Franz Novotny: Die Ausgesperrten

Von Ange­li­ka Reit­zer. „Pic­tu­ring Aus­tri­an Cine­ma“ – Teil 5
Franz Novotny – Die Ausgesperrten

Franz Novot­ny – Die Aus­ge­sperr­ten

S‑Bahn-Sta­ti­on Wien-Ost, ein Bahn­steig, abge­blät­ter­te Holz­ver­tä­fe­lung, Tau­ben­dreck. Ist das über­haupt in Far­be? Die Geschwis­ter Anna und Peter raf­fen die Geld­schei­ne (vor allem Zwan­zi­ger mit dem Por­trät des Erbau­ers der Sem­me­ring­bahn) zusam­men, die aus der Arm­pro­the­se des Tra­fi­kan­ten geflat­tert sind, nach­dem sie den Mann mit einer Bil­lard­ku­gel nie­der­ge­streckt haben, geschla­gen und getre­ten, über ihn drü­ber­ge­stie­gen sind wie über einen weg­ge­wor­fe­nen Sack. Der Tra­fi­kant hat Blut auf der Stirn, es rinnt ihm aus dem Mund­win­kel, er wehrt sich gegen die Ban­de von „ver­damm­ten Sur­rea­lis­ten“, wie ein Post­ler den jun­gen Leu­ten hin­ter­her­schimpft. Der Vater der Geschwis­ter ist ein ehe­ma­li­ger Nazi-Schau­spie­ler und Sadist, ein Klein­bür­ger, der sei­ne Fami­lie demü­tigt und miss­han­delt, auch er ist kriegs­ver­sehrt.

Die Arm- und Bein­pro­the­sen der im Krieg defor­mier­ten Väter eig­nen sich bes­tens als Sym­bol für den Zustand Öster­reichs in der Nach­kriegs­tris­tesse, einer Land­schaft vol­ler psy­chi­scher Defek­te, und die behaup­te­te öster­rei­chi­sche Opfer­rol­le im Natio­nal­so­zia­lis­mus. So wie die SS-Leu­te in der Ukrai­ne kei­nen jüdi­schen Stich­wort­ge­ber auf der Büh­ne sehen woll­ten, son­dern einen Ope­ret­ten­sän­ger, behaup­ten die Pla­ka­te auf dem Bahn­steig (wei­ter­hin und wie­der­um), Wien sei immer eine Rei­se wert und wer­ben mit Wie­ner Wal­zer. Die Hand­lung ist im Jahr 1959 ange­setzt. Aber Wien ist (schon) Zom­bie­land, in dem die Rui­nen und Kanä­le, die grau­en dre­cki­gen Mau­ern lädier­te und nur not­dürf­tig zusam­men­ge­stü­ckel­te Unto­te und deren Nach­kom­men beher­ber­gen. Das Geld in der Pro­the­se und das mehr­mals ent­wen­de­te (ari­sier­te) Geld für eine neue, bes­se­re Geh­hil­fe als Kalau­er für den Wie­der­auf­bau. Kein Platz für Phan­tom­schmer­zen.

Die Matu­ran­tin Anna und der Matu­rant Peter („Wir sind irgend­wie Faschis­ten, nur intel­li­gen­ter“) spie­len zwar moder­ne Musik, lesen Sart­re und Camus, betrü­gen sich selbst aber unter andau­ern­dem „intel­lek­tu­el­lem Geschwätz“ (Jeli­nek), weil sie nur den Wunsch nach gesell­schaft­li­chem Auf­stieg und Kon­sum haben.

Hans („Du bist die Faust, ich das Hirn“, sagt Peter zu ihm) würgt den Tra­fi­kan­ten. Der jun­ge Fabrik­ar­bei­ter ver­kauft schwarz Schall­plat­ten und will Sport­leh­rer wer­den, die Tages­lo­sung aus der Pro­the­se inter­es­siert ihn weni­ger. Sein roter Schal ist aber eher Zitat als poli­ti­sche Über­zeu­gung.

