Gedichte

Von Petra Gangl­bau­er. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 84
Petra Ganglbauer © Marko Lipus

Petra Gangl­bau­er. Foto: Mar­ko Lipus

 

Mein Herz fürch­tet den Schlag

der Erde ent­ris­sen & wie
Von Sin­nen die Dur und die Moll
Der Wäl­der, der Fel­der, der Was­ser –

Wie nie

Und hin & her
Geris­sen der Schrei und das Schwei­gen
Der Tie­re, der Pflan­zen, Pla­ne­ten –

Wie schnell

Die Tage ver­ge­hen im Unge­wis­sen
Der Bil­der und Kriegs–
Ver­sehr­ten Gesich­ter (der Schmer­zen) –

Wie irr

Schwillt das Meer (und das Land)
Als Aschen­ge­heim­nis ins Lee­re
Geschos­sen, der Weg und das Ziel –

Wie immer

Suchen die hin­ter Git­tern das Leben
Jen­seits der Welt und träu­men sich
Weg aus dem Irren (Sinn) –

Wie groß

Sind die Blit­ze aus Angst & aus Schat­ten
Die Her­den zie­hen sich zurück, wer­den
Klei­ner, Ver­such (und Kanin­chen) –

Wie weh

Rufen die Stim­men aus dem Turm der Köp­fe,
Die Ris­se in ihnen wie Täter
Der See­le, der Haut (und der Kno­chen) –

Wie hart

Hofft es sich zwi­schen Stroh & den Hal­men
In der Tie­fe des Gra­ses (des Gra­bes).
Die Son­ne ist noch eine hal­be Schei­be –

Wie dun­kel

Geheim­nis auf ernüch­ter­ten Wegen
Die gegen­ein­an­der und wie Geschütz
Gebell, der Anfang (das Ende) –

Wie nah

Ent­fern­te zer­fal­len die Län­der unter den
Mäch­ti­gen, dem Hagel der Spra­che
Sprach­lo­ser Nicht-Atmer (& Schwim­mer) –

Wie zart

Der Flug der Libel­len wie Luft ohne
Wett und Rüs­ten am Kampf vor­bei & geflo­gen
Zer­tanz­te Kano­nen (Gedan­ken) –

Wie scharf

Das Brül­len von Fischen wie laut
Das Getö­se der Kör­per unter
Und über den Schnei­de­ma­schi­nen –

Wie sicher

Der Tod der Wesen aus Kör­per (& Flucht):
Die Kleins­ten scha­ren sich zusam­men
Unter einem wol­ken­los Dro­hen­den (Him­mel) –

Wie blau

Fär­ben sich die Gemü­ter zurück
Ins Nichts und vor der Erkennt­nis
Blei­ben die Wachen (Gedich­te) umzin­gelt –

Wie ab-

Und Schaum und Auf-Gespieß­tes
Auf Pfei­lern der Enge des Geis­tes
Der rasan­ten, der uns­ri­gen Lärm­fa­brik –

Wie still

Sagen die Stim­men (Gib mir dein Leben!)
Und welt­ge­wohnt töten wir zurück
Ins Ein­ge­mach­te (Geschich­te) –

Wie alt

Und in der zuge­but­ter­ten Land­schaft
Enden die wuchern­den Pflan­zen:
Die­se Taub­heit um Feld & Tier –

Wie grell

Das Ver­grei­fen im Stil der Gedan­ken-
Lücken, die­se über­gro­ßen Aus­lö­scher:
Der Schlei­er (der Angst) explo­diert –

Wie laut

Ver­le­sen wir uns, ver­lie­ren (den Zusam­men­hang)
Durch­sägt & leer­ge­fegt der Erden­raum
Das Blick­feld zuckt und ruckelt, ver­zerrt sich –

Wie ab-

Gestellt gehen die Erzäh­lun­gen zu Ende.
Es dräut und droht das Leben als Text,
Als fal­sche Fähr­te (& Alfa­bet­zer­fall) –

Wie trot­zig

Nimmt es uns vom Netz (der Ereig­nis­se).
Das Gefäng­nis bleibt ein Kör­per
Gegen den Him­mel gerich­tet, auf den Staub zu –

Wie jung

Der Par­cours aus Krie­gen als Dro­ge
Über­schwemmt von Objek­ten, Ter­ri­to­ri­en.
Die Rasanz der Raum­not aus Kopf­ge­wühl –

Wie hohl

Legt sich die Ein­sam­keit in klei­nen Krei­sen
Und zuse­hend (s) ums Herz aus Ver­rat und
Ver­füh­re­ri­scher Höhe (Höl­le) –

Wie kalt

Das Win­ter­was­ser aus Bil­dern (Split­tern),
Arm­stumpf und Selbst­ver­ges­sen­heit:
Die Boden­lo­sig­keit der Fra­gen –

Wie echt

Ist der Schein aus Manö­vern und Täu­schung
Als der Klar­heit der Unsum­men aus
Zer­stör­tem Blü­ten-Staub (das Bild nach dem Bild) –

Wie hübsch

Die ver­las­se­ne Stadt, die Trup­pe trennt Stein
Von Stei­nen, die See­len der schar­fen Schüt­zen.
Der Ort ist kei­ner von weni­gen –

Wie noch

Das Eigens­te an die Wän­de gedrückt, die Flie­gen
Die Tiger, das Huhn über (!) flüs­sig gemacht.
Die Angst­au­gen aus­ge­packt wie Löcher –

Wie unor­dent­lich

Die Flucht­for­meln aus uni­ver­sa­lem Schot­ter,
Die kos­mi­sche Strah­lung erhitzt sich zu Tode.
In unse­ren Mas­ken schlum­mern gefähr­li­che Über­gän­ge –

Wie eif­rig!

