Ein Spiel gegen sich selbst

Lek­tü­re­no­ti­zen von Petra Nagen­kö­gel zu Büchern von Olga Tok­ar­c­zuk, Juan Car­los Onet­ti, Eli­as Canet­ti, Yan­a­ra Fried­land, Miloš Crn­jan­ski, Zol­tan Danyi, Yev­ge­nia Bel­o­ru­sets, Céci­le Wajs­brot, Gie­dra Rad­vil­a­vičiū­tė, Nastas­s­ja Mar­tin, Pas­cal Quig­nard.

Olga Tok­ar­c­zuk: Übun­gen im Fremd­sein

Eine so kon­zen­trier­te wie weit­läu­fi­ge Lek­tü­re, weil sich im Gesamt­zu­sam­men­hang der Essays stets neue Ver­bin­dun­gen erge­ben und die­ser Band auch for­mal umsetzt, wovon er spricht: eine „pan­op­ti­sche“ Hal­tung, die jedes ein­di­men­sio­na­le Den­ken unter­läuft. „Zum ers­ten Mal in der Geschich­te neh­men wir unse­ren Platz pla­ne­ta­risch wahr – als fest umris­sen, zer­brech­lich und leicht zu zer­stö­ren.“ Der „Erfah­rung der End­lich­keit der Welt“ folgt die Not­wen­dig­keit, die „anthro­po­zen­tri­schen Prä­mis­sen unse­rer Welt­be­trach­tung“ zu ver­ab­schie­den, den mensch­li­chen Ort in der Welt neu zu den­ken. Auf die­se Con­clu­sio lau­fen alle Essays des Ban­des zu. Für das Erzäh­len bedeu­tet das, eine „beson­de­re Posi­ti­on“ ein­zu­neh­men, „indem wir das Zen­trum ver­las­sen, den Bezirk einer als all­ge­mein gedach­ten (…) Erfah­rung der Wirk­lich­keit“. Eine „ex-zen­tri­sche Posi­ti­on“, die ange­sichts der öko­lo­gi­schen Zer­stö­rung umso wich­ti­ger scheint: „Denn schließ­lich wird es uns an Wör­tern (…) feh­len, und wer weiß, viel­leicht sogar an gan­zen Sti­len und Gat­tun­gen zur Beschrei­bung des­sen, was da kommt.“

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Juan Car­los Onet­ti: Gesam­mel­te Wer­ke, Band III und IV

Die­ser Som­mer ist einer des Wie­der­le­sens. Ein­mal mehr in Onet­tis Roma­nen geblät­tert, absichts­los, unge­rich­tet, weil sich ohne­hin auf jeder Sei­te, mit jedem Absatz auf­tun wird, was den Onet­ti­schen Kos­mos aus­macht. Das fik­ti­ve Städt­chen San­ta Maria, gegrün­det von einer Roman­fi­gur, erdacht als Befrei­ung aus der Wirk­lich­keit – um letzt­lich doch immer wie­der nur auf die Wirk­lich­keit zu ver­wei­sen, weil jeder Fik­ti­on die Unru­he eines kol­lek­ti­ven Bewusst­seins immer schon ein­ge­schrie­ben ist. San­ta Maria erscheint als Mikro­kos­mos, in dem sich die Ver­wer­fun­gen von Zivi­li­sa­ti­on, Kolo­nia­lis­mus, Kapi­ta­lis­mus in ihrer gan­zen pathe­ti­schen Aus­weg­lo­sig­keit zei­gen. „Ich bin erneut hier. Nackt, und das ist kei­ne Lite­ra­tur, denn die­ser Som­mer ist erbar­mungs­los gegen die Armen.“ Ein gran­dio­ses Werk, das die Kraft der Ima­gi­na­ti­on eben­so fei­ert wie ihr Schei­tern.

