mei­nem kal­ten Zim­mer aus dem Bett sprang, mit einer davor noch nie erleb­ten Inten­si­tät die Vor­ah­nung einer furcht­ba­ren Kata­stro­phe!

Vor drei Tagen, am 20. Okto­ber, war ich 19 Jah­re alt und damit nach damals gel­ten­dem Recht voll­jäh­rig gewor­den. Mei­ne in der Inns­bru­cker Uni­ver­si­täts­kli­nik mit den weni­gen ihr noch ver­blie­be­nen Kräf­ten ver­geb­lich gegen den Bauch­spei­chel­drü­sen­krebs und damit um ihr Leben kämp­fen­de Mut­ter hat­te mir in ihrem Gra­tu­la­ti­ons­brief noch mit der für sie typi­schen tap­fe­ren Zuver­sicht ange­kün­digt, dass wir mei­nen Geburts­tag – selbst­ver­ständ­lich wie jedes Jahr mit der obli­ga­ten, von ihr geba­cke­nen und lie­be­voll ver­zier­ten Tor­te! – nach­fei­ern wür­den, sobald sie vom Spi­tal wie­der daheim wäre.
Tat­säch­lich soll­te sie nur noch ein ein­zi­ges Mal in ihrem Leben für zwei Tage nach Hau­se kom­men und dabei den zum Kran­ken­bett umfunk­tio­nier­ten Diwan in der Küche jeweils bloß für den müh­sa­men, an ihren letz­ten Kräf­ten zeh­ren­den Gang ins Bad bezie­hungs­wei­se auf die Toi­let­te ver­las­sen.
Die erst vor weni­gen Mona­ten bezo­ge­ne, eben­erdi­ge Werks­woh­nung in der Bahn­hof­stra­ße in Lend Nr. 84, direkt neben dem Franz Ange­rer Volks­heim der Gewerk­schaft gele­gen, war mit 55 Qua­drat­me­tern die mit Abstand größ­te, die mei­ne Fami­lie zeit­le­bens bewohnt hat­te! Sie ver­füg­te über drei Räu­me und – erst­mals im Leben mei­ner Eltern wie natür­lich auch in mei­nem eige­nen – über einen klei­nen Vor­raum sowie Warm­was­ser und ein gleich­falls sehr klei­nes, mit einer von mei­nem Vater mon­tier­ten Heiz­spi­ra­le ver­se­he­nes Bade­zim­mer, in dem sich auch das – zum ers­ten Mal nicht mehr auf dem Gang außer­halb der eige­nen vier Wän­de gele­ge­ne! – Klo­sett befand.
Da sie einen Raum an mich abge­tre­ten hat­ten, leb­ten mei­ne Eltern also auch in der ers­ten „abge­schlos­se­nen drei­tei­li­gen Woh­nung“ ihres Lebens, die nach so kur­zer Zeit schon ihre letz­te wer­den soll­te, wie eh und je in einer Wohn­kü­che mit angren­zen­dem Schlaf­zim­mer.

Ich rann­te bloß­fü­ßig über die aus­ge­kühl­ten Böden die weni­gen Schrit­te in die Küche, wo der Vor­hang des ein­zi­gen Fens­ters noch zuge­zo­gen war, und sah im Vor­bei­lau­fen ein Spar­buch sowie etwas Bar­geld auf dem Ess­tisch lie­gen.
Auch im angren­zen­den Eltern­schlaf­zim­mer war der Vor­hang zuge­zo­gen. In Sekun­den­bruch­tei­len nahm ich wahr, dass auf dem Nacht­käst­chen mei­nes Vaters eine halb geleer­te Slibo­witz­fla­sche stand. (Er muss­te sich den Schnaps am Vor­tag extra gekauft haben, da er, der aus der Wach­au stamm­te, zwar  immer, wenn Besuch kam, mit einem Glas Wein anstieß und so einen „guten Trop­fen“, wie er zu sagen pfleg­te, auch genoss, ich ihn jedoch mei­ne gan­ze Kind­heit hin­durch nie­mals Schnaps trin­ken gese­hen hat­te.)
Die an der Wand neben sei­nem Bett ange­brach­te Nacht­tisch­lam­pe war ein­ge­schal­tet und bestrahl­te indi­rekt die ein wenig aus sei­nem Mund getre­te­ne, wuls­ti­ge Zun­ge im Gesicht mei­nes Vaters, der sich im Pyja­ma und bloß­fü­ßig mit leicht ein­ge­knick­ten Knien an einem sehr dün­nen Strick, der um das in der Zim­mer­ecke durch den Raum füh­ren­de Ofen­rohr geschlun­gen war, irgend­wann in der vor­an­ge­gan­ge­nen Nacht erhängt hat­te.
(Seit die­sem Tag soll­te es mir noch lan­ge Jah­re hin­durch gro­ßes Unbe­ha­gen berei­ten, nach dem Auf­ste­hen in der Woh­nung einen Raum mit zuge­zo­ge­nen Vor­hän­gen zu betre­ten. Und so schob ich sie dann Abend für Abend vor dem Schla­fen­ge­hen zurück.)

