Etwas liegt in der Luft

Von Wolf­gang Her­mann. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 86
Wolfgang Hermann © Andrea Peller

Wolf­gang Her­mann. Foto: Andrea Pel­ler

Etwas liegt in der Luft, ein Sto­cken, als glaub­te kei­ner mehr an kom­men­de gute Zei­ten. Als wür­de jeder Gedan­ke an einer dunk­len Wand ver­dor­ren. Als wür­de jedes Leben in ero­dier­ter Erde ver­lö­schen.

Wir tra­gen sol­che Bil­der in uns, jeder, der die Bil­der der Kri­se kon­su­miert, die in Echt­zeit um die Erde jagen. Wir sehen die­se Bil­der, die­se Bil­der sehen uns, wäh­rend wir mit Freun­den in schön beleuch­te­ten Gast­gär­ten sit­zen, in kli­ma­ti­sier­ten Hoch­ge­schwin­dig­keits­zü­gen durch die Land­schaft jagen, wäh­rend wir digi­tal über­all zugleich sind, und doch erfah­rungs­arm.

Kri­se war immer. Tod und Grau­sam­keit, Krieg und Elend waren immer. Doch so wenig Hoff­nung, so wenig Mor­gen, so wenig Auf­bruch wie jetzt in die­sem unse­rem müden West­eu­ro­pa waren lan­ge nicht mehr. Oder ist ein sol­cher Satz nur eine wei­te­re von vie­len Mut­ma­ßun­gen, halt­los wie alles in unse­rer Zeit?
Halt­los, wo und für wen? Der Wes­ten, unser Wes­ten ist müde, sag­te ich. Müdig­keit trübt den Blick. Denn drau­ßen, weit­ab von unse­ren müden Augen, von den müden Augen derer, die das Pri­vi­leg haben, nicht so nah an der Gewalt der Ver­hält­nis­se zu sein, daß sie deren Grau­sam­keit an ihrer eige­nen Haut zu spü­ren bekä­men (denn dann wären sie nicht müde, son­dern in Alarm­be­reit­schaft) – denn drau­ßen, wo Men­schen von der gan­zen Wucht der Zei­ten­wen­de, die sich gera­de voll­zieht, getrof­fen wer­den, da bleibt kei­ne Zeit für Müdig­keit.

Für unser digi­ta­les Auge schei­nen vie­le Welt­un­ter­gän­ge gleich­zei­tig statt­zu­fin­den. Doch in der rea­len Welt, an den Rän­dern, wo ver­lo­re­ne Schat­ten über in der Hit­ze flim­mern­de Ödzo­nen wan­ken, dort geschieht Wirk­lich­keit? Ja, aber auch die­se schwan­ken­den Schat­ten ver­fol­gen über ihr Smart­phone live die schwan­ken­den Schrit­te ande­rer Schat­ten am ande­ren Ende der Welt. Wäh­rend­des­sen spre­chen irgend­wo in der Ers­ten Welt gegen ein klei­nes fei­nes Hono­rar ein paar klu­ge Köp­fe vor Mikro­fo­nen über die Kunst des Schei­terns, als wäre es der letz­te Schrei, die cools­te Sache über­haupt, zu schei­tern.

Schrei­ben: im eige­nen Kos­mos Ord­nung her­stel­len, notier­te ich. Doch könn­te es nicht auch sein, daß Schrei­ben ein Weg ist, von sich selbst abzu­se­hen und sich der Welt da drau­ßen hin­zu­ge­ben, oder zumin­dest dem, was sich auf unse­rer Netz­haut als Welt abbil­det, als Aneig­nung von Welt.

Wenn Hegel die Wahr­heit der Sinn­li­chen Gewiß­heit („Das Jetzt ist die Nacht“) im Jah­re 1806 noch in der Spi­ra­le des auf­stei­gen­den Geis­tes auf­he­ben konn­te, bis zum „abso­lu­ten Wis­sen“ in der „Schä­del­stät­te des abso­lu­ten Geis­tes“ – so bleibt uns Heu­ti­gen kaum noch das Stück­werk, die Trüm­mer des­sen, was von der „Schä­del­stät­te“ übrig­blieb; nicht ein­mal mehr das, da doch das begriff­li­che Den­ken selbst in Miß­kre­dit und Schief­la­ge gera­ten ist. Bleibt uns also das wort­lo­se Glot­zen auf die schö­nen Schnapp­schüs­se aus einer bes­se­ren Insta­gram-Welt, sonst nichts?