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Eli­as Canet­ti: Über Tie­re

Von Tok­ar­c­zuks Essay „Die Mas­ken der Tie­re“ (aus dem erwähn­ten Band) ange­regt, Canet­ti wie­der­zu­le­sen. Auch hier die Befra­gung des mensch­li­chen Orts im Welt­gan­zen, auch hier die Umkeh­rung der gewohn­ten Per­spek­ti­ve, die Absa­ge an eine hier­ar­chisch gedach­te Grenz­zie­hung zwi­schen Tier und Mensch. Und – aus­ge­hend von Canet­tis „Aus­ge­hun­gert­sein“ nach Tie­ren, sei­ner als Man­gel erfah­re­nen „tier­lo­sen Kind­heit“ – der zen­tra­le Gedan­ke: Wel­chen Ver­lust das Ster­ben von Arten für uns bedeu­tet. „Von den Tie­ren sind wir abhän­gi­ger als sie von uns: sie unse­re Geschich­te, wir ihr Tod. Wenn es sie nicht mehr gibt, wer­den wir sie alle müh­se­lig aus uns erfin­den.“ Nicht zuletzt unser Träu­men, so Canet­ti, sei an die Viel­ge­stal­tig­keit der Tie­re gebun­den. Ihr Ver­schwin­den wer­de auch unse­re Bega­bung zum Träu­men ver­sie­gen las­sen.

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Yan­a­ra Fried­land: Uncoun­try. Eine Mytho­lo­gie

Zum drit­ten Mal gele­sen, ich kom­me mit die­sem Buch an kein Ende. Die Lek­tü­re wird zum Ereig­nis, sie ereig­net sich, mit jedem Satz, jedem Bild. Das Ima­gi­nä­re, das den Text trägt, ist Medi­um des Erken­nens. Eines Erken­nens des­sen, was sich her­kömm­li­chen Deu­tungs­mus­tern ent­zieht, der Logik, in der wir zu den­ken gewohnt sind. Erzählt wird von der Annä­he­rung an Fami­li­en­ge­schich­te, an die vor den Juden­po­gro­men 1905 aus Odes­sa geflüch­te­te Urgroß­mutter, den im Zwei­ten Welt­krieg deser­tier­ten und durch den Harz irren­den Groß­va­ter. Fami­li­en­le­gen­den, bruch­stück­haft vor­han­den, kaum doku­men­tiert. Statt sich an einem Rekon­stru­ie­ren, einem Nach­voll­zug ver­gan­ge­nen Lebens zu ver­su­chen, eröff­net die Autorin eine ande­re Bestim­mung von „Her­kunft“ durch einen Bezugs­rah­men, der wei­ter reicht: Mythen, Lite­ra­tur, christ­li­che, jüdi­sche, india­ni­sche Über­lie­fe­run­gen, die alle­samt mensch­heits­ge­schicht­li­ches Erfah­rungs­wis­sen und Gedächt­nis auf­be­wahrt haben. So wird die linea­re Zeit auf­ge­fal­tet zum Reli­ef. Und Uncoun­try zu einem Raum, in dem alles gleich­zei­tig anwe­send ist: Geschich­te und Gegen­wart, Mythos und Rea­li­tät, Spra­che und Bild. Und die Mus­ter, die sich abzeich­nen, über die Jahr­tau­sen­de hin­weg: Krieg und Ver­trei­bung, Flucht und Exil. Die mensch­li­che Suche nach Behau­sung.

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Miloš Crn­jan­ski: Tage­buch über Čar­no­je­vić

Ein Wie­der­le­sen auch das, ent­lang mei­ner frü­he­ren Unter­strei­chun­gen, eine zer­ris­se­ne Lek­tü­re, die der Dra­ma­tur­gie des Buchs kei­nen Abbruch tut, sie im Gegen­teil noch deut­li­cher wer­den lässt: Frag­men­ta­ri­sche Sze­nen, mäan­dernd zwi­schen Erin­ne­rung, Refle­xi­on, Visi­on, im stän­di­gen Wech­sel von Per­fekt und Prä­sens – der Krieg, aus dem der Erzäh­ler kommt, ver­un­mög­licht jeg­li­che Kon­ti­nui­tät. Das Gesche­he­ne ist so vor­bei, wie es nie vor­bei sein wird, weil es unab­schließ­bar ist, in Bil­dern wie­der­kehrt, weil es ver­ge­gen­wär­tigt wer­den will und jeg­li­che Hoff­nung auf eine Zukunft kon­ter­ka­riert. Oszil­lie­rend zwi­schen Melan­cho­lie und Sar­kas­mus dem­nach auch der leit­mo­ti­vi­sche Satz: „Aber ein schö­ne­res Jahr­hun­dert wird kom­men, es kommt immer eines.“ Ein Satz, vor gut hun­dert Jah­ren geschrie­ben, der durch sei­ne Wie­der­ho­lung / Varia­ti­on zuneh­mend zu einem schreck­li­chen wird: „Nach uns wird ein bes­se­res Jahr­hun­dert kom­men, immer kommt eines.“

