Stellenanzeige: All-in-Vertrag in der Traumfabrik Gegenwartsliteratur

Von Didi Drob­na. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 99
Didi Drobna © Barbara Wirl

Didi Drob­na. Foto: Bar­ba­ra Wirl

Jüngst besuch­te ich eine Dis­kus­si­on in der Alten Schmie­de in Wien. Das The­ma lau­te­te: Beruf vs. Beru­fung Lite­ra­tur. Zwei Kol­le­gin­nen mit lan­ger, diver­si­fi­zier­ter und erfolg­rei­cher Kar­rie­re im Lite­ra­tur­be­trieb und dar­über hin­aus dis­ku­tier­ten, wie das so ist mit der Lite­ra­tur als Traum­job und par­al­lel lau­fen­der Erwerbs­tä­tig­keit im Brot­be­ruf. Im Publi­kum saßen fünf Per­so­nen – drei Ange­hö­ri­ge, ich – eine selbst von der Work-Wri­te-Balan­ce-Fra­ge betrof­fe­ne Autorin – und ein inter­es­sier­ter Zuhö­rer. Es erweck­te den Ein­druck, dass die Lebens­rea­li­tät von Autor:innen nie­mand ande­ren als eben besag­te Autor:innen und/oder deren Fami­li­en inter­es­siert. Nie war unse­re Zeit mehr getrie­ben von Con­tent, aber wen kümmert’s, wo und wie der her­kommt.

Das ist inso­fern span­nend, da sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vor allem in Deutsch­land vie­le Initia­ti­ven und Kol­lek­ti­ve gegrün­det haben, die genau die­ser Bipo­la­ri­tät von Traum­job vs. Brot­be­ruf nach­spü­ren und öffent­lich Fra­gen von Bezah­lung, Belas­tung und Betreu­ung dis­ku­tie­ren. Meh­re­re Sam­mel­bän­de und Essays wur­den ver­öf­fent­licht, die ins­be­son­de­re die durch Coro­na stark sicht­bar gewor­de­ne und immer grö­ßer wer­den­de Sche­re von pre­kär bezahl­ter Arbeit/Leistung im Lite­ra­tur­be­trieb und der selbst­aus­beu­te­ri­schen Not­wen­dig­keit einer Quer­sub­ven­tio­nie­rung durch ande­re Beru­fe anpran­gern und deut­lich als auch klar benen­nen. Der Sam­mel­band Brot­jobs und Lite­ra­tur von Bal­inth, Dathe, Schadt und Wen­zel (Hg.) sei hier erwähnt oder die sozio­lo­gi­sche Betrach­tung der Schreib­ar­beit Schrei­ben von Amlin­ger. In ers­ter Publi­ka­ti­on berich­ten Literaturbetriebskolleg:innen im Detail von ihren boden­stän­di­gen Neben­be­ru­fen und rech­nen vor, wie wenig bis eigent­lich gar nicht es sich aus­geht, als lite­ra­tur­schaf­fen­de Per­son tätig zu sein. Die Arbeits­ver­hält­nis­se sind viel­sei­tig und viel­fäl­tig, in wel­che sich Autor:innen bege­ben, um par­al­lel oder auch in Kon­kur­renz zu ihrem Schrei­ben ihren Lebens­un­ter­halt zu ver­die­nen. Die Zei­ten der gro­ßen Vor­schüs­se, gut bezahl­ter Auf­trags­ar­beit und lebens­wer­ter Tan­tie­me sind lan­ge vor­bei. Dass sich Tho­mas Bern­hard einen gemüt­li­chen Bau­ern­hof leis­ten konn­te aus sei­nem Schreib­ver­dienst, ist heu­te kaum noch vor­stell­bar. Dass Goe­the nach ein paar Jah­ren Schrift­stel­ler­ar­beit so erschöpft und viel­leicht sogar im Burn­out war, dass er eine mehr­jäh­ri­ge Ita­li­en­rei­se antrat, auch das ist für gewöhn­li­che Schrei­ben­de von heu­te nicht denk­bar. Kurz­um, das Schrei­ben und alle damit ver­bun­de­nen Tätig­kei­ten wer­fen wenig und immer weni­ger ab. So manch einer mag dazu sagen: Ja, das ist nichts Neu­es, das weiß man alles, das muss man in Kauf neh­men.

