Die Zukunft, die wir erleben wollen

Über Kämp­fe an der ideo­lo­gi­schen Front und die Bezie­hun­gen zwi­schen Ukrai­nern und Rus­sen, die nie „nor­mal“ waren. Natal­ka Snia­dank­os Eröff­nungs­re­de bei den Euro­päi­schen Lite­ra­tur­ta­gen.
Natalka Sniadanko © Kateryna Slipchenko

Natal­ka Snia­danko: Den Tag über­le­ben, bis zum Ende des Jah­res kom­men, das Ende des Krie­ges erle­ben.

Mei­ne Toch­ter hat­te vor Kur­zem einen Traum, in dem sie mit ihrer Groß­mutter in Lwiw leb­te. Eines Abends kamen zwei rus­si­sche Sol­da­ten zu ihnen nach Hau­se. Einer war streng und befahl ihnen, die Woh­nung zu ver­las­sen, der ande­re erlaub­te ihnen, noch eine Nacht zu blei­ben. Dann sah mei­ne Toch­ter, dass ihr Han­dy-Akku fast leer war und frag­te, ob sie ihr Tele­fon auf­la­den dür­fe. Unwil­lig nick­te der Rus­se. „Was für ein guter Mensch, er hat es mir erlaubt“, dach­te mei­ne Toch­ter im Traum.

Seit Mit­te März lebe ich mit mei­nen Kin­dern in Deutsch­land. Was die Geo­gra­fie und phy­si­sche Sicher­heit betrifft, ist das fer­nes Hin­ter­land, was die Ideo­lo­gie und Infor­ma­ti­ons­ar­beit betrifft, ist es die vor­ders­te Front, die Höl­le schlecht­hin. Ich ver­wen­de absicht­lich mili­tä­ri­sche Meta­phern, die im deut­schen Kon­text unan­ge­bracht sind, denn ihre Inad­äquat­heit ist eben­so illu­so­risch wie die hart­nä­cki­ge Über­zeu­gung vie­ler hie­si­ger Bür­ger, dass die mili­tä­ri­sche Bedro­hung nie zu einer deut­schen Rea­li­tät wer­den, son­dern immer nur eine Mel­dung in der Nach­rich­ten­flut blei­ben wird, weit an der Peri­phe­rie. Noch vor weni­gen Mona­ten berei­te­te die­ser Krieg fast allen hier Angst und Sor­gen, nun aber ver­wan­delt er sich lang­sam in eine Viel­zahl huma­ni­tä­rer Pro­ble­me: Wohin mit den Flücht­lin­gen? Woher Gas neh­men? Wie die Fol­gen der Sank­tio­nen min­dern? Immer sel­te­ner fra­gen Bekann­te und auch Frem­de, wie die Lage an der Front sei, und immer öfter wun­dern sie sich, war­um wir die­sen Som­mer nicht auf Urlaub gefah­ren sind. Immer öfter sagen sie, wie gut es nicht sei, ein­fach so aus der täg­li­chen Rou­ti­ne aus­zu­bre­chen und weit weg zu gehen, um dort ein neu­es Leben zu begin­nen, neue Erfah­run­gen zu sam­meln. Das sei eine über­aus wich­ti­ge und unge­wöhn­li­che Erfah­rung. Ich ant­wor­te, dass die Erfah­rung tat­säch­lich inter­es­sant sei, und bald wären es viel­leicht nicht nur die Ukrai­ner, die sie machen müss­ten, das lie­ge abso­lut im Bereich des Mög­li­chen. Dar­auf­hin besin­nen sich die Bekann­ten und auch die Frem­den plötz­lich, ent­schul­di­gen sich für die Unan­ge­bracht­heit ihrer Wor­te und wech­seln zu einem neu­tra­len The­ma. Eigent­lich müs­sen sie sich nicht ent­schul­di­gen, sie sind nicht schuld an den aktu­el­len Ereig­nis­sen, sie füh­ren ihr nor­ma­les Leben wei­ter, sehen dar­in nur Nega­ti­ves und lei­di­ge Rou­ti­nen, sie haben Schwie­rig­kei­ten zu ver­ste­hen, dass jemand in die­sem Augen­blick von so einem unbe­frie­di­gen­den, gewöhn­li­chen Leben träumt, voll von Rou­ti­nen und ohne täg­li­chen Hero­is­mus. Ein Leben, das eine Zukunft hat. Zumin­dest soll­te es, den Geset­zen der Logik fol­gend, eine haben. Auch wir hat­ten irgend­wann so ein Leben. Aber es ist plötz­lich zu Ende gegan­gen, ist in der Nacht abge­ris­sen, und jetzt denkt nie­mand mehr an die Zukunft, macht nie­mand mehr weit­rei­chen­de Plä­ne. Der Pla­nungs­ho­ri­zont hat sich einer­seits fürch­ter­lich ein­ge­engt: den Tag über­le­ben, bis zum Ende des Jah­res kom­men. Ande­rer­seits hat er sich ins Unbe­stimm­te erwei­tert: das Ende des Krie­ges erle­ben, Plä­ne für die Zeit nach dem Krieg machen. Beson­ders schmerz­haft ist das im Kon­text von Fami­li­en, die durch den Krieg aus­ein­an­der­ge­ris­sen wur­den.

