Bernhard Sallmann: Das schlechte Feld

Von Kath­rin Rög­g­la. „Pic­tu­ring Aus­tri­an Cine­ma“ – Teil 1
Bernhard Sallmann – Das schlechte Feld

Still: Bern­hard Sall­mann – Das schlech­te Feld

Wie gräss­lich das aus­sieht! Was für eine zer­fetz­te Land­schaft! Über­haupt: Wie kann man so nahe an der Auto­bahn woh­nen, so als Vier­kan­t­hof, geht’s nicht ein biss­chen wei­ter weg? Wie kann man sich als bäu­er­li­ches Gebäu­de tag­täg­lich die­sen Fir­men­schil­dern aus­set­zen, die über dem Tal thro­nen – KIKA – nein, eben nicht schwe­ben, wie der Nebel spä­ter sug­ge­rie­ren wird, son­dern fest­ste­hen, für alle Zei­ten fest. Wie kann man als Mensch des Ackers dem Lärm gewach­sen sein, nein, stünd­lich näher­wach­sen, denn so klingt es ja, als wür­de die­ses Ver­kehrs­rau­schen stets näher rücken, durch einen durch­rü­cken, bis man ganz durch­drun­gen ist. Also, geht’s nicht ein bis­serl wei­ter weg? Ein bis­serl mehr da hin­ten, ein bis­serl mehr da drü­ben, da, wo die Fel­der in den Wald lau­fen, denn dort­hin lau-fen sie immer ger­ne, ins rich­ti­ge Bild, nicht ins fal­sche, da, wo wir ste­hen. Sieht ja sonst so nach Rück­sei­te aus, sieht ja sonst so aus, als gäbe es kein rich­ti­ges Land mehr, nur noch Durch­gangs­ver­kehr, nur noch Gewer­be­ge­biet, nur noch Zer­schos­se­nes. Kommt man ja auf Gedan­ken da. Nein, bes­ser nicht.

Also so nah dran, das muss doch nicht sein, das habe ich jetzt mehr­fach gesagt, aber es bewegt sich nichts. Der Hof steht noch immer da. Der Erb­hof, den es noch gibt, tat­säch­lich, der so eif­rig nichts mit dem übri­gen Bild­raum zu tun hat, der sich auch nicht mehr ver­erbt, weil, das läuft jetzt anders. Rich­tig, wird gesagt, das ist die Rück­sei­te von Öster­reich, hier sind wir auf der Sei­te mit den Web­fä­den, den Ver­knüp­fun­gen, der Sei­te, die kei­nen Tou­ris­mus braucht. Der Gewer­be­park, wie er die Täler unse­res Alpen­lan­des über­zo­gen hat, also das uns gehö­ri­ge, zu uns gehö­ri­ge, und nicht das ande­re, das längst geflo­hen ist. Oder ist es die Rück­sei­te einer Post­kar­te? Sie wis­sen schon, die mit den Adress­zei­len und den Bild­nach­wei­sen, dem soge­nannt Klein­ge­druck­ten und Klein­ge­drück­ten, das irgend­wel­che Quel­len­an­ga­ben raus­spuckt, die kei­ner hören will, mit Platz für eige­ne Schreib­tä­tig­keit, ein soli­der Gruß von lie­ben Ver­wand­ten? Es könn­te ja eine Hei­mat­adres­se sein, es könn­te ja eine Rück­kehr in die elter­li­chen und vor allem groß­el­ter­li­chen Zusam­men­hän­ge sein, das bäu­er­li­che Milieu, das schon lan­ge kei­nes mehr ist, es könn­te ein Blick auf die Ver­din­gungs­mög­lich­kei­ten, die geherrscht haben müs­sen, das Brot, das ver­dient wer­den muss­te, sein – ein biss­chen Besich­ti­gung der Ver­gan­gen­heit oder etwa nicht?

