Mirjam Wittig: „An der Grasnarbe“

Eine Bespre­chung von Kuma­ri Ham­mer Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Online-Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Kaum zwei Mona­te nach dem Ein­marsch rus­si­scher Trup­pen in die Ukrai­ne stand der oben abge­bil­de­te Wagon des öster­rei­chi­schen Heers am Gar­mi­scher Bahn­hof. Nie­mand hat sich dar­an gesto­ßen. An die­ses Gesicht der Zei­ten­wen­de haben wir uns gewöhnt, noch bevor es Gewohn­heit gewor­den ist, und Mir­jam Wit­tigs Roman An der Gras­nar­be könn­te einer der frü­hen Kol­la­te­ral­schä­den sein.

Die ehe­ma­li­ge Zukunft: „Es kommt einem vor wie zu lan­ge her“

Unser Heu­te ver­langt uns Posi­tio­nie­rung ab, Aus­stei­gen war ges­tern. Es geht um Bekennt­nis­se, die zu leis­ten sind, um Treue­schwü­re und Auf­stel­lung. Die gan­ze Käl­te kriecht zurück: Du musst wis­sen, wo du hin­ge­hörst, sonst geh doch. Ja, blaff­ten wir zurück, damals – eines Tages wer­den wir gehen.

Noa, die Restau­ra­to­rin, geht. In der Stadt, in der die Prot­ago­nis­tin des Buchs und ihr Umfeld sich mit Restau­ra­ti­on beschäf­ti­gen, spielt sich die Gegen­wart ab, und sie ist außer Kon­trol­le gera­ten. Der Tod ist sicht­bar gewor­den und es sind nicht mehr nur die Geflüch­te­ten, die das Leid bezeu­gen kön­nen. Hel­den­rei­sen­mä­ßig bricht Noa auf und ver­sucht es mit der ande­ren Chif­fre, dem Land­le­ben, von der Autorin mit viel Lie­be zu Irri­ta­ti­on, zu Para­do­xa und Brü­chen im Text bebil­dert.

Schnell zei­gen sich zwei mög­li­che Ent­wick­lungs­we­ge: Die Bezie­hung zu dem unver­dor­be­nen Kind Jade, die sys­tem­im­ma­nen­te Lösung gewis­ser­ma­ßen – und der dar­über hin­aus­wei­sen­de Zug der Scha­fe auf die Berg­wei­den, die Trans­hu­mance, die ger­ne dop­pel­deu­tig falsch ver­stan­den wer­den darf: Über den Boden hin­aus, und über das Huma­ne, ohne dass hier schon geklärt wäre, was damit gemeint sei. Über Jade erfah­ren wir sogleich, dass es um sie „scha­de“ ist, und dass wei­ters „mit fünf­zig Tie­ren auf der Land­stra­ße zu gehen“, Noa „unlo­gisch“ vor­kommt, „wie zu lan­ge her“. Die Zukunft wird hier wohl eher nicht lie­gen, wäh­rend die Trans­hu­mance enig­ma­tisch bleibt.

Mit den Mona­ten auf dem Hof gewöhnt sie sich ein, und, klar: Die­ser Aus­stieg ändert nichts. Die poli­ti­schen Gesprä­che der Prot­ago­nis­ten könn­ten aus 1970er-Jah­re-Fil­men stam­men, und die vor­ge­stell­ten Lebens­ent­wür­fe von Stadt und Land sind zwei Sei­ten der­sel­ben Medail­le und ledig­lich eine Fra­ge per­sön­li­cher Prä­fe­ren­zen. Noas Initia­ti­on, ein mys­ti­sches Erleb­nis, mar­kiert das Zen­trum, bei der sie die Arbeits­ho­se, (Meta­pher für die Selbst­ent­frem­dung auch der ande­ren Frau­en: Ella, Anja, Mer­le, …), end­lich abstreift und in einem Orgas­mus eins wird mit der umge­ben­den Natur.