Doch es scheint immer mehr, dass selbst die Zei­ten vor­bei sind, in wel­chen wir uns glau­ben machen kön­nen, dass zumin­dest eini­ge weni­ge wirk­lich erfolg­reich Schrei­ben­de von ihrer Schreib­ar­beit ein Aus­kom­men haben, nicht in Unsi­cher­heit und Unplan­bar­keit in ste­tem Pre­ka­ri­at mit Aus­blick auf Alters­ar­mut leben. Denn es zeigt sich, dass sehr viel mehr Schrei­ben­de und im Lite­ra­tur­be­trieb arbei­ten­de Men­schen einen Brot­job haben, als bis­her geglaubt: näm­lich fast alle. Es scheint noch viel mehr, dass die­se Brot­jobs den besag­ten Lite­ra­tur­be­trieb sub­ven­tio­nie­ren, finan­zie­ren und über­haupt am Leben erhal­ten. Ich erin­ne­re mich an eine Aus­sa­ge mei­ner Agen­tin, bevor wir das ers­te gemein­sa­me Manu­skript ver­kauf­ten. „Du hast ja noch einen Job, das ist gut.“ Auf mei­ne Nach­fra­ge, war­um das gut sei, ant­wor­te­te sie: „Es muss nicht zwangs­läu­fig funk­tio­nie­ren.“ Mit „es“ mein­te sie die Ver­öf­fent­li­chung die­ses kon­kre­ten Manu­skripts, sei­nen gewinn­brin­gen­den Ver­kauf an einen Ver­lag, oder auch eine Schreib­kar­rie­re gene­rell. Jeden­falls aber das Sen­ti­ment: Du hast Plan B, wel­cher dich vor finan­zi­el­lem Ruin bewahrt, viel­leicht auch vor psy­cho­lo­gi­schem. Ich erin­ne­re mich an die Erzäh­lun­gen der ers­ten Sprach­kunst-Stu­die­ren­den, die im neu­en Insti­tut der Uni­ver­si­tät für ange­wand­te Kunst der spä­ten Nuller-Jah­re ein­zo­gen, die vom Auf­nah­me­ko­mi­tee die Fra­ge gestellt beka­men: „Kön­nen Sie sich das Stu­di­um leis­ten?“ Heu­te, bald 15 Jah­re spä­ter, wird die­se Fra­ge bei der Auf­nah­me­prü­fung angeb­lich nicht mehr gestellt. Und das ist gut so.

Die Gegen­warts­li­te­ra­tur ist in vie­len Punk­ten bipo­lar. Sie ist trans­pa­ren­ter mit stel­len­wei­se mehr Durch­läs­sig­keit und zugleich mehr Gate­kee­ping – zumin­dest in der ernst­haf­ten Lite­ra­tur. Es gibt Pre­ka­ri­at ohne Ende, aber es gibt auch einen Demo­kra­ti­sie­rungs­wil­len. Es gibt den Wil­len zu mehr Trans­pa­renz unter­ein­an­der und es gab die offen­ba­ren­de Ent­hül­lung der zahl­rei­chen Schwach­punk­te bis Soll­bruch­stel­len durch die Coro­na-Pan­de­mie.