Auf die Sze­ne­rie schaut die Toch­ter aus gutem Hau­se (52:16) in Pelz­man­tel und wei­ßen Stie­fel­chen, von der Jeli­nek sagt, sie sei die Ein­zi­ge der Ban­de, die sich anar­chis­ti­sche Züge leis­ten kann, weil sie frei ist von der pre­kä­ren Situa­ti­on der Klein­fa­mi­lie und den Zwän­gen von deren Milieus.

Kra­cau­er sagt, dass das Kri­mi­nal­gen­re nur in Staa­ten mit gesun­der demo­kra­ti­scher Tra­di­ti­on gedei­hen konn­te. Das trifft bestimmt auf die Beliebt­heit des deut­schen Sonn­tag­abend­kri­mis zu, ist es aber ein Indiz für oder gegen die Wir­kung des Films von Jeli­nek und Novot­ny im Jahr 1982? Wur­de die Pro­vo­ka­ti­on, dass der ideo­lo­gi­sche Stumpf­sinn des Natio­nal­so­zia­lis­mus in den jun­gen Men­schen wei­ter­lebt, dass Peters Her­ren­men­schen­tum ihn zu Nihi­lis­mus und Gewalt antreibt, die mit wirk­li­cher Anar­chie natür­lich nichts zu tun hat, vom Kino­pu­bli­kum ver­stan­den? Und wie lesen wir heu­te, nach wei­te­ren 30 Jah­ren Sinn­lo­sig­keit und Beses­sen­heit, Amok­läu­fen und Atten­ta­ten die Aus­ge­sperr­ten, zäh­len wir uns zu ihnen oder sind wir eher ein Kra­wat­ten­pro­du­zent aus St. Pöl­ten, der durch eine Luke am Dach des Haus des Mee­res stol­pert und vor grau­em Him­mel, Kirch­tür­men und auf­flie­gen­den Tau­ben nur „Hil­fe! Hil­fe!“ rufen kann?

Sexua­li­tät, die in Ernied­ri­gung und Frus­tra­ti­on mün­det, die Über­fäl­le zur Geld­be­schaf­fung und um die eige­ne (ersehn­te) Über­le­gen­heit aus­zu­le­ben, die Schu­le spren­gen, aber sich den­noch um ein Sti­pen­di­um bemü­hen, um die­se Welt hin­ter sich zu las­sen. Die Wut dar­über, dass die Jugend­li­chen von ihren eige­nen Wün­schen aus­ge­sperrt sind, wird im Film, dem ein rea­ler Kri­mi­nal­fall aus der Zeit vor­aus­ging, über­setzt in Pyro­tech­nik und Action, insze­na­to­ri­sche Dras­tik und 1a Kin­topp, in eine Ästhe­tik des Obs­zö­nen inklu­si­ve Zer­stö­rung der Kör­per als Fort­füh­rung der faschis­ti­schen Kör­per­lich­keit.

Jelin­eks Peter, der in einem blu­ti­gen Gemet­zel sei­ne Fami­lie aus­rot­tet, ist einer der ers­ten Amok­läu­fer in einem öster­rei­chi­schen Film. Nicht weni­ge „Typen- oder Bedeu­tungs­trä­ger“ (Jeli­nek) abso­lu­ter Macht­lo­sig­keit, deren Indi­vi­du­al­an­ar­chis­mus sie und die Gesell­schaft, in der sie leben, in die Kata­stro­phe führt, wer­den ihm fol­gen.

© Spec­tor Books, Leip­zig 2022

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Ange­li­ka Reit­zer, Schrift­stel­le­rin, Dreh­buch­au­to­rin, zuletzt erschie­nen die Roma­ne Obwohl es kalt ist drau­ßen und Wir Erben sowie das Inven­tar der Gegend (Lyrik, Musik, Foto­gra­fie) und der Kurz­spiel­film Dear Dark­ness (Regie Antoi­net­te Zwirch­mayr, Dreh­buch Reitzer/Zwirchmayr), www.angelikareitzer.eu.

Aus: Katha­ri­na Mül­ler, Claus Phil­ipp (Hg.)
Pic­tu­ring Aus­tri­an Cine­ma
99 Fil­me / 100 Kom­men­ta­re
Spec­tor Books, Leip­zig 2022.
212 Sei­ten, 100 Abbil­dun­gen, € 32

Zu bestel­len bei Spec­tor Books

Online seit: 28. Dezem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 28. Dez. 2022