Mirjam Wittigs Debütroman „An der Grasnarbe“

Von Kat­rin Diehl Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Online-Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Hat Lite­ra­tur auf­re­gen­der zu sein als das Leben? Und was bedeu­tet das: an einem Text „dran­zu­blei­ben“, auch wenn sich in dem nicht so viel tut? Ver­pas­sen wir da was im Leben, im Text? Geht es dar­um zu zei­gen, dass da sehr wohl etwas pas­siert, dass eigent­lich immer etwas pas­siert, ob im Leben oder im Text, dass wir uns als kon­sum- wie kapi­ta­lis­mus­ge­schä­dig­te Wesen für Mini­ma­lis­men aber längst und weit­ge­hend ent­sen­si­bi­li­siert haben, dass wir über klei­ne, wich­ti­ge Zei­chen nur noch stol­pern, sie aber nicht mehr deu­ten?

Sol­che Fra­gen sind ja immer bei­des: zu groß und zu klein. Vor allem schwer ein­schätz­bar in ihrer Kon­se­quenz. Und so ähn­lich geht es einem auch mit Mir­jam Wit­tigs Roman An der Gras­nar­be. Er hat etwas schwer Fass­ba­res. Auch etwas Unent­schie­de­nes, von dem man sich nicht sicher ist, ob es zum (lite­ra­risch inten­dier­ten) Pro­gramm gehört. Und so dreht man sich im Kreis, und das will man nicht. Aller­dings: Beim ste­ti­gen Krei­sen lässt sich natür­lich auch ent­de­cken, auf­spü­ren, einem gedul­di­gen Greif­vo­gel gleich, der sich dann plötz­lich her­ab­stürzt auf etwas, von dem wir aus­ge­hen, dass es exis­tiert.

Noa hat die gro­ße Stadt ver­las­sen in der Hoff­nung, damit ihre Angst­at­ta­cken (haben die einen rea­len Hin­ter­grund?) in den Griff zu bekom­men. Sie quält sich phan­ta­sie­rend: „Ich muss­te die Bewe­gung ihrer Köp­fe zwi­schen den Tan­zen­den fixie­ren, wie gegen mei­nen Wil­len, als könn­te ich etwas ver­hin­dern, indem ich es sah.“

Noa geht aufs Land, nach Süd­frank­reich, dort­hin, wo es ein paar Men­schen, viel mehr Scha­fe, zu fli­cken­de Zäu­ne, zu tief­hän­gen­de, feuch­te Wol­ken und vor allem for­dern­de, wider­spens­ti­ge Natur gibt. Hier lebt sie mit Ella, Gre­gor und deren halb­wüch­si­ger Toch­ter Jade zusam­men, ist eine hel­fen­de Kraft und bald Teil einer fein auf­ein­an­der wir­ken­den Per­so­nen­kon­stel­la­ti­on, ein wenig und zuneh­mend auch Teil der dor­ti­gen Hügel­welt („…, weil ich vom Hüten inzwi­schen die Far­ben der Gins­ter­bü­sche ange­nom­men hat­te.“).

Was pas­siert, pas­siert in Noas Kopf, fin­det Ent­spre­chun­gen in der Natur, im Für und Wider sie. Manch­mal tau­chen Men­schen auf mit Namen, gehen wie­der und immer knis­tert etwas zwi­schen ihnen. Brei­ter ange­legt ist die Bezie­hung zwi­schen Noa und Jade, Freun­din­nen auf Abstand, was sich durch den Alters­un­ter­schied erklä­ren lässt. Scha­fe müs­sen ver­sorgt, getö­tet, gebo­ren, geführt, dem Wet­ter und der Über­le­gen­heit der Wild­nis muss stand­ge­hal­ten wer­den. Am Ende legt sich Noa eine nächs­te Her­aus­for­de­rung auf, ent­fernt sich noch ein­mal mehr von dort, woher sie gekom­men ist (und von wo sich immer mal wie­der Namen über Tele­fon, Text­nach­rich­ten… nach ihr erkun­di­gen). Sie geht noch wei­ter weg, mit noch mehr Scha­fen, ganz auf sich gestellt und in Erwar­tung.

Schon nach ein paar Sei­ten hat man sich ein­ge­hört in Wit­tigs Text, in die die Nicht­er­eig­nis­se beglei­ten­de Ich-Stim­me, schwingt mit den leicht wogen­den Sät­zen, folgt den vage ana­ly­sie­ren­den Schil­de­run­gen aus einer nahen, sich sehr gegen­wär­tig anfüh­len­den Ver­gan­gen­heit, tut dies zunächst noch mit eini­ger Erwar­tung, bis man nur noch folgt, ohne Erwar­tung und auf sich zurück­ge­wor­fen, auch weil ein nächs­ter, ver­än­der­ter Zustand der Ich-Spre­che­rin weder im Raum noch zur Debat­te steht. Und sie unter­liegt ja auch kei­nen nächs­ten Ter­mi­nen, Ver­pflich­tun­gen…, zir­ku­liert um den zen­tra­len Satz „Alles ist bereits durch­ein­an­der“. Die Zeit scheint zau­ber­ber­gisch und wie in einem eige­nen Kos­mos außer Kraft gesetzt und kei­ner drängt, zurück­zu­keh­ren. Man kann sich lesend trei­ben las­sen, nicht völ­lig ent­spannt und auch nicht völ­lig ver­trau­end. Irri­tie­ren­de Sät­ze, Sprach­brü­che wie unge­schick­te For­mu­lie­rung („Ich hat­te den gan­zen Kat­zen­kopf in der Hand wie etwas, über das ich ent­schei­de.“) gehö­ren ganz ein­deu­tig zur Ich-Per­son, zei­gen die Autorin Mir­jam Wil­lig sou­ve­rän. „An der Gras­nar­be“ ist der ers­te Roman der 26-Jäh­ri­gen, die in Hil­des­heim Lite­ra­ri­sches Schrei­ben stu­diert hat.

Der Boden hat Ris­se. Tro­cken­heit macht sich breit. Auf dem Markt­platz im nächs­ten Ört­chen wird einer ras­sis­tisch blöd ange­gan­gen, Tra­di­tio­nen beim Dorf­fest unge­fragt wei­ter­ge­führt. Und natür­lich geht es im Text um mehr als nur das Aus­stei­ger­da­sein. Unter­schwel­lig wie demons­tra­tiv. Das muss man ertra­gen. Man­ches Mal ein wenig über­klar kün­digt sich Bedroh­li­ches an: „Dabei drück­te ich zu fest oder zog zu schnell, der Gras­halm schnitt in die Fin­ger­kup­pe, sofort trat Blut aus.“ Wir sind in unse­rem Leben, wie wir es heu­te zu bestehen haben, ange­kom­men. Mit all den Din­gen, mit denen wir uns nach Jah­ren der Nach­läs­sig­keit, zu beschäf­ti­gen haben. Wit­tig lie­fert davon ein her­me­tisch geschlos­se­nes Abbild. So einen Text braucht man zu allem ande­ren nicht auch noch. Außer man möch­te sich auf etwas Ein­las­sen, auch auf einen lite­ra­ri­schen Ver­such, eine Abbil­dung eines, unse­res gegen­wär­ti­gen Zustands. Außer man hält das durch.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023