Gesell­schaft­lich unglei­che Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen gab es immer schon, sie set­zen sich auch wei­ter fort. Der ten­den­zi­ell durch­aka­de­mi­sier­te Kunst- und Kul­tur­be­trieb hat meh­re­re Schleu­sen­war­te und der größ­te sind natür­lich die Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen selbst. Erfah­run­gen sind posi­tiv, sie näh­ren die Kunst. Ein Brot­be­ruf ist frucht­bar für die Schreib­ar­beit, meist auch über das Finan­zi­el­le hin­aus. Doch er kos­tet Zeit. Er kos­tet Kraft. Er kos­tet manch­mal Anse­hen inner­halb des Betriebs. Denn vie­ler­orts herrscht immer noch die eli­tä­re Mei­nung, wer sich nur genug anstrengt, lang genug durch­hält, den wird irgend­wann die Lite­ra­tur erhal­ten. Wer das Lehr­geld zahlt, der und ja nur der, wird sich durch­set­zen. Im Umkehr­schluss, wer einen Brot­be­ruf braucht, ist schwach und will es ein­fach nicht genug. Es geht um Wol­len, um eiser­nen Wil­len, um Sturm und Drang und Lei­den­schaft bis zum bit­te­ren Ende. Doch der Lite­ra­tur­be­trieb ist schon lan­ge zer­rüt­tet und löch­rig. Und um noch ein­mal mit Nach­druck dar­an zu erin­nern: Auch wenn man sich noch so selbst aus­beu­tet, kas­teit und durch­hält; bis auf weni­ge Aus­nah­men kann nie­mand davon sei­nen Unter­halt bestrei­ten. Wie Anke Stel­ling in einem Auf­satz über Klas­se und Lite­ra­tur schrieb: „Wir machen zwar alle das Glei­che, aber nicht alle müs­sen davon leben.“

Ich den­ke hier an Ver­le­ger und Thea­ter­ma­cher Din­çer Güçye­ter, der in einem Essay von sei­ner Arbeit als Lager­ar­bei­ter zwi­schen Gabel­stap­ler und Sicher­heit durch Fest­an­stel­lung schreibt, wie er alles Geld zurück in den Ver­lag flie­ßen lässt. Er berich­tet auch von Medi­en­an­fra­gen, die ihn im Blau­mann und mit Flur­för­der­zeug ablich­ten wol­len – denn natür­lich ist sich der Betrieb für einen voy­eu­ris­ti­schen Blick nicht zu scha­de. Auch die Kol­le­gin­nen bei der ein­gangs erwähn­ten Dis­kus­si­on zu Beruf vs. Beru­fung Lite­ra­tur berich­ten von ihren ande­ren und zusätz­li­chen Erwerbs­tä­tig­kei­ten: Kol­le­gin Katha­ri­na Tiwald ist Lehr­kraft an einer NMS und leis­tet groß­ar­ti­ge gesell­schaft­li­che Schwerst­ar­beit und Kol­le­gin Cor­ne­lia Trav­nicek forscht in einem Infor­ma­tik-Wis­sen­schafts­be­trieb. Jour­na­list und Autor Stan Laf­leur erin­nert sich an mehr als 30 Brot­be­ru­fe, die er aus­ge­übt hat, von Kar­to­na­gen­fal­ter, Möbel­pa­cker, Vol­ley­ball­trai­ner zu Jour­na­list und Unter­neh­mens­be­ra­ter: Sie berüh­ren alle auf unter­schied­li­che Wei­se die Phy­sis und die Psy­che. Das alles fließt zurück in die Kunst. Und ja, auch ich, die Autorin die­ses Tex­tes, habe einen Brot­be­ruf, einen Cor­po­ra­te Job in der IT-Bran­che. Gegen die Sicht, es sei eine not­ge­drun­ge­ne Zweit­be­schäf­ti­gung ver­weh­re ich mich aller­dings seit Jah­ren vehe­ment, denn es ist mein eigent­li­cher Wahl­be­ruf für den ich stu­diert, auf den ich mit sehr viel Auf­wand hin­ge­ar­bei­tet habe. Die Kunst spielt – ich möch­te, mit Blick auf alles bis­her hier Nie­der­ge­schrie­be­ne, fast sagen: zu mei­nem Glück – die zwei­te Gei­ge. Was natür­lich zur roman­ti­sier­ten Vor­stel­lung von Kunst-Aus­übung nicht gut dazu passt.

