Weltlagen 1–10

Von Ger­hard Ruiss. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 105
Gerhard Ruiss © Chris Haderer

Ger­hard Ruiss. Foto: Chris Hade­rer


alm­le­ben bei regen

stell dich nicht den shut­tle­bus­sen in den weg
es kom­men kei­ne

komm nicht den kühen in die que­re
sie gehen nicht zur sei­te

mit dem vieh im stall brüll nicht mit
was du kriegst

mit den fischen aus dem was­ser
schnapp nicht nach dem regen

in der luft, die trüb wie der bach eine brü­he
und es bei­ßend kalt ist heu­te

und rie­sel­re­gen­re­gel­mä­ßig
lei­se.

 

sich­stre­cken

da gibt es die
die sind ver­bis­sen
und die
die alles müs­sen
und die
gleich zum ver­ges­sen
und die
die alles möch­ten
aber das erst
gar nicht wis­sen.

Leih­ge­dicht aus „Kanz­ler­res­te. Das Kanz­ler­neu­es­te. Kanz­ler­ge­dich­te 3. 2018 – 2023“, Edi­ti­on Ara­mo, Wien, Erschei­nungs­ter­min 2. März 2023

 

haus­mu­sik

bei der nach­ba­rin gleich ober­halb
spielt es für eli­se
beim nach­barn gleich dar­un­ter
spielt es für eli­se
bei den nach­bars­kin­dern links und rechts von neben­an
spielt es für eli­se
ein blü­ten­wei­ßer schim­mel schwebt her­an
ver­eh­rer pres­sen sich wie flü­gel­leim und ver­eh­re­rin­nen fres­sen flü­gel­bei­ne an
die kin­der der für-eli­se-eltern drü­cken sich die fin­ger gram
von vor­ne an und noch ein­mal von vor­ne an
für ihr gan­zes spä­te­res wei­te­res leben
was sie ein­mal haben wer­den
davon dann.

 

macht der som­mer platz

ende august haben brief­be­schwe­rer immer zeit
erholt vom fens­ter­flü­gel­schla­gen, ganz egal
was offen bleibt
wenn die ansichts­kar­ten kom­men
von strah­lend blau bis tages­an­bruchs­ne­be­lig
und es bleibt wei­ter heiß
aus den kel­lern riecht es nicht mehr muf­fig
in den brief­käs­ten herrscht hoch­be­trieb
in denen kei­ner nach­sieht
von wo die urlaubs­grü­ße sind
und ob viel­leicht noch jemand brie­fe schreibt
und den einen, auf den man war­tet
der dort liegt
ver­geb­lich.

 

ein will, ein still, vor müll, gewühl

das will wird still
ziel lässt sich kei­nes fin­den
von unten an und wei­ter hin­ten
gesucht im wühl­ge­brüll
vor voll, vor fühl, per fall, für viel
wer will, der kann
wer kann, ist dran
tief drin im müll
vor scham
noch tie­fer sin­ken
zurück zum neu­be­ginn
vor dem ver­schwin­den.

Dem Export­schla­ger Müll.

 

por­trait­ma­le­rei

sehen alle aus
wie comix-figu­ren
fällt kei­nem auf
mit näh­ten wie bei zusam­men­stö­ßen
von alten fisch­grät­parket­ten
unter dem tri­kot frei her­aus
bis zur brust hin­auf
wölbt sich der bauch
von nichts zurück­ge­drückt
und zuge­deckt
abstands­los
zum schritt
die kari­ka­tu­ris­ten wan­dern
in die letz­ten rück­zugs­ge­bie­te
zum neu­be­ginn
mit den dort ein­hei­mi­schen aus.

 

mir scheint, wer lacht?
kin­der­lied 2019

die son­ne lacht
der mond ver­schwin­det auf ver­dacht
falsch auf­ge­gan­gen
falsch ver­blasst
kehrt er wie­der:
wer als letz­ter lacht

die son­ne ver­schwin­det auf ver­dacht
sie denkt sich, sie hat
das wich­tigs­te ver­passt
alles leuch­tet, raucht, blitzt, strahlt
aus­ge­las­sen, haus­ge­macht

der mond, der lacht
die son­ne lacht
zur fal­schen zeit, am fal­schen platz
es wird nicht mehr tag
und wird nicht mehr nacht
und im tie­fen kel­ler
viel tie­fer noch
im koh­len­schacht
die koh­len
aus ihrem aller­tiefs­ten koh­len­schlaf
sind vom mond- und son­nen­la­chen
zutiefst erschro­cken auf­ge­wacht

und in der küche die tel­ler
haben, als gäbe es ein beben
der rich­ter­ska­last­är­ke sie­ben
oder acht
den aller­ärgs­ten krach gemacht.

Leih­ge­dicht aus „Zweit­ver­sio­nen“, unver­öf­fent­licht. Nach Gün­ter Grass: Kin­der­lied 1960

 

schwer zer­ris­se­ner

mit mei­nem ener­gie­über­schuss
wo gehe ich hin?
zwi­schen hoch­ge­zo­ge­nen augen­brau­en
und hin­un­ter­fal­len­dem kinn
in mei­nem ener­gie­zu­sam­men­schluss
von was soll man da machen
bis ganz schön schlimm
mit mei­nem ener­gie­ver­samm­lungs­be­schluss
wie ich mich auf­ge­rafft habe
und dann doch nicht dazu­ge­kom­men bin.

 

bringt zum ver­schwin­den

wer sei­nen platz in der welt hat,
der rauch­schwa­de, der dunst­glo­cke, der geruchs­spur

was sei­nen platz in der welt hat
der sprech­bla­se, der duft­wol­ke, der schnaps­fah­ne

was kei­nen platz in der welt hat,
der anla­ge, der nach­fra­ge, der top­la­ge

wer kei­nen platz in der welt hat
der nobel­mar­ke, der tief­ga­ra­ge, der direk­ti­ons­eta­ge

wer sei­nen platz in der welt hat
der land­pla­ge, der sauf­ge­la­ge, der kom­men­den tage.

 

zur erhö­hung des erleb­nis­wer­tes

ich dreh­te das was­ser auf
und ließ es flie­ßen
ich dreh­te den herd auf
und ließ es sie­den
ich zog die spü­lung
und ließ es rau­schen
ich dreh­te zu dar­auf
alles kam zum erlie­gen.

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Ger­hard Ruiss, *1951 in Ziersdorf/Niederösterreich, Autor, Musi­ker, Geschäfts­füh­rer der IG Autorin­nen Autoren. Ver­öf­fent­li­chun­gen u.a.: Drei­bän­di­ge Gesamt­aus­ga­be der Lie­der Oswalds von Wol­ken­stein in Nach­dich­tun­gen, Folio 2007–2011, Blech. Gedich­te, Edi­ti­on Art Sci­ence 2020, lie­ber, liebs­te, lie­bes, liebs­tes. andich­tun­gen, Lite­ra­ture­di­ti­on NÖ 2021, Kanz­ler­res­te. Das Kanz­ler­neu­es­te. Kanz­ler­ge­dich­te 3, Edi­ti­on Ara­mo 2023. Aus­zeich­nun­gen: Berufs­ti­tel Pro­fes­sor 2012, Wür­di­gungs­preis des Lan­des NÖ für Lite­ra­tur 2016, H. C. Art­mann­preis für Lyrik 2020.

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Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 17. Febru­ar 2023

Zuletzt geän­dert: 17. Feb. 2023