Wie alle ande­ren Par­tei­en in die­sem der Alu­mi­ni­um­fa­brik in Lend gehö­ren­dem Wohn­haus ver­füg­te auch mei­ne Fami­lie über kei­nen Tele­fon­an­schluss, also hat­te ich alles, was jetzt getan wer­den muss­te, per­sön­lich zu erle­di­gen, ehe ich mit dem Zug nach Inns­bruck fah­ren konn­te, um mei­ner Mut­ter die fürch­ter­li­che Todes­nach­richt zu über­brin­gen.
Rück­bli­ckend kommt es mir so vor, als habe ich in den dar­auf­fol­gen­den Stun­den mit die­ser Betrieb­sam­keit den kaum zu ertra­gen­den Schmerz dadurch vor­erst auf Abstand gehal­ten, dass ich ihm im Wort­sinn davon­ge­lau­fen war: Zuerst rann­te ich zur Ärz­tin, deren Ordi­na­ti­on sich im unte­ren Teil des Gewerk­schafts­hei­mes befand, danach zur Gen­dar­me­rie.

Wobei ich wirk­lich „blind­lings“ von einer Ört­lich­keit zur ande­ren unter­wegs war und heu­te, bald ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter, die Rei­hen­fol­ge logisch rekon­stru­ie­ren muss, da die noch immer Beklem­mun­gen aus­lö­sen­den Bil­der jeweils für sich zu ste­hen schei­nen.

Anschlie­ßend gab ich auf dem Weg zum Orts­pfar­rer Franz Gug­gen­ber­ger, bei dem ich auch schon einen Begräb­nis­ter­min ver­ein­bar­te, im Büro Bescheid, war­um ich heu­te nicht zur Arbeit erschie­nen war. (Eine Arbeit, mit deren Geld ich beab­sich­tig­te, mir in ein, zwei oder viel­leicht drei Jah­ren des Spa­rens das von mir geplan­te Stu­di­um an der Wie­ner Film­aka­de­mie zu finan­zie­ren.)

Nach­dem die Gen­dar­me­rie­be­am­ten den Leich­nam mei­nes Vaters frei­ge­ge­ben hat­ten, kam das Bestat­tungs­un­ter­neh­men Waz­la­wik aus Schwarz­ach. Im Lei­chen­wa­gen fuhr ich dann in den Nach­bar­ort mit, um in der Fir­ma von Krän­zen über Par­te­zet­tel bis hin zur Sar­g­aus­wahl alle gefor­der­ten Ent­schei­dun­gen zu tref­fen.
Beim Bestat­ter ver­such­te mich die Frau des Eigen­tü­mers im herbst­li­chen Halb­dun­kel des Rau­mes mit gedämpf­ten Wor­ten zu trös­ten. Dabei erschien mir das, was sie sag­te, als abso­lut ver­rückt, gera­de weil sie es mit so gro­ßer Über­zeu­gungs­kraft vor­brach­te, als glaub­te sie tat­säch­lich auch selbst dar­an; als sei­en die­se Wor­te nicht ihrer jah­re­lang aus­ge­üb­ten Pro­fes­si­on geschul­det, wenn sie sag­te, dass es ganz bestimmt der Föhn gewe­sen sei, ja, der Föhn habe mei­nen Vater Sui­zid ver­üben las­sen.
Ich nick­te, ohne etwas dar­auf zu sagen. Erst viel spä­ter erfuhr ich, dass ihm, einem erkenn­bar hyper­sen­si­blen und leicht in Angst zu ver­set­zen­den Men­schen, in der Uni­kli­nik in Inns­bruck mehr oder weni­ger im Vor­bei­ge­hen mit­ge­teilt wor­den war, dass sei­ne Frau Weih­nach­ten „bestimmt nicht mehr“ erle­ben wer­de!
So sehr, wie die­ses Paar anein­an­der­ge­han­gen war, wäre mei­nem Vater ein Leben als Wit­wer abso­lut unmög­lich gewe­sen! Dar­an hat­te ich nicht den gerings­ten Zwei­fel. Auch nicht, dass er längst auch auf ande­ren Wegen in Erfah­rung gebracht hat­te, dass es bei Bauch­spei­chel­drü­sen­krebs kei­ne Hei­lung gab. (Jahr­zehn­te spä­ter sag­te mir mein in Inns­bruck leben­der Cou­sin Hel­mut, der mei­ne Mut­ter für die paar Tage Aus­zeit aus der Kli­nik mit dem Auto nach Lend gefah­ren hat­te, dass sie „so elend“ bei­sam­men gewe­sen war, dass er schon befürch­te­te, sie ster­be ihm wäh­rend der Fahrt.)