An die­ser Stel­le sei auch Vir­gi­nia Woolfs’ „A room of one’s own“ nicht uner­wähnt, der femi­nis­ti­sche Grund­la­gen-Essay, der die Not­wen­dig­keit bestimm­ter öko­no­mi­scher Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen für Frau­en erst­mals the­ma­ti­sier­te. Oft genug zitiert, schrieb Woolf, dass eine bestimm­te Grund­si­che­rung not­wen­dig sei, um den Kopf und die Hän­de für Kunst frei zu haben. Denn Teil­ha­be kos­tet nicht nur Geld, son­dern vor allem auch Zeit. Man bzw. frau muss sich Kunst­ma­chen in bei­den Kate­go­rien erst­mal leis­ten kön­nen. Zugleich ist die Mem­bran des Lite­ra­tur­be­triebs nicht sehr durch­läs­sig, die vor­ge­fer­tig­ten Wege zu einer Schreib­kar­rie­re füh­ren durch recht fest geschlos­se­ne Kunst- und Kul­tur-Silos oder zumin­dest nah an Elfen­bein­tür­men vor­bei. Man kann sich Zutritt erkau­fen in Form von bestimm­ten Bil­dungs­we­gen, gesell­schaft­li­cher Posi­ti­on und eben finan­zi­el­ler Luft zum Atmen und zum Durch­hal­ten. Denn Schrei­ben ist ein Hand­werk, kei­ne gött­li­che Gabe. Lang genug geübt, kön­nen vie­le Men­schen ein sehr soli­des Schreib­ni­veau errei­chen – wenn sie denn die Zeit, den Wil­len und das öko­no­mi­sche Durch­hal­te­ver­mö­gen dazu haben.

Aber eigent­lich wur­de ich ja nach mei­ner Posi­ti­on zur Gegen­warts­li­te­ra­tur gefragt. Statt­des­sen pran­ge­re ich hier die Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen an und die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit wel­cher die­se lebens­un­wür­di­gen Umstän­de für nor­mal gehal­ten wer­den. Dabei ist gera­de die­se Fra­ge, sind die­se gan­zen Umstän­de ganz wesent­li­che Pos­ten auf der Rech­nung, wie und ob man Gegen­warts­li­te­ra­tur über­haupt machen kann. Bei Publi­kums­dis­kus­sio­nen kommt fast immer die Fra­ge: „Kann man DAVON denn leben?“ Die ehr­li­che Ant­wort dar­auf: „Es kommt drauf an, was Sie unter Leben ver­ste­hen.“ Mie­te UND Essen? Klei­dung inklu­si­ve Jacke? Kopier­bei­trag für die Schu­le der Kin­der?

Die eine Sei­te ist also der Kapi­ta­lis­mus, der in der Kunst Ein­zug hält wie über­all sonst auch. Pro­ble­ma­tisch ist eben­so die ver­klär­te, stark roman­ti­sier­te Sicht auf den Lite­ra­tur­be­trieb und die dar­wi­nis­ti­sche Sicht inner­halb, die sich immer noch schwer tut, Lebens­rea­li­tä­ten abseits der gut­bür­ger­li­chen sozia­len Schicht und Klas­se zu berück­sich­ti­gen. Nicht klas­si­sche Bil­dungs­we­ge, inter­sek­tio­na­le Dis­kri­mi­nie­rungs­ka­te­go­rien und gene­rell Fra­gen von Zuge­hö­rig­keit und Teil­ha­be, damit tut sich der Betrieb noch immer so schwer. War­um eigent­lich? Der Betrieb bleibt doch nicht zuletzt durch das Nach­rü­cken jün­ge­rer Gene­ra­tio­nen von Men­schen, die sich eben in ganz ande­ren sozio-öko­no­mi­schen Lebens­wel­ten bewe­gen und viel mehr an Gleich­be­rech­ti­gung, Demo­kra­ti­sie­rung und Teil­ha­be inter­es­siert sind, leben­dig. Wäre es also nicht eine gute Idee, die Posi­ti­on in der Gegen­warts­li­te­ra­tur ein­zu­neh­men, dass wir das Gan­ze vor­wärts bewe­gen? Der Kunst- und Kul­tur­be­trieb muss auf­hö­ren, stän­dig zu kuschen und sich sel­ber beim Weg­ster­ben zuzu­se­hen durch dank der Infla­ti­on schwin­den­de Bud­gets, feh­len­den Moder­ni­sie­rungs­wil­len, Seil­schaf­ten inner­halb des Betriebs und gene­rel­len Publi­kums­ab­gang. Da geht schon was; Let’s go!