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Zol­tan Danyi: Kada­ver­räu­mer

In Süd­un­garn gele­sen, unweit der ser­bi­schen Klein­stadt Sen­ta, in der Danyi wohnt, Rosen züch­tet und (auf Unga­risch) schreibt. Ein gna­den­lo­ses Buch, wuch­tig, auch zart. Sei­ne Figur, von Ver­dau­ungs­pro­ble­men gequält (etwas muss nach außen gebracht wer­den), ist getrie­ben davon, zu erzäh­len, um sich zu erin­nern, um „eine Geschich­te, die er in sich hat­te, zu über­schrei­ben“. Die­se Geschich­te führt in ein gesetz­lo­ses Nie­mands­land, an die Hin­ter­sei­te der Front der Jugo­sla­wi­en-Krie­ge, zu Mas­sa­kern, Ver­ge­wal­ti­gun­gen, Exzes­sen von Lust und Gewalt. Erzäh­len, Erin­nern und Kör­per­lich­keit bedin­gen ein­an­der. In immer neu­en Anläu­fen stößt der Erzäh­ler sei­ne Sät­ze aus, kreist er sei­ne Erin­ne­run­gen ein und umgeht sie zugleich. In der Kon­struk­ti­on des Romans ver­mit­telt sich alles: Die Gebro­chen­heit eines Lebens, das Inein­an­der von Begeh­ren und Macht, Sexua­li­tät und Krieg. Fin­de als Lesen­de kei­ne Posi­ti­on gegen­über die­ser Figur, für ihr Schwan­ken zwi­schen Gewalt­fan­ta­sien und Lie­bes­sehn­sucht, für das Gleich­zei­ti­ge von Schuld und Beschä­di­gung, das sie ver­kör­pert. Zum Glück macht das Buch jede Ein­deu­tig­keit unmög­lich.

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Yev­ge­nia Bel­o­ru­sets: Glück­li­che Fäl­le

Täg­lich einen Text aus die­sem Band gele­sen, die weni­gen Sei­ten sind kon­zen­triert genug. Por­traits von Frau­en im Don­bass, aus dem Jahr 2017. Aus­ge­hend von Gesprä­chen und Begeg­nun­gen ver­schiebt sich das Doku­men­tier­ba­re ins Lite­ra­ri­sche, das auch das Unge­sag­te / Nicht-Sag­ba­re mit­le­sen lässt. Dazu Foto­se­ri­en von Plat­ten­bau­ten, Indus­trie­rui­nen, ent­leer­ten Gegen­den, aber auch von ein­ge­räum­tem, vor­läu­fi­gem Glück. Par­al­lel lese ich Yev­ge­ni­as Tex­te aus den letz­ten Kriegs­mo­na­ten nach, im Spie­gel noch abruf­bar.

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Céci­le Wajs­brot: Zer­stö­rung

Inten­si­ve, beun­ru­hi­gen­de Lek­tü­re. Das Buch setzt ein, wenn die Zer­stö­rung längst im Gan­ge ist. Wo hat sie begon­nen, was wur­de über­se­hen, wo wären die Wei­chen zu stel­len gewe­sen? Wie die Autorin die Dyna­mik einer sich unmerk­lich anbah­nen­den, dann wei­ter um sich grei­fen­den und schließ­lich unauf­halt­ba­ren Zer­stö­rung durch ein gesichts­lo­ses auto­ri­tä­res Sys­tem auf­fä­chert. Wie sie die ste­ti­ge Zuspit­zung dar­stellt, die täg­lich sich ver­en­gen­den Gren­zen. Wie sie die Per­spek­ti­ve des Wider­stands ein­flicht durch ein Netz aus inter­tex­tu­el­len Ver­wei­sen auf Bücher, Fil­me, Kunst. Wie sie das Schlimms­te beschreibt: dass wir uns an alles gewöh­nen.