Selt­sam, in wel­cher Deut­lich­keit mir nach dem Ver­las­sen des Bestat­tungs­un­ter­neh­mens über Jahr­zehn­te hin­weg eine voll­kom­men neben­säch­li­che Sze­ne in Erin­ne­rung geblie­ben ist: Auf dem Weg zu dem neben dem Bahn­hof gele­ge­nen Post­amt in Schwarz­ach begeg­ne­te ich einem flüch­ti­gen Bekann­ten, der gera­de an der Stra­ße als Ver­mes­ser tätig war, und dem ich auf sei­ne nur als Flos­kel gedach­te Fra­ge, wie es mir gehe bezie­hungs­wei­se was ich denn in Schwarz­ach mache, sofort vom Selbst­mord mei­nes Vaters erzähl­te und von den vie­len Din­gen, die ich im Zusam­men­hang damit jetzt hier im Nach­bar­ort zu erle­di­gen hät­te, bevor ich wei­ter has­te­te, als wäre ich tat­säch­lich gera­de dabei, vor irgend etwas davon­zu­lau­fen.
Vom Post­amt in Schwarz­ach schick­te ich mei­nem Bru­der Franz, der als Sohn eines Bru­ders mei­ner Mut­ter eigent­lich mein Cou­sin war, den mei­ne Eltern aber von sei­ner Geburt an als Zieh­sohn ange­nom­men und uns bei­de gleich­be­rech­tigt als Brü­der auf­ge­zo­gen hat­ten, da Franz’ leib­li­che Eltern bereits sehr vie­le Kin­der hat­ten, ein Tele­gramm in die Schweiz, in der er seit eini­gen Jah­ren leb­te, da er in Neu­hau­sen am Rhein­fall als Che­mi­ker im For­schungs­in­sti­tut der Alu­s­u­is­se beschäf­tigt war, zu des­sen Kon­zern auch die Alu­mi­ni­um­fa­brik in Lend damals noch gehör­te.
Dann rief ich die väter­li­chen Ver­wand­ten in Nie­der­ös­ter­reich an sowie mei­ne Tan­te, die jüngs­te Halb­schwes­ter mei­nes Vaters – er war das ledi­ge ältes­te Kind sei­ner Mut­ter gewe­sen –, die als Ordens­schwes­ter in der Apo­the­ke des Kran­ken­hau­ses der Barm­her­zi­gen Schwes­tern in Linz tätig war. Es über­rasch­te mich, wie gefasst sie die Nach­richt auf­nahm; ganz so, als hand­le es sich um das, was man einen natür­li­chen Todes­fall zu nen­nen pflegt. Auch spä­ter, als sie zum Begräb­nis anreis­te und eini­ge Wochen danach, als sie mich erneut für ein paar Tage besuch­te, hör­te ich von ihr kein ein­zi­ges Wort dar­über, dass es mei­nem Vater womög­lich nicht zuge­stan­den wäre, sich selbst gegen das Wei­ter­le­ben zu ent­schei­den. Sie erwähn­te nur, dass er in sei­nem gan­zen Leben immer schon alles sehr schwer genom­men habe, was ich sofort bestä­ti­gen hät­te kön­nen, es jedoch aus einem uner­find­li­chen Grund nicht tat. Irgend­wie hat­te ich den Ein­druck, so wenig über­rascht, wie sie war, als habe sie mit so einem Ende bei ihm schon längst gerech­net. (Die bei­den ver­stan­den sich ihr Leben lang außer­or­dent­lich gut – der über­zeug­te Sozia­list und die Klos­ter­schwes­ter!) Über­dies mach­te sie eine Andeu­tung, dass Papa ihr gegen­über offen­bar bereits Sui­zid­ab­sich­ten geäu­ßert habe. – Ver­mut­lich im Zusam­men­hang mit sei­ner pani­schen Angst vor Krank­hei­ten, seit er – davon immer wie­der erzäh­lend – als Kind den grau­en­haf­ten Krebs­tod eines Onkels mit­er­le­ben muss­te, der sich vor Schmerz selbst die Lip­pen voll­kom­men zer­bis­sen hat­te! Die­ser Onkel hat­te als Fol­ge sei­nes star­ken Ziga­ret­ten­kon­sums an Zun­gen­krebs gelit­ten – und seit Papa in Pen­si­on war, begann ihn die­ses Trau­ma mehr und mehr wie­der ein­zu­ho­len; er ent­deck­te auf sei­ner Zun­ge einen – wohl harm­lo­sen – Belag, und befürch­te­te sogleich das Schlimms­te! Die ört­li­che Spren­gel­ärz­tin emp­fahl ihm, mit der Zahn­bürs­te und einem Mund­was­ser die Zun­ge abzu­rei­ben!
Für ihn war Krebs seit sei­ner Kind­heit nicht nur ein abso­lut siche­res Todes­ur­teil gewe­sen, son­dern eines, das uner­mess­li­che Qua­len ver­hieß und abso­lut unheil­bar, nicht ein­mal zu lin­dern  war!
