Die Revolution zu Fuß gehen

Mir­jam Wit­tigs Roman An der Gras­nar­be. Von Rebec­ca Hein­rich Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Online-Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

„Ein­fa­cher wer­den. Zurück zu den Anfän­gen. Wie­der mit­ein­an­der leben und mit der Umge­bung, soll hei­ßen mit der Natur.“ – Ja, wie wol­len wir leben? Die­se exis­ten­zi­el­le Fra­ge wur­de bereits zu allen Zei­ten der Lite­ra­tur­ge­schich­te gestellt. Geprägt durch die Erfah­run­gen der Kli­ma­ka­ta­stro­phe, der Ter­ror­an­schlä­ge und der Kriegs­be­dro­hung stellt sie die Absol­ven­tin des Stu­di­ums für Lite­ra­ri­sches Schrei­ben an der Uni­ver­si­tät Hil­des­heim Mir­jam Wit­tig in ihrem Debüt­ro­man An der Gras­nar­be (Suhr­kamp, 2022) neu und spürt dem Poli­ti­schen im Pri­va­ten nach. Es ist die „Hoff­nung auf eine ande­re Lebens­form oder die­ses Eigent­li­che“, nach dem Wit­tigs Figu­ren suchen – und es im bes­ten Sin­ne nicht fin­den.

„Wenn du nicht an Revo­lu­ti­on glaubst: Ent­zieh dich.“ Das ist das Cre­do des Aus­stei­ger-Bau­ern Gre­gor, der sei­nen Uni­ver­si­täts­job gekün­digt hat, um mit sei­ner Frau Ella und der gemein­sa­men Toch­ter Jade einen Hof in Süd­frank­reich zu kau­fen. Die deut­sche Fami­lie ist eine „Ver­sehr­ten­an­stalt“, die Hel­fer und Hel­fe­rin­nen für die fast nicht zu bewäl­ti­gen­de Arbeit mit den Tie­ren und der Ern­te gegen Kost, Logis und vor allem dem Aus­blick auf ein gänz­lich ande­res Leben als in Deutsch­land auf­nimmt. So eine Ver­sehr­te ist auch die unter Angst­stö­rung lei­den­de Restau­ra­teu­rin Noa. Und ihre Panik­at­ta­cken haben es in sich. Gekonnt setzt Wit­tig Noas Anfäl­le for­mal mit­tels brü­chi­ger Para­ta­xe, abrei­ßen­den Gedan­ken­fet­zen und flir­ren­den Satz­frag­men­ten um, die sti­lis­tisch prä­zi­se die Ohn­machts­er­fah­run­gen nach­zeich­nen. Die erzähl­te Zeit fliegt der Lese­rin nur so um die Ohren, wenn sie gedacht hat, sich in den aus­ge­dehn­ten Natur­schil­de­run­gen ent­span­nen zu kön­nen. Trig­ger für Noas Panik­at­ta­cken sind Men­schen, die den medi­al ver­brei­te­ten Bil­dern von isla­mis­ti­schen Ter­ro­ris­ten ent­spre­chen; sei es der dun­kel­häu­ti­ge Frem­de in der U‑Bahn oder der freund­li­che Nach­bars­bau­er Karim vom Wochen­markt. Ohne mora­li­sie­ren­den Unter­ton, schlicht die all­täg­li­chen Wur­zeln der Frem­den­feind­lich­keit aus­gra­bend, ver­han­delt Wit­tig das The­ma Ras­sis­mus: „Und dass ich ras­sis­ti­sche Gedan­ken nicht unge­sche­hen mache, indem ich sie selbst schei­ße fin­de, weiß ich auch so.“

