Der milde Wilde – Ken Russel

Von Peter Ste­phan Jungk. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 80
Peter Stephan Jungk © Lillian Birnbaum

Peter Ste­phan Jungk. Foto: Lil­li­an Birn­baum

Ken Rus­sell, 1927 – 2011, war einer der wich­tigs­ten Film­re­gis­seu­re des 20. Jahr­hun­derts. Die­ses Por­trät ent­stand im Früh­jahr 1986 für das Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Maga­zin. Der Text ist nie erschie­nen, da der Foto-Redak­teur des Maga­zins die wun­der­ba­re Foto­stre­cke von Lil­li­an Birn­baum, die mei­nen Text beglei­ten soll­te, als „zu wenig insze­niert“ abge­lehnt hat. Den Bei­trag heu­te, in den 20er Jah­ren des 21. Jahr­hun­derts zu lesen, gleicht gewis­ser­ma­ßen einer Rei­se mit der Zeit­ma­schi­ne.

Er sieht ganz wie ein Musi­ker aus.

Jetzt summt er, im Taxi­rück­sitz, lei­se vor sich hin.

Kom­po­nis­ten, Diri­gen­ten, Opern­sän­ger zäh­len zu sei­nem Freun­des­kreis.

Er kann kei­ne Noten lesen.

Rock­stars zäh­len zu sei­nem Freun­des­kreis.

Er sieht Beet­ho­ven auf­fal­lend ähn­lich, bil­de ich mir ein.

Mahler, Strauß, Elgar und Deli­us, Tschai­kow­sky und Liszt sind die Hel­den sei­ner Träu­me. Träu­me, die er in üppi­ge, über­mü­ti­ge Kom­po­nis­ten­fil­me ver­wan­delt hat, im Lau­fe der letz­ten zwan­zig Jah­re.

Teu­fels­be­ses­se­ne Non­nen, per­ver­tier­te Pries­ter, Sadis­ten, Maso­chis­ten und ande­re Psy­cho­pa­then sind die Hel­den sei­ner Alp­träu­me – zu Licht­spiel­fi­gu­ren hat er auch sie gemacht, in Fil­men wie ‚The Devils‘, ‚Tom­my‘, ‚Alte­red Sta­tes‘, ‚Chi­na Blue‘.

Som­mer­fest­spie­le in Edin­burgh, wir ste­cken im Ver­kehrs­stau. „Wech­seln sie doch end­lich in die ande­re Spur!“, befiehlt Ken Rus­sell dem müden, über­for­der­ten Taxi­chauf­feur, der, Flü­che mur­melnd, der Anwei­sung Fol­ge leis­tet.

Rus­sell insze­niert bis­wei­len auch sein Pri­vat­le­ben: als er vor zwei Jah­ren, wäh­rend der Dreh­ar­bei­ten zu ‚Chi­na Blue‘ (Ori­gi­nal­ti­tel: ‚Cri­mes of Pas­si­on‘) zum zwei­ten Mal hei­ra­te­te, fan­den die Fei­er­lich­kei­ten an Bord des ehe­ma­li­gen Oze­an­damp­fers Queen Mary statt, der heu­te als Hotel und Luxus­re­stau­rant vor der Küs­te Hol­ly­woods ankert. Die Gäs­te erschie­nen in wei­ßen Mari­ne­uni­for­men, an denen gro­ße, glit­zern­de Medail­len prang­ten, eine Kapel­le spiel­te die Krö­nungs­mu­sik für die eng­li­sche Köni­gin, und Antho­ny Per­kins, in die Pries­ter­kut­te geklei­det, trau­te das Paar. Per­kins hat­te sich mit sei­ner Evan­ge­lis­ten­rol­le in ‚Cri­mes of Pas­si­on‘ näm­lich so sehr iden­ti­fi­ziert, dass er sich – noch vor Dreh­schluss – von einer kali­for­ni­schen Sek­te zum Pries­ter wei­hen ließ.