Bei mir hät­ten natür­lich auch alle Alarm­glo­cken läu­ten müs­sen, wie man bei uns zu sagen pflegt, als mein Vater bei einem klei­nen Spa­zier­gang vor weni­gen Mona­ten unver­mit­telt gesagt hat­te: „Es wäre wohl eh schnell vor­bei?“ Er frag­te das unauf­ge­regt, fast bei­läu­fig. Da wir davor schwei­gend gegan­gen waren, hat­te er offen­kun­dig stän­dig nur an den Sui­zid gedacht. (Mei­ne Mut­ter war zu dem Zeit­punkt noch nicht in der Uni­ver­si­täts­kli­nik in Inns­bruck, son­dern im Kran­ken­haus in Schwarz­ach gewe­sen.) Irgend­wie klang er so, als sei für ihn zu die­sem The­ma ohne­hin alles geklärt, geblie­ben nur noch die­se klei­ne Fra­ge, die er jetzt so neben­her gestellt hat­te.
Ich fühl­te mich hilf­los und über­for­dert und reagier­te auf die­se Mischung aus Fra­ge und Fest­stel­lung wie auf ein abso­lut unrea­lis­ti­sches Hirn­ge­spinst. Papa ließ es sofort dabei bewen­den, als sei ihm der Satz als eine Art Zumu­tung her­aus­ge­rutscht. Und er kam die Mona­te, die er danach noch leb­te, mir gegen­über nie wie­der auf die­ses The­ma zurück.
Mei­ne Tan­te, mit dem Ordens­na­men Sr. Makri­na, hat­te zu mei­ner Ver­blüf­fung auch damit kein Pro­blem, als für sie offen­kun­dig war, dass ich wirk­lich nur ihr zulie­be in die Kir­che ging. „Sonst gehst du über­haupt nie, gell?“ sag­te sie ohne vor­wurfs­vol­len Unter­ton. Ab und zu wenigs­tens, bat sie, sol­le ich doch gehen. „Eh nicht immer. Ab und zu aber schon.“ (Sie ver­lang­te aller­dings nicht, dass ich ihr etwas ver­spre­chen sol­le, was ich wohl nicht hal­ten wür­de.)
Mich über­rasch­te ihr Ver­hal­ten auch des­halb so sehr, da Brie­fe und Kar­ten die­ser Tan­te immer voll waren mit reli­giö­sen Inhal­ten – zum Sinn des Weih­nachts- oder des Oster­fes­tes – und nur ein, zwei dür­re Sät­ze ihrem per­sön­li­chen Befin­den gal­ten, an dem mei­ne Eltern, vor allem mein Vater, aller­dings aus­schließ­lich inter­es­siert gewe­sen wären. Viel­leicht kam sie dabei ihrer mis­sio­na­ri­schen Ver­pflich­tung nach, da ihr die Skep­sis mei­nes Vaters in Glau­bens­fra­gen nicht unbe­kannt war. Über­dies dürf­te es für die Frau, die bei­na­he ihr gan­zes Leben lang unent­gelt­lich schwer gear­bei­tet hat­te, ein­fa­cher und beru­hi­gen­der gewe­sen sein, die­se Geschich­ten wie­der­zu­ge­ben, als allen­falls auf eige­ne – gesund­heit­li­che oder ganz all­täg­li­che Pro­ble­me ihres Lebens als Ordens­schwes­ter aus­führ­li­cher ein­zu­ge­hen. (Davon soll­te sie mir gegen­über erst Jahr­zehn­te spä­ter bei Besu­chen Ver­schie­de­nes erzäh­len. Wie gehäs­sig die Schwes­tern unter­ein­an­der sein konn­ten. Ihr, die im Klos­ter­gar­ten voll Hin­ga­be Vögel zu füt­tern pfleg­te, wur­de von Mit­schwes­tern etwa das Fut­ter ver­steckt und ähn­li­che klei­ne Bos­hei­ten ange­tan.)
Jeden­falls über­rasch­te es mich auch, als sie mir, lan­ge nach Papas Tod, ein­mal erzähl­te, dass es mein Vater, der als ältes­ter Halb­bru­der ihr ja den abwe­sen­den Vater erset­zen muss­te,  gewe­sen war, an den sie sich um Rat gewandt habe, vor ihrem end­gül­ti­gen Ent­schluss, ins Klos­ter zu gehen. Lächelnd hat­te sie ein­mal gesagt, dass es schon auch einen Mann gege­ben hät­te, in ihrem Leben. Jeden­falls sei mein Papa, der Sozia­list, es gewe­sen, der ihr damals gera­ten habe, in die­ser Fra­ge ein­zig auf sich selbst zu hören, auf ihre eige­nen Bedürf­nis­se. Und wenn sie sich sicher sei, dass sie das wol­le, dann sol­le sie sich von nie­man­dem davon abbrin­gen las­sen.
Mein Vater, der ledi­ge Sohn mei­ner Groß­mutter, war ihr Lieb­lings­bru­der gewe­sen, da er als Ältes­ter regel­mä­ßig auf sie auf­pas­sen muss­te. Oft hat­te er ver­gnügt von der „Reserl“ erzählt, wie sie sich als Säug­ling ange­macht – „auf und auf ange­schis­sen“ – und dann mit aller­größ­tem Ver­gnü­gen mit den Händ­chen in den eige­nen Kot gepatscht habe.
Auch mein Vater hat­te oft davon gespro­chen, dass er für den Fall, dass er ein­mal ins Spi­tal müs­se – da war selbst mir als Kind sofort klar gewe­sen, dass er damit eine erns­te Erkran­kung mein­te, also eine, bei der es um Leben oder Tod ging –, nur zu sei­ner Schwes­ter „Reserl“ nach Linz wol­le …