Para­do­xa – Noa wird die Rea­li­tät nicht durch ihr Beob­ach­ten ver­hin­dern – pro­vo­zie­ren Ein­sicht: Sie über­nimmt die Zustän­dig­keit für eige­ne Unzu­läng­lich­keit: „Es ist mein Feh­ler, dass ihr nicht für euch steht“. Wie alle unse­re Instru­men­te ver­sagt die Spra­che, wenn es eng wird, hier bre­chen Ana­ko­luthe Gefäl­lig­keit, schaf­fen Gestimmt­heit, las­sen Bedro­hung und Irri­ta­tio­nen sicht­bar wer­den. Sofern sie wie die Weg­mar­ken vom Alpen­ver­ein im Text auf­tau­chen, erwei­sen sie der Sache einen schlech­ten Dienst. Auch die unauf­merk­sams­ten Lesen­den wis­sen nach „Augen, die der­art grün auf­fie­len“, wor­um es ab jetzt zu gehen hat.

Beein­dru­ckend gelun­gen wie­der­um ist die Umset­zung der Panik­at­ta­cken, wenn anfangs nur stot­ternd die Wör­ter aus­blei­ben, gegen Ende jedoch im Stac­ca­to des letz­ten Anfalls ein ful­mi­nan­ter rhyth­mi­scher Höhe­punkt erreicht wird, fast schon im Fünf­ach­tel-Takt:

Wenn ich wirk­lich die Letz­te,
wenn das Was­ser längst
über alles gestie­gen war,
mea cul­pa vor die Stirn,
aus,
vor die Brust,
ich spür­te die Hän­de nicht,
wenn da nichts mehr blieb,
mei­ne Füße im Strom,
ein,
lang­sam,
das Fla­ckern griff über,
die Taub­heit kam auch hier,
der Tun­nel lich­te­te,
da unten wür­de die Wei­de,
der Tal­weg sich,
da wür­de eine Öff­nung,
da –
ich konn­te mich set­zen.
Ich fühl­te den Stein unter mir,
der Stein war fest, und ich atme­te aus,
press­te,
die Lun­ge,
den gan­zen Atem,
aus­at­men.

Nun end­lich kann es in Befrei­ung mün­den: „Dar­über wur­de mein Schluch­zen … ein frem­des Geräusch“.

Noa ist also gereift. Sie wird die Gren­ze über­schrei­ten, die Trans­hu­mance gehen. Dafür muss man zuge­las­sen sein und eige­ne Scha­fe zu besit­zen, wäre die Ein­tritts­kar­te, doch sie erhält eine Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung. Nach dem Abschied von Jade macht sie sich auf den Weg. Das ist end­gül­tig. So wie sie aus­ein­an­der­ge­hen, wer­den sie nicht mehr zusam­men­kom­men.

Wir gehen, weil wir gehen.

Zu den Alm­wei­den, über die Gras­nar­be, über das Men­scheln­de hin­aus. Ein Schaf schließt zu ihr auf und weist den Weg, was trö­delst du denn, geh mal wei­ter.

Wir Heu­ti­gen haben die bes­te Epo­che der geschrie­be­nen Mensch­heits­ge­schich­te gese­hen – aber wir sind Genie­ßer, kei­ne Bewah­rer. In ande­ren Zei­ten wäre Wit­tigs medi­ta­ti­ve Hel­den­rei­se gut dafür gewe­sen, eine (wei­ße Mit­tel­schichts-) Migra­ti­ons­be­we­gung aus­zu­lö­sen, hin zu süd­eu­ro­päi­schen Ein­öd­hö­fen: Lasst uns gehen, ins ein­fa­che Leben, in eine neue Inner­lich­keit, zu Tie­fe und Lang­sam­keit … Jetzt aber ste­hen Mili­tär­wa­gons in den Bahn­hö­fen und der Krieg ver­stellt den Blick auf den Kampf, der uns eigent­lich umtrei­ben soll­te – den Kampf gegen die Abwick­lung des Pla­ne­ten.

Wir sind längst dabei, unser Gepäck zu sor­tie­ren. An der Gras­nar­be, der Roman mit all sei­nen Fund­stel­len, magi­schen und weni­ger geglück­ten, gehört zu den Din­gen, die ich zurück­las­sen wer­de, weil sie hin­ter uns lie­gen. Er wird sich ver­lie­ren im Nir­va­na der über­se­he­nen Bücher – Aus­stei­gen ist gera­de nicht mehr so wich­tig.

Wir gehen. Wir mar­schie­ren. Und ober­halb der Gras­nar­be kön­nen nur drei über­win­tern.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023