„Nach dem Krieg gehen wir zusam­men essen“, sagt mein Mann von Zeit zu Zeit zu mir, und es klingt so, als sei es greif­bar, als müss­ten wir nur einen Tisch reser­vie­ren und schon sei es so weit. Aber es fühlt sich so an, als wür­de es nie statt­fin­den.

Mein Mann kämpft an der ech­ten Front. Mei­ne Kin­der und ich kämp­fen hier, an der ideo­lo­gi­schen, kul­tu­rel­len und Infor­ma­ti­ons­front.

Mein Mann kämpft an der ech­ten Front. Mei­ne Kin­der und ich kämp­fen hier, an der ideo­lo­gi­schen, kul­tu­rel­len und Infor­ma­ti­ons­front. Natür­lich müs­sen wir längst nicht mit allen kämp­fen. Meis­tens haben wir das Glück, es mit Gleich­ge­sinn­ten zu tun zu haben, mit Men­schen, denen die­ser Krieg nicht egal ist, die bereit sind zu hel­fen, die bereits gehol­fen haben und es wei­ter­hin tun. Aber oft haben wir auch mit Leu­ten zu tun, die eine schwie­ri­ge Bezie­hung zur Rea­li­tät haben und von einem magi­schen Den­ken gelenkt wer­den.

Gute und böse Rus­sen

Das magi­sche Den­ken zwingt die­se Leu­te häu­fig zu glau­ben, dass es nicht not­wen­dig sei, Waf­fen an die Ukrai­ne zu lie­fern, denn Waf­fen bräch­ten Krieg. Gibt es kei­ne Waf­fen, kommt Frie­den. „Kei­ne Mut­ter soll ihre Söh­ne bewei­nen müs­sen!“, wie­der­ho­len sol­che Leu­te beharr­lich und ver­geb­lich ver­sucht man ihnen zu erklä­ren, dass die Abwe­sen­heit von Waf­fen dazu füh­ren wür­de, dass noch mehr Müt­ter ihre Söh­ne bewei­nen müss­ten. Die­se Men­schen sind nor­ma­ler­wei­se davon über­zeugt, dass der Krieg umge­hend been­det wer­den muss, aber auf die Fra­ge, wie das zu bewerk­stel­li­gen sei, zucken sie nur mit den Schul­tern und mei­nen, man müs­se ver­han­deln. Man­che wer­den sogar kon­kret: „Wenn die Ver­hand­lun­gen zu kei­nem Ergeb­nis füh­ren, müsst ihr eben alle ster­ben.“

1930 wur­den in der Ukrai­ne 259 ukrai­ni­sche Schrift­stel­ler ver­legt, 1938 waren es nur mehr 36. Der Rest war depor­tiert, erschos­sen oder zu lan­gen Haft­stra­fen ver­ur­teilt wor­den.

Aber am schwie­rigs­ten ist es, mit denen zu spre­chen, die weni­ger die Waf­fen oder Frie­dens­ver­hand­lun­gen beschäf­ti­gen, son­dern viel­mehr der Wunsch, die bösen von den guten Rus­sen unter­schei­den zu ler­nen. Gegen ers­te­re müs­sen ihrer Mei­nung nach zwei­fels­oh­ne Sank­tio­nen ver­hängt wer­den, damit sie auf­hö­ren, den Krieg und die Dik­ta­tur zu unter­stüt­zen. Zwei­te­re, die gegen den Krieg in der Ukrai­ne und gegen Putin sind, muss man zu ver­schie­de­nen kul­tu­rel­len und Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tun­gen in Euro­pa ein­la­den, um mit ihnen Dia­lo­ge zu füh­ren und sich mit ihnen über die Zukunft zu bera­ten. Sol­che Men­schen haben zusätz­lich zu ihrem magi­schen Den­ken eine post­to­ta­li­tä­re Welt­sicht. Für sie ist die Ukrai­ne wei­ter­hin ein Teil des Rus­si­schen Impe­ri­ums, wie vor der Sowjet­zeit, oder aber ein Teil der UdSSR, auch wenn seit deren Zer­fall bereits meh­re­re Jahr­zehn­te ver­gan­gen sind.

Sol­che Men­schen befin­den sich bei jeder Lesung oder Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung hier in Deutsch­land im Publi­kum. Zuerst nicken sie höf­lich, wäh­rend sie den Erzäh­lun­gen über die Schre­cken des Krie­ges lau­schen, und dann