Ja, oder viel­mehr nein. Die Ver­gan­gen­heit ist nicht zu besich­ti­gen, sie kommt hier nur immer wie­der hoch. Aber ein bis­serl wei­ter weg hät­te auch er sich schon auf­stel­len kön­nen mit sei­ner Kame­ra, wei­ter weg von der Geschich­te, auch mit den Wor­ten, das wäre doch schon gegan­gen, ein bis­serl mehr Ver­schwom­men­heit, auch in den Eigen­tums­ver­hält­nis­sen, das tät schon gut. Also, ich bin ja nicht von da, aber ich kann’s mir ja aus­rech­nen, bin ja von ein paar Kilo­me­ter wei­ter weg, aber bei uns ist es ja auch so, dass die Höfe plötz­lich neben den Auto­bah­nen ste­hen und die Beton­ver­sie­ge­lung den Rest ver­schluckt – schließ­lich, man muss von was leben. Und ein Stück Land soll­te ein­mal ein­fach ein Stück Land sein, das hat nicht immer sei­ne Geschich­te, son­dern nur manch­mal, wenn man sie brau­chen kann, und hier braucht sie kei­ner mehr, sieht man ja, ist doch alles auf Zukunft gestellt. Geht doch hier alles nach vor­ne, Mehr­wert­stei­ge­rung, Umsatz­plus, wohin man schaut, Bewe­gung. Auch wir haben uns weg­be­wegt, vor allem von dem damals da, als der Gewer­be­park hier begann. Auto­bahn­bau. Da kann nie­mand behaup­ten, er oder sie wären noch da, auf die­ser Stel­le. Sind ja alle wie nichts raus aus dem Bild, in dem nie­mand sich auch heu­te auf­hal­ten mag, alle fah­ren immer nur durch, immer wei­ter durch, nie­mand bleibt ste­hen und dreht sich mal zur Kame­ra um, nicht ein­mal Anton Bruck­ner, der mit sei­ner Sin­fo­nie Num­mer 4, Es-Dur, die Roman­ti­sche, sowie­so nicht sit­zen blei­ben mag in sei­nem Bein- und Geburts-haus. Das steht ja auch in einem Ort, den es fak­tisch nicht mehr gibt.

Oft lau­fen ja Fil­me auf Bil­der zu, hier läuft der Film von die­sem Bild weg, nein, er ver­sucht es nicht zu ver­scheu­chen, mehr, es wie­der in Kon­takt zu brin­gen mit den ande­ren Bil­dern, er ver­sucht die Fas­sungs­lo­sig­keit einer Land­schaft in Geschich­ten zu über­füh­ren. Von die­sem Anfangs­bild kommt er inso­fern nicht wirk­lich weg, wie auch, es bleibt immer in der Nähe, es setzt sich fort, pflanzt sich fort, wie man auch sagt, und das schlech­te Feld, das der Titel ankün­digt, in dem die Fun­da­men­te aus Beton immer wie­der hoch­kom­men, Fun­da­men­te eines Zwangs­ar­bei­ter­la­gers für den Auto­bahn­bau, zeigt sich schon hier im Anschnitt. Aus­ge­rech­net hier, in die­sem Resto­ber­ös­ter­reich, dem Land mit den Durch­gangs­stra­ßen, dem Land mit den Anla­gen, wo schon lan­ge aus Her­mann-Göring-Wer­ken die Voest gewor­den ist und die Feld­ar­beit von einem Maschi­nen­park unter­nom­men wird und die Auto­bahn, unter Hit­ler gestar­tet, das Offen­sicht­li­che ist, spricht die­ser Film von feh­len­dem Abstand. Man hät­te die unend­li­chen Wei­ten zusam­men­neh­men müs­sen und sie um die­ses Feld, wo der­einst die Zwangs­ar­bei­ter wohn­ten, um die­sen Weg, den die KZ-Häft­lin­ge in ihrem Todes­marsch unter­nah­men, um die­se Zustän­de wie Schutz­schil­der zu stel­len. Der Film von Bern­hard Sall­mann hat die­se Wei­ten nicht, aber er hat Zeit, Zeit, Erzäh­lun­gen zu hören, Zeit, etwas wahr­zu­neh­men, die Archi­ve zu kon­sul­tie­ren, Zeit, sei­ne eige­ne Geschich­te zu befra­gen. Und nicht nur das, Zeit wird als Res­sour­ce in die­sen Film ein­ge­baut. Nur so gelingt es ihm, das gräss­li­che Bild zu ent­fal­ten, bis es sei­ne Unver­ständ­lich­keit los­wird, die uns pei­nigt.

© Spec­tor Books, Leip­zig 2022

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Aus: Katha­ri­na Mül­ler, Claus Phil­ipp (Hg.)
Pic­tu­ring Aus­tri­an Cine­ma
99 Fil­me / 100 Kom­men­ta­re
Spec­tor Books, Leip­zig 2022.
212 Sei­ten, 100 Abbil­dun­gen, € 32

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Online seit: 12. Dezem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 13. Dez. 2022