Mirjam Wittig: „An der Grasnarbe“

Von Ursu­la Engel Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Online-Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

„An der Gras­nar­be“ ist ein Roman über ein Zurück zur Natur, nicht gera­de ein sel­te­nes The­ma in der deut­schen Lite­ra­tur, aber ange­sichts der Kli­ma­kri­se erneut von hohem Inter­es­se. Noa, die Prot­ago­nis­tin des Romans, lei­det in der Groß­stadt unter Angst­at­ta­cken, aus­ge­löst meis­tens durch jede Begeg­nung mit jun­gen, dun­kel­haa­ri­gen Män­nern, die die Fan­ta­sie eines Anschlags her­vor­ru­fen. Weil sie sich des­we­gen selbst des Ras­sis­mus beschul­digt, wer­den auch noch Schuld­ge­füh­le her­vor­ge­ru­fen. Wit­tig zeigt die ver­stö­ren­de Panik durch Ver­wen­dung einer ver­wir­ren­den Syn­tak­tik, indem Sät­ze abge­bro­chen und als Halb­sät­ze anein­an­der­ge­reiht wer­den. Über die psy­chi­schen Dimen­sio­nen und bio­gra­phi­schen Zusam­men­hän­ge wird nichts Aus­führ­li­ches erzählt. Eine fade Erklä­rung in all­tags­sprach­li­cher Platt­heit ist alles, was man dar­über erfährt: „Ich habe eine Zeit lang die Stadt nicht gut aus­ge­hal­ten.“

Zur Bes­se­rung ihres Zustan­des zieht sich Noa auf einen Bau­ern­hof in Süd­frank­reich zurück, eine „Ver­sehr­ten­stel­le“. Dort leben die Öko-Aus­stei­ger Ella und Gre­gor mit ihrer elf­jäh­ri­gen Toch­ter Jade. Sie ernäh­ren sich von Schaf­zucht und Gemü­se­an­bau. Der Roman besteht in der detail­rei­chen, ruhi­gen und brei­ten Beschrei­bung des Land­le­bens, die Scha­fe und das Gemü­se wer­den gründ­lich beschrie­ben, weni­ger die Men­schen und ihre Bezie­hun­gen. Der Kon­takt zu der halb­wüch­si­gen Jade wird leben­dig geschil­dert, aber ihre Unsi­cher­heit und even­tu­el­le Pro­ble­ma­tik wird nicht aus­ge­führt. Noa – und mit ihr der Leser – lernt viel über die Auf­zucht, das Ster­ben und Schlach­ten der Scha­fe, auch über das Zie­hen von Pflan­zen, das Ein­ko­chen von Gemü­se und erkennt auch die Bedro­hun­gen durch die Kli­ma­ka­ta­stro­phe. Das alles wird ein­fühl­sam und in atmo­sphä­ri­scher Dich­te beschrie­ben, was durch­aus Neu­gier her­vor­ru­fen kann, eine Span­nung durch Hand­lung ent­wi­ckelt sich eher nicht.

Nach einer Zeit der bäu­er­li­chen Arbeit ist Noa zwar befreit von ihren Panik­at­ta­cken, sie erkennt aber, dass das Land­le­ben sie kei­nes­wegs vom Stress befreit: Es gibt Schwie­rig­kei­ten, genü­gend Wei­de für die Scha­fe zu fin­den, das Gemü­se auf den ver­trock­ne­ten Fel­dern zu pflan­zen. Ella hat einen Auto-Unfall, was sie zu der para­no­iden Vor­stel­lung bringt, die Nach­ba­rin habe das Auto mani­pu­liert. Die Knapp­heit des Fluss­was­sers, die sich mit Über­schwem­mun­gen abwech­selt, macht die Kli­ma­ka­ta­stro­phe deut­lich. Es gibt kein Ent­kom­men. Aller­dings tau­chen kli­ma­po­li­ti­sche Fra­gen und Kon­tro­ver­sen nicht auf.

Trotz­dem endet der Roman mit so etwas wie einem Hoff­nungs­schim­mer, oder viel­leicht bes­ser einem „Trotz alle­dem!“: Noa ent­schei­det sich, an der „Trans­hu­mance“ teil­zu­neh­men, am Alm­auf­trieb mit den Scha­fen. Es ist unklar, war­um dafür der fran­zö­si­sche Ori­gi­nal­aus­druck gebraucht wird, den wahr­schein­lich die wenigs­ten Leser ohne Wei­te­res ken­nen. So bleibt auch die Fra­ge nach dem Sinn des Ver­gil-Mot­tos für den Roman. Auf wel­che Elo­ge bezieht es sich eigent­lich? Um wel­chen Fre­vel geht es da? Soll mit dem Zitat eine Par­al­le­li­tät von Acker­bau und Panik­at­ta­cke ange­deu­tet wer­den?

Eine der­art geruh­sa­me Beschrei­bung von Natur mag Leser gera­de ange­sichts der Natur­ka­ta­stro­phe fes­seln. Sie stellt ihn aber nicht zufrie­den, wenn er über deren Ver­ar­bei­tung nach­den­ken will oder eine span­nen­de Hand­lung erhofft.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023