Neu­lich, spät nachts an einer Wie­ner Tank­stel­le, erzähl­te mir der grie­chi­sche Tank­wart von sei­nem Leben hier: „Ich bin seit vier Jah­ren hier. Ich muß sagen, alles funk­tio­niert her­vor­ra­gend, die Stra­ßen­bah­nen fah­ren, die Autos blei­ben bei Rot an der Ampel ste­hen. Aber sonst? In Deutsch­land, in Öster­reich kann man nicht leben, man wird schwer­mü­tig! Bei mir zu Hau­se in Thes­sa­lo­ni­ki ruft der Nach­bar schon von wei­tem „Wie geht es Dir?“. Man nimmt Anteil anein­an­der, man küm­mert sich umein­an­der! Hier kannst Du nur ster­ben. Zwei jun­ge Mäd­chen kom­men nachts um drei betrun­ken in mei­ne Tank­stel­le. Ich fra­ge: Wo sind die Eltern die­ser Mäd­chen? Küm­mert sich nie­mand? Mei­ne Kin­der waren für zwei Mona­te in Wien, das hat ihnen gereicht. Sie haben gesagt: „Papa, hier kann man nicht leben, wir gehen zurück nach Grie­chen­land.“ Und ich gehe jetzt auch zurück, mir reicht es.“

In eini­ger Zeit, wenn sich der Staub des Jetzt gelegt haben wird, wer­den wir die­se Jah­re kla­rer sehen kön­nen. Frei­lich nützt uns das im Augen­blick der Kri­se nichts, und es ist uns auch wenig Trost zu wis­sen, daß jede Epo­che ihre Kri­sen hat­te und Gene­ra­tio­nen vor uns durch weit här­te­re Zei­ten gegan­gen sind. Doch waren die­se Zei­ten damals auch von sol­cher Unschär­fe, von soviel auf­ge­wir­bel­tem Staub gekenn­zeich­net? Ganz gewiß, nur die Art des Staubs hat sich ver­än­dert. Ver­än­dert hat sich vor allem die mul­ti­per­spek­ti­vi­sche Prä­senz von Signa­len aller Art, die auf jeden, der Zugang zum Inter­net hat ein­stür­men. Jeder hat Zugriff auf Zeug­nis­se, Pos­tings und fake news aller Art. Es ist eine Kako­pho­nie der Auf­ge­regt­heit, eine per­ma­nen­te Über­steue­rung, die davon ablenkt, daß hin­ter die­ser Lärm­ku­lis­se tat­säch­lich Kräf­te am Werk sind, die man in alten Zei­ten viel­leicht dämo­nisch genannt hät­te. Hin­ter all dem Lärm um Gen­der­ge­rech­tig­keit, Diver­si­tät und die Ret­tung des Welt­kli­mas dre­hen star­ke Kräf­te (mit Unter­stüt­zung von Netz­wer­ken, die auch die sozia­len Medi­en unter­wan­dern) am Rad der Geschich­te.
Etwas liegt in der Luft. Kann das alles noch gut gehen? Das haben sich wahr­schein­lich Men­schen jeder Gene­ra­ti­on gefragt, und wäh­rend sie nach einer Ant­wort such­ten, setz­ten ande­re die Mark­stei­ne, die dann die Welt aller bestimm­ten.

Als Schrei­ber gehö­re ich zu denen, die, um die­se Welt aus­zu­hal­ten, unter der Schran­ke des Sicht­ba­ren durch­schlüp­fen, mit einem Augen­schlie­ßen ein­tau­chen in die ande­re Welt, in die Welt der inne­ren Bil­der.

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Wolf­gang Her­mann, gebo­ren in Bre­genz, stu­dier­te Phi­lo­so­phie in Wien, anschlie­ßend lan­ge Auf­ent­hal­te in ver­schie­de­nen Län­dern. Zahl­rei­che Bücher, von Das schö­ne Leben (Han­ser 1988) über u.a. Herr Faus­ti­ni ver­reist, Abschied ohne Ende, Flie­hen­de Land­schaft, Das japa­ni­sche Fähr­ten­buch bis zuletzt Wal­ter oder die gan­ze Welt, Der Licht­ge­her, Herr Faus­ti­ni bekommt Besuch, Insel im Som­mer. Im Früh­jahr 2023 erscheint Bild­nis mei­ner Mut­ter. Über­set­zun­gen in zahl­rei­che Spra­chen.

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Hier und Heu­te. 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. 100 Wochen lang, jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 7. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 8. Okt. 2022