Ken Rus­sell summt fried­lich vor sich hin. Von dem Cabbie, der uns nun im Her­zen Edin­burghs, an der Ecke Prin­ces‘ und Lothi­an Street absetzt, ver­ab­schie­det er sich beson­ders höf­lich. Sei­ne plötz­li­che Sanft­heit und Mil­de über­rascht mich, sie steht so gänz­lich im Wider­spruch zu Rus­sells unwir­scher, zyni­scher Lau­ne die­ses Vor­mit­tags: im Rah­men des Edin­burg­her Film­fes­ti­vals war ‚Cri­mes of Pas­si­on‘ gezeigt wor­den – nach­dem der Vor­hang fiel, stell­te sich der im eige­nen Land beson­ders unbe­lieb­te Regis­seur den Fra­gen des Publi­kums. Gab miss­mu­tig Ant­wort, sei­ne Züge spie­gel­ten gelang­weil­te Men­schen­ver­ach­tung wider. „Genug jetzt – las­sen wir das!“, so reagier­te er auf kri­ti­sche Fra­gen, woll­te die Dis­kus­si­on bereits nach weni­gen Minu­ten abbre­chen.

Wir suchen, unter dich­tem Laub­werk, auf einem klei­nen Fried­hof, nach dem Grab Tho­mas De Quin­ceys, des Autors der ‚Con­fes­si­ons Of An Eng­lish Opi­um Eater‘. De Quin­cey, ein Freund der Dich­ter Words­worth und Coler­idge, leb­te vor ein­hun­dert­fünf­zig Jah­ren im nahe­ge­le­ge­nen Lake-Dis­trict, in jener Land­schaft Nord­eng­lands, in der Ken Rus­sell heu­te zuhau­se ist. Die Baum­kro­nen bil­den uns ein dunk­les Dach, wel­ches den Nie­sel­re­gen auf­fängt – nach lan­ger Suche fin­den wir zu des Opi­um-Essers Begräb­nis­stät­te, und Rus­sell offe­riert dem Toten, mit tie­fer Ver­beu­gung, einen Strauß ver­welk­ter Blu­men, gefled­dert vom Grab­stein des Nach­barn. Tän­zelnd bewegt er sich dann wei­ter, von Fried­hofs­rei­he zu Fried­hofs­rei­he.

Er lehnt am ver­ros­te­ten Git­ter eines Mau­so­le­ums, ruht sich ein wenig aus. „Die Kir­che von Eng­land, der Pro­tes­tan­tis­mus eng­li­scher Prä­gung“, sagt Rus­sell, „ist hohl, bedeu­tungs­los; von Hen­ry VIII. gegrün­det, die­sem Erz­gau­ner, kein Wun­der, dass sie lächer­lich und unglaub­wür­dig bleibt. Ihr fehlt jeder Fun­ke Got­tes – und ihre Klös­ter und Abtei­en blei­ben leer und ver­stau­ben immer mehr…“ Als jun­ger Mann kon­ver­tier­te Rus­sell zum Katho­li­zis­mus, nur in der römi­schen Aus­le­gung des Evan­ge­li­ums glaub­te der 1927 in Sout­hamp­ton gebo­re­ne Sohn eines Schuh­ge­schäft­in­ha­bers, sei das See­len­heil zu fin­den. Ein Schritt, die­se Kon­ver­si­on, der im Lauf sei­nes Lebens an Bedeu­tung ver­lie­ren soll­te, der aber für die­sen Mann kon­stan­ter Wand­lun­gen bezeich­nend ist. „In Cum­bria, in jenem Seen­ge­biet, in dem ich lebe, in die­ser ganz ver­zau­ber­ten Land­schaft, habe ich mich vom Katho­li­zis­mus doch nach und nach wie­der abge­wandt – dort bin ich zum Pan­the­is­ten gewor­den…“