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Gie­dra Rad­vil­a­vičiū­tė: Der lan­ge Spa­zier­gang auf einer kur­zen Mole oder: Mein Spiel gegen mich selbst

„Als ich in den 1960er Jah­ren in einer klei­nen Pro­vinz­stadt gebo­ren wur­de, schos­sen sowje­ti­sche Sol­da­ten das Flug­zeug des ame­ri­ka­ni­schen Spi­ons Powers ab, das die intims­ten Orte unse­res gro­ßen Lan­des aus­ge­forscht hat­te.“ So sprö­de und lapi­dar kommt die eige­ne Bio­gra­fie sel­ten daher oder viel­mehr: die Rück­ver­wand­lung von Bio­gra­fie in Leben. Die Erzäh­le­rin, die nicht zufäl­lig Schrift­stel­le­rin ist, treibt von Moment zu Moment und ver­schränkt dabei – durch mini­ma­le erzäh­le­ri­sche Inter­ven­tio­nen – die (schein­ba­re) Bana­li­tät des All­täg­li­chen mit dem, was wir His­to­rie nen­nen. Deren Zumu­tun­gen sie eben­so lako­nisch begeg­net wie jenen des Älter­wer­dens oder der Atti­tü­den ihrer Schrift­stel­ler­kol­le­gen. Wie bei­läu­fig ent­wi­ckelt sich dar­aus eine Poe­to­lo­gie ex nega­tivo, eben­so bei­läu­fig ver­mit­telt sich die litaui­sche Geschich­te der letz­ten Jahr­zehn­te. „Da wur­de Oma wirr im Kopf (…), doch sie fing an, gegen den Wind zu gehen, gegen mäßig fri­schen Wind, und das half.“

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Nastas­s­ja Mar­tin: An das Wil­de glau­ben

Mei­ne Lek­tü­ren erge­ben ein Mus­ter. Auch hier das Nach­den­ken über „Zonen der Alteri­tät“, die Diver­genz der Wel­ten, aus der Sicht einer Anthro­po­lo­gin, aus­ge­hend von ihren Rei­sen nach Kamt­schat­ka zu den Ewe­nen, der Begeg­nung mit deren halb­no­ma­di­scher Lebens­wei­se, ihrer Nähe zu Traum­zeit, Ani­mis­mus, Kos­mo­lo­gie. Unweit von den Lebens­räu­men der Ewe­nen das größ­te Übungs­ge­län­de der rus­si­schen Armee. In die­sem gehei­men Zen­trum, auf der Inten­siv­sta­ti­on eines Mili­tär­kran­ken­hau­ses in Petro­paw­lowsk wird die Erzäh­le­rin erst­ver­sorgt, nach­dem ein Bär ihr das Gesicht zer­fetzt hat – in einem „Zusam­men­treffen“, das „die Gren­zen zwi­schen den Wel­ten implo­die­ren ließ“. Spä­ter, in Frank­reich, wird die im „Osten“ ein­ge­setz­te Kie­fer­plat­te ersetzt durch eine aus dem „Wes­ten“, ver­la­gert sich der Ost-West-Kon­flikt in den Kör­per, das Gesicht. Fas­zi­nie­ren­de Lek­tü­re, die nach­wirkt, mir den Blick ver­rückt, den Rah­men des Denk­ba­ren wei­tet.

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Pas­cal Quig­nard: Auf einer Ter­ras­se in Rom

Soeben zu lesen begon­nen, die ers­ten Zei­len schon eröff­nen die Zeit, den Raum, den Ton: „Meau­me sag­te ihnen: ‚Ich bin im Früh­jahr 1617 in Paris gebo­ren. Gelernt habe ich bei Fol­lin in Paris. Bei Rhuys dem Refor­mier­ten in der Stadt Tou­lou­se. Bei Heem­kers in Brüg­ge. Nach Brüg­ge dann leb­te ich allein. (…) Die ver­zwei­fel­ten Men­schen leben in Win­keln. Alle ver­lieb­ten Men­schen leben in Win­keln. Alle Leser eines Buches leben in Win­keln.‘“

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Petra Nagen­kö­gel, gebo­ren 1968, lebt als freie Schrift­stel­le­rin in Wien.

VOLLTEXT 3/2022

Online seit: 1. Dezem­ber 2022

Online seit: 1. Dezem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Dez. 2022