Die Schauspielerin

Von Gus­tav Ernst. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 98
Gustav Ernst © Karin Fleischanderl

Gus­tav Ernst. Foto: Karin Fleisch­and­erl

Denn Sie müs­sen wis­sen, sag­te sie, es gab ein­mal eine jun­ge Frau, nen­nen wir sie Han­na, die Schau­spie­le­rin wer­den woll­te und ihre Mut­ter dazu über­re­de­te, ihr eine Schau­spiel­aus­bil­dung zu bezah­len. Was nicht leicht war. Ihre Mut­ter war Gemein­de­be­diens­te­te in einer Klein­stadt in Ober­ös­ter­reich, nach ihrer Schei­dung allein­ste­hend und strikt dage­gen, dass Han­na, ihr ein­zi­ges Kind, Schau­spie­le­rin wer­den woll­te. Schau­spie­le­rin­nen gäbe es wie Sand am Meer, sag­te sie, die wenigs­ten lan­de­ten oben, die meis­ten im Abgrund. Und es gäbe nur die­se eine Alter­na­ti­ve: ent­we­der oben oder Abgrund. Sie sol­le lie­ber ein Tech­nik­stu­di­um an einer Fach­hoch­schu­le absol­vie­ren, das ein­zi­ge Stu­di­um mit Aus­sicht auf einen guten Arbeits­platz, wie sie aus der Zei­tung wüss­te, vor allem für Frau­en.

Aber Han­na blieb stur. Sie bekam die Aus­bil­dung, spiel­te eine ers­te Rol­le und wur­de als begabt ein­ge­stuft. Sie woll­te, als das Geld der Mut­ter aus­blieb, die es sich nicht mehr leis­ten konn­te und auch kein Inter­es­se mehr hat­te, Han­nas Aus­bil­dung zu finan­zie­ren, selbst Geld ver­die­nen, um die Aus­bil­dung fort­set­zen und abschlie­ßen zu kön­nen und um sich Geld zur Sei­te zu legen für die Zeit danach, in der sie sicher nicht gleich gro­ße Enga­ge­ments bekom­men wür­de. Sie arbei­te­te bei einer Musik­grup­pe und erwies sich sehr schnell als effek­ti­ve Pro­duk­ti­ons­as­sis­ten­tin, auf die immer Ver­lass war, die alles, was für eine Tour­nee und bei einer Tour­nee nötig war, zeit­ge­recht und zufrie­den­stel­lend check­te. Sie woll­te schau­spie­len und absol­vier­te lau­fend Cas­tings. Aber in der weni­gen Zeit, die sie dafür zur Ver­fü­gung hat­te, konn­te sie nicht alle Cas­ting-Ter­mi­ne wahr­neh­men und sich nicht immer aus­rei­chend vor­be­rei­ten.

Die Rea­li­sie­rung eines Films, bei dem sie die Haupt­rol­le über­neh­men soll­te, da sie der Regis­seur, einer ihrer Leh­rer an der Schau­spiel­schu­le, für die­se Rol­le am bes­ten geeig­net fand, wur­de wegen Finan­zie­rungs­schwie­rig­kei­ten immer wie­der ver­scho­ben. Er dreh­te ande­re Fil­me, und Han­na war­te­te. Sie nahm kei­ne wei­te­ren Ange­bo­te an, aus Angst, sie wür­de genau in dem Moment, in dem die Finan­zie­rung stün­de, bei einem ande­ren Pro­jekt und bei einem ande­ren Regis­seur ver­pflich­tet sein und so die­sen einen Regis­seur, den sie als ihren Regis­seur betrach­te­te, und die­se eine Rol­le, die sie als ihre Rol­le bezeich­ne­te, ver­pas­sen, eine Rol­le, die sie unbe­dingt spie­len woll­te und die sie als gro­ße Chan­ce sah, als Schau­spie­le­rin groß her­aus­zu­kom­men.