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Abrei­se aus Edin­burgh, nach Kes­wick im Lake-Dis­trict. Ken Rus­sell sitzt im ers­ten Wag­gon des Zuges, allein in sei­nem Abteil. Außer einer klei­nen Kof­fer­ta­sche hat er nur einen Plas­tik­sack mit Schall­plat­ten bei sich, von jeder Rei­se bringt er klas­si­sche Kon­zert- und Opern­auf­nah­men mit nach Hau­se, sam­melt von sei­nen liebs­ten Stü­cken jeweils die unter­schied­lichs­ten Inter­pre­ta­tio­nen.
Er brei­tet sich aus, in sei­nem Cou­pé, arbei­tet an der Dreh­buch­fas­sung der Novel­le ‚St Mawr‘ von D. H. Law­rence, noch heu­er soll die­se Geschich­te, von einem Hengst, dem der Gott Pan inne­wohnt, ver­filmt wer­den, mit Glen­da Jack­son, Rus­sells Lieb­lings­schau­spie­le­rin, in einer der Haupt­rol­len.1 Die Adap­ti­on eines ande­ren Law­rence-Werks begrün­de­te den Welt­ruhm des Regis­seurs: ‚Women in Love‘ erober­te im Jahr 1969 die Licht­spiel­häu­ser – auch damals war Mrs. Jack­son eine der Prot­ago­nis­tin­nen.
Auf hal­ber Stre­cke, am Ran­de einer gro­ßen Schaf­farm, bricht unse­re Loko­mo­ti­ve zusam­men; aus Car­l­is­le muss Ersatz her­bei­ge­schafft wer­den. Rus­sell ist äußerst glück­lich über die­se zwei Stun­den gewon­ne­ner Zeit, in der Eisen­bahn schreibt er beson­ders ger­ne, kann sich hier weit bes­ser kon­zen­trie­ren, als an jedem ande­ren Ort.

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„Sehen sie dort, die­se klei­ne Insel?! Dort haben wir Gus­tav Mahlers Holz­hüt­te auf­ge­baut, in der er sei­ne Sechs­te Sin­fo­nie kom­po­niert hat! “,2 erzählt Rus­sell, wir wan­dern durch hohen Schlamm und nas­se Wie­sen, klet­tern über rut­schi­ge Fels­vor­sprün­ge. Tief unter uns der See Der­w­ent­wa­ter, und die schö­ne Ort­schaft Kes­wick, rund­um die sanf­ten Kup­pen der Cum­bri­an Moun­ta­ins. „Vie­le Sze­nen aus mei­nen Fil­men habe ich hier und in der nähe­ren Umge­bung gedreht – ich kam Mit­te der Sech­zi­ger Jah­re zum ers­ten Mal hier­her, für mei­nen BBC-Film über den prä­rapha­e­li­ti­schen Maler Dan­te Gabri­el Ros­set­ti. Er hat auf einem die­ser Ber­ge, so erzäh­len die Bio­gra­fen, sei­ne Gelieb­te mit Gin­fla­schen bewor­fen, ich woll­te mir natür­lich anse­hen, wo sich das abge­spielt hat…Spät Nachts kam ich damals in mei­nem Hotel an, in der Fins­ter­nis war nichts zu erken­nen. Als ich dann aber am nächs­ten Mor­gen die Fens­ter­lä­den öff­ne­te, da erst erkann­te ich die gan­ze Pracht die­ser Ber­ge, die­ser Land­schaft. Das war wie ein Schock!“

Sogleich stand sein Plan fest, hier­her, in die regen­reichs­te Gegend Eng­lands zu über­sie­deln, und bald hat­te er auch schon ein klei­nes Haus gefun­den, das er wenig spä­ter kauf­te. „Aber Shir­ley, mei­ne ers­te Frau – wir haben fünf Kin­der mit­ein­an­der – woll­te nicht in die­se Ein­sam­keit zie­hen. ‚God’s crea­ti­on mani­fest‘, so bezeich­ne­te der Dich­ter Coler­idge einst die­sen Land­strich; ich war frü­her nie­mals auf einen Berg gestie­gen, alles rund um Sout­hamp­ton im Coun­ty Hamp­shire, wo ich her­kom­me, ist voll­kom­men flach! Inzwi­schen ken­ne ich hier jeden Gip­fel, jede Kup­pe, nahe­zu jede klei­ne Erhe­bung.“