Um 11 Uhr 15 fuhr ich mit dem Zug aus Schwarz­ach schon wie­der nach Lend zurück, wo ich die Frau Seidl, eine enge Jugend­freun­din mei­ner Mut­ter, die wie ande­re Frau­en von ihr als Aich­hol­zer Anni spra­chen, in ihrem klei­nen, vis à vis des so genann­ten Werk­kon­sums, direkt neben dem Bahn­über­gang gele­ge­nen, Kiosk auf­such­te.

Die Frau bot mir an, doch mei­ne Tan­te Liesl in Bischofs­ho­fen anzu­ru­fen, da sie in dem Häus­chen auch über ein Tele­fon ver­füg­te, weil sie neben ihrem auf Obst und Gemü­se spe­zia­li­sier­ten klei­nen Geschäft auch noch ein Taxi­un­ter­neh­men betrieb, für das gele­gent­lich ihr Mann und sehr oft sie selbst fuhr, wäh­rend er sie im Kiosk ver­trat und dann in dem dunk­len Häus­chen rau­chend neben einem Tisch­chen in der Ecke saß und auf Kund­schaft war­te­te.
Da auch mei­ne Saal­fel­de­ner Ver­wand­ten damals noch kei­nen Tele­fon­an­schluss besa­ßen, muss ich irgend­wie ihren in der Stadt Salz­burg stu­die­ren­den Sohn, mei­nen Cou­sin Toni tele­fo­nisch erreicht haben.
Die erwünsch­te Ablen­kung gelang nicht, als ich mir danach zu Hau­se im Radio mei­ne Lieb­lings­sen­dung „music­box“ auf dem Pop­sen­der Ö3 des ORF anhör­te, die mir eini­ge Jah­re frü­her mein aller­ers­tes Autoren­ho­no­rar ein­ge­bracht hat­te. Ich war damals noch Schü­ler und hat­te für eine Sen­dung zum The­ma Dorf mei­ne „Retor­ten­sa­ge“ beti­tel­te Sati­re über eine Frau mit Schnurr­bart geschrie­ben, selbst auf Ton­band­cas­set­te gele­sen und die­se ins Funk­haus nach Wien geschickt, wo sie dann aus­ge­strahlt wor­den war. An die­ser Sen­dung hat­te übri­gens noch ein ande­rer, zu dem Zeit­punkt voll­kom­men unbe­kann­ter Jung­au­tor namens Franz Inner­ho­fer mit­ge­wirkt, der um zehn Jah­re älter war als ich und sich der Dorf-The­ma­tik, soweit ich mich erin­ne­re, auf viel rea­lis­ti­sche­re Art genä­hert hat­te als ich, der ja in dem Indus­trie­ort Lend und in kei­nem Bau­ern­dorf, geschwei­ge auf einem Bau­ern­hof, auf­ge­wach­sen war.
An die­sem Tag jeden­falls war es mir gänz­lich unmög­lich, mich auch nur für kur­ze Zeit auf die Sen­dung zu kon­zen­trie­ren. Irgend­wo in wei­ter Fer­ne lief das Pro­gramm an mir vor­bei.
Nach ihrem Ende hol­te ich vom Bahn­hof den Packen mit Par­te­zet­teln, wel­che die Fir­ma Waz­la­wik per Bahn­ex­press an mich geschickt hat­te und affi­chier­te einen mit Reiß­nä­geln an der gro­ßen Anschlag­ta­fel in Unter­lend, bevor ich heim­ging und anfing, die Par­ten an die Ver­wandt­schaft zu schi­cken. In Lend hat­ten zu die­sem Zeit­punkt durch das Wei­ter­erzäh­len der Neu­ig­keit ver­mut­lich schon die meis­ten Men­schen vom uner­war­te­ten Frei­tod mei­nes Vaters erfah­ren.
Fast auf den Tag zwei Mona­te spä­ter muss­te ich erneut eine Par­te auf­hän­gen und ver­schi­cken – dies­mal mit dem Namen mei­ner Mut­ter…

