Christoph W. Bauer: Lektürenotizen

Anmer­kun­gen zu Jor­ge Luis Bor­ges, Rafa­el Alber­ti, Gert Jon­ke, Gui­do Caval­can­ti, Bar­ba­ra Köh­ler, Rapha­el Urwei­der, Durs Grün­bein, Gai­us Vale­ri­us Catul­lus, Georg Tra­kl und Sor Jua­na Inés de la Cruz.
Christoph W. Bauer © Fotowerk Aichner

Chris­toph W. Bau­er. Foto: Foto­werk Aich­ner

Gai­us Vale­ri­us Catul­lus: Gedich­te
Es gibt Ver­se, die beglei­ten mich seit Jah­ren durch die Tage. Unver­mit­telt tau­chen sie in mir auf, in den unter­schied­lichs­ten Situa­tio­nen, wie vor­hin im Kaf­fee­haus, als ein Paar sich nach einem hef­ti­gen Wort­wech­sel unver­wandt anstarr­te. Sofort kam mir eines der bekann­tes­ten Epi­gram­me aus der anti­ken Lite­ra­tur in den Sinn: „Ich has­se und ich lie­be, war­um, fragst du viel­leicht / ich weiß es nicht, füh­le es aber – und wie es mich zer­reißt.“ Habe ich einen Vers im Kopf, for­dert er mich oft dazu auf, nach dem Buch zu grei­fen, aus dem er stammt, also zog ich – wie­der zu Hau­se – den Band mit Gedich­ten von Gai­us Vale­ri­us Catul­lus aus dem Regal. Vie­len sei­ner Ver­se sieht man die zwei­tau­send Jah­re nicht an, die seit ihrer Ent­ste­hung ver­gan­gen sind, sie füh­ren Situa­tio­nen vor Augen, wie sie wohl für Men­schen aller Epo­chen und Gene­ra­tio­nen nach­voll­zieh­bar sind. Catulls Ver­se fas­zi­nie­ren mich durch ihre zupa­cken­de Art, sie wir­ken rau im Ver­gleich zu jenen sei­ner Nach­fol­ger Ovid, Pro­perz oder Horaz und sind dabei doch Aus­druck eines Dich­ters, der sein Hand­werk anzu­wen­den weiß.

Gui­do Caval­can­ti: Gedich­te
So gar nicht rau sind die Gedich­te des Gui­do Caval­can­ti, sie fol­gen dem Pro­gramm des Dol­ce stil novo, und doch den­ke ich bei der Lek­tü­re die­ser Gedich­te oft an das Epi­gramm von Catull, wenn Caval­can­ti schreibt: „Ich weiß es nicht, war­um mein Herz mich treibt / zu lie­ben, wenn es lei­det / und Seuf­zer es bestür­men. Ach, es kann / mehr Gna­de nicht erfle­hen und bleibt / der Lebens­kraft ent­klei­det.“ Klar, Caval­can­ti, der Zeit­ge­nos­se und Men­tor von Dan­te Ali­ghie­ri, bedient das Kli­schee des gen­re­ty­pi­schen Ver­sa­gens vor der Lie­be, mehr aber noch rückt er das Schei­tern am Leben in den Mit­tel­punkt sei­ner Dich­tung. An einer ande­ren Stel­le heißt es bei ihm: „Zumal ich aus dem Tode schöpf mein Leben, / aus Schwer­mut Freu­de noch, / wes­halb dann drängt mich doch / der Lie­bes­geist, der Lie­be nach­zu­ge­ben?“ Caval­can­tis schma­les Werk, gera­de ein­mal 52 Gedich­te umfasst es, erstaunt mich bei jedem Wie­der­le­sen aufs Neue durch sei­ne mit­un­ter modern anmu­ten­de Meta­pho­rik.

Sor Jua­na Inés de la Cruz: Gedich­te
Frei­lich, dass ich mit mei­ner Les­art diver­ser Gedich­te einem Trug­schluss erlie­gen könn­te, davor warnt mich Sor Jua­na Inés de la Cruz, vor mehr als zwei Jahr­zehn­ten stieß ich über Octa­vio Paz auf die mexi­ka­ni­sche Barock­dich­te­rin und Non­ne. Seit­dem lässt mich ihr Werk nicht los, eine ihrer Stro­phen fällt mir oft ein: „Die­ses bun­te Trug­bild, das du vor dir siehst, / an dem der Maler höchs­te Kunst auf­wen­det, / damit du dar­aus fal­sche Schlüs­se ziehst / und dir der Far­ben Pracht die Sin­ne blen­det.“ Ste­he ich vor einem Kunst­werk oder einem Werk der Künst­lich­keit? Fra­gen wie die­se wer­fen vie­le Gedich­te Sor Jua­nas auf, sie sind für mich der Mehr­wert, den ich aus die­sen Gedich­ten zie­he, aus Sonet­ten, die wie aus einem Guss kom­men und die für mich den Höhe­punkt baro­cker Dicht­kunst dar­stel­len. Aber, und wie­der muss ich mich hin­ter­fra­gen, viel­leicht ist mein Über­schwang Sor Jua­nas Bio­gra­fie geschul­det? Sor Jua­na stellt Fra­gen, sie strebt nach Wis­sen, wird wie­der­holt ermahnt, sich reli­giö­sen The­men zu wid­men, sie hin­ge­gen pocht auf das Recht der Frau auf Wis­sen und Bil­dung, ver­sucht sich zu wider­set­zen, wird zum Schwei­gen ver­don­nert – und ver­stummt.

Georg Tra­kl: Gedich­te und Brie­fe
Bio­gra­fien von Dich­te­rin­nen und Dich­tern, so erken­ne ich das heu­te, spiel­ten vor allem bei mei­nen frü­hen Lese­er­fah­run­gen eine gro­ße Rol­le. Was war ich als Gym­na­si­ast nicht ange­tan von Georg Tra­kl. Vor allem sei­ne Brie­fe begeis­ter­ten mich, eine Pas­sa­ge beglei­te­te mich wochen­lang: „Aber ich bin der­zeit von all­zu viel (was für ein infer­na­li­sches Cha­os von Rhyth­men und Bil­dern) bedrängt, als dass ich für ande­res Zeit hät­te, als dies zum gerings­ten Teil zu gestal­ten, um mich am Ende vor dem, was man nicht bewäl­ti­gen kann, als lächer­li­cher Stüm­per zu sehen, den der gerings­te äuße­re Anstoß in Krämp­fe und Deli­ri­en ver­setzt.“ Star­kes Voka­bu­lar. Und im sel­ben Brief, geschrie­ben an Erhard Busch­beck im Juli 1910: „Was für ein sinn­los zer­ris­se­nes Leben führt man doch.“ Das bespiel­te mein dama­li­ges Lebens­ge­fühl,