Der Lake-Dis­trict ist ein Ort, an dem Rus­sell zu sich selbst zurück­fin­den kann – nach mona­te­lan­ger Arbeit in Hol­ly­wood etwa, nach Mona­ten des lär­men­den Cha­os einer Stu­dio­pro­duk­ti­on. Rus­sell erin­nert sich an die Dreh­ar­bei­ten zu ‚Alte­red Sta­tes‘, einem Film, der im Jahr 1980 ent­stand und die Geschich­te der Affe-Wer­dung eines Evo­lu­ti­ons­for­schers erzähl­te. „Ich woll­te nach die­sem Erleb­nis nie wie­der einen Film machen, ich schwor mir das!“, sagt Rus­sell, außer Atem, wäh­rend wir steil berg­auf klet­tern, von immer höhe­rer War­te aus ins Umland sehen. „Die Strei­tig­kei­ten mit Pad­dy Chayef­sky3, dem Autor des Films, waren so scheuß­lich, dass ich schließ­lich dar­auf bestehen muss­te, dass Pad­dy, der doch in Hol­ly­wood immer das Sagen gehabt hat­te, vom Set ver­bannt wer­de. Er zog sich, nach lan­gen Kämp­fen, tat­säch­lich nach New York zurück. Kur­ze Zeit spä­ter – wohl nicht zuletzt unse­rer Kon­flik­te wegen – ist Pad­dy vor Gram gestor­ben.“

Wir errei­chen eine Stel­le des Fal­con-Craig-Bergs, zu der Ken Rus­sell oft zurück­kehrt: ein Baum­stamm wuchs hier hori­zon­tal in das Gestein eines Fels­blocks hin­ein und spal­te­te ihn. Holz­stamm und Fels­stein hal­ten ein­an­der nun am Rand des Abhangs fest, „wie in einer lei­den­schaft­li­chen Lie­bes­be­zie­hung“, sagt Rus­sell, „wäh­rend sich der Eine mit aller Kraft an den Ande­ren fest­klam­mert, zer­stö­ren sie ein­an­der. Und erhal­ten ein­an­der aber zugleich auch am Leben! Und lang­sam, lang­sam wer­den sie ein­an­der ver­nich­tet haben…“

Wei­ter über Stock und Stein: An einem Was­ser­fall, den er beson­ders liebt, summt Mr. Rus­sell eine Opern­arie. Das Rau­schen ver­schluckt die Melo­die, ver­schluckt aber in der Fol­ge auch die lei­sen Wor­te, die er an mich rich­tet, ich ver­ste­he nur Bruch­stü­cke. Auch nahe Sout­hamp­ton besit­ze er, in der Land­schaft sei­ner Kind­heit, ein Haus. Auf gro­ßer Wie­se wei­den dort die Pfer­de. Oft sit­ze er vor sei­nem Cot­ta­ge und höre lau­te Musik – mit sei­nem Walk­man. Oder mein­te er: hin­ter ihm, im Wohn­sa­lon, spie­le der Plat­ten­spie­ler eine Opern­arie, ein Kon­zert, und die Musik wer­de in die Land­schaft hin­aus­po­saunt?