* * *

Mein Herz steht still bei­na­he

beim Anblick der Anmut
Toter Tie­re –
Die Flü­gel, die schrei­en­den,
Sich legen, ver­klin­gen
Im Kna­cken der Hufe, der stür­zen­den
Häl­se: Giraf­fen, wie Ber­ge die
Brö­ckeln, ganz ein­ge­knickt & ein-
Gebro­chen (im Film
Über das Ster­ben durch Schüs­se).
Und selbst bewe­ge ich mich
Kaum, also schla­fend im Dort &
Mit geschlos­se­nen Augen –
Dort, wo sich aber nur &
Ganz viel­leicht
Die Welt neu fin­det:
Wo alle Namen ver­lus­tig gehen,
Kein Hin­der­nis & die Ven­ti­le
Nicht mehr in den See­len ste­cken:
Die Pan­zer erweicht und gelöscht
Aus den Bil­dern, die fal­len:
Dort flie­hen die Macht-Wör­ter vor
Der Boden­lo­sig­keit des Wesen­haf­ten:
Hin­ter­las­se­nes und Gestän­dig­keit
Schim­mern im Reg­lo­sen
Der Spra­che der weiss und pas­tel­le­nen
Auf­lö­sung, die Nacht wird zum Ufer
Zum Dop­pel­ten
Boden der Not­ge­plag­ten,
Die schwarz­weiss ent­glei­sen
Auf ihrer Bahn, die vor­gibt
Das Leben zu sein:
Eine Star­re, ein Kalt­dun­kel
Der Fak­ten und täg­li­chen
Irr­we­ge.

* * *

An den Wol­ken vor­bei­dun­keln

also den Flucht­weg betre­ten im
Luft­lee­ren der Farb­fet­zen aus
Kör­pern und Geschich­te, aus
Rasen­den Erin­ne­run­gen als
Wäre das alles
Nie gewe­sen, nicht ein­mal
Hin­ter den Him­meln, den Schlei­ern:
Der Kampf geht nach innen
Steckt tief – im Fleisch der Erde &
Krallt sich fest an den Flam­men.
Die Angst vor dem Feu­er
Ist wei­ter als Klei­der
Oder (fal­sche) Erzäh­lun­gen:
Die machen alles täg­lich klei­ner.
Die Erzäh­ler tra­gen den Kopf gera­de
Und über den Ande­ren & wei­ter
Noch über dem Was­ser,
Das steigt und die Sät­ze ersäuft!
Die bis ins Letz­te zerstreck­ten
Gedan­ken kurz vor dem
Zer­fall (der Bücher), Welt.
Die Last des Ver­ges­sens
Bedrückt & betrügt uns:
Wir grei­fen zu ver­form­ten
Mit­teln (aus fal­schen Fähr­ten
& Explo­si­on).
Ver­le­sen uns & gehen
Nicht ein­mal (!)
Zu Grun­de.
Wir gehen durch:
Ver­rückt gewor­de­ne
Insze­nie­run­gen (tag­hel­le!
Täu­schun­gen!) wie­der­ho­len
Wir uns selbst
Im Geze­ter der leer gewor­de­nen
Son­nen.

* * *

Als Ereig­nis aus Zufall

schießt ein flam­men­der Fin­ger
Und ent­völ­kert das Land,
Den Find­ling & er kommt nicht
Vom Fleck – zum Teig wer­dend
Geht die Welt…
Aus den Fugen gera­ten, schlür­fen die
Letz­ten den Regen
(Der Unaus­weich­lich­keit).
Die fal­sche Trau­er bleibt:
(Das Licht nicht!)
Die Zeit­zeu­gen des Ver­schwin­dens
Spie­len ihr Stück: Ein Graus
Aus Leer­ge­feg­tem &
Alle haben
Ihre Federn gelas­sen.
Im Aschen­hau­fen fun­kelt es.

 

* * *

Petra Gangl­bau­er, gebo­ren 1958 in Graz, Autorin, Radio­künst­le­rin, Schreib­päd­ago­gin, lebt in Wien. Lyrik, Pro­sa, Hör­stü­cke, Essays. Hör­spiel. Wie­ner Vor­le­sun­gen zur Lite­ra­tur. Inter­me­dia­le Pro­jekt­kon­zep­tio­nen. Lei­tung des Lehr­gangs Schreib­päd­ago­gik. Von 2014 bis 2019 Prä­si­den­tin der Gra­zer Autorin­nen Autoren­ver­samm­lung. Lek­to­rin für Krea­ti­ves Schrei­ben an der Uni­ver­si­tät Graz, 2020/2021. Ver­öf­fent­li­chun­gen, zuletzt: Gefeu­er­te Sät­ze, Lim­bus, 2018, Radix, Radi­ces, Hör­stück, ORF-Kunst­ra­dio, 2020, Die Tie­fe der Zeit, Biblio­thek der Pro­vinz, 2021.
Bei­trag in: To Coven­try by the Sun, Nine Arches Press, 2021. In Arbeit: Die Ent­frem­dung fährt dazwi­schen. Gedich­te.

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Hier und Heu­te. 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. 100 Wochen lang, jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 23. Sep­tem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 23. Sep. 2022