Ich fra­ge mich bei­spiels­wei­se, war­um Auf­ent­halts­sti­pen­di­en nach wie vor so fami­li­en­un­freund­lich gestal­tet sind; auch Schrei­ben­de haben Betreu­ungs­pflich­ten, die sie nicht ein­fach für drei Mona­te abstel­len kön­nen, um ins Aus­land oder aufs Land zie­hen zu kön­nen. Es muss mög­lich sein, eine Fami­lie mit­zu­neh­men oder eine:n Partner:in, viel­leicht könn­te es vor Ort Betreu­ungs­mög­lich­kei­ten für betreu­ungs­pflich­ti­ge Kin­der geben? War­um wer­den ver­ge­be­ne Sti­pen­di­en nicht per Auto­ma­tis­mus als Pen­si­ons­zei­ten ange­rech­net? War­um spießt sich so viel am Alter von 35 Jah­ren – brau­chen Künstler:innen jen­seits der 40 kei­ne Unter­stüt­zung mehr? Weil sie dann schon längst auf­ge­ge­ben haben? War­um berap­pen Men­schen, die qua Diver­si­tät von Kunst- und Kul­tur­ar­beit seit jeher meh­re­re Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se mischen MÜSSEN, mehr­fach die Sozi­al­ver­si­che­rung in Öster­reich, obwohl sie selbst­ver­ständ­lich nur von einer eine Leis­tung bezie­hen? War­um wird das Kunst- und Kul­tur­för­der­geld nicht auto­ma­tisch infla­ti­ons­an­ge­passt? In man­chen Insti­tu­tio­nen liest man seit 15 Jah­ren für das glei­che Geld, wie kann das sein, wo die But­ter heu­te das Drei­fa­che kos­tet? War­um wird viel Geld in Wer­bung und Agen­tu­ren inves­tiert, die jene Kul­tur­events abwi­ckeln, wel­che Schrei­ben­de seit jeher selbst geschupft und auf die Bei­ne gestellt haben? War­um müs­sen alle wei­ter­hin kuschen, weil man immer noch Angst haben muss, bei jeder noch so klei­nen Wider­re­de gleich als z’widere Unruhestifter:innen bekannt zu wer­den? War­um wer­den seit vie­len Jah­ren die­sel­ben Per­so­nen in Komi­tees und Jurys beru­fen, wie för­dert das Diver­si­tät und Viel­falt? Ich den­ke an die vie­len Jurys, in wel­chen ich selbst bereits Platz neh­men durf­te. Bei einem renom­mier­ten Lese­wett­be­werb war ich in der fünf­köp­fi­gen Jury die ein­zi­ge Per­son unter 50. Bei einem Stadt-Sti­pen­di­um war ich meh­re­re Jah­re in Fol­ge die ein­zi­ge Frau in der Jury. Wel­che Rea­li­tät reprä­sen­tiert das? War­um wird Lite­ra­tur immer mehr aus dem Unter­richt weg­ra­tio­na­li­siert und nach wie vor in Form von his­to­ri­schen Tex­ten unter­rich­tet, die fern die­ses Jahr­tau­sends sind? Es heißt immer, die Jugend käme nicht zum Lesen und ver­dirbt dadurch, aber wo und wie machen wir uns die Mühe, die zeit­ge­nös­si­sche Lite­ra­tur zu den Kids zu brin­gen? Lite­ra­tur, die für sie „relata­ble“ und ver­ständ­lich ist?