Musik und Natur, die­se bei­den Pole bil­den den lebens­not­wen­di­gen Aus­gleich zu den Zwangs­vor­stel­lun­gen und sug­ges­ti­ven Mäch­ten, die Ken Rus­sells Phan­ta­sie bedrän­gen. Das Bild aber, das ich mir vor unse­rer Begeg­nung von die­sem Insze­na­tor grell-orgi­as­ti­scher, komisch-vul­gä­rer Cine­ma­wer­ke mach­te, war grund­falsch. Ich war auf einen exal­tiert-stör­ri­schen Dik­ta­tor gefasst und begeg­ne nun einem stil­len, sehr sanf­ten Mann, der sei­nen Pla­ne­ten mit schel­mi­schen Buben­au­gen neu­gie­rig-kon­zen­triert betrach­tet. Ein Eulen­spie­gel ist er den­noch. Als ich ihn vor Mona­ten erst­mals um ein Gespräch bat, er insze­nier­te damals an der Wie­ner Staats­oper Charles Goun­ods Oper ‚Faust‘, lau­te­te sei­ne freund­li­che Ant­wort: „Ich dre­he bald in Eng­land einen Film – rufen sie ein­fach bei ‚News of the World‘ an, in Lon­don, die wer­den ihnen genau­es­tens Bescheid geben.“ In der Annah­me, hin­ter die­sem Namen ver­ber­ge sich Rus­sells Agen­tur, rief ich prompt bei ‚News of the World‘ an. Und wur­de von einer schril­len Mäd­chen­stim­me aus­ge­lacht: die ‚News‘, eine Wochen­zei­tung, ist Groß­bri­tan­ni­ens ver­pön­tes­tes Revol­ver­blatt.

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Vor der Ein­gangs­tür zu sei­nem schlich­ten Haus in Bor­row­da­le, nahe Kes­wick, bleibt Ken Rus­sell eine hal­be Minu­te lang schwei­gend und unbe­weg­lich ste­hen. Medi­tiert er? Ist dies ein mir unbe­kann­ter Drui­den­brauch? „Ich weiß nicht, was ich tun soll“, sagt er dann, den gro­ßen Kopf leicht nach vor­ne geneigt, „unse­re Schu­he sind doch voll von Schlamm?! Vivi­en, mei­ne Frau, wird wütend sein, wenn wir ihr die­sen Schmutz in die Küche tra­gen.“ Der Gast­ge­ber spielt bereits sicht­lich mit dem Gedan­ken, umzu­keh­ren, doch plötz­lich lau­tet sei­ne Regie­an­wei­sung: Schu­he und nas­se Strümp­fe vor der Haus­tür aus­zu­zie­hen, die Küche bar­fuß zu betre­ten.

Rus­sell bie­tet eis­ge­kühl­ten Cham­pa­gner an. Als Bub sei er sehr still und sehr schüch­tern gewe­sen, erzählt er, dar­an habe sich auch kaum etwas geän­dert, als man ihn, noch kurz vor Kriegs­en­de, in die Roy­al Navy ein­ge­zo­gen habe. Nach der Ent­las­sung aus dem Mili­tär woll­te er sei­nen Jugend­traum ver­wirk­li­chen: Fil­me zu machen. „Ich lief zu allen Stu­di­os und bet­tel­te: gebt mir eine Chan­ce, bit­te, lasst mich für euch arbei­ten! Aber in mei­ner Scheu konn­te ich das nicht über­zeu­gend genug vor­brin­gen, kei­ner nahm mich ernst. Nichts geschah. Ich war des­il­lu­sio­niert. Ich such­te nach Mög­lich­kei­ten, wenigs­tens auf Umwe­gen doch noch zum Film zu kom­men. Wur­de zunächst Tän­zer, spä­ter Schau­spie­ler, schließ­lich Foto­graf. Und mach­te Mit­te der Fünf­zi­ger Jah­re, auf eige­ne Faust, mei­ne ers­ten Ama­teur­fil­me; führ­te die dann den Leu­ten bei der BBC vor.“

Zwölf Jah­re nach sei­nem Ver­such, bei den gro­ßen Stu­di­os Auf­nah­me zu fin­den, stell­te ihn Eng­lands Fern­seh­ge­sell­schaft ein: „Das Selt­sa­me war, dass die BBC in der Zwi­schen­zeit bei­na­he all jene Stu­di­os auf­ge­kauft hat­te, bei denen ich damals abge­blitzt war. Man­che exis­tier­ten auch gar nicht mehr. Und aus­ge­rech­net dort fing mein Arbei­ten also an. Das befrie­dig­te mich, das muss ich zuge­ben.“