Als nach etli­chen Jah­ren der Film tat­säch­lich hät­te rea­li­siert wer­den kön­nen, war der Regis­seur nicht mehr so über­zeugt davon, dass Han­na die bes­te Beset­zung wäre. Er wuss­te nicht, wie er ihr sei­ne Zwei­fel, ohne sie zu ver­let­zen, ohne bei ihr eine Depres­si­on aus­zu­lö­sen, zu der sie in letz­ter Zeit ver­stärkt neig­te, erklä­ren soll­te. Er befürch­te­te näm­lich, dass sie nicht mehr fähig sei, die Rol­le adäquat zu spie­len. Die anfangs von ihm beob­ach­te­te Mobi­li­tät ihres Spiels, die Fri­sche und der Ein­falls­reich­tum, die er bewun­dert hat­te, wären durch ihre stres­si­ge Tätig­keit bei der Musik­grup­pe und auf­grund der Tat­sa­che, dass sie nur sel­ten und nur klei­ne Rol­len gespielt hät­te, also ihre schau­spie­le­ri­schen Fähig­kei­ten kaum hät­te trai­nie­ren, aus­pro­bie­ren und ent­wi­ckeln kön­nen, sicher­lich weit­ge­hend ver­lo­ren gegan­gen. Dazu käme bei ihr, so sei­ne Angst, der Zwang, jetzt, wo es end­lich los­gin­ge, beson­ders gut sein zu wol­len. Was für gewöhn­lich zu nichts ande­rem füh­re als zu Ver­kramp­fun­gen, zu einem Man­gel an Über­sicht über schau­spie­le­ri­sche Mög­lich­kei­ten, an Sou­ve­rä­ni­tät und Locker­heit, die unbe­dingt nötig wären, um Mög­lich­kei­ten aus­zu­wäh­len, neue zu erfin­den und gezielt ein­zu­set­zen. Ihrem Spiel wür­de man die letzt­lich erfolg­lo­sen Anstren­gun­gen anse­hen, über die weni­gen Fähig­kei­ten, die ihr zur Ver­fü­gung stün­den, hin­aus Neu­es und Ent­spre­chen­des zu fin­den und vor­zu­füh­ren. Und sie wür­de jede Anwei­sung und jede Kri­tik abblo­cken, da sie kein Reper­toire hät­te, um Alter­na­ti­ves anzu­bie­ten, und kei­ne Übung dar­in, mit Anwei­sun­gen und For­de­run­gen des Regis­seurs umzu­ge­hen. Mit der feh­len­den Übung und den feh­len­den Ein­fäl­len wüch­se nur ihre Unsi­cher­heit und ihre Angst, nicht zu bestehen und die ein­zi­ge Chan­ce, die sich nun nach lan­gem böte, nicht nüt­zen zu kön­nen, zu ver­sa­gen und damit für immer ver­lo­ren zu sein.

Dazu kam der plötz­li­che Weg­fall des Halts, den ihr die Tätig­keit in der Musik­grup­pe über Jah­re hin­weg ver­schafft und an den sie sich gewöhnt hat­te: der bestimm­te Tages­ab­lauf, das regel­mä­ßi­ge Geld, die Effi­zi­enz ihrer Arbeit, die Sicher­heit, dar­in per­fekt zu sein und dafür geschätzt zu wer­den, das spe­zi­el­le Frei­zeit­le­ben und vor allem die feh­len­de Not­we­nig­keit, schöp­fe­risch mit ihren Fähig­kei­ten umzu­ge­hen und neue Fähig­kei­ten zu ent­wi­ckeln, da sie ja alles Nöti­ge hat­te und alles konn­te. Außer­dem war die Arbeits­rou­ti­ne in der Musik­grup­pe eine voll­kom­men ande­re als die einer Schau­spie­le­rin. Etwas ganz ande­res hat­te Han­na damals, beim Ein­stieg in die Grup­pe, von sich gefor­dert, um das Mana­gen der Grup­pe zu erler­nen, was sie jetzt auch beherrsch­te und ihr Leben gewor­den war, als das, was sie jetzt als Schau­spie­le­rin von sich for­dern, erler­nen und beherr­schen müss­te, um es genau­so erfolg­reich ein­set­zen zu kön­nen, wie es ihr beim Mana­gen einer Musik­grup­pe seit Jah­ren gelang. Als Schau­spie­le­rin wür­de sie ein ande­res Leben, ande­re Maß­stä­be, ande­re Gewohn­hei­ten, ande­re Bezü­ge zu sich sel­ber ent­wi­ckeln müs­sen.

Aber wer schafft das von einem Tag auf den ande­ren?, sag­te sie. Eine Künst­le­rin kann nur als lebens­lan­ge Künst­le­rin eine Künst­le­rin sein, fin­den Sie nicht?

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Gus­tav Ernst, gebo­ren 1944 in Wien, lebt dort. Schreibt Roma­ne (u.a. Bes­te Bezie­hun­gen, 2022; Grundl­see, 2013; Zur unmög­li­chen Aus­sicht, 2015), Dreh­bü­cher (u.a. Exit – nur kei­ne Panik), Stü­cke (u.a. Ein irrer Hass, Tau­send Rosen, Blut­bad, Faust, Bridge). Auf­füh­run­gen u.a. in Frank­furt am Main, Brüs­sel, Ams­ter­dam, Eleusis/Elefsina, Wien. Gemein­sam mit Karin Fleisch­and­erl Grün­der und Lei­ter der Leon­din­ger Aka­de­mie für Lite­ra­tur und Her­aus­ge­ber von kolik. zeit­schrift für lite­ra­tur und kolik.film. Preis der Stadt Wien für Lite­ra­tur 2013. Zuletzt erschie­nen: (gem. m. K. Fleisch­and­erl) Roma­ne schrei­ben. Geschich­ten erfin­den. Figu­ren zeich­nen. Stil fin­den, 2019; Betriebs­stö­rung. Roman, 2021.

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Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 30. Dezem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 31. Dez. 2022