Jeden­falls, ich habe Fra­gen und weni­ge Ant­wor­ten.

Gera­de in einem Land, wel­ches Hei­mat gro­ßer Töch­ter und Söh­ne ist, bewohnt von einem Volk, begna­det für das Schö­ne, braucht es ech­tes Com­mit­ment, das mit der Kunst und der Kul­tur wirk­lich ernst zu neh­men. Und ich mei­ne damit nicht die Autorin­nen und Autoren, son­dern alle. Öster­reich hat eine unfass­bar groß­ar­ti­ge und leben­di­ge Lite­ra­tur­sze­ne, auch his­to­risch betrach­tet kön­nen wir auf beein­dru­cken­de Wer­ke und Per­sön­lich­kei­ten zurück­bli­cken. Nicht umsonst haben wir es zu zwei Lite­ra­tur­no­bel­prei­sen gebracht – für ein klei­nes Land beacht­lich. Ich sage absicht­lich wir, denn auch das Kol­lek­ti­ve hat einen Anteil am Per­sön­li­chen. Ich den­ke, wir kön­nen noch viel mehr. Es reicht jetzt mit dem Nar­ra­tiv, dass jede/r die Lite­ra­tur­be­triebs­wild­nis auf ewig und drei Tage vor sich her tra­gen muss. Das Indi­vi­du­um kann sys­te­mi­sche Pro­ble­me nicht lösen. Ich habe auch genug, dass die Lite­ra­tur irgend­wie abseits der Öffent­lich­keit und zuneh­mend auch abseits der Schu­len statt­fin­det. Ich habe offe­ne Fra­gen, auf die es mei­ner Ansicht nach kei­ne schwe­ren Ant­wor­ten geben kann. Haus­ver­stand und Fair­ness. Die Berück­sich­ti­gung eines moder­nen Schrifsteller:innenbildes; die Zei­ten des welt­frem­den und ein­sa­men Genies mit rei­chem Mäzen sind vor­bei, falls es sie jemals gab. Es braucht mehr als guten Wil­len, denn den haben die Schrei­ben­den immer schon gehabt – und wir sind erschöpft von der Gegen­wart, wie sie ist.

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Didi Drob­na wur­de 1988 in Bra­tis­la­va gebo­ren und lebt seit 1991 in Wien. Sie stu­dier­te Ger­ma­nis­tik und  Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Wien. Für ihre lite­ra­ri­sche Arbeit wur­de sie mit meh­re­ren Sti­pen­di­en und Lite­ra­tur­prei­sen aus­ge­zeich­net (Exil Lite­ra­tur­preis, FM4 Wort­laut Lite­ra­tur­preis, BKA Lite­ra­tur Sti­pen­di­um, Mira Lobe Sti­pen­di­um für Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur etc). Ihr jüngs­ter Roman Was bei uns bleibt erschien im Sep­tem­ber 2021 bei Piper. Ihre Roma­ne stell­te sie auf Lese­rei­sen in sie­ben Län­dern vor. Neben ihrer schrift­stel­le­ri­schen Tätig­keit arbei­tet Didi Drob­na als Juro­rin für Lite­ra­tur­wett­be­wer­be (Lite­ra­tur­wett­be­werb Wart­holz, Lite­ra­tur­bi­en­na­le Flo­ria­na, Lite­ra­tur-Sti­pen­di­um Stadt Linz, Exil Lite­ra­tur­preis) und lehrt an der Uni­ver­si­tät für ange­wand­te Kunst in Wien. Par­al­lel zu ihrem Schrei­ben arbei­tet Didi Drob­na an einem Wie­ner IT-For­schungs­zen­trum.

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Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 6. Janu­ar 2023

Zuletzt geän­dert: 26. Juli 2023