Zahl­rei­che Doku­men­tar­fil­me, Semi-Doku­men­ta­tio­nen und ers­te Spiel­fil­me ent­stan­den im Lauf der nächs­ten Jah­re, für größ­tes Auf­se­hen sorg­ten Rus­sells ers­te Kom­po­nis­ten­bio­gra­fien. Sei­ne Devi­se, dass Kunst und bad tas­te, schlech­ter Geschmack, unbe­dingt sia­me­si­sche Zwil­lin­ge sei­en, wur­de schon damals zu sei­nem Mar­ken­zei­chen. „Heu­te gibt es ja für jun­ge Cine­as­ten, die den Ein­stieg in die Film­bran­che suchen und Gewag­tes aus­pro­bie­ren wol­len, einen recht ein­fa­chen Weg, ver­gli­chen mit mei­nen Anfän­gen: es gibt die Video­clips4.“ Rus­sell selbst hat erst jüngst sol­che Clips für Inter­pre­ten wie Cliff Richard und Elton John insze­niert, grün­de­te über­dies vor kur­zem eine eige­ne Pro­duk­ti­ons­fir­ma für Musik­vi­de­os. Er gilt als Vater die­ses Gen­res, sei­ner in den Sieb­zi­ger Jah­ren ent­stan­de­nen Ver­fil­mung der Rock­oper ‚Tom­my‘ von The Who wegen.

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„Ich neh­me mir Kri­ti­ken nie zu Her­zen“, behaup­tet Rus­sell, er sitzt am Steu­er sei­nes Sta­ti­on-Wagons, unter­wegs zu einem Hei­lig­tum der Mega­lith-Kul­tur, das er mir zei­gen möch­te, unweit von sei­nem Haus. „Wenn man mit einem Pro­jekt ein gan­zes Jahr lang zusam­men­ge­lebt hat, bis in den Schlaf hin­ein, und dann erzählt einem irgend­ei­ner, der sich höchs­tens ein paar Stun­den damit aus­ein­an­der­ge­setzt hat, was er davon hält, dann kann ich das wirk­lich nicht ernst neh­men. Über­dies weiß man ja selbst sehr genau, ob einem eine Sache nun gelun­gen sei, oder nicht. Ich weiß zum Bei­spiel: ‚Valen­ti­no‘, mein Bio­pic über den Stumm­film­star, ist mit Sicher­heit der schlech­tes­te Film, den ich je gemacht habe!“

Der Cast­le­rigg Stone Cir­cle, ein gro­ßer Kreis von Menhi­ren, befin­det sich auf einem Hoch­pla­teau – nach allen Sei­ten reicht hier der Blick, weit über das Hügel­land hin­weg. Kei­ne Spur von Bun­ga­low-Row­dy­tum ist hier zu erken­nen, außer­halb der Ort­schafts­gren­zen herrscht strik­testes Bau­ver­bot. Über das Land sehend, mit einem Blick, als sei dies alles sein Eigen­tum, sagt Rus­sell: „Das Fil­me­ma­chen bringt die größ­ten Ent­täu­schun­gen mit sich, immer und immer wie­der…“ Er schmiegt sich an einen der Menhi­re des Stein­zir­kels an, vor drei­ein­halb Tau­send Jah­ren hier errich­tet, sein wei­ßes Haar flat­tert im Wind. Und zum ers­ten Mal sehe ich Rus­sell nun erschöpft. Er wirkt trau­rig, als er zahl­rei­che sei­ner Film­pro­jek­te erwähnt, die, zumin­dest vor­erst, geschei­tert sei­en: „Für mein Gershwin-Pro­jekt war das Geld nicht und nicht auf­zu­trei­ben. Oder ‚Evi­ta‘5: ich war an die­sem Stoff sehr inter­es­siert, bloß mit der Haupt­dar­stel­le­rin, die mir die Pro­du­zen­ten vor­schlu­gen, war ich nicht ein­ver­stan­den, also platz­te die gan­ze Sache. Eben­so ein Film über Beet­ho­ven – ich hat­te da eine Theo­rie, wen er mit sei­nem Lie­der­zy­klus ‚An die fer­ne Gelieb­te‘ gemeint hat, aber die Finan­zie­rung kam nicht zustan­de. Einen Film über die Cal­las woll­te ich machen, mit Sophia Loren, doch die Plat­ten­fir­ma, die die Rech­te an ihrer Stim­me besitzt, ging auf unser Pro­jekt nicht ein. Und so geht es wei­ter. Auch aus ‚Cleo­pa­tra‘ wird vor­läu­fig nichts. Das Dreh­buch schrieb ich mit mei­ner Frau zusam­men, wir woll­ten end­lich ein­mal eine lus­ti­ge Cleo­pa­tra auf die Lein­wand brin­gen. Eine mit Humor und Frech­heit. Wir woll­ten fort­kom­men von dem Bild der heh­ren, tod­erns­ten Köni­gin. Hät­te sie denn, ohne komisch zu sein, sowohl Cae­sar, als auch Mark Anto­ni­us so wun­der­bar becir­cen kön­nen? Nun, gut, ich will nicht wei­ter jam­mern…“