Eine Schä­fer­idyl­le ist die­ses Buch also so gar nicht, und das merkt man schon auf den ers­ten Sei­ten, wenn alle auf­ge­bau­ten Erwar­tun­gen – Som­mer­ur­laub in Süd­frank­reich, schläf­ri­ges Scha­fe­hü­ten, und nicht zuletzt der vor­an­ge­stell­te Hir­ten­ge­sang Ver­gils von der Befrei­ung der Natur – kon­se­quent durch­kreuzt wer­den. Das macht das Buch bedrü­ckend und zugleich ein­drück­lich, zumal hin­ter der ersehn­ten Ganz­heit immer auch das Kipp­mo­ment in die Kata­stro­phe her­vor­scheint. Da sind die aus­ge­dehn­ten Wan­de­run­gen Noas, die an posi­ti­ve Ein­sam­keits­er­fah­run­gen à la Cas­par David Fried­rich erin­nern und nicht ohne Grund eine ero­ti­sche Ver­ei­ni­gung mit der Natur beinhal­ten. Da sind aber auch die vie­len Nar­ben, die Schram­men, die Ker­ben, die Ver­let­zun­gen im Gras: Befreit wird hier nichts, denn die­se Revo­lu­ti­on ist dia­lek­tisch. Jedes neue Leben – Fau­na und Flo­ra – wird wie­der­um unter­wor­fen: Böcke wer­den aus­sor­tiert, Läm­mer röchelnd gegen Stä­be gedrückt, Scha­fe sprin­gen ein­an­der in Panik auf den Rücken, sie zie­hen eine Schleif­spur über den Boden, wenn sie getrennt wer­den; Geflech­te wer­den zer­schnit­ten, wer­den aus­ge­ho­ben, aber das ist eben nötig. Wit­tig zeigt nicht Gut noch Böse, nicht Moral noch Ver­pflich­tung, sie zeigt schlicht dar­auf, sie deu­tet hin – und macht der Lese­rin damit das rich­ti­ge Leben im Fal­schen bewusst. Und Noa wird klar, dass sie Sisy­phos gleicht: In Zeit­raf­fun­gen wird mehr und mehr klar, dass die Ent­zo­ge­nen gegen das über­mäch­ti­ge Erbe ihrer Vor­fah­ren ankämp­fen: „Wir schaf­fen das alles ein­fach nicht, wie soll das gehen?“, fragt sie sich.

Genau in sol­chen Sät­zen liegt das seis­mo­gra­phi­sche Poten­zi­al des Romans: Wit­tig stellt die Fra­gen, die weh tun, die man ver­drängt, die man lie­ber mit sich allein aus­macht. Dage­gen steht Wit­tigs Roman ein, es ist näm­lich ein Buch, das Ein­sam­keit poli­ti­siert, das Mit­ein­an­der stark macht. Wie es ist, mit einer alt zu wer­den, das lernt Noa dann auch bei zwei Bäue­rin­nen ken­nen. Doch dafür muss sie sich selbst über­win­den, heißt: Man muss die Zukunft ermög­li­chen. Wenn sie sich dazu ent­schließt, die trans­hu­mance mit einer Schaf­her­de zu gehen, dann schim­mert die Per­spek­ti­ve auf Erlö­sung zart durch. Für eine Auf­lö­sung geht es Wit­tig aber zu sehr um ums, um die Lese­rin. Und dar­in zeigt sich dann doch die Ver­wandt­schaft mit Ver­gil, des­sen Dop­pel­stim­mig­keit Wit­tigs Roman gekonnt umsetzt: Panegy­ri­sche Rede über das sich Ent­zie­hen in der Natur wird von Noas trau­ernd-mit­füh­len­der Stim­me beglei­tet. Es sind die­se unauf­ge­lös­ten Span­nun­gen durch die Per­spek­ti­ve der Haupt­fi­gur, wel­che die Lese­rin vor die Auf­ga­be stel­len, sich mit der Dia­lek­tik mensch­li­cher Herr­schaft über die Natur zu beschäf­ti­gen. Ob die Men­schen wie­der in die Natur ein­ge­hen kön­nen, das wird sich zei­gen, wenn wir uns mit drän­gen­den Fra­gen kon­fron­tie­ren. Des­halb müs­sen wir die­sen Roman lesen – und sei­ne Fra­gen aus­hal­ten kön­nen.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023