Aus­zug aus einer in Arbeit befind­li­chen, umfang­rei­chen Erin­ne­rungs­pro­sa.

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O. P. Zier, geb. 20. Okt. 1954, auf­ge­wach­sen in Lend/Pinzgau, lebt seit Mit­te 1979 als frei­er Schrift­stel­ler in St. Johann/Pongau. Als Schü­ler ers­te Ver­öf­fent­li­chun­gen in der Ö3-Music­box und in der Zeit­schrift manu­skrip­te. Seit­her zahl­rei­che Hör­spie­le, Fea­tures, Funk­essays und Spiel- u. Doku­men­tar­fil­me, im ORF, für Radio Bre­men, den Baye­ri­schen Rund­funk sowie Bei­trä­ge für Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten im In- und Aus­land: Die Zeit, pro­fil, Der Stan­dard, Salz­bur­ger Nach­rich­ten. Aus­zeich­nun­gen: Georg Rendl Lite­ra­tur­preis; Buch.Preis.2000 für Him­mel­fahrt. Ers­te Buch­ver­öf­fent­li­chung 1977. Zuletzt erschie­nen: Im Otto Mül­ler Ver­lag die Roma­ne Schon­zeit, Him­mel­fahrt und Sturm­frei sowie der Gedicht­band Vom Dies­seits der Wün­sche ins Jen­seits ihrer Erfül­lung. Im Resi­denz Ver­lag die Roma­ne: Tote Sai­son, Mord­so­na­te und Kom­pli­zen des Glücks.

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Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 3. März 2023

Zuletzt geän­dert: 5. März 2023