Eine Schaf­her­de grast in unse­rer Nähe. An jedem Tag, den er hier ver­brin­ge, betont Ken Rus­sell, begeis­tern ihn die sanf­ten Kup­pen­for­men der Ber­ge von Neu­em. Sie sei­en bis ins Mit­tel­al­ter bewal­det gewe­sen, nach­dem man anfing, sie abzu­hol­zen, sei der Baum­be­stand nie wie­der nach­ge­wach­sen. „Aber mir gefällt das sehr: sozu­sa­gen das Ske­lett der Ber­ge erken­nen zu kön­nen. Damals, 1980, als ich beschloss, nie­mals wie­der einen Film zu dre­hen, ent­stand schon wenig spä­ter mei­ne Doku­men­ta­ti­on über den Lakeland-Dich­ter Words­worth und sei­nen Freund Tho­mas Har­dy. Da wuss­te ich: zur Wie­der­her­stel­lung mei­nes see­li­schen Gleich­ge­wichts brau­che ich, vor allem ande­ren, die­se Land­schaft hier. Und, natür­lich: die Dich­tung des Wil­liam Words­worth…“

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1) Der Film wur­de nie gedreht. Statt­des­sen ver­film­te Rus­sell 1989 einen ande­ren Roman von D.H. Law­rence, ‚The Rain­bow‘.
2) Ken Rus­sells berühm­ter Bio­pic ‚Mahler‘ kam im Jahr 1974 in die Kinos.
3) Sie­he: https://de.wikipedia.org/wiki/Paddy_Chayefsky
4) Musik­vi­de­os kamen ab Beginn der 1980er Jah­re immer mehr in Mode, vor allem der Fern­seh­sen­der MTV strahl­te sie aus.
5) Der Film ‚Evi­ta‘, für den Rus­sell ursprüng­lich als Regis­seur vor­ge­se­hen war, kam schließ­lich 1996 in der Regie von Alan Par­ker in die Kinos.

 

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Peter Ste­phan Jungk wur­de 1952 in San­ta Moni­ca, Kali­for­ni­en gebo­ren. Er wuchs in Wien, Ber­lin und Salz­burg auf. Jungk ist Roman- und Sach­buch­au­tor, Regis­seur von Doku­men­tar­fil­men, Über­set­zer und Essay­ist. Zu sei­nen bekann­tes­ten Wer­ken zäh­len die Roma­ne Tigor, Die Rei­se über den Hud­son, Der König von Ame­ri­ka, sowie die Bio­gra­fien Franz Wer­fel, Eine Lebens­ge­schich­te und Die Dun­kel­kam­mern der Edith Tudor-Hart. Zuletzt erschien Markt­ge­flüs­ter, eine ver­bor­ge­ne Hei­mat in Paris. Sie­he auch: www.peterstephanjungk.com

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Hier und Heu­te. 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. 100 Wochen lang, jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 26. August 2022

Zuletzt geän­dert: 26. Aug. 2022